Lichte Spuren

Dora Rappard

 

 

Inhalt

Vorbemerkung. 2

Lichte Spuren zum Eingang. 3

Großeltern Gobat 5

Großeltern Zeller. 9

Vater. 15

Mutter. 24

Aus frühester Jugend.. 31

Ein gesegneter Kreis. 36

Eine Magd des Herrn.. 40

Hirten und Lehrer. 47

Ein süßer Geruch Christi 55

Allerlei Gäste. 59

Ein Jahr in England.. 64

Ein schlichtes Werkzeug. 71

Lichte Spuren im Lande der Bibel 75

Das Kirchlein auf dem Berge. 82

Wenn Gottes Winde wehen.. 89

Sonntag. 96

Freundesworte. 101

Die lichteste Spur. 110

Du aber bleibest 115

 

Vorbemerkung

Das Manuskript zu vorliegenden Blättern war eben in die Hände des Herrn Verlegers gelangt, als der gewaltige Ruf: „Krieg!“ durch die Lande erscholl und alle anderen Gedanken in den Hintergrund bannte. Auch unser Manuskript wurde auf die Seite gelegt und sollte in der Stahlkammer des Verlagshauses aufbewahrt werden, bis der Sturm vorübergezogen wäre.

Nun aber ist gerade in dieser Zeit mancherorts das Verlangen laut geworden nach Büchern, die sich zum Vorlesen in Arbeitsvereinen oder an Krankenbetten eignen würden, und Freunde, die den Inhalt dieser Blätter kannten, rieten warm zur Veröffentlichung. Das machte den Verlegern Mut, trotz der schweren Zeiten den Druck zu wagen, in der Hoffnung, dadurch ein wenig Freude und Segen ausstreuen zu helfen.

Der Inhalt des Buches scheint zwar wenig zu passen zu der großen Zeit, in der wir leben. Es erzählt von kleinen, einfachen, meist verborgenen Dingen. Aber vielleicht können gerade solche schlichten Züge dem Gemüte wohltun, das durch die ständige Spannung und Erwartung großer Ereignisse beunruhigt und leidend ist.

Ein Reisender sah unlängst auf einem der großen verlassenen Schlachtfelder Frankreichs, mitten unter frischen Grabhügeln und zerstampften Feldern, einige einsam blühende Herbstzeitlosen. Sie kamen ihm so lieblich vor, daß er sie mitnahm und den Seinen zusandte. Vielleicht findet der Leser in nachstehenden einfachen Erzählungen auch solch ein Blümchen, das ihn erquickt und ihm Glauben, Liebe und Hoffnung stärkt.

Der internationale Zug. der in manchen Abschnitten zutage tritt, wird jetzt, da die Völker so schroff einander gegenüberstehen, manchem Leser nicht gefallen. Aber er gehört mit zu der Lebensführung der Verfasserin und muß darin stehen bleiben. Gott gebe, daß bald die Kinder Gottes aller Länder sich wieder einigen werden in der Liebe dessen, der uns geliebt hat, da wir noch Feinde waren. Sein Reich ist nicht von dieser Welt. Er ist übernational. Und bei aller glühenden Liebe für das irdische Vaterland und trotz tiefer Empfindung dessen, was ungerecht und böse ist, weist doch der Erlöste, der ein Tempel des Heiligen Geistes geworden ist, alles ab, was Haß und Rachsucht heißt. Der Herr ist unser Richter; der Herr ist unser Meister; der Herr ist unser König: er hilft uns.

So möge denn dies schlichte Buch einen Hauch des Friedens bringen in die Kreise derer, die es lesen, und ihre Herzen emporziehen zu dem Einen, der unser Friede ist.

St. Chrischona bei Basel, im November 1914.

Zum sechstenmal zieht dies gesegnete Buch aus. Die es einst geschrieben, weilt nicht mehr auf Erden. Unsere teure Mutter ist am 10. Oktober 1923 selig heimgegangen zu dem Gott ihrer Väter und hat wie jene eine lichte Spur hinterlassen. Nun redet sie noch, wiewohl sie gestorben ist, und des Herrn Segen wird auch auf dieser neuen Ausgabe ruhen.

St. Chrischona, im Oktober 1927.

 

Lichte Spuren zum Eingang

„Erzählen, erzählen! Bitte erzählen!“ Leuchtende Augen sind auf mich gerichtet, und helle Kinderstimmen rufen es mir zu. — „Was soll ich denn erzählen?“ — „Aus deinem Leben,“ ertönt die Antwort, „etwas, das du selbst gesehen und gehört hast, etwas, das ganz wahr ist.“

Nicht die lieben Enkel allein sind es, die also mahnen. Es haben schon viele andere, Kinder und Freunde, mich gebeten, Erinnerungen aus meinem Leben aufzuzeichnen. Und wenn ich zurückdenke an all die Wunderwege, auf denen mich mein Gott geführt hat durch ein langes, viel bewegtes Leben, in verschiedenen Ländern und unter mancherlei Leuten und Verhältnissen, so klingt es wohl auch in meinem eigenen Gemüt wie eine leise Aufforderung: Sammle die übrigen Brocken von den vielen Wohltaten deines Gottes! Was gilt’s, du kannst mehr denn zwölf Körbe damit füllen, und da und dort mag ein Hungriger sich daran laben, und Gott kann dadurch gepriesen werden.

Doch nicht meine eigenen Erlebnisse möchte ich in den Vordergrund stellen, soviel Interessantes es zu erzählen gäbe. Auch innere Erfahrungen und Erziehungswege meines Gottes möchte ich nur andeutungsweise berühren. Ich liebe das Wort so sehr: Das Geheimnis des Herrn ist bei denen, die ihn fürchten, und seinen Bund läßt er sie wissen (Psalm 25, 4). Es kann alles zusammengefaßt werden in das eine Bekenntnis: Mir ist Erbarmung widerfahren.

Wenn ich mich dennoch anschicke, etliche Erinnerungen aus meinem Leben niederzuschreiben und zu veröffentlichen, so geschieht es, weil ich in Herz und Gedächtnis und auch unter meinen Papieren manche Schätze aufbewahrt habe, die ich gerne zunächst für meine Kinder und näheren Freunde, aber auch für alle, die an Gottes stillem verborgenen Walten eine Freude haben, nutzbar machen möchte.

Die Erinnerungen gruppieren sich um die Gestalten, die durch Gottes gnädige Führung mein Leben zu dem gemacht haben, was es geworden ist. Ich habe in meiner allernächsten Nähe viele edle Führer und gesegnete Vorbilder gehabt. Sie haben lichte Spuren hinterlassen: denn sie waren Kinder des Lichts. Nachfolger waren sie des großen Herrn, der herabgestiegen ist zu uns aus seiner Herrlichkeit und hienieden gewandelt hat in Armut und Selbstverleugnung, durch Versuchung und Leiden. Er hat die Welt überwunden und hat uns Fußtapfen hinterlassen, daß wir darinnen wandeln sollen. Ja, er hat noch viel mehr an uns getan. Er hat uns durch seinen Tod das Leben gebracht und durch das Blut des ewigen Bundes uns hineingezogen in die Gemeinschaft mit Gott. Er lebt, und wir leben durch ihn. Er lebt für uns in der Herrlichkeit und in uns durch seinen Heiligen Geist. Er greift ein in unser irdisches Leben und leitet uns mit seiner Augen Licht.

Er geht voran
Und bricht uns Bahn
Und zeichnet alle Pfade
Mit Spuren seiner Gnade!

Daß ich diese lichten Spuren so zu fassen gesucht habe, wie sie sich gerade mir auf meinem Wege gezeigt haben, geschieht mit Rücksicht auf den Wunsch, daß dies Büchlein Erinnerungen aus meinem Leben bringen möchte.

Auch hoffe ich, daß dadurch die Gestalten der teuren Heimgegangenen sich um so lichtvoller und lebendiger dem Leser darstellen werden. Es sind freilich über manche Züge viele Jahre hingegangen, und die Zeit läßt mir Wohl manches in verklärtem Lichte erscheinen. Das möchte ich um der inneren Wahrhaftigkeit willen hervorheben: ebenso, daß ich die vorkommenden Gespräche gewissenhaft dem Sinne nach wiedergegeben habe, aber des genauen Wortlauts mich nicht immer erinnern konnte.

Man wolle mir nicht vorwerfen, daß ich in den Bildern, die mir vorschwebten, fast nur die Lichtseiten hervorhebe. Ich kann tatsächlich nicht anders. Gewiß waren die Männer und Frauen, von denen ich erzählen will, sündige und fehlbare Menschen wie wir. Aber davon kann ich nicht sprechen. Denn erstens weiß ich darüber allzuwenig, und zweitens ist solches alles getilgt durch die reiche Gnade dessen, dem sie im Leben und im Tod zu eigen angehörten und von dem es heißt: So wir im Lichte wandeln, wie er im Lichte ist. so haben wir Gemeinschaft untereinander, und das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, macht uns rein von allen Sünden. Sie gehörten mit zu der Schar jener begnadigten Seelen, denen es gegeben wird, sich anzutun mit reiner und weißer Leinwand und einzugehen mit dem Bräutigam durch die Tore der hochgebauten Stadt.

Zum Verständnis des Zusammenhangs in nachfolgenden Blättern ist es doch wohl nötig, kurz mitzuteilen, daß ich, als Tochter des nachmaligen evangelischen Bischofs Samuel Gobat, auf der Insel Malta geboren wurde und meine sonnige Jugendzeit in Jerusalem verbracht habe. Von dort aus durfte ich mehrmals längere Aufenthalte machen in der Schweiz, Deutschland und England, was für mein ganzes Leben eine Bereicherung und ein Segen war. Vom Jahre 1867 an, da Gottes Hand mich mit seinem Knechte, Carl Heinrich Rappard, verband, ist mein Lauf so mit dem seinigen verschmolzen gewesen, daß ich nur auf das in der Buchhandlung der Pilgermission zu Gießen erschienene Lebensbild C. H. Rappards zu verweisen brauche. Seit dem Heimgang des geliebten Mannes darf ich nach wie vor zu St. Chrischona, dem Orte, da ich mehr als vier Jahrzehnte lang an seiner Seite gelebt und gearbeitet habe, im Hause meiner Kinder, denen die Weiterführung des Werkes übertragen wurde, wohnen, dienen und — warten.

Es ist mir ein herzliches Anliegen, daß diese Blätter nicht nur einer flüchtigen Unterhaltung dienen möchten. Ich meine, das Leben und die Erfahrungen der Kinder Gottes seien, ebensowohl wie erbauliche Betrachtungen, geeignet, uns zu belehren, zu stärken und zu ermuntern. Darum habe ich nicht gezögert, namentlich zu Anfang des Buches einige Lebensskizzen mit ziemlicher Umständlichkeit zu zeichnen, auch auf die Gefahr hin, älteren Lesern schon Bekanntes darzubieten. Den jüngeren sollen die markigen, einfachen, glaubensstarken Gestalten unserer Väter lebendig vor die Seele gemalt werden. Der Kampf, der ihrer wartet, wird vielleicht noch heißer werden als zur Zeit der Alten. Da ist es gut, gerüstet zu sein mit den erprobten Waffen, die unser Herzog selbst seinen getreuen Streitern darbietet.

Während ich diese Zeilen schreibe, blicke ich hinaus in den lichtglühenden Westen. Wolken, golden, violett und rot, lagern sich um die scheidende Sonne. Wie ein schimmerndes Tor lassen sie durchblicken in den klaren, Hellen Abendhimmel.

Aus dem nahen Gebüsch erhebt sich ein großer Vogel und schwebt mit mächtigem Flügelschlag höher und höher dem Lichte zu. Vom dämmernden Tal tönt ein Glöcklein ernst und feierlich herauf zu der stillen Bergeshöhe . . . Nun erblaßt der wundervolle Glanz. Ein Sternlein funkelt hoch am Himmelsdom. Bald ist es Nacht auf Erden. Aber er, der unser Licht und unsere Sonne ist, bleibt unwandelbar derselbe, bei Tag und Nacht, in Freud’ und Schmerz, im Leben und im Tod.

Großeltern Gobat

Tief gebettet im romantischen Tal der Birs, an der Straße, die von Basel direkt in die Westschweiz führt, liegt am Fuße hoher, majestätischer Felsen die freundliche Ortschaft Moutier. Das Tal hat sich dort etwas geweitet, um sich bald darauf in enger Schlucht aufwärts zu winden, der Paßhöhe zu. In der Talsohle, zwischen den riesigen Felsmassen, ist meist nur Platz für den Fluß, die Straße und den Schienenstrang. An manchen Stellen hat letzterer überhaupt nicht Platz gefunden und mußte durch ungezählte kürzere oder längere Tunnels gelegt werden, bis endlich in großartigen Kurven die Bahn hinunterführt zu den blauen Wellen des Bieler Sees. Es ist ein Teil des Berner Jura, den wir hier vor uns haben. Trotz der schönen, saftigen Wiesen, die da und dort zwischen den dunkelbewaldeten Bergen liegen, ist der Eindruck, den die ganze Landschaft macht, ein ernster, stiller, wuchtiger. Er entspricht dem Charakter der Bewohner. Man merkt es ihnen an, daß sie in der großen Einsamkeit das Schweigen gelernt haben.

Von Moutier aus führt östlich ein liebliches Seitental dem schönen Berge Weißenstein zu. Ein munterer Bach plätschert den Pfad entlang. Uralte Arven beschatten ihn, und Vergißmeinnicht in Hülle und Fülle blühen an seinem Rande. Nach etwa einstündigem Marsch erblickt man das Kirchlein von Grandval, im Schatten mächtiger Linden. Unter diesen Linden hat der Reformator Farel einst die Botschaft von der Rechtfertigung durch den Glauben den ernsten Tal-bewohnern verkündigt, die so zahlreich herzuströmten, daß das Gotteshaus sie nicht zu fassen vermochte. Mehrere Filialdörfer gehören zu der Parochie; eines derselben ist Cremines.

Dort lebte zu Ende des 18. und zu Anfang des 19. Jahrhunderts ein gottesfürchtiges Ehepaar, David und Susanna Gobat, meine lieben Großeltern. Seit Jahrhunderten ist das Geschlecht der Gobats in jenem Dorf ansässig gewesen. Es hatte in vergangenen Zeiten eines gewissen Ansehens nicht ermangelt. Tüchtige Juristen, Lehrer und Mediziner waren daraus hervorgegangen. Dennoch war der Hauptstamm der Familie der Landwirtschaft treu geblieben. Auch David Gobat war von Herzen ein Landmann, der seinen Beruf hochhielt. Daneben machte er sich verdient um das damals sehr mangelhaft organisierte Unterrichtswesen in der Gemeinde, und seine milde und doch feste Art stempelte ihn zu einem der geschätztesten Bürger.

Es war eine ernste Zeit, in der David Gobat im Jahre 1794 seinen Hausstand gründete. Revolutionäre Ideen lagen in der Luft und hatten, von Frankreich kommend, auch die Schweiz ergriffen. Im heutigen Berner Jura, der damals zum Bistum Basel gehörte, gärte es gewaltig. Die Revolutionäre suchten die stillen Talbewohner gegen die Herrschaft des Fürstbischofs aufzuwiegeln. Im Jahre 1792 wurden etliche Männer, unter ihnen David Gobat, nach der Stadt Bern delegiert, um zur Wahrung ihrer Neutralität den Schutz der Herren zu erbitten. Sie fanden kein Verständnis. Man suchte sie zuerst durch Drohungen, dann durch Schmeicheleien für die Umsturzideen zu gewinnen. „Der Fürstbischof ist unermeßlich reich.“ sagte man ihnen. „Ist er vertrieben, so werden seine Güter unter seine Untertanen verteilt. Es kann euch nicht fehlen, wenn ihr euch zu uns tut.“ Diese Vorspiegelungen ließen die ehrlichen Männer kühl. „Wir sind noch nie gewohnt gewesen, so reich zu sein!“ erwiderten sie.

Im selben Jahre noch wurde der Fürstbischof vertrieben.

Das Ende der Kämpfe war, daß Frankreich dieses Stückchen Schweiz selbst annektierte und eine Reihe von Jahren unter seiner Oberherrschaft behielt, bis endlich, als die napoleonischen Stürme im Jahre 1815 glücklich überwunden waren, das Gebiet dem Kanton Bern bleibend einverleibt und fortan als Berner Jura bekannt wurde.

Durch all diese Umwälzungen hatte der Wohlstand der Familie Gobat sehr gelitten. Aber innerlich waren die frommen, gottesfürchtigen Eltern gefördert und befestigt worden. Nach dem Erdbeben, dem Feuer und dem Sturm der Revolution war ein sanftes, stilles Säuseln gekommen. Gottes Winde wehten durch die Lande, und auch die Juratäler bekamen Anteil an dem Segen. Herr Ami Bost, noch in jungen Jahren stehend, aber schon ein gewaltiger Verkündiger des Evangeliums, kam im Jahre 1816 als Pfarrgehilfe nach Moutier und brachte die zündende Fackel neuen Lebens mit.

Er predigte in Beweisung des Geistes und der Kraft und durfte viele Seelen für den Herrn gewinnen. Dürstende Herzen, die schon lange nach Gott gesucht hatten, lernten den Weg des Friedens kennen, den Weg, der über Golgatha geht.

Auch David und Susanna wurden reich gesegnet. Und doch fühlten sie, daß in ihrem Leben etwas nicht ganz in Ordnung war. Es waren in der bedrängten Zeit Schulden, viele Schulden gemacht worden. Das drückte ihre Seelen nieder. Sie vernahmen innerlich das Heilandswort: Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles (was zum irdischen Leben nötig ist) zufallen. Und jener apostolische Befehl drang mit Macht an ihr Ohr: Seid niemand nichts schuldig, denn daß ihr euch untereinander liebet. Im Gehorsam gegen dies Wort und im Glauben an Gottes Fürsorge beschlossen sie von ihren Ackern soviel zu verkaufen, bis sie den übrigen Teil völlig schuldenfrei besäßen. Sie mußten die Güter allerdings zu geringem Preise hergeben in jener schweren Zeit, aber der innere Friede, der ihnen zuteil wurde, war ein reichlicher Ersatz.

Von da an war es, als ob ein ganz neuer Segen auf dem Hause ruhe, auch auf den landwirtschaftlichen Unternehmungen. Gott machte seine Verheißung wahr. Der allergrößte Segen aber war der, daß in den zwei folgenden Jahren die vier Kinder, zwei Söhne und zwei Töchter, eine klare, freudige Bekehrung erlebten und nun mit den Eltern als eine „kleine, reine Hausgemeine“ Gott, ihrem Heiland, dienten.

Von zwei dieser Kinder. Samuel, meinem geliebten Vater, und Sophie, meiner ehrwürdigen Tante, wird in diesen Blättern noch eingehend die Rede sein. Aber auch David, der älteste Sohn, wurde ein gesegnetes Werkzeug in Gottes Hand. Als Lehrer und Versammlungshalter hat er viele Jahre hindurch in seiner Heimatgemeinde den Samen des Wortes ausgestreut und Segensfrüchte geerntet. Henriette, die jüngste Schwester, starb früh, als sie eben im Begriff war, sich dem Beruf als Krankenpflegerin zu widmen. Von ihr ist ein schönes Erlebnis im nächsten Familienkreise bekannt geworden und ist des Festhaltens wert.

Das schöne, blühende Mädchen mußte eines Tages einen Gang machen, der sie durch einen einsamen Wald führte. Da wurde sie von einer eleganten Kalesche eingeholt, aus der ein junger Herr stieg und sich ihr nahte. Er sprach viele schmeichelhafte Worte, ließ seinen Wagen weiterfahren und ging ein Weilchen neben ihr her. Dem armen Kinde wurde es bang zumut, und sie schaute sich um, wie sie entkommen könnte. Da fing der Fremde an, Worte der Liebe ihr zuzuflüstern. Schnell riß sich das Mädchen los und sagte mit gehobener Stimme: „Lassen Sie mich gehen: ich bin schon verlobt!“ — „Ei was?“ sagte der Fremde in höhnischem Ton, „und wer mag denn der Glückliche sein, der Sie gewonnen hat?“ — „Es ist mein Herr Jesus Christus,“ sagte Henriette; „er ist mein, und ich bin sein in Ewigkeit.“

Ohne ein weiteres Wort zu reden, schlich der Versucher davon. Das Herz der Jungfrau klopfte noch ungestüm wegen der ausgestandenen Angst, als sie das Elternhaus erreichte und der Mutter alles erzählte. Aber sie war gestärkt durch das Bewußtsein, daß ihr himmlischer Freund ihr sehr nahe war. Sie hatte die Erhörung des Gebets erfahren:

Schenke, Herr, auf meine Bitte
Mir ein göttliches Gemüte,
Einen königlichen Geist,
Mich als dir verlobt zu tragen,
Allem freudig abzusagen,
Was nur Welt und sündig heißt.

Doch wir kehren zu den Großeltern zurück. Von dem Vater rühmen die Kinder seine große Treue und sein Festhalten an Gottes Wort. Täglich hielt er eine Hausandacht, und auch im Hochsommer, wenn man früh morgens um vier Uhr aufs Feld gehen mußte, las er vorher mit den Seinen ein Gotteswort und beugte mit ihnen die Knie.

Es sind aber insonderheit von der glaubensstarken und reichbegabten Mutter des Hauses schöne Erinnerungen aufbewahrt worden. Wenn auch sie lichte Spuren in mein Leben hineingetragen hat, so ist es nicht unmittelbar geschehen; denn sie starb, ehe ich geboren wurde. Aber durch meinen Vater habe ich viel Köstliches über sie erfahren. Er sprach gern und viel von ihr, mit der besonders zarten Stimme, die starken Männern eignet, wenn sie von etwas reden, was sie tief berührt. So weiß ich, daß sie trotz der kostbaren Erfahrungen, die sie in der obenerwähnten Erweckungszeit gemacht hatte, noch lange etwas Ängstliches und Unsicheres in ihrem Herzen barg. Da wurde sie eines Tages zu einer kranken Frau gerufen, die nicht nur an körperlichen Schmerzen, sondern auch an seelischen Nöten litt. Mit dem Körbchen am Arm, in dem sie der Kranken leibliche Erfrischungen bringen wollte, schritt sie langsam dem Hause zu, innerlich überlegend, was sie der in Sündennot schmachtenden Seele sagen wollte. Worte der Heiligen Schrift, die von Gottes unendlicher Liebe und des Heilands unbegrenzter Gnade erzählen, fielen ihr mit besonderer Klarheit ein. Plötzlich fragte sie sich: „Ja, wenn das alles so ist, wie du es jetzt sagen willst, warum nimmst du es denn nicht gerade ebenso buchstäblich für dich?“ Ihre Hand war schon an dem Klopfer der Haustür, zu der sie eingehen wollte, als ihre Seele innerlich jauchzend rief: „Ja, Herr, das ist alles auch für mich. Ich glaube. Ich fasse dich. Du kannst nicht trügen!“

Da hat sie wahrhaftig getrunken von dem Wasser des Lebens, und ihr Dürsten wurde auf ewig gestillt.

Als ihr Sohn Samuel als Zögling in das Missionshaus zu Basel eingetreten war und etwa auch Besuche in anderen Städten, vornehmlich in Genf, machte, da begab es sich von selbst, daß seine Freunde ihn wieder besuchten, wenn er die Ferien im elterlichen Hause zubrachte. Es gab oft ganz wunderschöne Zusammenkünfte in der von außen so schmucklosen, innerlich aber wohnlichen und geräumigen Hütte. Studenten der Theologie aus Genf und Missionszöglinge aus Basel kamen da zusammen. Man machte Spaziergänge auf die schönen Berge Raimeux und Weißenstein oder besuchte zerstreut wohnende Geschwister. Abends betrachtete man gemeinsam das Wort Gottes; man sang, betete und tauschte Erfahrungen aus. Felix Naes, der später so reich gesegnete Evangelist und Pastor der Dauphiné in Frankreich, war auch einmal unter den Besuchern des Kreises in Crémines. Die Eltern Gobat nahmen an den Abendversammlungen teil und freuten sich all des neu erwachten geistlichen Lebens. Eines Abends war ein besonders anregendes Thema verhandelt worden, und die anwesenden Jünglinge wurden aufgefordert, ihre Bekehrungsgeschichte zu erzählen. Sie taten es meist in schlichter, herzlicher Weise. Einer aber sprach mit hinreißenden Worten und feurigen Gebärden und erzählte, wohl nicht ohne Selbstgefälligkeit, was er erlebt und erfahren habe. Als er schwieg, blieb alles still. Endlich sagte Mutter Gobat in ihrer ernsten, klaren Weise: „Das ist eine seltsame Bekehrungsgeschichte, wenn es überhaupt eine Bekehrung ist.“

Das Wort traf wie ein Pfeil. Der Jüngling nahm es schweigend hin und zog sich bald in seine Kammer zurück. Aber nicht um zu schlafen. Immer wieder hörte er das Wort: „Wenn es eine Bekehrung ist.“ Es war nicht leichthin oder lieblos gesprochen worden. Es trieb ihn ins Gebet. Es brachte ihn zu den Füßen des Herzenskündigers, und dahin kommt keiner vergebens. Der junge Student hat bald nachher der schlichten Frau von ganzem Herzen dafür gedankt, daß sie ihm geholfen, den Schleier eines eiteln, selbstbetrügerischen Wesens zu zerreißen und ihn zu dem getrieben, der an den Seinen gründliche Arbeit tut.

Für junge Leute hatte Susanna eine große, man möchte fast sagen, eine mitleidige Liebe, mitleidig nämlich, wenn sie merkte, daß sie ohne Gott und Führer durch das Leben gingen. So blieb sie einst stehen bei einer Gruppe junger Burschen ihres Dorfes, die vor einem Wirtshaus in wüster, ausgelassener Weise Kegel spielten. «Wer gewinnt, und wer verliert?“ fragte sie. Und auf erhaltene Antwort setzte sie hinzu: „Ach, ihr lieben Jungen, ich fürchte, wer gewinnt, der gewinnt die Hölle, und wer verliert, der verliert seine Seele.“ Welchen Eindruck diese Worte machten, weiß ich nicht. Aber es muß wohl einer der Zuhörer sie meinem Vater mitgeteilt haben, sonst hätte er sie nicht weitergeben können.

Die Anwesenheit ihres Sohnes in Basel brachte die Eltern auch in Berührung mit der Missionsgemeinde dort. Namentlich waren es die schönen Missionsfeste im Sommer, die sie anzogen. So oft sie sich immer losmachen konnten, gingen sie dahin und munterten auch andere auf, mitzukommen. Die Reise machte man natürlich zu Fuß, und die Schluchten des Birstales hallten wider von den Gesängen dieser Zionspilger. Es war damals Frühlingszeit in der Mission, und mit Begeisterung schlugen die Herzen für die heilige Sache. Lieb vor allen waren den Festgästen vom Jura die Morgenversammlungen, früh um sechs Uhr, in den dazu zur Verfügung gestellten Gärten. Da fühlte man so recht etwas von der Gemeinschaft der Heiligen und holte stille Weihe für die Stunden des ganzen Tages.

David und Susanna erlebten die große Freude, ihren Samuel im Jahre 1826 als Missionar nach Abessinien ziehen zu sehen, und durften bei seiner ersten Rückkehr, 1833, lobenden Herzens vernehmen, wie große Dinge Gott durch ihn dort getan hatte. Auch bei der zweiten Rückkehr, 1837, durfte er mit den Seinen nach all den großen, schweren Leiden, von denen in späteren Abschnitten noch die Rede sein wird, im heimatlichen Cré-mines mit den teuren Eltern vereint werden. Aber noch in demselben Jahre kam ein Abschied, auf den das Wiedersehen erst droben folgt bei dem Herrn. Die Mutter war’s, diese starke, priesterliche Seele, die abberufen wurde. „Alle ihre Freunde,“ so schreibt mein Vater, „hatten erwartet, daß sie triumphierend sterben würde. Aber das war nicht der Fall. Sie wurde von einer höchst schmerzlichen Krankheit, Miserere (Darmverschlingung) genannt, befallen. Sie trug die Schmerzen mit Geduld, sagte aber oft: »Ich kann an nichts denken und kann nichts fühlen als die fürchterlichen Schmerzen. Aber ich weiß, an wen ich geglaubt habe, und bin sicher geborgen in seiner Hand, bis er mich zu sich nimmt. „Beim Gedenken an meine Mutter,“ so fährt er fort, „kann ich mich nur freuen, daß Gott sie zu sich genommen hat aus einer Welt, die ihr schon lange fremd geworden war. Sie hatte in den letzten neunzehn Jahren ihren Wandel im Himmel gehabt und lebte in beinahe ununterbrochener Gemeinschaft mit ihrem Gott und Heiland.“

Von seinem Vater kann der Sohn bezeugen: „Er war stets sehr demütig und schweigsam gewesen und hielt andere für besser als sich selbst, hat auch selten von seinen Erfahrungen gesprochen. Aber in den zwölf Jahren, die er nach meiner Mutter Tod noch zu leben hatte, zeigte er solch warme Liebe, solche Glaubenstätigkeit und soviel Takt im Zeugnis für Christum, daß man sah, wie sein Herz jahrelang eine Fülle göttlicher Gnade aufgenommen hatte.“

Als neuernannter Bischof von Jerusalem eilte Samuel, 1846, noch einmal zu seinem hochbetagten Vater nach Crémines. Er kam unmittelbar von dem Schlosse Sanssouci, wo er als Gast Friedrich Wilhelms IV. von Preußen einige Tage geweilt hatte, und fühlte sich, wie er dem Vater fröhlich sagte, gerade ebenso Wohl auf der „Kunst“ (Ofenbank) der schlichten Jurahütte wie auf dem Sofa des königlichen Schlosses. Es muß schön gewesen sein, David Gobat mit seinen beiden Söhnen, drei hohe, mächtige Gestalten, zu sehen, wie sie über der Heiligen Schrift gebeugt beieinander saßen oder auf den Knien lagen im Gebet. Der vierte im Bunde war der Pfarrer von Grandval, H. Gagnebin. der mit Samuel in inniger Liebe verbunden war. „Wir erquickten uns in Gebet und Danksagung,“ schreibt mein Vater, „wodurch uns der Abschied nicht nur leicht, sondern freudig wurde in der seligen Hoffnung, uns mit meiner vorausgegangenen Mutter vor dem Throne Gottes wieder zusammen zu finden.“

Es war das letzte Beisammensein auf Erden. Im Dezember 1849 ging Vater Gobat ein in die Ruhe des Volkes Gottes.

Ich kann mir nicht versagen, den Wunsch zu äußern, daß doch auch heute noch in unsern Dörfern landauf, landab manche solcher Friedensstätten gesunden werden möchten, wo man in Einfalt und Wahrheit Gott dient und seines Kommens wartet!

Großeltern Zeller

Da, wo der Rheinstrom seine raschen Wellen zum Abschied aus seinem schönen Geburtsland, der Schweiz, den deutschen Gauen zutreibt, liegt, vier Stunden oberhalb Basel, das alte Schloß Beuggen. Einst der stolze Besitz des halb klösterlichen, halb kriegerischen Deutschritterordens, wurde es nach dessen Aufhebung im Jahre 1805 während der Befreiungskriege als Lazarett verwendet und war der Schauplatz unbeschreiblichen Elends und grauenhaften Sterbens. Verwüstung und Moder blieben zurück.

Aber die Liebe vermochte dieses Feld des Todes in einen Garten des Lebens umzuwandeln. Im Jahre 1820 wurde in diesen Räumen eine segensreiche Anstalt gegründet, die den doppelten Zweck hatte: christliche Volksschullehrer auszubilden und armen verwaisten oder verwahrlosten Kindern eine Heimat und sorgfältige Erziehung zu bieten. Der Mitbegründer und erste Inspektor dieser Anstalt war Christian Heinrich Zeller, mein teurer, verehrter Großvater. Im genannten Jahre zog er mit seiner lieben Gattin und fünf Kindern, von denen mein geliebtes Mütterlein das zweitälteste war, dort ein, und Beuggen wurde das Heim nicht nur der Großeltern und der ihnen anvertrauten Hausgemeinde, sondern auch der ganzen Schar von Zellerkindern und -enkeln, die dort ihren geistigen Mittelpunkt hatten und immer herzlichen Empfang und reichen Segen fanden.

Mein Großvater war von Geburt ein Württem-berger, im Jahre 1779, als Sohn des Hofrats Zeller, auf dem Schlosse Hohen-Entringen bei Tübingen geboren. Eine eingehende Biographie, von Professor H. Thiersch verfaßt, beschreibt sein tatenreiches und gesegnetes Leben. Auch von Mutter Zeller ist von ihrem Sohne Reinhard ein liebliches Lebensbild herausgegeben worden. Ich möchte daher hier nur die Hauptlinien ihrer Laufbahn zeichnen und einige Züge hervorheben, die, wie ich im Eingang sagte, mir Wegweiser zum Lichte geworden sind.

Dem väterlichen Willen folgend, hatte Christian Heinrich Jurisprudenz studiert und seine Examina absolviert. Allein sein ganzes Herz zog ihn zu der Kinderwelt. Er wollte Lehrer und Erzieher werden. Und der Herr, den er zwar nur unvollkommen kannte, aber in Aufrichtigkeit suchte, ebnete ihm dazu die Wege. Seltsamerweise lebte der gleiche Zug zur Pädagogik auch im Herzen seines älteren Bruders Karl August. Auch ihm wurde der Wunsch erfüllt. Für beide wurde eine Begegnung mit Pestalozzi von Bedeutung. Nach außen allerdings gingen die Wege der Brüder weit auseinander. Karl August wurde, nachdem er verschiedene Stellen bekleidet hatte, von der preußischen Regierung nach Königsberg berufen und war mehrere Jahre lang Erzieher des kleinen Prinzen Wilhelm, der hernachmals der große Kaiser Wilhelm I. geworden ist. Es existieren noch allerliebste Briefe, die der Prinz seinem lieben „Vater Zeller“ geschrieben hat. Die edle Königin Louise war dem Erzieher ihres Sohnes sehr gewogen.

Christian Heinrich kam in die Schweiz, zuerst als Hauslehrer in eine vornehme Familie von St. Gallen, dann nach Zofingen im Aargau, als Direktor der dortigen Schulen, und endlich nach Beuggen als Erzieher und Vater der Armen. Dort hat ihn sein Bruder Karl August, der preußische Schulrat, der inzwischen mit Ehren und Würden in die Württembergische Heimat zurückgekehrt war, nach vielen Jahren, 1838, zum erstenmal besucht. Er blieb nur einmal über Nacht. Die Brüder, die sich schon solange nicht gesehen hatten, redeten zusammen bis Mitternacht. Heinrich erzählte viel von seinen Erlebnissen und bezeugte seinen Glauben. Karl August wünschte alle Jahresberichte von Beuggen zu lesen vom Jahre 1820 an, und nahm sie mit in sein Schlafzimmer. Er fing an zu lesen und konnte nicht aufhören, bis er damit zu Ende war. Unterdessen war es Tag geworden. Bei der Morgenbegrüßung rief er seinem Bruder zu: „O Heinrich, du bist glücklicher als ich!“ (C. H. Zellers Leben S. 317.)

Ja, glücklich war man in Beuggen, das fühlten auch wir Enkelkinder, wenn wir zu Besuch dort weilten. Es war ein Glück, gepaart mit Zucht und Fleiß, Gottesfurcht und Liebe. Es ist köstlich, zu erfahren, wie Großvater zum Besitz solchen Glückes kam. Denn:

Es kann nichts Schön’res geben
Als Jesu Wundertat,
Wenn er ein neues Leben
Gewirkt durch seine Gnad’.

Als er, wie oben erwähnt, nach Zofingen kam, stand er im dreißigsten Lebensjahre. Im Rationalismus erzogen, war er der inneren Gemeinschaft mit Gott fern; aber in seinem Herzen wohnte ein tiefes Verlangen nach Wahrheit, Vollkommenheit und Frieden. Im hohen Alter schrieb er in Erinnerung an jene Zeit: „Ich kenne einen Menschen, der jetzt noch lebt, der mit solcher Sehnsucht die Wahrheit suchte, daß er betete: »Herr, laß mich die Wahrheit finden, oder ich kann nicht leben!«“

In Zofingen lernte ich seine Gattin, Sophie geb. Siegfried, kennen und gründete mit ihr seinen Hausstand. Sie war als Tochter des Pfarrers Siegmund Friedrich Siegfried in Innertkirchen am Fuß des Grimselgebirges geboren. Als zweijähriges Kind erfuhr sie eine seltsame Bewahrung. Sie spielte in buntem Kleidchen auf der Wiese vor dem einsam stehenden Pfarrhause, als man hoch in den Lüften einen mächtigen Lämmergeier bemerkte, der, seine Kreise immer enger ziehend, sich langsam der Erde näherte, um sich auf die erspähte holde Beute zu stürzen. Im rechten Augenblick ergriff der Pfarrherr seine Flinte, und mit sicherer Hand schoß er auf den gewaltigen Vogel, der sterbend neben das ahnungslose Kind zu Boden sank. Zur Erinnerung an diese gnädige Errettung ließ der glückliche Vater den Lämmergeier ausstopfen, der jetzt noch nach 120 Jahren in der Zellerschen Anstalt in Männedorf zu sehen ist.

Pfarrer Siegfried kam später in seine Heimat Zofingen zurück. Seine Tochter wurde zur Lehrerin ausgebildet und wirkte als solche mit Erfolg, auch noch mehrere Jahre nach ihrer Verheiratung mit dem Schuldirektor Zeller.

Von diesem heißt es in der Biographie: „Seine christliche Erkenntnis nahm hier von Jahr zu Jahr zu.“ Der Schlüssel zu dieser Tatsache ist in einer kurzen Tagebuchnotiz vom Juli 1810 zu finden, wo es heißt: „Entschluß, alle Tage in der Heiligen Schrift zu lesen.“ Zeller trat auch in Verkehr mit christlichen Männern aus verschiedenen Kreisen, so Spittler und Blumhardt in Basel, die damals eben an der Gründung der Evangelischen Missionsgesellschaft arbeiteten.

Tiefen Eindruck machte auf ihn, den gelehrten, zum Forschen angelegten Schuldirektor, die Bekanntschaft mit einem ganz einfachen Handwerker, einem Manne, der nicht einmal lesen und schreiben konnte, dem Schreinergesellen Immanuel Lüscher. Er hatte ihn als einen gewöhnlichen Weltmenschen gekannt und war Zeuge einer wunderbaren Veränderung, die mit ihm vorging. Verzweiflungsvolle Angst über seine Sünden hatte die Seele des bis dahin ganz Gleichgültigen ergriffen. In seiner Not wendete er sich an den Heiland und wurde in unmittelbarer Weise mit der Gewißheit der Vergebung so getröstet und erfreut, daß sein Mund von Loben und Danken überfloß. Zeller, in dessen Hause Lüscher Arbeiten seines Berufs zu verfertigen hatte, erstaunte über diese Umwandlung. Es entspann sich zwischen den beiden Männern ein vertraulicher Umgang: „O Manuel,“ sagte Zeller einst, „ich habe meine Erkenntnis nur aus Büchern; Ihr habt sie aus dem Geiste Gottes selbst.“

Das Morgenrot war angebrochen in der Seele des nach Gott Suchenden: bald sollte die Sonne selbst aufgehen und mit ihrer Klarheit alle Nebel vertreiben.

Im einundachtzigsten Lebensjahre schreibt Zeller über jene Stunde, Karfreitag 1818:

«Unbeschreiblich war der Eindruck, den der Hausvater (er selbst) bei dem Lesen der Karfreitagspredigt in seinem Herzen empfing, und als er schloß, bekam er eine solche Gewißheit der vollkommenen Versöhnung und Vergebung aller seiner Sünden, daß er aufstand, seine Hände mit freudigem Erstaunen zusammenschlug und in ein lautes Loben und Danken ausbrach.“ Seine Gattin wußte nicht, was mit ihm war, als er mehrmals mit Tränen ausrief: «Mein Herr und mein Gott, ist es möglich, ist es möglich?“ Was ihn damals besonders mächtig ergriff, war das Leiden Christi in Gethsemane. Er bekam einen erleuchteten Blick in das Geheimnis der Gottheit Christi und zugleich in das Geheimnis der Versöhnung.

Es ging in jener Stunde eine Lebenstat aus von Christus, der zur Rechten Gottes erhöht ist. Es gibt wunderbare Wirkungen des Herrn und seines Geistes auch zu dieser Zeit. Wer eine solche erlebt hat, dem ist sie sicherer als das eigene Dasein. (Zellers Leben S. 140, 141.)

Mit der neuen Lebensgnade, die Zeller zuteil geworden war, kam auch eine neue Ausgabe. Schon etliche Jahre zuvor war es ihm aufs Herz gefallen, daß etwas getan werden sollte zur Hebung des Unterrichts in den Volksschulen, besonders auf dem Lande. In einer denkwürdigen Unterredung, die er eines Tages mit Spittler auf der Pfalz des Münsters zu Basel pflog, waren die Freunde übereingekommen, es sei eine Anstalt zu gründen zur Ausbildung von Armen-Schul-lehrern, die um Jesu willen gern zu den Geringsten und Bedürftigsten gehen würden. Es wurden auch Schritte getan zur Verwirklichung dieses Planes.

Aber nun wurde die Frage noch ernster, noch persönlicher. Nun hieß es nicht mehr: Willst du etwas dafür tun? Willst du geben? Willst du helfen?, sondern: Willst du dich selbst dafür geben? Willst du selbst gehen? Er gewann Zuversicht zu einem freudigen: Ja. Er, der Freigemachte, war ein seliger leibeigener Knecht Jesu geworden. Nach außen schien es lauter Verlust, die gesicherte und geachtete Stellung in Zofingen zu vertauschen mit einem Leben in Armut und Selbstverleugnung. Aber das konnte ihn nicht zurückhalten. Auch die Sorge um seine Familie sollte ihn nicht binden. „Meine Witwenkasse ist das Himmelreich,“ schrieb er an Spittler.

So wurde denn die Anstalt in Beuggen eröffnet. «Nimm hin dies Kindlein und pflege mir’s; ich will dir’s lohnen!“ Dies stand nicht nur in schlichten Buchstaben über der Tür der großelterlichen Wohnung, sondern es war der Inbegriff und die Freude ihres Lebens.

Mit großer Dankbarkeit denke ich zurück an so manche in Beuggen verlebten Tage meiner Jugend. Das alte Schloß mit seinen vom Rheine umspülten Mauern, der weite Schloßhof mit seinen vielen größeren und kleineren Gebäulichkeiten, der große Garten mit seiner prächtigen Lindenallee, das alles bot dem Kindesgemüt viel Interessantes und Genußreiches. Aber bald lernten wir etwas anderes noch weit höher schätzen. Großvaters Predigten und noch mehr seine Kinderlehren waren köstlich. Nirgends konnte sein herrliches Lied: „Treuer Heiland, wir sind hier“ harmonischer wirken und besser verstanden werden als dort in dem alten, schlichten Lehrsaal:

Von dir lernen möchten wir
Deiner Sanftmut Milde;
Möchten ähnlich werden dir,
Deinem Demutsbilde,
Deiner stillen Tätigkeit,
Deiner armen Niedrigkeit,
Deines Wohltuns Milde.

Und wenn dann der Gottesdienst zu Ende war und der alte Inspektor, zwei der kleinsten Kinder an der Hand führend, heraustrat und die Hausgemeinde unter dem Gesang des Liedes: „Die Gnade sei mit allen“ ihm folgte, so war das so schön und ergreifend, daß mein inneres Ohr heute noch, nach fast sechzig Jahren, es hört und sich daran erlabt. Man sang überhaupt viel in Beuggen. Frühmorgens wurde man durch den ernsten Brüderchorgesang geweckt. Man sang meist vor Tisch und nach Tisch. Man sang bei den Andachten, oft auch bei der Arbeit. Und singend zogen die siebenzig Kinder des Abends die hohen Treppen hinauf in ihre Schlafräume. Einen solchen Abendgesang schildern folgende Strophen, die allerdings späteren Datums sind:

Das Amen ist verklungen,
Und durch die hohen Hallen
Hör’ ich es laut erschallen,
Von Kindermund gesungen:
So nimm denn meine Hände
Und führe mich!

Von oben tönt’s hernieder,
Was still das Herz beweget,
Eh’ man zur Ruh’ sich leget,
Und unten hallt es Wider:
Bis an mein selig Ende Und ewiglich.

Mir ist, als ob ich träume.
Es zieht bald laut, bald leise
Die eine sanfte Weise
Hin durch die weiten Räume: Ich kann allein nicht gehen,
Nicht einen Schritt.

O selig Haus, da klinget
In heil’ger Abendstunde
Solch Lied aus Herz und Munde,
Bis es gen Himmel dringet:
Wo du wirst gehn und stehen,
Da nimm mich mit!

(E. D.-R.)

In aller seiner Arbeit war Zeller kräftig unterstützt von seiner Gattin. „Was ich lehre, das lebt sie,“ konnte er von ihr in Wahrheit sagen. Neben dem großen Haushalt, dem sie in allen Gebieten mit Treue, Umsicht und unermüdlichem Fleiß vorstand, hatte sie noch ihre eigene Kinderschar, vier Söhne und sieben Töchter, zu Pflegen und zu erziehen. Ein Söhnlein starb im zarten Säuglingsalter; zehn Kinder wuchsen auf zu der Eltern großen Freude. Etwas herb und streng soll die Erziehung, namentlich von väterlicher Seite, oft gewesen sein, aber es ist „gut herausgekommen“.

„Mutter Zeller ist die niederträchtigste Frau, die ich je gesehen habe,“ sagte einmal ein Nachbar, und wollte damit ihre Demut rühmen, im Einklang mit dem apostolischen Wort: Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den Niedrigen.

Aus dem Munde eines ehrwürdigen Schullehrers hörte ich vor Jahren folgende Erzählung:

»Als armes, heimatloses Kind kam ich erstmals nach Beuggen. Man hatte mir gesagt, hier in dem großen Hause bekomme man zu essen. Ich trat ein und blieb neben der Haustür stehen. Viele Leute kamen und gingen, treppauf, treppab. Einige schauten mich an und gingen dann weiter. Da kam eine Frau herunter. Sie hatte gar freundliche Augen und ein liebes Gesicht. Sie kam auf mich zu und fragte: »Bübli, gelt, du hättest gern etwas Warmes zu essen?« Sie nahm mich mit in das Stübchen hinter der Küche und gab mir herrliche warme Milch zu trinken. Ich dachte bei mir selbst: O, könntest du doch immer bei der gütigen Frau bleiben! — Und was ich wünschte, ist mir geworden. Ich durfte bleiben, zuerst als »Bub« (Schüler des Rettungshauses) und später als »Bruder« (Zögling des Seminars), und so bin ich zum Lehrer und in dem lieben Dienst sehr glücklich geworden. Und alles verdanke ich nächst Gott der Frau mit den freundlichen Augen.“

Sie hatte aber auch gar so liebe, weiche, braune Augen, die teure Großmama, und dazu über der hohen Stirn so nettes, welliges Haar, das kein Bürsten glatt streichen konnte, so sehr sie es versuchte. Ihre Kinder und Kindeskinder hingen an ihr mit großer Liebe. Auch den Großvater liebten wir sehr. Aus der Pension in Montmirail, wohin ich als zehnjähriges Kind mit meiner lieben älteren Schwester gekommen war, durften wir häufig in den Ferien zu den Großeltern gehen. Es war damals eine lange Reise, die eine ganze Nacht in der Postkutsche erforderte. So kamen wir auch einmal etwas unerwartet in Beuggen an, hatten den Tag gemeldet, aber die Stunde nicht angeben können. Wir stürmten die zwei hohen Treppen hinauf, um zu den Großeltern zu gelangen. Oben angekommen, sahen wir die große Flügeltür von Großvaters Studierzimmer offen, aber ihn fanden wir nicht. Wir liefen durch das Zimmer in den dahinter liegenden Rittersaal (aus dem jetzt mehrere Zimmer gemacht sind). Alles war leer. Da, als wir enttäuscht den Rückzug antreten wollten, entdeckten wir hinter dem breiten zurückgeschlagenen Türflügel den lieben Großpapa, der über sein wohlgelungenes Versteckspiel vergnüglich lachte. Er hatte uns von seinem Fenster aus kommen sehen und sich verborgen, um uns zu überraschen. Jubelnd fielen wir ihm um den Hals. »Kinder, Kinder,“ sagte die dazugekommene Tante, »das hätten wir dem Vater gegenüber nie tun dürfen!“ — Ja, nun, wir hatten es eben getan, und Großvater hat uns ganz gern gewähren lassen. Der Alte war so mild geworden!

Einige lichte Spuren möchte ich noch festhalten. »Zellers Größe bestand darin, daß er klein blieb,“ sagt ein Freund. Und Professor Auberlen bezeugte von ihm: »Er ergriff die Gnade mit redlichem, lauterem und völligem Herzen. Sie war ihm nicht ein bloßes Ruhekissen fürs Leben oder fürs Sterben. Sie war ihm eine Macht, welche, indem sie die Sünde vergibt, unsere Trennung von Gott aufhebt und uns vor das Angesicht des Vaters im Himmel stellt, daß wir in seinem Namen bewahrt, im Lichte wandeln, wie er im Lichte ist.“

Daß es in einem solchen Leben nicht an mancherlei Drangsal und Not gefehlt hat, läßt sich denken. Aber Zeller hielt es mit dem Wahlspruch seines Geschlechts: Mit Freuden hindurch! Diese Freude aber schöpfte er an der Quelle. Ich hörte ihn einmal sagen, er bete täglich mit David: Dein freudiger Geist erhalte mich! Gern gebe ich dies Rezept weiter. Es ist probat.

Schon neigte sich sein schöner Arbeitstag dem Ende zu, da traf ihn tiefes Leid. Im Juli 1858 mußte er scheiden vom Liebsten, was er auf Erden hatte, seiner treuen Gattin. Schwere, heiße Leidensmonate gingen ihrem Sterben voraus. Aber im Tiegel bewährte sich das Gold. Sie, die bei aller treuen Nachfolge ihres Herrn nie zu einer festen, frohen Gewißheit ihres Gnadenstandes hatte kommen können, erfaßte mit kindlicher Einfalt ihren Heiland und ging selig ein zu seiner Ruhe.

Großvater, nun im achtzigsten Lebensjahr stehend, arbeitete noch zwei Jahre unermüdlich weiter. Oft, schon in Zeiten der Gesundheit und der Kraft, hatte er gebetet: „Herr, laß mich stehend sterben!“ Ich hatte als Kind diese Bitte auch einmal gehört und mich im stillen gewundert, wie das wohl zugehen möge. Ich habe es seither verstanden! — Zellers Bitte wurde erfüllt: Er durfte bis zuletzt im Amte stehen.

Genau vierzig Jahre waren seit seinem Einzug in Beuggen vergangen. Am 15. Mai 1820 hatte er seine erste Unterrichtsstunde dort gegeben; am 11. Mai 1860 hielt er die letzte. Unmittelbar darauf zeigten sich die ersten Symptome der Lungenentzündung. In seinem Pult lag ein angefangener Aufsatz über Apost. 3. 19—21. Er hatte einiges geschrieben über die ersehnte Zeit der Erquickung, da legte er die Feder nieder. Nur wenige Tage dauerte die Krankheit. Auch da noch beschäftigte sich sein Geist mit dem großen Gedanken der christlichen Hoffnung. Er segnete seine Kinder. „Wir kommen alle wieder zusammen,“ sagte er, „im großen Vaterhaus. Das ist gewißlich, gewißlich wahr!“ So entschlief er am 18. Mai 1860.

Sein Werk aber ist geblieben, von seinen Söhnen Reinhard und Nathan, und hernach von Reinhards Söhnen Eugen und Heinrich im Segen weitergeführt. Und geblieben sind auch die Segensspuren, sowohl von der Großeltern Leben in hingebender, dienender Liebe, als auch von dem Wort des Zeugnisses in Lehre und Lied. Sie reden noch, wiewohl sie gestorben sind.

Darum lasset uns Gutes tun und nicht müde werden; denn zu seiner Zeit werden wir ernten ohne Aufhören.

Vater

Wie sich ein Vater über Kinder erbarmet, also erbarmet sich der Herr über die, so ihn fürchten.

Als junges, heimwehkrankes Kind, fern vom ge-liebten Elternhause, traf ich einmal in meiner großen Schulbibel auf dies Wort, das ich früher schon oft gehört und auswendig gelernt hatte. Aber jetzt faßte es mich mit ganz neuer Gewalt. Es schnürte mir das Herz zusammen in Freude und Weh, und ich konnte nur eines fühlen und sagen: „So, gerade so ist mein Vater!“ Und fast unbewußt wuchs aus diesem ersten Empfinden das zweite: „So ist auch Gott, so lieb, so gut, so erbarmungsvoll wie mein Vater!“

Glückliches Kind, das solch einen Vater hat!

O, ihr Väter, wie groß und herrlich ist euer Beruf und eure Würde, daß ihr dürft euren Kindern gleichsam ein Bildnis, ein Dolmetscher von Gottes Liebe sein!

Nach diesem Gotteswort ist das Erbarmen das charakteristische Merkmal der Vaterliebe. Gewiß muß der Vater gerecht und gut und stark sein. Gewiß muß er Ernst und Strenge walten lassen, muß Wachen, daß Zucht und Gehorsam herrsche, muß strafen, wo es nötig ist. Aber in dem allen muß das Erbarmen die Oberhand haben.

Erbarmen ist nicht eine schwache, weiche Eigenschaft, die die Sünde übersieht und einfach den Schwamm über die Flecken fahren läßt. Im Gegenteil. Erbarmen ist ein starker, mächtiger, siegreicher Trieb. Erbarmen sieht das Böse — und liebt doch. Erbarmen empfindet mit Schmerz und Entrüstung, was unrecht und unrein ist — und liebt doch. Erbarmen steigt hinunter zu dem Gefallenen und holt ihn in den Armen der Liebe herauf.

An Jesu, unserm Heiland, lernen wir, was Erbarmen ist. Er hat uns das Vaterherz Gottes geoffenbart. Das ist das Urbild des Erbarmens, der wahren Vaterliebe.

Wem Gott, auch auf geistlichem Gebiete, Vater- und auch Mutterpflichten aufgetragen hat, muß etwas von dieser erbarmenden Liebe haben, soll sein Tun gesegnet sein. Don einem gelehrten Rabbiner hörte ich einst, daß die Mitglieder des jüdischen Hohen Rates Familienväter sein mußten. Ihnen fiel nämlich die Aufgabe zu, über Missetäter zu Gericht zu sitzen und nötigenfalls das Todesurteil auszusprechen, und man nahm an, daß Väter mit mehr Erbarmen die Schuldigen prüfen und beurteilen würden als andere. Das läßt tief blicken.

Bei unserm Vater kannten wir Kinder gar wohl dies erbarmende Herz. Er hat uns auch gestraft, wie es recht und notwendig war. Aber keine körperliche Züchtigung hat uns je so weh getan als der Schatten, der über seine hohe Stirn sich lagerte, und die Tränen, die seine milden blauen Augen füllten, wenn bei einem von uns eine Sünde vorgekommen war. „Du hast den Vater betrübt!“ Das war ein Stachel in Herz und Gewissen, ein Schmerz, der nur übertroffen wurde, als durch die Erleuchtung des Heiligen Geistes das „größte Herzeleid“ erwachte und in dem Schrei seinen Ausdruck fand: An dir, Gott, habe ich gesündigt und solch Unrecht vor dir getan!

Doch ich bin mit diesen Bemerkungen gleichsam mit der Türe ins Haus gefallen und habe in die Mitte von Vaters Lebenslauf gegriffen. Und doch ist von seinen Jugendjahren und von seinem ganzen übrigen Leben soviel Lichtvolles und Lehrreiches zu sagen, daß ich nur nicht weiß, wie ich es machen soll, um etwas Einheitliches in den knappen Rahmen dieser Blätter zu fassen.

Im grünen Juratal, das wir schon kennengelernt haben, im schlichten Dorfe Crémines, ist Samuel Gobat am 26. Januar 1799 geboren. Wie wir oben hörten, stand dies Ecklein des Schweizerlandes damals gerade auf kurze Zeit unter Franzosenherrschaft, und die Geburt ist in den Registern eingetragen als: am 7. Pluviose des Jahres VIII. Sie wollten Zeiten und Jahre ändern, die Begründer der ersten französischen Republik, und datierten ihre neue Zeitrechnung vom Ausbruch der Revolution. Aber ein Höherer hat ihre Bestimmungen zunichte gemacht. Schon nach wenigen Jahren hörte der republikanische Kalender auf, um aufs neue der einzig gültigen Bezeichnung Raum zu machen, die alle Weltereignisse berechnet nach der einen großen Tat von Christi Geburt.

Kräftig wuchs der Knabe Samuel auf unter dem Schutz des frommen Elternhauses. Er kannte bald jeden Zoll Erde auf all den weiten Almen und den mächtigen Felsen. Er kannte auch den forellenreichen Bach, und brachte der Mutter manch schimmerndes Fischlein nach Hause, das er mit flinker Hand unter ausgehöhlten Steinen zu fassen verstand.

Aber auch in geistiger Beziehung entwickelte er sich zur großen Freude der Eltern. Der reichbegabte Knabe lernte frühe lesen und erinnerte sich besonders gern an ein in Form von religiösen Gesprächen gehaltenes Büchlein, der Hirte von Artois, das er mit vier Jahren mehrmals durchlas. Aber früh stahlen sich böse Zweifel in diesen denkenden Kopf, und Samuel bekennt in seinen Erinnerungen, daß er schon mit zwölf Jahren im geheimen ein Ungläubiger gewesen sei. Ein früher ausgesprochener Wunsch, sich dem Predigtamt widmen zu dürfen, hätte in dieser Zeit durch freundliche Fügung in Erfüllung gehen können; aber der Unglaube hatte indessen Besitz genommen von dem jungen Herzen, und das Amt, das die Versöhnung predigt, hatte keine Anziehungskraft mehr für ihn.

Es folgten nun eine Reihe trauriger Jahre. Samuel lebte ohne Gott. Zwar wurde er bewahrt vor groben Sünden und Lastern. Das Gemeine, Sinnliche zog ihn nicht an. Aber Leichtsinn, Weltlust, Tanz und Kartenspiel waren Ketten, die ihn fesselten und unempfänglich machten für die Züge der Gnade. Seine Mutter bangte um ihren Samuel. Sie betete und litt und suchte ihn unter die Beeinflussung gläubiger Männer zu bringen. Aber es schien alles umsonst.

Doch über den Starken, der des Jünglings Herz gebunden hielt, kam der Stärkere, derselbe, der einst den Saulus von Tarsen überwand und zu einem Paulus machte.

An einem Oktobersonntag des Jahres 1818 — Samuel stand im zwanzigsten Lebensjahr — war er den ganzen Nachmittag bei einer Tanzbelustigung gewesen und hatte sich von seinen Freunden verabschiedet mit dem Versprechen, nach dem Abendessen im Elternhaus wieder zu ihnen zu kommen, um den Abend und einen Teil der Nacht beim Kartenspiel zu verbringen. Er erzählt darüber:

„Als ich mich, von meinen Eltern unbeachtet, hinausschleichen wollte, wurde mir plötzlich die Gegenwart Gottes fühlbar. Ich kehrte zurück, nahm die Bibel zur Hand und wollte anfangen, darin zu lesen, was ich jahrelang nicht getan hatte, es sei denn aus Gehorsam gegen meine Eltern. Als ich jedoch die Bibel öffnete, hatte ich nicht den Mut, in derselben zu lesen, weil ich mich unter dem Zorn Gottes fühlte. Alle die Trugschlüsse, auf die ich meinen Unglauben gestützt hatte, waren wie vernichtet durch das Gefühl der Gegenwart Gottes, und ohne irgend welches Räsonieren war mir die Bibel wieder das wahre, untrügliche Wort Gottes, doch leider in jenem Augenblick mir nur zur Verdammnis. Aus Furcht, meine Eltern und Schwestern möchten meine innere Bewegung merken, sagte ich einfach, ich fühle mich nicht ganz wohl, und zog mich auf mein Zimmer zurück. Ach, welch’ schreckliche und doch welch’ reichlich gesegnete Nacht stand mir bevor! Sowie ich allein war, dachte ich über meinen verlorenen Zustand nach und fing an, in diesen und ähnlichen Worten zu beten: »O mein Schöpfer, von meiner Jugend auf bin ich belehrt worden, daß du deinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hast, um Sünder selig zu machen. Wenn dem wirklich also ist, ach, so offenbare ihn mir, denn ich bin ein verlorener Sünder! Erbarme dich meiner!« Je mehr ich aber betete, desto größer wurde meine Angst. Mir war, als sei nur ein Schritt zwischen mir und ewigem, unabänderlichem Tod. Ich fühlte mich umgeben von bösen Geistern. Das ist jedenfalls sicher, daß der Satan nahe war und mich zur Verzweiflung trieb. Meine Seelenangst war so schrecklich, daß ich mir meinen Mund mit Kleidern stopfte, um nicht laut zu schreien, während ich um Gnade flehte.

„Da aber nahm ich all meinen Mut zusammen und sprach zu Gott in den Worten Jakobs: »Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!« Und: »Wenn ich verderben muß, so will ich hier auf den Knien in deiner Gegenwart verderben.« Plötzlich fühlte ich, wie die Last meiner Sünden abgenommen wurde, und ich empfand unaussprechliche Wonne. Ich kann nicht bestimmt behaupten, den Herrn Jesum gesehen zu haben, aber ich fühlte seine Gegenwart in der Fülle seiner Liebe, die mich zwar nicht in hörbaren Worten, aber mit göttlicher Macht der Vergebung meiner Sünden und meiner Versöhnung mit Gott versicherte.

„Die übrigen Stunden jener Nacht waren die glücklichsten und gesegnetsten Augenblicke meines Lebens. Als ich jedoch am Morgen es versuchte, aufzustehen, fühlte ich, daß mir die Kraft dazu fehle; ich war gänzlich erschöpft. Etwas später hörte ich meine Mutter kommen: da flüsterte mir der Teufel oder mein eigenes Herz oder beide zusammen ein, ich solle ihr nicht mitteilen, was in der Nacht vorgefallen sei. Im Falle ich in der Nachfolge meines Heilandes nicht treu ausharren könnte, würde sie um so mehr betrübt. Doch Gott hatte ein Gegenmittel für diese Versuchung schon bereit. Denn sowie mich meine Mutter sah, sagte sie ruhig, obschon augenscheinlich sehr betroffen: »Was fehlt dir? Dein Gesicht ist ganz verändert ...« Ich erzählte ihr nun alles, überglücklich, auf diese Weise die erste Versuchung überwunden zu haben.“

Soweit die Erzählung Samuels. Er berichtet dann weiter, wie ihn die gleiche Furcht eines möglichen Rück-falls beinahe abgehalten hätte, vor seinen Freunden den Heiland zu bekennen, wie ihn der Herr aber gestärkt habe, es am selben Lage noch zu tun. Auf diese Treue legte Gott solchen Segen, daß die meisten dieser jungen Leute auch die Sündenbahn verließen und sich von Herzen bekehrten.

Das alte herrliche Wort hatte sich bewahrheitet: Ist jemand in Christo, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, es ist ein Neues geworden. Von nun an hatte auch das ganze Leben Samuel Gobats einen neuen Zweck und ein neues Ziel. Dem Herrn zu dienen war nun sein innigstes Verlangen, und gern gewährten die Eltern ihm den Wunsch, sich der Mission zu widmen.

So trat er im Januar 1820 in das fünf Jahre zuvor gegründete Missionshaus zu Basel ein. Zweiundeinhalb Jahre später finden wir ihn in Paris, wo er unter dem berühmten Professor Sylvester de Sacharja die arabische Sprache studiert, um dann 1826 in Verbindung mit der Englisch Kirchlichen Missionsgesellschaft als Missionar nach Abessinien zu reisen.

Nach einem längeren Aufenthalt in Palästina und auf dem Libanon und nach vielen vergeblichen Bemühungen und Geduldsproben gelang es Gobat, mit seinem Mitarbeiter Kugler ins Innere Abessiniens und bis zur Hauptstadt Gondar vorzudringen. Die hier entfaltete, von Gott in so wunderbarer Weise gesegnete Wirksamkeit bildet einen gewissen Höhepunkt im Leben meines teuren Vaters. Nach außen war nichts als Kampf und Schwierigkeit, Rebellion und Anarchie. Aber die Herzen waren überall offen für das Evangelium. An manchen Lagen war der Zudrang derer, die das Wort hören wollten, so groß, daß der Missionar tatsächlich nicht Zeit fand zu essen, sondern von früh bis spät den hungernden Seelen das Brot des Lebens reichen durfte. Nach dem frühen Heimgang Kuglers war Gobat der alleinige Weiße Mann im Lande. Er genoß die Freundschaft und den Schutz des edlen Häuptlings Saba Gadis, aber die immer wieder ausbrechenden Anruhen nötigten ihn, von Ort zu Ort zu flüchten.

Manche Nacht hat er unter freiem Himmel zugebracht, in gefährlicher Nähe der wilden Tiere, deren Stimmen er in späteren Jahren zur Wonne seiner Kinderschar so gut nachzuahmen verstand. Das majestätische Brüllen des Löwen, das bellende Geheul des Leoparden, das unheimliche Lachen der Hyäne, das widerliche Schnattern der Affen, alles vernahmen wir mit wohligem Grausen, wenn wir des Abends im behaglichen Wohnzimmer zu Jerusalem, zu seinen Füßen sitzend, seinen wunderbaren Erzählungen lauschen durften. Wir zitterten nachträglich beim Gedanken an den einsamen Wanderer, der als einziges Leitwerk eine Kuhhaut mitzuführen pflegte, von der er gern verwöhnten, modernen Reisenden erzählte, bei schönem Wetter sei er darauf gelegen und bei Regenwetter darunter. Immer aber bezeugte er, wie der Herr sein guter Hirte gewesen sei und wie ihm nichts gemangelt habe.

Zwei Züge aus jener merkwürdigen abessinischen Zeit möchte ich kurz anführen.

Er reiste einst in Begleitung einer Anzahl junger Leute, die er im Worte Gottes unterrichtete, durch eine unwirtliche Gegend. Täglich hielt er Andacht mit seiner kleinen Schar, und die vierte Bitte des Vaterunsers: „Gib uns heute unser tägliches Brot!“ war ihm nie so bedeutungsvoll vorgekommen wie gerade jetzt. Sie wurde buchstäblich erhört. Einmal war es eine reiche Frau, die von seiner beabsichtigten Durchreise Kunde erhalten hatte und ihm einen Korb mit Nahrungsmitteln sandte. Ein andermal war es der Gouverneur des Distrikts, der in Gondar von ihm gehört hatte und ihn nun mit seinen Begleitern zu einem Mahle einlud. Ein drittes Mal, als sie gerade fastend einhergingen, weil ihre kleinen Vorräte völlig erschöpft waren, war es ein Sklave, der mit einem Korb voll Brot und einer Kanne Bier am Wege saß und erzählte, sein Herr habe in der Nacht nicht schlafen können und habe ihn gesandt, um dem ersten vorüberziehenden Reisenden diese Erfrischung zu bringen.

Einer der mitreisenden Jünglinge bekannte nachher mit Tränen, er habe arge Gedanken des Unglaubens und der Empörung gegen Gott und gegen den Missionar gehabt. „AIs ich aber sah.“ sagte er. „daß Tag für Lag Leute, die du nicht kanntest und die dich nicht kannten, dich ungebeten reichlich versorgten, da fühlte ich, daß ich mich einer großen Sünde schuldig gemacht habe, indem ich Christus zum Lügner machte.“ Dies war der Anfang seiner Bekehrung.

Den zweiten Zug, der in Wahrheit eine lichte Spur genannt werden kann, soll mein Vater selbst erzählen. Er schreibt in seinen Erinnerungen:

„In dieser Zeit machte ich eine Erfahrung, die mir selbst und anderen seither eine Quelle großen Segens wurde. — Eine Zeitlang war ich in einem Zustande geistlicher Gefühllosigkeit, hatte keine Freude am Worte Gottes und war unfähig, mich zu herzlichem, gläubigem Gebet zu erheben. Ich war höchst unglücklich, als ich eines Morgens früh in den Wald ging, um mich zum Gebet zu sammeln. Ich setzte mich auf einen Stein am Eingang einer Felsenhöhle. Nach einigen Minuten Nachdenkens versuchte ich es, für mich selbst zu beten, fühlte aber, daß es nicht nur nutzlos, sondern sogar beleidigend gegen Gott sein würde. Ich konnte nicht mit kindlichem Vertrauen beten. Es war mir, als sei ich von Gott verworfen, bis ich mir nach einer Weile sagte: »Wenn ich es nicht wagen darf, für mich selbst zu beten, will ich doch für meine christlichen Freunde beten: vielleicht betet der eine oder andere für mich und findet Erhörung.« Daraufhin besuchte ich im Geiste alle die christlichen Freunde, die ich seit meiner Bekehrung kennengelernt hatte: dabei suchte ich mich in ihre verschiedenen Lagen zu versetzen, betete für ein jedes einzeln und bat um die Segnungen, deren sie am meisten bedurften. Während ich nun im Geiste die Reise durch die Städte und Dörfer der Schweiz, Frankreichs, Deutschlands, Englands machte, fühlte ich die Liebe zu Gott und den Menschen in meinem Herzen glühen: es war mir, als sähe mein Glaube den Unsichtbaren. Als ich kurz vor Sonnenuntergang aus der Höhle trat, war es mir, als läge ich in meines Heilands Armen. Es war dies einer der glücklichsten Augenblicke meines Lebens.“

Nach dreijährigem Aufenthalt in Abessinien kehrte mein Vater im Jahre 1833 in die Heimat zurück, um womöglich Mitarbeiter zu gewinnen und die so verheißungsvolle Arbeit neu zu organisieren und auf eine feste Grundlage zu bringen. Er hatte die Hoffnung, daß bis zu seiner Rückkehr die politischen Verhältnisse sich gebessert haben würden. Sein Aufenthalt in Europa gestaltete sich zu einem beinahe festlichen. Er wurde überall mit offenen Armen empfangen, seine Berichte fesselten und erfreuten die Zuhörer und gewannen ihm immer neue Freunde, die mit Begeisterung an ihm hingen.

In dieser Zeit lernte er auch meine teure Mutter kennen. Der edle Missionar, Graf Felician von Zaremba, mit dem er in herzlicher Liebe verbunden war, warb nicht nur im Namen seines Freundes, sondern auch im Namen des Herrn, dem er diente, um die Hand der geliebten Maria Zeller von Beuggen. Das war im Blick auf die große Aufgabe in dem fernen unzivilisierten Lande eine ernste Frage, auf die auch die ernste und dennoch freudige Antwort folgte: „Siehe, ich bin des Herrn Magd.“

Nach der im Mai 1834 stattgefundenen Hochzeit trat das junge Paar unverzüglich die Reise nach Ägypten und Abessinien an. Gobat hatte auch den erwünschten und erbetenen Mitarbeiter, Herrn Jsenberg, gefunden, und voll Hoffnung und Eifer zog er wieder nach Habesch, dem Lande seiner Liebe.

Aber wie anders waren Gottes Gedanken als seine Gedanken und Gottes Wege als der Menschen Wege! Noch ehe er nach Verfluß eines halben Jahres die Grenze des Landes erreicht hatte, wurde Gobat von einer äußerst schmerzlichen Krankheit befallen, die mit mehr oder weniger Heftigkeit zwei Jahre dauerte und ihn zu jeglicher Arbeit unfähig machte. Seine Kräfte schwanden so dahin, daß er zu Zeiten kein Glied zu regen vermochte und fast zum Gerippe abmagerte. Gern wäre er in Adoa, wo die Missionsfamilie sich ein dürftiges, aber friedliches Heim eingerichtet hatte, gestorben. Aber der Gedanke, seine Gattin und das in Adoa geborene Kindlein allein im fernen Lande zurückzulassen, war ihm zu schwer, und er beschloß, mit Aufbietung seiner letzten Kräfte, wenigstens bis nach Ägypten vorzudringen, um sie dort in sichere Obhut zu bringen. Wie ein Sterbender wurde er im September 1836 auf einer Bahre über das Gebirge getragen. Wunderbarerweise besserte sich auf der Reise der Zustand von Tag zu Tag, und nach einem längeren Aufenthalt in Kairo konnten die teuren Eltern im Frühjahr 1837 nach der schweizerischen Heimat zurückkehren.

Aber ihr geliebtes Abessinien sahen sie nicht wieder!

Das war eine außerordentlich schwere und dunkle Führung. Sollte auch sie lichte Spuren zurücklassen?

Jawohl! Mein Vater hat es oft bezeugt, daß er darin einen tiefen und beherzigenswerten göttlichen Unterricht empfangen habe. Während jenes Besuches 1833/34 war ihm, dem Knecht, zuviel Ehre widerfahren, zuviel Lob gespendet worden. Er selbst hat es nicht gewollt und nicht gesucht, war sich auch in keiner Weise bewußt, dem Hochmut Raum gegeben zu haben. Aber von da an mied er mit ernster Sorgfalt alles, was der verborgenen Eitelkeit des Fleisches Nahrung geben könnte. Und wenn er im späteren Leben bemerkte, daß ähnliches einem Knechte Gottes oder einem christlichen Werke widerfuhr, da konnte er liebreich warnen: „O, haltet euch recht verborgen in eurem Gott! Je mehr er euch braucht, desto tiefer verbergt euch in ihm.“ Auch für die Gemeinde Gottes liegt darin eine Lehre: Nicht die Menschen verherrlichen! Nicht Weihrauch streuen! Dem Herrn allein, allein gebt alle Ehre!

In den zehn Jahren, von seinem Weggang aus Abessinien, 1836, bis zu der Übernahme seines letzten wichtigen Arbeitspostens als Bischof zu Jerusalem, 1846, bekleidete mein Vater verschiedene Stellen, je nachdem es ihm seine Kräfte zuließen. So war er auch etliche Jahre auf der Insel Malta, wo er den Druck arabischer Missionsschriften überwachte und dazwischen in Sizilien und auf dem Festland in italienischer Sprache evangelisierte. So ist es gekommen, daß dies kleine Eiland im blauen Mittelmeer meine Geburtsstätte geworden ist. Lange fühlte ich mich sehr bevorzugt durch die spezielle Beziehung, die ich dadurch zu Paulus zu haben meinte, oder doch zu den lieben „Barbaren“, die dem heiligen Apostel und seinen Schiffbruchsgenossen eine „so ungewöhnliche Menschenfreundlichkeit bewiesen“. (Apostelgeschichte 23, 2) — Die brausenden Wellen, die sich an den Felsenklippen Maltas brechen, und die balsamischen Lüfte, die durch seine herrlichen Gärten wehen, haben mich mein Leben lang begleitet.

Es war während eines zweiten Aufenthalts in Malta, daß durch König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen ein gar unerwarteter Ruf an meinen teuren Vater gelangte. Er sollte das im Jahre 1842 durch die Initiative des Königs im Verein mit der Königin von England ins Leben gerufene Amt eines evangelischen Bischofs zu Jerusalem übernehmen. Die großen Arbeitsmöglichkeiten, die in einer solchen Stellung lagen, waren ihm klar bewußt, und er konnte nicht anders, als in dieser merkwürdigen Fügung einen Wink des Herrn zu sehen, dem er einfach folgte.

Am letzten Tage des Jahres 1846 traf er in Jerusalem ein, und diese alte, durch tausend heilige Erinnerungen geweihte Stadt wurde fortan unsere Heimat, von der wir singen:

Wie könnt’ ich dein vergessen, o Jerusalem,
Du Königin, in deinem Staubgewande!

Die dreiunddreißig Jahre, die mein Vater hier zubrachte, waren reich an Mühe, an Arbeit, an Verkennung, aber auch an Segen. Er blieb auch als Bischof von Herzen Missionar und suchte durch Errichtung von Schulen und Anstellung von Evangelisten das Evangelium im Lande zu verbreiten. Eingehendes über seine Wirksamkeit im Heiligen Lande zu erzählen, würde der Raum hier nicht gestatten. Auch bei dem vielen Schönen und Interessanten, was wir als Kinder solcher Eltern und in solchem Lande genießen durften, kann ich nicht verweilen. Nur einzelne Momente, die in Herz und Gedächtnis besonders lichtvoll funkeln, sollen noch festgehalten werden.

Und da ist es vor allen Dingen Vaters große Liebe zum Worte Gottes, die uns Kindern eindrücklich geworden ist. Ich habe nie wieder jemand gesehen, der die Bibel so gut kannte wie er. Und diese Kenntnis suchte er auch uns mitzuteilen. Beim Vorlesen der Texte im Losungsbüchlein hielt er immer einen Augenblick inne und wartete, ob jemand Kapitel und Vers angeben könne. Oft auch, etwa in der Dämmerung oder bei einem Spaziergang, nannte er Spruch um Spruch aus dem Alten und Neuen Testament und wollte wissen, wo er stehe. Dann wieder durfte man ihn ebenso fragen, und er blieb gewiß nie eine Antwort schuldig. Oder es hieß: „Nun sage mir einmal Kapitel um Kapitel den Inhalt dieses Evangeliums oder jener Epistel.“ Er machte uns auch aufmerksam auf den jedem der heiligen Schreiber eigenen Stil (bei seiner guten Sprachkenntnis, namentlich des Hebräischen, war das hochinteressant) und zeigte uns, wie der Geist Gottes, den er als den Verfasser des ganzen Buches pries, die menschlichen Eigentümlichkeiten seiner Knechte und Mägde nicht verwischt, sondern heiligt. Selbstverständlich blieb er aber nicht nur bei dem äußeren Kennen und Lernen, sondern half uns, einzudringen in die Erkenntnis des herrlichen Gottes, der sich den Menschen in seinem Wort geoffenbart hat.

Ich erinnere mich noch gut, wie von den Missionaren in Lodiana im fernen Himalajagebirge ein Brief ankam mit besonderen Marken, ein Brief, der das Volk des Herrn aufforderte, die erste Woche des Jahres als eine Zeit des Gebets in besonderer Weise zu feiern. Von Herzen ging Vater auf diesen Gedanken ein. An dem ersten Tag, der speziell der Buße und der Demütigung gewidmet sein sollte, war die Gebetsversammlung eine besonders ernste. Vater war ohne zu frühstücken in sein Zimmer gegangen und hatte den ganzen Morgen in der Stille zugebracht. Er liebte überhaupt das Fasten, das er als neutestamentlich begründet anerkannte, wenn es verbunden wird mit Gebet. Wir wußten es gut, warum er, wenn etwas seine Seele besonders bewegte, das Frühstück, oft auch die Mittagsmahlzeit mied. Die Amtsgeschäfte wurden natürlich dennoch besorgt. So kam er auch an jenem ersten Tag der ersten Gebetswoche direkt aus seinem Zimmer in den Versammlungssaal. Auf den Knien liegend, las, nein, betete er das neunte Kapitel des Buches Daniel, und ich weiß noch, wie jenes gewaltige, immer wiederkehrende „wir“ durch aller Herzen drang.

Das Jahr, das also begonnen hatte, wurde für unsere ganze Gemeinde ein Jahr der Erweckung und des Segens. Die Gebetsstunden wurden fortgesetzt. An einem kleinen Rednertisch pflegte der Bischof Platz zu nehmen, ihm zur Rechten und zur Linken der lutherische und der anglikanische Geistliche. Gott segnete das einmütige Zusammensein der Brüder. Es war meines Vaters Bestreben und herzliche Freude, den Juden und Mohammedanern sowie den verschiedenen christlichen Kirchen — Katholiken. Orthodoxen. Armenischen, Syrischen, Koptischen — eine einheitliche protestantische Kirche darzustellen. Eine ganze Reihe von Jahren gelang es tatsächlich, und es war dies vielleicht eine der Hauptaufgaben des Bistums, das jetzt nicht mehr in der ursprünglich gedachten Gestalt existiert. Leider nahm in der Folge der lebendige, erweckliche Geist ab. Die Form blieb, aber es kamen Zeiten der Dürre und der Lauheit, die den heißen Schrei auspreßten: „Ach, daß du den Himmel zerrissest und führest herab, daß die Berge vor dir zerflössen, daß dein Name kund würde unter den Völkern!“

Doch ich muß zum Schlusse eilen.

Im Januar 1879 vollendete Vater sein achtzigstes Lebensjahr. Er war sehr schwach. Im vorausgegangenen Herbste hatte er auf einer Besuchsreise, die er mit der Mutter in der Schweiz machte, einen leichten Schlaganfall erlitten, und seine Kraft war gebrochen. Er wünschte sehnlichst, nach Jerusalem zurückzukehren, um da seine Hütte abzulegen. Beim Abschied von seinen Kindern sagte er viele trostreiche Worte. Sein Herz floß über von Liebe. Er bezeugte: „Wenn ich mein Leben überblicke seit meiner Bekehrung — vorher war es ja gar kein Leben —, so sehe ich nur eine Kette von Barmherzigkeiten.“

In Jerusalem angekommen, schwanden seine Kräfte mehr und mehr. Am Ostersonntag betrat er zum letztenmal seine geliebte Christuskirche auf Zion, feierte mit der zahlreich versammelten Gemeinde das heilige Abendmahl und sprach am Schluß den Segen.

Sonnabend, den 10. Mai, kam für den treuen Knecht der stille Feierabend. Eine schwere, bange Nacht brach an. Eines seiner Kinder sprach den dreiundzwanzigsten Psalm und fragte: „Vater, ist Jesus bei dir im finstern Tale?“ — „Ja, gewiß.“ war die frohe Antwort, „und es ist nicht finster.“

Als der Sonntag Kantate, der 11. Mai, über die blauen Umrisse des Ölberges heraufdämmerte und das Glöcklein der Grabeskirche eben den Tag des Herrn einzuläuten begann, da war auch für den müden Streiter aller Kampf zu Ende, und der ewige Sabbat war angebrochen.

Zwanzig Jahre später wurde auf Anregung des Ortspfarrers in Grandval-Crémines ein schönes Fest gefeiert bei Anlaß des hundertsten Geburtstags Samuel Gobats. Die Gemeinde hatte einen Marmorstein mit Inschrift gestiftet und ihn über dem Eingänge des Geburtshauses angebracht. Ein Gottesdienst fand vormittags in der Kirche statt. Nachmittags waren die Schüler sämtlicher Schulen ebenfalls in der Kirche zu einem Feste versammelt. Dann zog man ins Geburtshaus nach Crémines, wo auf der breiten Diele eine große Versammlung gehalten wurde, die sich zu einer echten, schönen Evangelisationsstunde gestaltete. Nicht der Knecht wurde gepriesen, sondern der Meister. Es wurden namentlich die jungen Männer geworben für den Herrn, dessen Dienst die höchste Freiheit ist. Eine Abendversammlung im Schulhaus beschloß diesen schönen, erhebenden Tag.

Als wir abends im hellen Sternenschein in raschem Schlitten über die Schneegefilde der Station Moutier zufuhren, waren unsere Herzen voll Dank und Freude. Was kann der Herr doch aus einem Leben machen, das frühe ihm geweiht und überlassen wird!

Dank, lieber Vater, daß du mir den Weg ins wahre Vaterhaus gezeigt und auf dem schmalen Pfade mir vorangegangen bist!

Und Dank sei dir, mein Herr und Gott, daß du dich auch über mich erbarmt und mich zu deinem Kind gemacht hast, also daß ich aufschauen darf zu dir und sprechen: Abba, lieber Vater!

Mutter

Wie ist es einem Kind zumut,
Wenn es im Arm der Mutter ruht?
Nicht wahr, es ist ihm wohl?
Ja wohl, ja wohl!
Denn solch ein Kind hat’s gut.

Wie ist es einem Kind zumut,
Wenn es in Jesu Armen ruht?
Das ist ein sel’ges Kind,
Denn solch ein Kind
Hat’s besser noch als gut.

So sang uns unsere Mutter mit ihrer reinen, vollklingenden Stimme gar manchesmal. Und so oft ich ihr Bild in meinem Inneren wachrufe, tönt mir auch jenes alte Lied entgegen und weht mir leise die Erinnerung an die süße Mutterliebe zu.

Von ihr möchte ich kurz erzählen.

Der Leser kennt schon das Elternhaus im freundlichen Städtchen Zofingen, in dem Maria Zeller am 9. November des ereignisreichen Jahres 1813 geboren wurde. Auch ihr Jugendheim in Beuggen, wo sie inmitten der großen Kinderschar in schlichter Gottesfurcht aufwuchs, ist geschildert worden. Wir kennen auch schon den edeln Mann, der sie zu seiner Lebensgefährtin gewann und dem sie durch seinen ganzen wechselvollen Lauf eine liebende und geliebte Gehilfin war. Aber es leben in meiner Erinnerung noch so manche Züge, die zu den lichtesten Spuren gehören, die Mutter uns hinterlassen hat, und die darum hier ihren Platz finden müssen.

Da ist zuerst eine merkwürdige Gnadenerweisung des Herrn zu nennen, die sie im neunten Lebensjahre erfuhr, wo sie ihre Sündhaftigkeit und Erlösungsbedürftigkeit so tief empfand und so bewußt zu der in Jesu Christo geöffneten Freistadt floh, daß ihr dieses Erlebnis zeitlebens unerschütterlich fest und köstlich blieb. Es wurde freilich im Lauf der Jahre vertieft und geläutert.

Auch aus der Brautzeit ist manch liebes Andenken vorhanden. Sie hatte eben das zwanzigste Jahr vollendet und war ihrer ausgezeichneten Mutter eine »tüchtige, fleißige und stets fröhliche Gehilfin“ geworden, als eines Tages Missionar Zaremba bei den Eltern in Beuggen erschien, wie im vorigen Kapitel erzählt worden ist, und im Namen seines Freundes Gobat um die Hand der Tochter warb. Maria kannte den Mann wohl, der sie zur Gattin begehrte, aber sie hatte ihn stets angesehen als einen Freund ihrer Eltern, einen hoch über ihr stehenden Knecht Gottes. So war sie zuerst gar erschrocken. Aber sie hatte erst kurz zuvor in ernster, gesegneter Stunde ihr Herz und Leben ganz aufs neue ihrem Herrn übergeben und um seine sichere Führung gebeten. In diesem Sinn und Geist nahm sie den an sie ergangenen Ruf an und konnte dem frommen Elieser andern Tages auf die Frage: „Willst du mit diesem Manne ziehen?“ ein freudiges Jawort geben.

Vor mir liegt ein ganzer Strauß von Gedichten und Liedern, die in jener Zeit dem Brautpaar gesagt und gesungen wurden. Beuggen hatte damals schon seine Hauspoeten. Die Blätter sind mit verschlungenen Händen und Vergißmeinnichtranken nach Art jener Zeit verziert. Auch zwei kostbare Briefe liegen mit dabei, in sorgfältiger Abschrift. Der eine ist gerichtet »an die liebe Braut Maria, von dem ebenso innigen als geringen Freund des ganzen Hauses Fellcian Zaremba“. Er führt darin ein Wort an, das heute noch wie ein süßer Duft das Herz erfreut:

„Die Gottseligkeit ist wie ein köstliches Öl in zartem Gläslein, welches am besten verwahrt wird, wenn man es verborgen hält. Sehet nur zu, daß ihr Gott gefallen möget. Euer Hauptschmuck und Krone sei Gottes Gnade. Eure Halskette viele Sprüche der Schrift. Eure Perlen Buß-, Gebets- und Liebestränen, euer Kleid die Gerechtigkeit des Glaubens und die Gottseligkeit, euer Flor die Demut, eure Weiße Leinwand ein unbefleckter Wandel, euer Spiegel das Gesetz und das Leben des Herrn Jesu, euer Gespräch das Gebet, euer Reichtum der Himmel, so werdet ihr eine Braut Christi sein.“

Der zweite Brief ist von David Spleiß, dem bekannten und gesegneten Pfarrer von Buch, der, wenn ich nicht irre, Marias Pate war, an seine «liebe, wohlberufene und gesegnete Maria“. Er spricht seine Freude aus über »diese ihre ehrenreiche, heitere und ernste göttliche Berufung“ und fährt dann fort:

„Ja freilich erschrecken, durch und durch erschrecken würde auch ich ob der Größe, der Schönheit, der Verantwortlichkeit und Wichtigkeit des vorgelegten Werkes, wüßte ich nicht, zugleich auch aus Erfahrung, wie Er, der Herr, der Erzhirte, bei dergleichen Verordnungen mit seinen Knechten und Mägden verfährt und handelt, unsere Sünden und so tief verborgen eingerankten Gottlosigkeiten bedeckt, versöhnt, sie - so es uns mit durchgreifendem Ernst darum zu tun ist - heilt und uns mit seinem heiligen Blut besprengt für und für. Er, der (ach, lieb Kind, es ist nicht auszusprechen, w i e) barmherzige und mitleidige Hohepriester im Himmel.“

Welche Kraft des Zeugnisses ist in solchen Briefen, trotz der verschlungenen Sätze!

Die Hochzeit fand am 23. Mai 1834 in der Kirche von Grandval statt, die von den Talbewohnern geschmückt und beinahe in einen Garten verwandelt worden war. Die jungen Missionsleute hielten sich danach noch einige Tage in Crémines auf, und Abend für Abend fanden in dem uns aus früheren Abschnitten bekannten elterlichen Wohnzimmer gut besuchte Versammlungen statt. Mehr als ein junger Mann datierte von jenen Tagen seine Berufung in das große Erntefeld der Mission.

Noch einmal ging’s nach Beuggen zum schmerzvollen und doch trostreichen Abschied. Auf der Weiterreise, die in der Ära der Postkutschen so viel mehr Zeit nahm als heute, sollte ein befreundetes Pfarrhaus besucht werden. Ungeduldig wartet der Pfarrherr an der Gartentür auf seine Gäste, die noch immer nicht erscheinen. Ein Landmann kommt des Weges. „Habt Ihr nicht einen Herrn und eine Dame auf dem Wege getroffen?“ wird er gefragt. „Ich weiß nicht recht,“ ist die bedächtige Antwort. „Ein Reisewagen kommt da gerade die Halde herauf. Neben den Pferden geht ein großer Herr, aber im Wagen sah ich nur ein kleines Mädchen.“ Der Pfarrer errät den Zusammenhang bald, und manch neckender Scherz wird der jungen Frau an jenem Abend zuteil. Sie bleibt still. Aber als sie nachher mit ihrem Gatten ins Gastzimmer geführt wird, da hört alles Scherzen auf. Bitterlich weinend sagt Maria: „Ach. ich weiß es ja wohl, daß ich gar nicht würdig bin, eine Missionsfrau zu sein. Es ist ja wahr, ich bin noch ein Kind. Aber nun ist’s ja zu spät!“

Doch das „kleine Mädchen“ hatte nur zu bald Gelegenheit, sich als eine Heldin zu beweisen. Schon auf der Reise lernte sie unter Anleitung ihres Mannes mit allem Eifer die amharische Sprache und machte so gute Fortschritte, daß sie bei der Ankunft in Abessinien gut genug sprechen und lesen konnte, um sich unter den Eingeborenen nützlich zu machen. Ihr liebes amharisches Testament ist mir heute ein wertvoller Besitz.

Aber in ihrem Missionsdienst gab es weniger zu tun als zu leiden. Die Angst, die Mühsale und die Not während der schon erwähnten langen Krankheitszeit des Gatten sind nicht aufzuzählen. Als am 2. August des folgenden Jahres ihr erstes Kindlein zur Welt kam, da lag mein Vater in einer Ecke des Zimmers, zur Wand gekehrt, auf seinem Schmerzenslager und war nicht imstande, sich nur umzukehren, geschweige denn ihr beizustehen. Sie hatte bei äußerst mangelhafter Hilfe, um ihn zu schonen, ihre Schmerzen lautlos getragen, und erst der Schrei des Neugeborenen kündete dem Vater, wie es um sie stand. Da hob auch er seine Stimme auf und weinte laut. Es war eine der bittersten Stunden seines Lebens, und wenn er etwa einmal davon sprach, konnte er beifügen: „O Kinder, ehret eure Mutter!“

In den folgenden Monaten kam sie selbst dem Tode nahe. Zweimal wurde sie von der Cholera ergriffen und lag einmal schon kalt und bewußtlos da. Ein glühend heißes Eisen, das in guter Absicht, aber mit ungeschickten Händen auf sie gelegt wurde, rief sie aus der Starre wach, und sie war gerettet.

Von der mühevollen Rückreise aus Abessinien, die im vorigen Abschnitt kurz geschildert ist, möchte ich noch einige Einzelheiten nachholen.

Der Weg von Adoa über das Gebirge bis nach Massowa ging verhältnismäßig gut von statten. Zwei gläubiggewordene Abessinier kamen mit und leisteten unschätzbare Liebesdienste. Das süße Geplauder des vierzehn Monate alten Töchterleins war Musik und Labsal für die geprüften Eltern. Ein Schiff mit mangelhafter Einrichtung, ohne Kabine, brachte die Reisenden in zehn Lagen von Massowa bis nach Djidda an der arabischen Küste. Dort gab es mehrtägigen Aufenthalt, bis ein Schiff zur Weiterreise gefunden werden konnte. Auch das war eine armselige Barke, unrein und unbehaglich. Durch starken Gegenwind und allerlei Zwischenfälle erschwert, dauerte die Fahrt von Djidda bis Kosseir achtundzwanzig Tage. Die mit Rücksicht auf das Kindlein mitgenommene Ziege versagte. Das Trink- und Kochwasser wurde faul und übelriechend, die Nahrung somit völlig ungenügend. Endlich erreichte man Kosseir am nubischen Strande.

Nun aber kam das allerschwerste Stück des Weges: ein Kamelsritt durch den brennenden Wüstensand, von Kosseir bis Kene am Nil. “Nur mit Schauder und Tränen kann ich daran denken,“ schreibt mein Vater. Das elende Städtchen Kene, das nach sechs mühevollen Tagen erreicht wurde, kam den Todesmatten vor wie ein kleines Paradies, und “das Bett in Kene“, wenn es auch nur ein dürftiges arabisches Lager war, schien ihnen der Inbegriff des Behagens. Und doch wie wehmütig war es den teuren Eltern ums Herz! Kein Kinderlallen mehr erfreute der Mutter Ohr. Die herzige kleine Sophie war schwer erkrankt und welkte sichtlich dahin. Noch hoffte man, die Fahrt auf dem Nil würde sie beleben: aber als das Schiff am achten Tage sich der Stadt Kairo näherte, da schloß das süße Kind die Augen zu. Das müde Lamm ward ausgenommen in des Hirten Arm und Schoß.

Mutter behielt die kleine Leiche die ganze Nacht in ihren Armen aus Furcht, die Schiffsmannschaft möchte sie in die Fluten des Stromes versenken. Das erste Geschäft des Vaters bei der Ankunft in Kairo war die Bestellung des kleinen Grabes.

Genau achtzig Tage hatte die Reise von Adoa bis Kairo gedauert. Aus doppeltem Grunde dürfen solche ergreifenden Tatsachen nicht vergessen werden. Einmal ist es heilsam, zurückzudenken an die Schwierigkeiten und Prüfungen, die unsere Missionspioniere erduldet und mit des Herrn Hilfe siegreich ertragen haben. Und zum andern liegt darin eine mächtige Aufforderung an unser Geschlecht, die Erleichterungen, die uns in Eisenbahnen und Dampfschiffen und in dem ganzen modernen Verkehrswesen gegeben sind, nutzbar zu machen zur Befolgung des Reichsbefehls unsers Herrn: Gehet hin in alle Welt und prediget das Evangelium aller Kreatur! Wenn unsern Vätern kein Preis zu teuer, kein Weg zu schwer war, sollten wir zu träge und zu bequem sein, um das große Werk fortzusetzen?

Mutters Leben war naturgemäß ganz eins mit dem unsers Vaters, und ich will hier nicht schon Erzähltes wiederholen. Nur ein Wort fällt mir ein beim Gedanken an die zehnjährige Wander- und Wartezeit 1836 bis 1846, ein Wort, das mancher Ehefrau eine lichte Spur zeigen kann. Es heißt: “Wenn es deinem Manne je schwer ums Herz ist, so siehe zu, daß du es ihm nicht noch schwerer machst durch Klagen und Verzagtheit.“

Nach dieser Regel handelte unsere Mutter, gelehrt durch Gottes Geist.

Und nun kam das Leben in Jerusalem. Die teuren Eltern hatten gelernt, niedrig zu sein; nun kamen sie in eine andere Klasse der göttlichen Schule und mussten lernen hoch sein (Philipper 4, 12). Die neue Stellung brachte viele neue Aufgaben. Mütterleins ganze Art und Veranlagung, ihr schlichtes, „fadengerades“ Wesen konnte sich nicht immer so leicht anpassen in die Erfordernisse der neuen Umgebung. Aber sie kannte den herrlichen Helfer. Unter ihren schriftlichen Aufzeichnungen findet sich folgendes Gebet aus dieser Zeit: „O Herr, laß mich sein eine Mutter in Israel, eine Priesterin in deinem Hause und in meiner Familie! Laß mich sein eine Maria, die zu deinen Füßen sitzt, eine Maria, die als deine Magd deine Worte bewegt in ihrem Herzen!“

Sie wurde wirklich eine Mutter der Gemeinde und hatte ein verständnisvolles Herz für alle. Wieviel Not und Schmerz hat sie gestillt, nicht nur durch milde Gaben, sondern durch persönliche Aufopferung. Sie besuchte nicht nur die Kranken, sondern sie half sie pflegen. Eine ältere zierliche abessinische Frau hatte, wie so manche ihrer Landsleute, eine Pilgerfahrt nach Jerusalem gemacht und stand am Ende der Reise elend und völlig mittellos da. In ihrer heimatlichen Provinz Schoa hatte sie den Rang einer Prinzessin gehabt, und auch hier in der Armut, die sie umgab, wußte sie eine gewisse Vornehmheit zu bewahren, die etwas Rührendes hatte. Wir bewohnten damals gerade (wie öfter im Sommer) einen Teil des Schulhauses auf Zion, und der müden Abessinierin wurde ein Kämmerchen oben bei dem flachen Dache des Hauses angewiesen. Da erkrankte sie plötzlich. Mutter ging hinauf, nach ihr zu sehen, und kam zurück mit dem Bescheid, es stehe sehr ernst, sie wolle sich nur umkleiden und dann bei ihr bleiben, solange es nötig sei. Es war Cholera. Ach, jenen Abend vergesse ich nicht! Es war schwer, fern zu bleiben und unsere zarte Mutter mit der Kranken allein zu lassen. Aber sie tat es nicht anders, und es ging auch nicht lange. Nach wenigen Stunden kam sie, müde und erschöpft, aber ganz friedlich wieder herunter. Die abessinische Pilgerin hatte ausgelitten.

Mutters kleines grünes Empfangszimmer hätte viel erzählen können. Wie mancher Ehestreit, namentlich unter den arabischen Gemeindegliedern, wurde da geschlichtet, wie manches Bekenntnis abgelegt, wie mancher Rat gepflogen in Sachen der Schulen und anderer Bestrebungen. Mutter war eine wahre Gehilfin ihres Mannes, dabei aber als echte Tochter Saras ihm untertan, und nannte ihn Herr und fürchtete keine Schrecknisse (1. Petrus 3, 6).

Ein lieblicher Zug schwebt mir vor. Einst meldete unser arabischer Diener Vssa einen Besuch. Vssa hatte durch langjährige Gewohnheit Übung bekommen im Empfang der zahlreichen Gäste, die in den verschiedensten Angelegenheiten ins Bischofshaus kamen. Er wies die einen ins Empfangszimmer, die anderen in Vaters Studierzimmer, wieder andere bat er zu warten. Den heute vorsprechenden Reisenden mit dem geistvollen Gesicht und doch so bescheidenen Anzug wußte er nicht gleich unterzubringen und tat das einzig Richtige: er bat die Mutter, sie möchte doch selbst kommen. Sie ging, und wir schauten interessiert zu. Da stand in dem offenen Hausflur, wie man sie in den meisten orientalischen Häusern hat, ein alter, ehrwürdiger Mann in etwas absonderlicher grauer Kleidung und schüchterner Haltung. Mutter ging freundlich auf ihn zu, und kaum hatte er ein Wort gesagt, offenbar seinen Namen genannt, so streckte sie ihm mit leuchtenden Augen beide Hände entgegen, führte ihn hinauf in ihr grünes Zimmer und nötigte ihn, es sich auf dem Divan bequem zu machen und sich zu erfrischen. Dabei sprach sie ein so fröhliches, sicheres Schweizerdeutsch, wie wir es von ihr noch selten gehört hatten. Ihre Freude war groß. Kein Wunder. Der Mann war Daniel Schlatter von St. Gallen (einer der Söhne jener in christlichen Kreisen hochverehrten Frau Anna Schlatter). der „Tataren-Schlatter“, wie man ihn nannte, weil er seine schönsten Jugendjahre unter den Tataren Südrußlands zugebracht, um ihnen das Evangelium zu bringen und vorzuleben. Im hohen Alter von fünfundsiebzig Jahren war er auf die Pilgerfahrt nach dem Heiligen Lande gegangen, um die Stätten zu sehen, die des Heilands Füße einst betreten haben. Er war von Jaffa zu Fuß herauf gewandert nach Jerusalem, hatte den Ölberg besucht und wollte nun frohen Herzens und von der Hoffnung auf die baldige Wiederkunft des Herrn beseelt, wieder nach Hause reisen. Wie genoß Mutter jenes Beisammensein! Es war mehr als das Wiedersehen mit dem schweizerischen Landsmann. Es hieß da:

Und wenn sich die Bürger von Zion
Begegnen im irdischen Land,
Da fühlen sie eng sich vereinigt
In heiligem, ewigem Band.

Doch das eigentliche Reich der Mutter ist der Kinderkreis, und meiner Mutter Bild wäre unvollkommen, wenn ich davon schwiege. Ihr größtes und wichtigstes Anliegen war, wie es sich denken läßt, ihre Kinder zu Jesu zu führen, sie mit ihm bekannt zu machen. Durch ihre wunderschönen Erzählungen von ihm hat sie ihn uns frühe sehr lieb gemacht. Das ist vielleicht eine der höchsten Dienstleistungen, die ein Mensch dem anderen tun kann.

Und dann, wie viel hat sie mit uns gesungen! Ich kann es nicht besser ausdrücken als in den Versen:

O wohl dem kleinen Kinde,
Dem seine Mutter singt,
Dem durch die Jugendträume
Manch heil’ge Weise klingt!
Denn niemals wird verstummen
Das Lied so sanft und leis,
Es wird noch mächtig tönen,
Wenn’s Kindlein ist ein Greis.

Mir ward solch Glück bescheret,
Ich dank es, Mutter, dir;
Du hast damit gestiftet
Ein reiches Erbteil mir.
Denn wenn aus meiner Harfe
Manch schlichtes Lied erschallt,
So ist’s, weil tief im Herzen
Dein Lied noch widerhallt.

Drum fort und fort soll klingen
Der frohen Kindheit Ton,
Und, was du mir gegeben,
Sei deiner Liebe Lohn;
Bis mich mein Hirte rufet
In seinen Arm und Schoß
Und ich auf ewig singe:
Ja wohl, mein Glück ist groß!

Freude, gesunde, natürliche Freude ist ein wirksames und notwendiges Erziehungsmittel. Wieviel Kostbares könnte ich da erzählen! Da gäbe es zu sagen von den schönen Spaziergängen und Ausflügen, die wir mit den Eltern machten an Orte, deren jeder eine heilige Erinnerung wachruft. Ich müßte die Blumen beschreiben, die in den ersten Monaten des Jahres die sonst so kahlen Hügel Judäas schmücken: die glänzend rote Anemone, wohl “die Lilie auf dem Felde“, die unser Heiland mit der königlichen Herrlichkeit Salomos verglich: dann die üppig aus Felsenspalten hervorwachsenden Zyklamen, die grüne Arumpflanze, die zarte himmelblaue kleine Iris und das schöne Blutströpfchen, das wir am liebsten in der Nähe des Gartens Gethsemane suchten. Blumen zu pflücken und zu trocknen ist einem jeden echten Jerusalemer Kind ein Teil seines Lebensinteresses.

Am aller-, allerschönsten war es, wenn wir in den Sommermonaten unter Zelten wohnten in der Nähe der Quelle von Nephtoa, dem heutigen Lifta. Gern würde ich erzählen von den alten Ölbäumen, unter denen wir des Sonntags — der für uns ein Tag der Freude war — im engen Familienkreis oder in zahlreicherer Versammlung zusammenzukommen pflegten. Gern möchte ich meine Leser führen zu dem einsamen, mächtigen Feigenbaum dort am felsigen Abhang, von dem aus man das Minaret Nebi Samuels im Strahl der untergehenden Sonne so traumhaft herüberleuchten sah. “Gerade wie St. Chrischona bei Basel,“ sagten manchmal Gäste aus der Schweiz. Wie wenig ahnte ich damals, daß ich nach kurzen Jahren das Kirchlein von St. Chrischona sehen, daß es meine Heimat werden und mir noch lieber sein würde als der schlanke Turm von Nebi Samuel, der meiner Kindheit Wonne war.

Nur einmal, während eines schönen Sommers, hatten die Eltern die Freude, die sieben Kinder, die der Herr ihnen geschenkt und erhalten hatte — zehn war die Vollzahl —, zusammen um sich zu haben. Der älteste Bruder war schon zur Erziehung nach Europa gegangen, als das jüngste Kindlein, Friedrich Wilhelm, geboren wurde. Zwei Brüderchen waren, samt jenem ersten abessinischen Blümlein, frühe verpflanzt worden in den himmlischen Garten.

Und mit den Jahren wurde es im Elternhause immer stiller. Ein Kind um das andere erhielt sein eigenes Heim und seine besondere Wirksamkeit. Da war es eine große Freude, daß die Eltern uns in der Schweiz öfter besuchten und ihren Kindern und Kindeskindern etwas von dem Segen mitbrachten, mit dem Gott ihr Leben gekrönt hatte. Zum letztenmal kamen sie im Jahre 1873. Im Freundeshause Sarasin in Riehen brachten sie die Sommermonate zu. Das war ein herrliches unvergeßliches Beisammensein für uns alle.

Aber als der teure Vater im Herbst erkrankte, da hatten beide Eltern nur das eine Verlangen: Heim nach Jerusalem! An Mutters Geburtstag, dem Tag, der uns Kindern stets ein Fest der Freude gewesen war, wurde diesmal ein wehmütiges Abschiedsfest gefeiert. Die Enkel sangen:

Wir hätten dir so gerne
Gewunden einen Kranz
Aus tausend schönen Blumen,
Voll Duft und Farb’ und Glanz.

Doch alle Blümlein schlafen
Ganz heimlich zugedeckt;
Vergißmeinnicht und Veilchen
Sind still im Schnee versteckt.

Drum möchten wir heut’ selber
Dein Festtagskränzchen sein.
Und alle froh umringen
Dich, lieb Großmütterlein!

Und können wir nicht krönen
Dein liebes Haupt zur Zier,
Wir winden um so fester
Uns um das Herze dir.

Bald wird ein Tag erscheinen,
Viel schöner noch als heut’,
Der alle sel’gen Frommen
Vereint in Ewigkeit.

Da wird dein Auge spähen
Nach deinem Kinderkranz:
O möchtest dort du finden
Auch unser Kränzchen ganz!

Vater drückte innig der Mutter Hand und sagte unter Tränen: „Ja, spähen werden wir, bis sie alle, alle kommen.“

Von Vaters Heimgang habe ich im vorigen Abschnitt erzählt und will nicht mehr darauf zurückkommen. Auch Mutter war dem Ziele schon ganz nahe. Bei dem tiefen Trennungsschmerz war sie doch innerlich gehoben und getragen durch das Miterleben des siegreichen Endes dessen, den sie so lange und treu geliebt und mit dem sie sich so innig eins wußte. Nur elf Wochen nach seinem Heimgang kam der Ruf an sie. Nach wenigen Tagen der Krankheit, in denen ihr gläubiges, liebendes, dankbares Gemüt so wohltuend zutage trat, schlief sie sanft ein am 1. August 1879.

O Mutter, Mutter! Was wird es sein, wenn wir am Morgen erwachen und auf ewig daheim sind im großen, schönen Vaterhaus!

Unter einem alten Ölbaum des von meinem Vater angelegten Friedhofs auf Zion ruhen nun die beiden, die im Leben für viele „holdselig und geliebt und im Tode nur kurz geschieden waren“ (2. Samuel 1, 23). Ein Stein bezeichnet die friedliche Stätte. Unter den teuren Namen steht in deutscher, englischer, hebräischer und arabischer Sprache das große Siegeswort: „Wer überwindet, den will ich machen zum Pfeiler in dem Tempel meines Gottes, und soll nicht mehr hinausgehen, und will auf ihn schreiben den Namen meines Gottes und den Namen des Neuen Jerusalems, der Stadt meines Gottes, und meinen Namen, den neuen.“ (Offenbarung 3, 12)

Aus frühester Jugend

In schattenhaften Umrissen und doch ganz bestimmt weiß ich mich zu erinnern, wie ich einmal als kleines Kind in das elterliche Wohnzimmer zu Jerusalem gerufen wurde und dort einen fremden Mann in einem Lehnstuhl am Fenster sitzen sah. „Komm, mein Kind,“ sagte mein Vater, „gib diesem Herrn die Hand; er ist dein größter Wohltäter.“ Schüchtern kam ich herzu. „Also das ist das kleine Mädchen,“ sagte der Fremde, nahm mich auf die Knie und schaute mich so freundlich an, daß mir’s ganz wohl wurde ums Herz.

Das ist alles, was ich von dieser Begegnung weiß. — Es hatte aber damit folgende Bewandtnis:

Der Herr war ein hervorragender englischer Arzt, Dr. Adair Crawford.

Ihn hatte mein Vater konsultiert nach seiner Rückkehr aus Abessinien, und aus der Begegnung der beiden Männer war eine herzliche Freundschaft erwachsen. Etliche Jahre später, als meine Eltern in großer Sorge waren um mich, weil mein Nervensystem infolge einer schweren Gehirnentzündung gelitten hatte, gab Dr. Crawford so gute Ratschläge sowohl für die körperliche als besonders auch für die seelische Behandlung des Kindes (sanfte Festigkeit und große Stille waren das bemerkenswerteste), daß bald, durch Gottes Güte, entschiedene Besserung eintrat. Darum wurde ich frühe gelehrt, mit Liebe und Dankbarkeit des Mannes zu gedenken, der meinen Zustand so gut verstanden und mir zur physischen und psychischen Genesung geholfen hatte.

Diese Begebenheit, so wichtig sie für mein späteres Leben gewesen sein mag, hätte doch nicht in den Rahmen dieses Buches gepaßt, wenn nicht die Geschichte des Mannes so bedeutungsvoll gewesen wäre, daß ich mich freue, sie hier mitteilen zu dürfen. Ich tue es in den Worten eines anderen, der sie so schön erzählt hat, daß jede Änderung ein Schaden wäre. Er schreibt:

„Es war im Jahre 1838, daß ich eines Tages mit dem teuren Missionar Samuel Gobat, der nicht lange zuvor als kranker Mann aus Abessinien zurückgekehrt war, durch die Straßen von London ging. Ich wollte ihn zu einem der ersten Ärzte begleiten, der mit Gobat befreundet war und der uns eingeladen hatte, bei ihm den Tee zu trinken. Als wir sein Haus erreicht, führte man uns erst in ein behaglich ausgestattetes großes Zimmer, wo wir den Arzt erwarteten. Unter allem, was mich umgab, fiel mir ein kleiner Kindersessel auf, der, ohne in die übrige Einrichtung hineinzupassen, in dem Zimmer stand. Er schien daraus hinzuweisen, daß der Arzt Familienvater sei. Darauf deuteten auch die lieblichen Bildnisse von Kindern, die ein größeres Frauenbild umgaben. Endlich trat der Doktor herein und begrüßte uns mit Wärme.

Nach den ersten Fragen und Verhandlungen über Gobats Gesundheit wurden wir in das Speisezimmer gerufen, wo ich die Familie des Arztes zu treffen erwartete. Allein zu meiner Verwunderung sah ich nur drei Gedecke. So nahm ich bald Veranlassung, unsern liebenswürdigen Wirt zu fragen, ob die Seinen vielleicht abwesend seien, denn teils die Bilder, teils der kleine Kindersessel hätten mir gezeigt, daß der Herr ihm eine zahlreiche liebliche Familie geschenkt habe.

»Abwesend?« erwiderte der Arzt mit einem eigentümlich schmerzlichen Ausdruck im Gesicht. »Nein, sie sind daheim!«

Ich wußte mir die Sache nicht recht zu deuten und schwieg. Auch er schien in Gedanken versunken. Nach einer Pause jedoch nahm er das Gespräch wieder auf: »Sie werden mich nicht ganz verstanden haben. Die Dame, deren Bild Sie sahen, ist mein liebes, teures Weib, und die sieben Kinder um sie her sind meine geliebten Kinder. Der Herr aber, der sie mir geschenkt, hat sie mir alle wieder genommen. Sie sind daheim bei Ihm. Ich bin allein zurückgeblieben in der Fremde.«

Er hielt inne und suchte seine tiefe Bewegung niederzukämpfen.

»Das letzte meiner Kinder,« fuhr er dann fort, »mein süßer Liebling, pflegte auf dem kleinen Stuhle, den Sie sahen, bei mir zu sitzen, wenn ich arbeitete, und war mein Trost in meiner Trübsal. Aber auch dieses letzte mir zu nehmen, fand die Weisheit meines Gottes für gut, auf daß Er selbst mir alles würde!«

»Ich habe,« fuhr er nach einer Pause fort, »den Herrn zuvor nicht gekannt. Ich habe mir selbst und der Welt gelebt, und mein Schatz waren mein Weib und meine Kinder. Aber es ging mir wie einem Schiff, das man vom Stapel läßt. Das liegt stolz und sicher auf dem schiefen Damm, wo es gezimmert wird, bis seine Stunde kommt. Da wird zuerst rechts und links eine Stütze um die andere weggenommen, bis zuletzt nur noch ein schwaches Tau es auf seiner abschüssigen Fläche festhält. Aber auch dieser letzte Halt wird mit der Axt durchgehauen, und das schwanke, bebende Schiff gleitet hinab in die weite, tiefe Meeresflut. Ja, so ist es mir gegangen. Aller irdischer Halt ist mir von der Hand des Herrn genommen, auch das letzte Ankertau ist abgehauen, so daß ich erbebte und sank und hinabstürzte. Aber,« und hier verklärte sich sein Angesicht, »aber ich bin nicht in den Abgrund gestürzt, sondern mein Schifflein schwimmt nun auf dem Meer der Erbarmung Gottes.«

Oft habe ich jenen teuren, vielgeprüften Arzt in London wieder besucht. Um ihn her ist alles anders geworden. Nachdem er an den Sterbebetten seiner Lieben den Fürsten des Lebens gefunden, ging sein ganzes Bestreben dahin, diesem Lebensfürsten mit all seinen Gaben und Kräften zu dienen.

Er bot zunächst der Kirchlichen Missionsgesellschaft an, daß er ihre heimgekehrten invaliden Missionare unentgeltlich in seine Kur und Pflege nehmen wolle, was er auch mit aller Treue tat. Das genügte ihm jedoch nicht. Die Sehnsucht, den Ruhm seines Gottes und Heilandes laut zu verkündigen, veranlaßte ihn, seinen ärztlichen Beruf mit dem eines Predigers zu vertauschen. Er bezog in vorgerücktem Alter noch für ein Jahr die Universität von Oxford und wurde durch den Bischof ordiniert. Was er im Leiblichen verloren, das schenkte ihm der Herr in geistlicher Weise: eine Schar von Söhnen und Töchtern, die durch ihn zum wahrhaftigen Leben gekommen sind. Er hatte alles verloren, aber alles gewonnen.“ Soweit die Erzählung des Freundes.

Nicht wahr, mein Leser versteht es nun, warum ich diese Geschichte so gern in meine Annalen geflochten habe und warum ich diesen Mann gern in die Reihe derer stelle, durch die mein Leben gesegnet worden ist?

Noch ein Name aus fernster Jugendzeit soll hier genannt werden, ein Name, der nicht nur durch flüchtige Begegnung mir teuer geworden, sondern durch sechs Jahrzehnte hindurch meinem Herzen teuer geblieben ist.

Frau Jenny Palmer war als junges Mädchen zu uns gekommen, um meiner Mutter eine Stütze und uns Kindern eine Pflegerin zu sein. Jenny Givel hieß sie damals, und das liebliche Städtchen Payerne in der Waadt war ihre Heimat. Wann sie bei uns eingetreten ist, das entzieht sich meiner Erinnerung: ich war noch zu klein. In Kinder-stuben-Ausdrucksweise hieß es: „Sie ist schon immer dagewesen.“ Ob sie wirklich so schön war, wie meine Erinnerung es mir vormalt, weiß ich nicht. Sie hatte tiefblaue Augen und ein sonniges Lächeln und war noch im Alter eine so angenehme Erscheinung, daß ich mich wohl nicht täusche über ihre Jugendzeit. Sie war immer fleißig. Ein Schlüsselbund rasselte an ihrer Seite. Ein Korb mit Flickstrümpfen war stets vorhanden, und ich fürchte, wir sorgten dafür, daß er nie lange leer blieb. Was sie alles zu tun hatte, kann ich nicht sagen. Eins aber weiß ich: Sie hat die gewöhnlichsten Arbeiten mit einem so frischen Hauch nicht nur von Liebe, sondern auch von echter, reiner, ich darf wohl sagen göttlicher Poesie zu umgeben gewußt, daß es mir heute noch unvergeßlich ist. Alles in der Natur ward ihr zum Sinnbild ewiger Wahrheiten.

Noch viel bewußter genoß ich den Umgang mit ihr in späteren Jahren. Sie hatte sich mit dem Oberlehrer unserer Zionsschule, Herrn Ferdinand Palmer, verheiratet, und ihr Haus wurde für unsere ganze Familie ein zweites Heim. Die Pflegerin meiner Kindheit war die vertrauteste Freundin meiner reiferen Mädchenjahre. Da verstand ich noch viel besser als früher, wie alles Irdische ihr ein Spiegelbild des Himmlischen war. Ob sie ihr Zimmer reinigte oder am Herde stand — sie besorgte, solange ich sie kannte, alle Hausarbeit allein —, ob sie Zitronen auspreßte oder die roten Kerne des Granatapfels aus den trockenen Schalen herausstreifte oder ob sie, wenn der schwüle Tag sich neigte, sich ein Weilchen der Ruhe gönnte und wir durch das große, weite Fenster hinunterschauten in das dämmerige Tal Gihon zu unseren Füßen und hinüber zu den blau und rot schimmernden Bergen von Moab, immer und bei allem hatte sie irgendeinen Gedanken oder eine Anspielung an Gott und sein Wort. Und das war alles so natürlich und fein, daß es niemand abgestoßen, sondern viele tief erbaut, ja manchen bis dahin gleichgültigen Wanderer wie mit einem Magnet mächtig hingezogen hat zum Unsichtbaren und Ewigen.

Sie sprach aber nicht nur, sondern sie besaß die höhere Kunst, sorgfältig zuzuhören und mit liebendem Verständnis einzugehen auf die Freuden und Leiden der anderen.

Ich will dem Wunsch nicht widerstehen, einige Auszüge aus Briefen mitzuteilen, die sie mir während meiner Brautzeit schrieb. Sie sind so schön und kenn- zeichnen so gut ihre ganz eigenartige Persönlichkeit, daß es fast schade wäre, sie nicht nutzbar zu machen für andere. Sie sind auf französisch geschrieben, und es tut mir leid, in der Übersetzung nicht die ganze Schönheit der Sprache wiedergeben zu können.

Sie schrieb nach erhaltener Verlobungsanzeige, da ich mich auf einer Reise in Europa befand:

„Ich stimme mit Dir ein in das Lob: Der Herr ist unendlich gut. O laß uns immer mehr darauf bedacht sein, einem so guten Herrn treu zu dienen! Ich habe Dir mit Absicht so lange nicht geschrieben: denn einesteils wollte ich Dich recht still sein lassen mit dem großen Glück, das Dein Herz erfüllt, und andernteils sah ich Deinen Bräutigam die ganze Zeit nie, und hätte Dir somit nichts von ihm zu sagen gewußt. Und ich wußte Wohl, daß Dein Herz doch nicht da wäre, wo er nicht ist. Wie gut wäre es, wenn wir Christen immer in so bräutlichem Verhältnis zu unserem Herrn Jesus lebten, daß wir alle Dinge dieser Welt beurteilten nach dem einen Gesichtspunkt, ob Jesus mit dabei ist, ob sie uns von ihm sprechen, an ihn mahnen, oder ob sie uns von ihm abziehen.“

In einem späteren Briefe heißt es:

„Das Glück, mein Liebling, das eheliche Glück ist zusammengesetzt aus Hingabe und Selbstverleugnung und manchem stillen Weh. Von sich selbst los sein, sich selbst vergessen, geben ohne nehmen zu wollen, das ist das Wesen der Liebe, Dienen, dienen, immer wieder dienen, ohne das Recht geltend zu machen, wieder bedient zu werden, das ist der Liebe Bedürfnis. Lieben, weil man nicht anders kann als lieben, nicht weil man wieder geliebt werden will, die eigenen Leiden und Nöte so viel wie möglich im Verborgenen tragen und immer bereit sein, diejenigen des geliebten Mannes zu teilen, ihm eine Gehilfin sein in allen Dingen und zu allen Zeiten, das ist der wahren Liebe Glück.

Solches Glück sei Dein, mein vielgeliebtes Kind, ein Glück, das einzigartig ist hienieden, ein Glück, das, wie mir scheint, in besonderer Weise eine Zubereitung ist für den Himmel. Und neben der ernsten, verleugnungsvollen Seite, die der Ehestand besonders für die Frau hat, findet sie darin eine solche Fülle schöner, edler, süßer und heiliger Freuden, wie sie sonst wohl nirgends auf Erden vorhanden sind, Freuden, die, wenn wir sie vor Gottes Augen genießen, mit den Jahren nur zunehmen und das Leben immer mehr weihen und verschönern.

Mein teures Kind, sei nur recht glücklich, sei guten Muts, schaue nicht zurück, rechne immer auf die Kraft Jesu, die in den Schwachen mächtig ist.“

Entgegen früherer Verabredung kehrte ich vor der Hochzeit nicht mehr nach Jerusalem zurück. Bei der Ankunft im neuen Heim zu Alexandrien erwarteten mich folgende Zeilen von meiner Jenny:

„Ich komme Dir entgegen. Ich warte auf Dich in Deinem Hause, um Dir ein Wort des Willkomms zuzurufen. Ziehe ein, Gesegnete des Herrn, ziehe ein in das Haus Deines Mannes, und sei glücklich, sei fröhlich, sei nützlich, sei ein Segen für alle, die Dich umgeben! Sei ein Licht, das mit sanftem Strahle glänzt, das durch Liebe wärmt, das in Hoffnung ausharrt. Sei die Efeuranke, die den Eichstamm umgibt. Sei der bescheidene Thymian, der die Luft mit süßem Wohlgeruch erfüllt. Sei ein verschlossener Garten, eine verschlossene Quelle, ein versiegelter Born!

O wie gern möchte ich Dich an mein Herz drücken, um Dir viel besser als mit Worten sagen zu können, was mein Herz bewegt: meine tiefe Dankbarkeit gegen den guten Herrn, der Dich in der Vergangenheit so treu geführt, und meine frohe Zuversicht für Deine Zukunft als Lebensgefährtin eines solchen Mannes! Lebenslang Deine getreue Jenny Palmer.“

Nach meiner Abreise von Jerusalem wurde unser Umgang naturgemäß ein anderer, wiewohl wir durch Korrespondenz verbunden blieben. Ihre Briefe hatten, ähnlich wie die angeführten Proben, stets etwas Stärkendes und Erhebendes, immer mehr auf den Heiland Hinweisendes. Einmal, nach vielen Jahren, hatte ich die große Freude, sie in meinem Heim zu St. Chrischona zu empfangen. Ihr Leben als Gattin und Mutter brachte ihr nach Gottes Rat Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Aber in allem war er ihr nahe. Eine besonders große, heilige Freude war für sie die Verheiratung ihrer jüngsten Tochter, meines lieben Patenkindes, mit dem früheren Kunstmaler und nachherigen Missionar Frederic Christol. Sechsundzwanzig Jahre lang hat dies liebe Paar im Lessouto in Südafrika gearbeitet, und als sie sich 1908 in den Ruhestand begeben mußten, da hatten sie die Freude, zwei Söhne als Missionare und zwei Töchter als Missionarsfrauen zurückzulassen in dem dunkeln Erdteil, in dem das Evangelium schon so viele Helle Lichtlein angezündet hat. Mutter Palmer hat als treue Priesterin diese ganze Arbeit auf betendem Herzen getragen.

Im Jahre 1892 ging ihr treuer, frommer Gatte nach sechsundvierzigjähriger Wirksamkeit im Heiligen Lande zur Ruhe des Volkes Gottes ein.

(Er war im Jahre 1846, zusammen mit Conrad Schick, dem späteren Baurat, als einer der ersten Pilgermissionare von St. Chrischona ausgesandt worden.)

Etliche Jahre nach seinem Heimgang machte die Witwe einen längeren Aufenthalt in Frankreich, wo ihre Afrikakinder gerade im Urlaub weilten. Dies brachte sie in Berührung mit vielen Missionsfreunden, denen der Umgang mit ihr eine Freude und Glaubensstärkung war. Beim Jahresschluß 1900 schrieb sie: „Als unser lieber Vater heimging, sagte er mir: »Du wirst bald nachkommen!« Nun sind seither acht Jahre vergangen, und ich bin noch immer auf der Reise.“ Aber das Ziel war nicht mehr fern. Am 19. Februar 1901 ging sie zu ihrem Herrn als eine Gesegnete, die für viele ein Segen war, auch für mich.

Beim Niederschreiben dieser Erinnerungen scheint es mir, ein solches Leben sei gerade für unsere Tage eine Mahnung und eine Ermunterung. Es bestätigt die Wahrheit, die so leicht in Vergessenheit gerät, daß wir viel mehr wirken durch das, was wir sind, als durch alles, was wir sagen oder tun können. Es ist schmerzlich, wahrzunehmen, wieviel Mühe man oft hat, Gehilfen und Gehilfinnen zu finden für bescheidene und untergeordnete Posten. Man will lieber herrschen als dienen, lieber führen als folgen, lieber reden als arbeiten, lieber den Dienst wählen als dem Dienstherrn zur Verfügung stehen. Wohl allen, die Ihm gehorchen, daß sie warten an dem Pfosten seiner Tür täglich, damit er ihnen ihre Arbeit anweise, wie er will! Und dreimal wohl denen, die auch das Verborgene und Geringe gern tun um seiner Liebe willen!

Ein gesegneter Kreis

Von den Onkeln und Tanten war in meinem Geschwisterkreis viel die Rede. Es war dies ein Sammelname für Personen, die wir mit einer einzigen Ausnahme nicht kannten und doch liebten. Wir beteten alle Tage für sie und hatten uns durch Mutters Erzählungen, denn ich rede jetzt von ihrer Familie, ein gewisses Bild von ihnen gemacht, das uns hochinteressant war. Wir waren auch in dieser Beziehung sehr bevorzugt und zwar quantitativ sowohl wie qualitativ. Mutter hatte neun lebende Geschwister, von denen sechs durch Verheiratung noch weitere Onkel und Tanten in den reichen, zuletzt siebzehngliedrigen Kreis brachten. Als wir heranwuchsen und nach Europa kamen, lernten wir sie der Reihe nach kennen, und ich habe von den meisten von ihnen Eindrücke und Erinnerungen bewahrt, die zu den mir voranleuchtenden Segensspuren gehören. Die Männer waren sämtlich Theologen oder Pädagogen, mit Ausnahme eines lieben gläubigen Fabrikanten, der wie jener Kaufmann im Gleichnis die Eine köstliche Perle, Jesum Christum, gefunden und alles Eigene verlassen hatte, um ihn zu gewinnen. Die Frauen waren begabte, fromme, einfache Persönlichkeiten, die den Stempel ihrer gottesfürchtigen Erziehung in die verschiedenen Kreise trugen, wohin sie von ihrem großen Herrn gestellt wurden.

So lieb mir das Andenken aller ist, kann ich hier doch nur von einzelnen erzählen.

Freundlich lebt in meiner Erinnerung das Bild des traulichen Württembergischen Pfarrhauses in Fellbach, wo Onkel und Tante Werner lebten. Ihr Haus war stets unser Absteigequartier, wenn wir alle paar Jahre nach Europa zu Besuch kamen. Mit inniger Dankbarkeit und etwas nachträglicher Beschämung denke ich daran, welche Mühe und Unruhe es verursacht haben mag, uns alle, Vater, Mutter, mehrere Kinder und dazu viel Gepäck, unterzubringen. Aber von Mühe und Unruhe merkte man nichts, sondern mit lauter Wohlwollen und Freude wurden wir empfangen, sowohl von den lieben Hauseltern als von den zahlreichen Vettern und Basen. Und wenn man dann nach all den Begrüßungen im Wohnzimmer angelangt und um den Tisch versammelt war, da stimmte der große, stattliche Onkel, noch ehe man sich setzte, ein Loblied an, etwa: Nun danket alle Gott! und weihte so vom ersten Augenblick das Beisammensein durch Danksagung und Gebet.

Abends nach dem Nachtessen pflegten Männer und Frauen aus der Gemeinde sich zwanglos im Pfarrhaus einzufinden, die Männer in ihren gelbledernen Kniehosen, mit ihren klugen Gesichtern und seinem Anstand, die Frauen sittsam und nicht minder intelligent aussehend, jede mit ihrem Strickzeug. Die Gemeinde sollte auch Anteil haben an dem Besuch aus Jerusalem, und der Pfarrherr verstand es, durch allerlei Fragen den Gast anzuregen zu Mitteilungen aus dem Missionsfeld. Eine Andacht beschloß die schönen Abendstunden, und von den „Bauern und Weingärtnern“, die gekommen waren, hat mancher Friederli und Hannesli ein gutes, kräftiges Wort mitgesprochen. Mit Freuden denke ich noch heute, nach mehr als einem halben Jahrhundert, an diese schönen Vereinigungen und setze die Beschreibung hierher im Gedanken, sie möchten da und dort in Pfarr- und Evangelistenhäusern Nachahmung finden. Es war keinerlei Bewirtung damit verbunden, was solche Veranstaltungen oft erschwert oder gar undurchführbar macht. Es kostete nichts als — Liebe und etwas Mühe beim nachherigen Aufräumen.

Die Tante, anspruchslos und demütig, dachte nicht an sich, sondern diente und sorgte und verschönte alles durch ihre lautere Freundlichkeit. Wenn ich es auch damals nicht so hätte sagen können, so fühlte ich es doch instinktiv, daß der liebliche Duft, den man im Hause einatmete, zum großen Teil diesem bescheidenen Veilchen entströmte.

Ich sah die beiden noch in ihrem Alter, Onkel gebeugt wie eine volle Ähre, oft fast zu sehr gedrückt durch das Gefühl von eigener Unvollkommenheit, aber doch nicht wankend von dem festen Glaubensgrund, den er in den Tagen seiner Kraft, wenn die Scharen auch von auswärts in seine Kirche strömten, mit solcher Klarheit und Beweisung des Geistes verkündigte. Tante blieb bis zuletzt ein frohes, seliges Gnadenkind, klein in ihren eigenen Augen, aber stark in ihrem großen Heiland.

Eine besonders beliebte Persönlichkeit war Tante Sophie, die einzige ledig gebliebene Zellertochter. Lange Jahre war sie ihrer Eltern treue Stütze in Beuggen und dann während sechsunddreißig Jahren die Gehilfin ihres Bruders Samuel in Männedorf.

Dort haben viele sie kennengelernt und sich an ihrer lauteren, nüchternen und doch so warmen Frömmigkeit gefreut. Es war ein großer Segen für den Bruder und für den ganzen Kreis von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, daß ihnen der Herr diese Hausmutter zuführte, so urwüchsig und originell, so abhold allem, was nur frommer Schein und Sentimentalität war, und dabei so beflissen, Gottes Willen zu tun. Von ihr stammen die schönen ergänzenden Verse zu der Tholuckschen Strophe:

„Aus der Enge in die Weite,
Aus der Tiefe in die Höh’
Führt der Heiland seine Leute,
Daß man seine Wunder seh’.“

Aus der Weite in die Enge,
In die Tiefe aus der Höh’,
Aus der Freiheit ins Gedränge
Führt der Herr auch je und je.

Aus der Freude in die Trauer.
Aus dem Glück in Schmerz und Leid,
Ja, auch selbst durch Todesschauer
Führt Er in die Herrlichkeit.

Wird dann gar die Welt zu enge,
Läßt Er seinen Trost uns seh’n:
Und sein Arm greift ins Gedränge,
Daß wir fest und sicher geh’n.

Und dereinst nach allen Proben
In der lichten Ewigkeit
Werden wir den Heiland loben
Für die Führung in der Zeit.

Ist in dem vorigen Abschnitt ein Loblied des ehelichen Glücks gesungen worden, so soll Sophie Zellers ganzes Leben uns zeigen, wie reich und froh ein jungfräuliches Leben sein kann, wenn es geführt wird in und mit dem Herrn.

„Tante, warum hast du dich denn nie verheiratet?“ wurde sie einmal von einem naseweisen Nichtchen gefragt.

Die roten Bäckchen der alten Tante wurden noch ein wenig röter, und die Augen leuchteten hell und klar, als sie antwortete: „Weil ich immer so glücklich war, daß ich dachte, ich könnte weniger glücklich werden.“

In der Tat, die oft Begehrte hatte sich das Los erkoren, das Paulus in den Worten beschreibt: Welche nicht freiet, die sorget, was dem Herrn angehört, daß sie heilig sei.

Hier ist das Geheimnis angedeutet, das auch ein einsames Leben verklären und fruchtbar machen kann.

Erstens: dem Herrn angehören, ihn zum Bräutigam und Haupt erwählen, ihm untertan sein, ihm folgen in allen Dingen nach dem schönen Wort:

Hab an Ihm, was nur dein Herz begehret,
Denn Er will dir alles sein.

Zweitens: eine Arbeit haben, ein lebendiges Interesse, also daß man in Wahrheit sorgt um das, was dem Herrn gehört, was er einem jeden einzelnen zuweist, damit die Gedanken sich nicht konzentrieren auf das eigene Ich.

Im hohen Alter ging es mit der teuren Tante noch durch eine schwere Leidenszeit. Sie verletzte sich durch einen Fall die Hüfte und litt manche Monate lang sehr. Eines Morgens fand ihr Bruder sie bei seinem täglichen Besüchlein recht niedergedrückt. „Sophie,“ sagte er freundlich, „denke an das viele Gute, das dir Gott dennoch tut. Jetzt mußt du lernen sprechen: »Te Deum laudamus!«“ (Dich, Gott, loben wir!) Den nächsten Morgen kam er wieder. «Nun, Sophie, wie geht es heute?“ — „Te Deum laudamus!“ erwiderte sie mit etwas weinerlicher Stimme. „Das ist wohl das rechte Lied,“ sagte er innig teilnehmend, „aber es ist nicht die rechte Melodie.“

Sie hat aber auch die rechte Melodie noch gelernt. Der Herr schenkte ihr körperliche und geistliche Erquickungsstunden und bereitete sie immer mehr zu auf das selige Ende.

Von meinem Onkel, Professor Thiersch, sind mir manche ernste Eindrücke geblieben. Dieser geistvolle Gelehrte hatte auch in seinen äußeren Umgangsformen etwas so Reines und Hoheitsvolles, daß der Verkehr mit ihm reichen Gewinn brachte. Auf dem Worte Gottes stand er unerschütterlich fest, und trotz mancher abweichenden Ansichten fand man sich da in der Einigkeit des Geistes zusammen. Zwei Worte von ihm sollen hier festgehalten werden.

Es besuchte ihn, der bekanntlich der Apostolischen Gemeinde (Irvingianer) beigetreten war, eine unglückliche Dame, die schon in vielen verschiedenen Gemeinschaften und Denominationen den Frieden ihrer Seele gesucht und nie gefunden hatte. Nun wollte sie es in der irvingianischen Kirche probieren. Thiersch erkannte die Gefahr eines solchen Herumirrens und entgegnete ihr ernst und feierlich: „Es ist ein köstliches Ding, daß das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade, und nicht durch irgend welche Lehrsätze und Formen, auch nicht durch die der apostolischen Gemeinde.“

Und wunderschön ist noch ein anderes Wort: „Gott ist ein Gott der Ordnung. Wie die Sterne ihren regelmäßigen Gang haben, so sollen sich auch die Diener Gottes an Pünktlichkeit gewöhnen, besonders beim Dienst im Heiligtum.“

Beuggen war und blieb der Mittel- und Sammelpunkt der Familie, auch nach dem Heimgang der Großeltern. Onkel Reinhard, der zehn Jahre seines Vaters Gehilfe und dann weitere dreißig Jahre Inspektor der Anstalt war, wußte das alte Heim für seine Geschwister und deren Kinder nicht nur zu einem traulichen Aufenthaltsort, sondern zu einer Stätte des Segens zu gestalten. Er hatte eine besondere Gabe des Mitteilens göttlicher Kräfte. Viele Jahre war erkrank an Gelenkrheumatismus. Das hinderte ihn aber nicht, seine Arbeit zu tun. Es hinderte ihn auch nicht, wie er es oft leuchtenden Auges bekannte, ein glückseliger Mensch zu sein. An seiner Seite waltete die treue, umsichtige und hingebende Gattin, Tante Elise, die nicht mit vielen Worten, aber mit vielen Taten liebte. Sein älterer Bruder, Onkel Nathan, wirkte als Lehrer und Verwalter nahezu vierzig Jahre lang neben ihm. Das war ein stiller, zurückgezogener Charakter, der tief empfand, aber wenig äußern konnte. An einem Familienfeste wurde er einst aufgefordert, auch ein Wort zu sprechen. Das war sonst nicht seine Sache. Aber diesmal tat er es doch und sagte mit von Tränen gehemmter Stimme, das Wörtlein und in Johannes 11, 5 sei ihm zum Trost geworden. Jesus kenne und liebe jedes einzelne mit Namen, nicht nur Martha und Maria und Lazarus, sondern auch Reinhard und Elise und Nathan. — Als er wegen zunehmender Schwerhörigkeit von seinem Lehrposten zurücktreten sollte, war es ihm zuerst sehr schwer, und er konnte es kaum fassen. Doch fügte er sich still, traf seine Anordnungen und wollte eben in den nächsten Tagen abreisen, als ein Herzschlag ganz unerwartet seinem Leben ein Ende machte. In den vielen Wohnungen des Vaters war für ihn der Platz bereit.

Bei einer anderen Familienzusammenkunft war’s, daß Tante Therese Werner in ihrem hohen Alter noch einen Besuch in Beuggen machte. Sie saß in stiller Freude neben dem kranken Bruder Reinhard, und man tauschte Jugenderinnerungen aus.

„Ach,“ sagte der Onkel, „wie wenig Verständnis hatten wir doch in der Kindheit für die herrlichen Dinge, die wir lernten! Wenn wir z. B. das Lied sangen: Weil ich Jesu Schäflein bin, da hatten wir doch noch keine Ahnung von dem unaussprechlichen Glück, das in diesen Wahrheiten liegt.“

„O ja,“ meinte die Tante. „Es ist wie der Strom, durch den ein Lamm waten und in dem ein Elefant schwimmen kann.“

Sie faßte des Bruders welke Hand, und ganz spontan stimmten die beiden Alten jenes süße Kinderlied an und sangen alle drei Verse durch bis zum seligen Schluß: Amen, ja, mein Glück ist groß!

Es war einzig schön

Das Leiden Onkel Reinhards erfaßte mehr und mehr den ganzen Organismus. Von meiner letzten Unterredung mit ihm machte ich mir eingehende Notizen. Auch da noch, in seiner großen leiblichen Schwachheit, sprudelte das Wasser des Lebens hell und klar.

«Ich bin unaussprechlich selig,“ sagte er, «aber ich bin noch nicht im Himmel. Satan schleudert auch jetzt noch seine feurigen Pfeile ab. Man muß bis zuletzt in der ganzen Waffenrüstung Gottes stehen. Und wenn je solch ein Pfeil verwundet hat, dann nur rasch die Seele wieder gebadet im Blut des Lammes.“

Er sprach von dem Versprechen, das er als Jüngling seinem Vater gegeben habe, alle Tage in der Bibel zu lesen. „Das war mir,“ so sagte er, «zuerst eine trockene Sache. Aber endlich ging mir am Abendhimmel ein Sternlein auf, nicht golden, nicht silbern, nicht Schaum und Traum, ein wahres, wesentliches Licht, Licht von oben. Nun kam Stern um Stern, aber es ging noch zwei Jahre, bis die Sonne selbst aufging, keine goldene oder silberne, kein irdisches Licht, nein, die wesentliche Sonne, Licht, Leben, Jesus Christus. O, was für ein seliger Mensch bin ich da geworden!“

So ging er heim, und so ging eines um das andere der Geschwister hinüber, bis nur der Jüngste übrigblieb, der ehrwürdige Onkel Samuel in Männedorf. Von ihm brauche ich nicht viel zu sagen. Das jüngst erschienene Buch: Samuel Zeller, ein Knecht Jesu Christi*) führt den ganzen reichen Lebenslauf dieses auserwählten Zeugen vor das geistige Auge des Lesers. Er ist ein großer und ein guter Mann gewesen, und uns war er noch mehr: ein väterlicher Bruder, ein priesterlicher Freund, ein leuchtendes Vorbild. Als am 18. April 1912 der heiße Tiegel brach, in dem er am Ende seines segensreichen Lebens bewährt wurde, und er eingehen durfte in die Ruhe, da war es uns Überbleibenden ein ergreifender und hehrer Gedanke, daß nun die ganze Geschwisterschar wieder mit den Eltern vereinigt sei im großen Vaterhaus, wie es der sterbende Vater einst so zuversichtlich ausgesprochen hatte (s. S. 36). Denn sie waren alle aus Gnaden, durch den Glauben, Christi Eigentum geworden.

O, nicht wahr, es müßte immer so sein? Die Familien gehören zusammen. Der Herr rettete Noah und sein ganzes Haus. Und das Verheißungswort lautet: Glaube an den Herrn Jesum Christum, so wirst du und dein Haus selig. Ach, daß es so oft nicht der Fall ist! Daß in manchem gläubigen Familienkreis ein teures Glied noch fehlt! Lasset uns beten, glauben, harren und immer lieben!

Sollten diese Zeilen einem solchen verirrten Kind zu Gesichte kommen, o wie gern möchten sie ein Heimweh wecken nach dem Familienkreise, wo man unablässig für den Wanderer betet, und noch vielmehr nach dem himmlischen Vaterhause, wo die ewige Liebe seiner wartet!

Eine Magd des Herrn

“Wenn ich neben ihr sitze, ist es mir immer, als wäre ich in einer Kirche.“ So habe ich in jungen Jahren den Eindruck geschildert, den meine geliebte Tante Sophie Gobat stets auf mich machte. Ich wußte damals nicht, wieviel Wahrheit diese Worte enthielten. Denn was macht das Wesen einer Kirche aus? Was gab dem Tempel seine Herrlichkeit und seine Würde? Ist es nicht die Gegenwart Gottes? Der stetige Wandel in der Gegenwart Gottes, das war es, was ein Abbé Fénelon, eine Madame Guyon und andere gottinnige Seelen als die wahre Seligkeit eines Christenmenschen priesen und worin sie sich übten.

Ich glaube nicht zu irren, wenn ich sage, daß dieses Vorrecht auch für meine liebe Tante das höchste Kleinod und das Geheimnis ihrer Kraft war. Dieses Wandeln vor und mit Gott war bei ihr gepaart mit großer Nüchternheit und treuer Arbeitsamkeit. Sie trug an ihrem ganzen Wesen die Signatur einer Magd des Herrn.

Es ist mir köstlich, ihr Lebensbild hier kurz zeichnen zu dürfen.

Ich führe meinen Leser zurück in das stille Juratal und das bergumkränzte Dorf Crémines (s. S. 15), wo Sophie Gobat am 23. Februar 1796 als ältestes Kind meiner frommen Großeltern geboren wurde. Unter mancherlei Druck und Selbstverleugnung wuchs die Tochter in jener bedrängten Zeit auf. Frühe suchte sie ihren Eltern zu helfen, indem sie in der Familie eines im Orte selbst wohnenden Onkels eine Stelle als Stütze annahm und treue Dienste tat. Da hat sie in ihrer Jugend ein schweres Joch tragen gelernt.

Aber sie bekam auch Anteil an dem reichen Segen jener schönen Zeit geistlichen Erwachens. Bei der stark ausgeprägten Persönlichkeit Sophie Gobats geschah der Schritt vom Tod zum Leben nicht ohne heißen Kampf und inneres Zerbrechen.

Herr Pfarrer Alex. Morel, der bekannte Berner Prediger, erzählt darüber folgende Einzelheiten, die er viele Jahre später von ihr selbst vernommen hat.

Sie war damals gerade zwanzig Jahre alt. Ein Lehrer Mérillat von Moutier, Mitglied der Brüdergemeine, hatte in Crémines eine Versammlung gehalten. Sophie hatte derselben beigewohnt, und die freudige Gewißheit, mit der der Redner von der Liebe Gottes und der allumfassenden Freiheit der Gnade redete, machte tiefen Eindruck auf sie. Sie wurde mächtig bewegt. Des Nachts floh sie der Schlaf. Eine große Traurigkeit erfüllte ihre Seele, und sie beschloß, die Gelegenheit des Jahrmarkts in Moutier zu benutzen, um den Mann aufzusuchen, durch dessen Zeugnis sie so unglücklich geworden war.

„Ich weiß nicht mehr,“ so erzählte sie, „was der liebe Mann mir alles zu erklären suchte, ich weiß nur, daß ich auf jede seiner Äußerungen ein Wort Gottes als Entgegnung und Einwand anzuführen wußte.“

„Sie sagen, Sie seien so traurig,“ sagte er. „Das ist die Wirkung des Heiligen Geistes, der seine Arbeit in Ihrem Herzen begonnen hat.“

„Die Wirkung des Heiligen Geistes?“ erwiderte Sophie. „Ich glaubte, der Heilige Geist bringe Freude ins Herz.“

Mérillat suchte ihr zu erklären, daß es zweierlei Traurigkeit gebe: die göttliche Traurigkeit, die da wirket zur Seligkeit eine Reue, die niemand gereuet, und die Traurigkeit der Welt, die da wirket den Tod (2. Korinther 7, 10). Aber Sophie verstand diese Sprache nicht.

Da griff der Mann Gottes zu einem anderen Mittel. Er rief sie an das offene Fenster, von wo aus man im gegenüberliegenden Gasthaus eine lustige Tanzgesellschaft beobachten konnte.

„Da Sie so unglücklich sind, mein liebes Fräulein,“ sagte Mérillat, „so gehen Sie doch da hinüber und tanzen Sie mit. Sehen Sie, wie vergnügt man dort ist.“

„Niemals!“ entgegnete Sophie. „Ich habe meine Traurigkeit doch noch viel lieber als solche Freude.“

„So merken Sie doch, daß Sie die göttliche Traurigkeit haben, nicht wahr?“ sagte der Freund.

Zum erstenmal hatte Sophie nichts mehr einzuwenden.

Es war Abend geworden. Das junge Mädchen wählte zur Heimkehr den lieblichen Wiesenweg. Es war heller Mondschein, als sie an einer ihr wohlbekannten einsamen Stelle ankam. „Wenn ich zehnmal sterben müßte.“ sagte sie, „würde ich jenen Augenblick nicht vergessen.“ Sie fühlte sich festgehalten durch eine unsichtbare Gegenwart, die sie von allen Seiten umgab. Ihr war es, als ob eine mächtige Hand ihr alle ihre Lasten, eine um die andere, abnähme. Sie warf sich auf die Knie und hatte die klare Empfindung, zu Jesu Füßen zu liegen. Lange blieb sie dort. Als sie bald darauf das Elternhaus erreichte, wußte sie, daß sie eine neue Kreatur, ein Kind des Höchsten geworden sei. Von da an war Friede und Freude ihr seliges Teil. — Soweit die Mitteilungen Herrn Pfarrer Morels.

Wir wissen aus früheren Abschnitten, daß in den nächstfolgenden Jahren der ganze kleine Familienkreis ähnliche Gnadenheimsuchungen erlebte.

Daneben aber ging die Arbeit und Last des Lebens weiter, und die wackere Tochter Sophie trug durch ihre unermüdliche Tätigkeit in verschiedenen Stellungen zur Hebung des Familienwohlstandes viel bei. Als sie darinnen ein gewisses Ziel erreicht hatte und zu Hause entbehrlich geworden war, durfte sie ihren langgehegten Herzenswunsch in Erfüllung gehen sehen und in den Dienst der Krankenpflege eintreten.

Diakonissenhäuser gab es damals (1825) noch nicht. Bald sollten sich aber am fernen Rheinesstrande, in Kaiserswerth, die Schwingen des Täubchens erheben, das seither durch so viele Länder den grünen Zweig dienender Liebe getragen hat. Davon wußte man natürlich im weltentlegenen Juratale nichts; aber eine wahre, echte Diakonisse war es, die von dort aufbrach, um zunächst im Inselspital zu Bern ihrem Herrn mit liebeerfülltem Herzen an seinen Kranken zu dienen. Sie war damals dreißig Jahre alt, und niemand konnte es ahnen, daß eine reiche, lange Dienstzeit von zweiundfünfzig Jahren noch vor ihr lag.

Mit ganzer Hingabe und Energie nahm Sophie ihre Arbeit auf. Ihre reiche Begabung sowie ihre ungemein hohe, kraftvolle Gestalt halfen mit dazu, sie bald zu einer der geschätztesten Pflegerinnen zu machen. Das Heben und Tragen der Kranken war ihr eine Freude.

Dabei hatte sie das Seelenheil ihrer Pfleglinge stets im Auge, und wenn sie auch nicht oft zu ihnen darüber sprach, so waren ihre Worte stets klar und zielbewußt. In seinen Erinnerungen schreibt mein Vater von ihr, es sei wohl kein Jahr vergangen, in dem sie nicht wenigstens eine Seele zu Jesu gebracht hätte.

Wie sie ihre Patienten im Auge behielt, auch wenn sie als Genesene das große Krankenhaus wieder verlassen hatten, erzählt Herr Prediger Ahnne von der Brüdergemeine in einem Nekrolog in französischer Sprache, dem ich manche Züge aus der Berner Zeit entnommen habe. Zu St. Georgii und St. Martini, wenn die Hauszinse bezahlt werden mußten, da teilte sie den Kummer der Armen und suchte ihnen zu helfen. Man konnte sie öfters sehen, wie sie abends spät, nach des Tages Mühe und Arbeit, sich auf den Weg machte, um bei wohlhabenden Freunden Hilfe zu suchen für die Bedürftigen. Bei einem solchen nächtlichen Gang begegnete sie einst einem der Spitalärzte.

«Fräulein Gobat, was bringt Sie zu dieser Stunde hierher?“ fragte er.

„Herr Doktor,“ erwiderte sie schlagfertig, „ich habe mich an den Karren der Armen anspannen lassen.“

Der Arzt verstand, legte ein Fünffrankenstück in ihre Hand und sagte: „Hier ist etwas, um den Karren besser laufen zu lassen.“

Je völliger sie sich dem Dienst der Armen in und außer dem Hause hingab, desto größer war die Hilfe, die sie erfuhr. Je mehr sie gab, desto mehr erhielt sie von ihrem reichen Herrn. Sie war oft ganz hingenommen von der herablassenden Freundlichkeit Gottes gegen die Armen und Geringen. Eine nach schwerer Krankheit wieder hergestellte Frau hätte fortan gern die kirchlichen Gottesdienste besucht, konnte aber nicht ausgehen wegen mangelnder Kleidung. Sie bat Fräulein Gobat, ihr womöglich zu einem Ausgehkragen zu verhelfen, und fügte einfältig hinzu, sie hätte ihn so gern blau. Sophie wendete sich an ihre Freundin mit der Bitte um irgendein Kleidungsstück für jene Arme, natürlich ohne den Privatwunsch zu äußern. Nach einiger Zeit erhielt sie das Gewünschte und siehe da, es war blau.

Viele Jahre später, als ich schon zu St. Chrischona meine Heimat gefunden hatte, erhielt ich eine Gabe zum besten der Mission von einem einstigen Insassen des Inselspitals, der durch Fräulein Gobat leibliche und geistliche Genesung gefunden und ihr bis ans Ende ein dankbares Andenken bewahrt hatte.

Fünfundzwanzig Jahre hatte Sophie in dem großen Krankenhaus unablässig gearbeitet, bei Tag und bei Nacht. Ja, die Nachtwachen waren ihr ganz besonderes Arbeitsfeld, und da ihr reger Geist wenig Schlaf bedurfte, tat sie in dieser Hinsicht des Guten zuviel, besonders in einem bestimmten Fall, wo sie einen untreuen Wärter nicht verklagen, aber die ihm anvertrauten Kranken auch nicht vernachlässigt sehen wollte.

Da brach ihre Kraft zusammen. Ein Magenleiden verursachte ihr viel Not, und sie reichte ihre Kündigung ein mit dem Wunsch, sich in ihr Heimatdorf zurückzuziehen und da auf die Hilfe des Herrn zu warten. Aber ihre Vorsteher wollten auf diesen Gedanken nicht eingehen, sondern taten die nötigen Schritte, ihr im Bade Gurnigel eine unbestimmte Urlaubszeit zu sichern.

Dort war es, daß sie, die Fünfundfünfzigjährige, die sich in großer Schwachheit am Ende ihrer irdischen Dienstzeit glaubte, einen dringenden Ruf erhielt zur Mitarbeit an der eben entstehenden großen Irrenanstalt zu Préfargier bei Reuschâtel. Sie lehnte ab in Anbetracht ihrer wankenden Gesundheit. Aber der Ruf wurde wiederholt. Man bat, sie möchte doch wenigstens für den Anfang kommen, um bei der Organisation der Arbeit in der weiblichen Abteilung hilfreiche Hand zu bieten. Da erkannte die Magd den Willen ihres Meisters, und im Vertrauen auf seine Kraft ging sie, durch die Ruhezeit im Gurnigel gesundheitlich wesentlich gestärkt, auf den Posten, den er ihr anwies, als Oberin (ingpectrice) der weiblichen Abteilung.

Diese zweite Hälfte ihres Krankendienstes sollte noch länger währen als die erste und in jeder Hinsicht bedeutungsvoller sein. Hier ganz besonders kam ihr fester Charakter, ihr in Gott gewurzelter Glaube und ihre hohe, gebietende Erscheinung ihr gut zu statten. Bei aller unverfälschten Schlichtheit ihres Wesens und ihrer Kleidung hatte sie etwas an sich, das sie zu einer “königlichen Magd“ stempelte.

Ihre geistliche Heimat fand sie in dem nahegelegenen Montmirail, einer Niederlassung und Erziehungsanstalt der Brüdergemeine. Wie sie in der Jugend durch den Dienst eines Mitglieds dieser Gemeinschaft zum Herrn geführt worden war, so blieb sie lebenslang diesem Kreise treu und war mit den leitenden Geschwistern von Montmirail in enger Freundschaft verbunden.

In dieser Zeit war es, daß ich ihr besonders nahe kam und den wohltuenden Einfluß empfand, den ich zu Anfang geschildert habe.

Diesen spürten auch die Geisteskranken, die sich in den meisten Fällen willig vor ihrer Autorität beugten und ihre reiche Liebe erfuhren. Sie hielt täglich eine Morgenandacht mit den Frauen, deren Zustand es erlaubte, und das Interesse, das diese daran nahmen, war in gewissem Sinn ein Thermometer ihres Befindens. Einige der Kranken haßten sie geradezu. „Sie sind häßlich, Gobat!“ ries ihr einmal eine bösartige Patientin zu. „Wenn Sie immer so wahr gesprochen hätten wie eben jetzt, wären Sie wohl gar nicht hierhergekommen,“ war die humorvolle und gutmütige Antwort.

Zu wiederholten Malen durfte Sophie die frohe Erfahrung machen, daß mit der körperlichen und seelischen Genesung auch eine geistliche Erweckung verbunden war. Der Anfang der Heilung tat sich oft kund in großer Liebe und Zutraulichkeit zu der treuen Pflegerin. Aber sie litt es durchaus nicht, daß die Geheilten sich an ihre Person hängten. Sie nahm auch keine Geschenke von ihnen an. Sie wollte als Magd des Herrn völlig unabhängig sein von Menschengunst.

So gingen abermal fünfundzwanzig Jahre dahin. Als sie das achtzigste Jahr vollendet hatte, bat sie um freundliche Entlassung. Die Füße wollten sie nicht mehr tragen, das Augenlicht nahm ab, und trotz gewährter Hilfe kam sie ihren Pflichten nicht mehr nach. Aber der Direktor und Chefarzt wollte sie nicht ziehen lassen. Er schätzte ihren Einfluß auf die Kranken sehr, und ihre Erfahrung und Menschenkenntnis waren ihm persönlich von Wert. Da sie um ihres Fußleidens willen einen Teil des Vormittags liegend zubringen muhte, schrieb er häufig seine Ordonanzen an ihrem Bette und besprach mit ihr den Zustand der Kranken. Scherzend sagte er einmal: „Wir brauchen Ihren Schatten in unserem Hause.“ So willigte sie denn ein.

Aber als sie nach zwei Jahren merkte, daß die neu eingestellten Kräfte sich, wie sie meinte, um ihrer Gegenwart willen nicht so recht selbständig entwickelten, da war ihres Bleibens nicht länger. Ihr Entschluß war diesmal unwiderruflich gefaßt, und im Herbst 1878 verließ sie Préfargier. Einige schöne Tage brachte sie noch in Montmirail zu, und der verehrte und geliebte Direktor, Herr TH. Richard, ließ es sich nicht nehmen, die Greisin nach Crémines zu begleiten, wo ihr bei den Kindern ihres Bruders David ein freundliches Heim bereitet worden war.

Nun war der Feierabend gekommen; er dauerte acht Jahre. Dankbar, still und friedvoll lebte die alte Tante unter den Ihrigen. Ihre priesterliche Seele hatte noch viel zu tun. Ihr Zimmer war ein kleines Heiligtum, und man sammelte sich gern um sie. Sie war geistig noch frisch, konnte damals z. B. noch den 119. Psalm, den sie in ihrer Jugend gelernt hatte, auswendig sagen und nahm gern an interessanten Gesprächen teil. Ausgehen konnte sie nicht mehr. Der klare Bach, der am Hause vorbeiplätscherte, und die hohen, weiten Almen, die sie vom Fenster aus sehen konnte, waren alles, was sie an landschaftlichen Genüssen hatte. Dafür bekam sie viel Besuch von Freunden und Bekannten, so daß der Dorfpostverwalter einmal ganz verwundert ausrief: „Was gibt es denn bei dem alten Fräulein so besonderes zu sehen, daß alle Welt zu ihr kommt?“ Andere wußten es wohl, was sie an ihr hatten. Ein Bauersmann aus Moutier, der einst einen Basler Geistlichen in der Gegend in seinem Bauernwäglein führte, sagte, indem er auf die fruchtbaren Gefilde hinwies: „In dem Dörfchen dort wohnt ein altes Fräulein, das für die ganze Ortschaft betet. Das bringt Segen.“

In jenen Jahren haben wir nahewohnenden Verwandten sie öfter besucht und tiefe Segenseindrücke, ja, bedeutsame Lehren erhalten. Wir wunderten uns, wie sie, die während so vieler Jahre den weiten Horizont und die schöne Aussicht von Préfargier aus genossen und in den beinahe luxuriösen Räumen gelebt hatte, sich wohl wieder in die kleinen Verhältnisse und die einfache Lebensweise finden würde. Ich fragte sie einmal ganz offen darüber. „Mein Kind,“ antwortete sie, „ich habe nie vergessen, daß ich von Crémines bin, und daß ich wieder dahin zurückzukehren wünschte, wenn ich nicht mehr arbeiten könnte. Da habe ich mir manches versagt, was ich hätte haben können, um mich nicht selbst zu verwöhnen.“

Ihre zeitlichen Angelegenheiten brachte sie auf die einfachste Weise in Ordnung, indem sie alles vergabte. Sogar ihre gute Uhr schenkte sie einem ihrer Großneffen. „Er braucht sie viel mehr als ich,“ sagte sie einfach. Zwei oder drei Kleider und die nötige Wäsche war alles, was sie besaß. Erhielt sie von ihren Freunden etwa kleine Geschenke, so legte sie sie freundlich dankend in eine dazu bestimmte Schachtel. Kam dann Besuch von einem ihrer Lieben, so konnte sie sagen: „Sieh, ob du in der Schachtel etwas findest, was du brauchen kannst, und nimm es dir mit!“

Sie erzählte einst: „Kürzlich besuchte mich ein junger Prediger und war sehr freundlich zu mir. Aber schau, solche Besuche sind nicht, was ich brauche. Er sprach in seinem Gebet von dem herrlichen Sonnenuntergang, den Gott mir gewähre, von den rosigen Wolken, die meinen Lebensabend verschönen, von dem süßen Duft der Liebe, der mich umgebe. Fast hätte ich ihn unterbrochen, doch durfte ich das ja nicht. Ach, schöne Sonnenuntergänge und rosige Wolken geben einem Sünderherzen nicht Trost und Ruhe. Ich freue mich, daß das Blut Jesu Christi mich rein macht von aller Sünde und daß er Sünder annimmt und mit ihnen ißt.“

Ein andermal sagte sie: „Ich habe es in meinem Dienst an den Kranken erfahren, daß der Teufel ein Feigling ist und sich gern an die Kinder Gottes heranmacht, wenn sie körperlich schwach und elend sind. Vielleicht versucht er es auch an mir. Sollte er es tun, so mahnt mich nur an den granitenen Felsengrund, an das Wort: Der Herr warf unser aller Sünde auf ihn, oder: Er hat den zur Sünde gemacht, der von keiner Sünde wußte, auf daß wir würden in ihm die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt!“

Noch ein anderes kleines Gespräch ist mir wichtig geworden. Sie hatte einen Fall getan, und die Erschütterung hatte sie etwas angegriffen. Wir wurden davon benachrichtigt, und ich reiste unverzüglich hin. Sie lag ganz munter in ihrem Bett und sagte: „Ich habe einmal die Freiheit gehabt, den Herrn zu bitten, mich nicht lange krank sein zu lassen um der Lieben willen, denen die Pflege schwer wäre. Ich meinte auch, er habe mir die Bitte gewährt. Wenn ich mich aber getäuscht haben sollte, so ist es mir auch so ganz recht; was er tut, ist ja in jedem Fall das beste.“

Aber sie hatte sich nicht getäuscht. Tags darauf war sie wieder ganz wohl und hat noch einige Jahre danach gelebt.

Schön ist, was Herr Pfarrer Morel in den oben angeführten Erinnerungen schreibt:

„Ich war noch ein junger Mann, als ich in die Gemeinde Moutier berufen wurde und einmal interimistisch die Nachbargemeinde Grandval mit bediente. Da war es, daß ich die Bekanntschaft dieser seltenen Frau machte. Sie war hochbetagt und etwas gelähmt, aber voll Freude und Teilnahme für alles, was sie umgab. Sie verließ den Lehnstuhl in der Fensternische nie mehr. Eines Tages sagte sie mit dem feinen Lächeln, das ihr Antlitz oft verklärte: »Ich weiß nicht, warum mich Gott noch solange auf Erden läßt. Nun sind es bald sieben Jahre, daß ich nichts mehr tun kann als Strümpfe stricken. (Sie strickte in der Tat Dutzende von Strümpfen für die Schulkinder in Jerusalem und für andere Anstalten.) Es scheint mir, ich könnte in jener Welt meinem Herrn viel besser dienen.«

„Als ich an jenem Abend nach Hause zurückkehrte, warteten zwei junge Mädchen auf mich, meine Konfirmandinnen, die ersten, die ich unterwiesen hatte. Sie waren zu mir gekommen mit der ernsten Frage: »Was muß ich tun, daß ich selig werde?« — Ich antwortete: »Geht morgen, Sonntag, nach Crémines. Tretet in das und das Haus und klopfet an der und der Tür. Da werdet ihr, in einem Lehnstuhl sitzend, eine alte Frau finden. Es ist Fräulein Sophie Gobat. Sagt ihr, ich hätte euch zu ihr gesandt, und stellet die Fragen an sie, die ihr mir eben gestellt habt.«

„Meine Konfirmandinnen taten, wie ich sie geheißen hatte, und kehrten zurück mit dem Feuer der Gottesliebe im Herzen. Sie erzählten ihren Gefährtinnen, was ihnen widerfahren war, und auch sie machten sich auf den Weg nach Crémines. Eine Zeitlang gab es wie ein Wallfahrten in das kleine Zimmer der ehrwürdigen Magd des Herrn.

„Als ich sie, nicht lange hernach, im Sarg gebettet sah, in ein weißes Gewand gehüllt und mit einem Kranz von Vergißmeinnicht auf der Stirn, da sagte ich mir: Das ist in Wahrheit eine geheiligte Gestalt, die ich nie vergessen werde.“

Von den letzten Stunden der lieben Dante muß ich noch einiges nachholen. Am 23. Februar 1886 vollendete sie ihr neunzigstes Lebensjahr. Zur Feier des Geburtstages stellten wir Verwandten aus Basel und Chrischona mit mehreren unserer Kinder uns bei ihr ein. Wir fanden sie wie gewohnt am Fenster sitzend, etwas verändert und gebückt, aber geistig klar. „Die Säulen stehen nicht mehr fest,“ sagte sie mit heiterem Lächeln, auf den gebeugten Rücken deutend. Köstliche Augenblicke verbrachten wir bei ihr, dazwischen ihr Ruhepausen gönnend; denn die Pilgerin war des langen Weges müde.

Als die Stunde des Abschieds gekommen war, sammelten wir uns alle noch einmal um sie. Wir sangen auf ihren Wunsch ein Lied, und auf unseren Vorschlag, daß wir das achte Kapitel des Römerbriefes lesen wollten, sagte sie, stets geistesgegenwärtig: „Keine Verdammnis und kein Scheiden“ (V. 1 und 39). Ein kurzes Gebet, und dann mußten wir gehen, am allermeisten betrübt über dem Gedanken, daß wir ihr Antlitz nicht mehr sehen sollten. Sie aber rief uns mit laut vernehmlicher Stimme nach: «Auf Wiedersehen im Anschauen seines Angesichts!“

Derselbe Postwagen, der uns wegführte, brachte ihr noch viele Grüße und Briefe von Freunden. Sie war über alle diese Zeichen der Liebe sehr erfreut und sagte: „Heute ist doch einer der schönsten Tage meines Lebens gewesen.“ Dann wünschte sie sich zur Ruhe zu legen und schlief bald ein.

Bald nach Mitternacht wurde das sanfte Atmen etwas beklommen. Die Nichte und Pflegerin, die sie jetzt auch nachts nicht verließ, beugte sich zu ihr hin. Mit einem letzten leisen Hauch war der befreite Geist entflohen.

Als wir den nächsten Morgen früh die telegraphische Nachricht von dem Heimgang erhielten, sagte eine der Töchter, die tags zuvor mit dabei gewesen war, ganz betroffen: „Wie schön ist es, so vom Leben zum Tod hinüberzuschlummern!“ Ich verbesserte: „Sagen wir lieber: »Wie schön ist es, so vom Tod zum Leben hinüberzukommen!«“ Mein teurer Mann aber traf das Richtige, als er beifügte: „Wie schön ist es, so vom Leben zum Leben einzugehen!“

Denn wer an den Sohn Gottes glaubt, hat das ewige Leben.

Hirten und Lehrer

Wohl geschieht die tiefste Arbeit im Menschenherzen allein durch das Wirken des Heiligen Geistes, und dennoch braucht er dazu Werkzeuge. Und da ist es wunderbar, zu beobachten, wie er dabei verfährt. Einmal läßt er das geschriebene Wort unmittelbar in Herz und Gewissen dringen. Ein andermal braucht er das Zeugnis seiner Knechte oder den Einfluß ihrer geisterfüllten Persönlichkeiten. Er holt hier ein Werkzeug und da ein anderes hervor und läßt alles zusammen dienen, damit es werde ein Werk seiner Hand.

Mit Liebe und Dankbarkeit möchte ich hier einiger solcher Werkzeuge gedenken, die an mir gearbeitet haben.

Ich habe diejenigen schon genannt, durch die mir das Evangelium zuerst gesagt wurde: meine teuren Eltern und nahestehenden Verwandten. Aber noch in meine Jugendtage hinein ragt die geheiligte Gestalt eines Gottesmannes, der mir zu der Erkenntnis des Herrn, meines Heilandes, wesentlich geholfen hat. Es war dies ein englischer Geistlicher.

Pastor Henry Crawford, ein Verwandter des schon erwähnten Arztes Dr. Adair Crawford (s. S. 72). Über dieses Freundes Leben möchte ich die Inschrift setzen: Die Liebe Christi dringet uns. Die Liebe Christi drang ihn, seine Heimat und seine angenehme Stellung zu verlassen, um in Jerusalem als Missionar unter den Juden zu wirken und ihnen Jesum, den Gekreuzigten, zu verkündigen. Die Liebe Christi regierte ihn im Verkehr mit den Leuten aus allerlei Ländern und Sprachen, die in der kleinen evangelischen Gemeinde zusammengeschlossen waren und die enger untereinander zu verbinden er unermüdlich beflissen war. Diese Liebe war es auch, die ihn zu der Jugend zog, um unsere Herzen zu gewinnen und zu begeistern für den Schönsten unter den Menschenkindern, unseren Herrn und König, Jesus Christus.

Ich möchte einige Züge seines Wirkens hervorheben, um des teuren Mannes Art und Wesen zu kennzeichnen.

Als Prediger steht er lebendig vor meines Geistes Auge. Er war ein Botschafter an Christi Statt, der es so recht verstand, zu bitten: Lasset euch versöhnen mit Gott! Seine zarte Gesundheit mochte ihm ein steter Ansporn sein. Er predigte als Sterbender zu Sterbenden und verkündigte den ganzen Ratschluß Gottes.

Als Missionar war er besonders fleißig in Hausund Krankenbesuchen. Er wollte den verlorenen Schäflein des Hauses Israel Liebe erweisen, um sie zu der Quelle der ewigen Liebe zu führen. Die Juden erkannten das wohl an und achteten ihn hoch. Manche Stimmen unter ihnen ließen sich hören, die ihn mit Jakobus dem Gerechten verglichen. Dessenungeachtet gab es auch solche, die ihn mit Spott und Hohn bekämpften, wenn er ihnen den Weg des Heils verkündigte. Ich kann mich an einen Anlaß erinnern, da eine Anzahl Fanatiker ihn, während einer Ansprache im Freien, mit langen, spitzen Nadeln derart bearbeitete, daß er sich blutend zurückziehen mußte, von Schimpfreden und Angespienwerden gar nicht zu reden. Ähnliches war in jener Zeit das Los mehrerer Missionare, und es machte einen tiefen Eindruck auf mich, zu bemerken, mit welch hoher Freude solche Schmach die Zeugen Jesu stets erfüllte!

Als Jugendfreund hat Herr Crawford viel Segen gestiftet. Seine eigenen Kinder waren etwa im gleichen Alter wie meine Geschwister und ich, und er liebte es, uns zu vereinigen zu gemeinsamem Lesen und Forschen in Gottes Wort. Er fand immer neue Mittel und Wege, uns zum Nachdenken zu erziehen. Er wählte z. B. ein Thema, oft einen einfachen Begriff wie: Vater, Liebe, Gehorsam, oder auch ein Wort mit verborgener Bedeutung, wie Opfer, Prüfung, Fruchtbarkeit, und ließ jedes Glied der ganzen Tafelrunde eine von ihm angegebene, von dem betreffenden Thema handelnde Bibelstelle aufschlagen. Er hatte es sich nicht verdrießen lassen, solche Stellen vorher sorgfältig auszuwählen. Wenn wir nun alle die uns zugeteilte Stelle aufgeschlagen hatten, so durften wir sie der Reihe nach laut lesen, und es war oft wunderbar, wie schon das bloße Hören dieser Gottesworte uns Licht und Klarheit gab. Dann faßte unser lieber väterlicher Freund noch alles zusammen in einer kurzen herzlichen Ansprache. — Auch Charakterstudien aus der Schrift oder kurze Aufsätze über biblische Begriffe ließ er uns machen und schaute unsere Arbeiten sorgfältig und freundlich durch. Es ist reiche Frucht aus dieser Aussaat erwachsen.

Henry Crawford wandelte mit Gott und lebte in seinem Worte; das machte den Verkehr mit ihm bei aller Natürlichkeit so fruchtbringend.

Einst hatte ich den Sonntagabend bei den lieben Freunden zubringen dürfen. Sie wohnten damals in Zelten, umgeben von Weinbergen, in einiger Entfernung von Jerusalem. An der Hütte Tür sitzend hatten wir nach einem schwülen Sommertag die Kühle des Abends genossen. Unvermerkt hatte sich die Nacht über unser kleines Zeltlager gesenkt. Eine kurze Andacht sollte den Ruhetag beschließen. Man brauchte dazu weder Buch noch Licht. Ein Lied wurde auswendig gesungen: dann sagte Herr Crawford wortgetreu das unvergleichlich schöne Evangelium von dem Hereintreten des Auferstandenen mitten in seiner Jünger Kreis (Johannes 20, 19-23). Der Herr offenbarte sich den Seinen, zeigte ihnen in seinen Wundenmalen das Siegel seines Versöhnungstodes, gab ihnen seinen Frieden, blies sie an mit Heiligem Geist und hieß sie die Erkenntnis seines Namens hinaustragen in die Welt. Solche Gnade schenkt er noch heute seiner gläubigen Schar. Er schenkte auch uns etwas davon in jener Stunde, und im sanften Abendwehen hörten wir im tiefsten Herzen eine Lebensbotschaft des Herrn.

Des nächsten Morgens in aller Frühe mußte aufgebrochen werden; denn den hebräischen Frühgottesdienst um sechs Uhr in der Christuskirche versäumte der treue Pastor nie. Ich durfte ihn begleiten. Wir schritten durch die Weinberge, über die das erste Morgengold ausgebreitet lag. Auf den Trauben, die in reicher Fülle aus dem grünen Laub hervorschauten, schimmerte der reiche Tau der Nacht, der während der heißen Sommermonate in Palästina den mangelnden Regen ersetzt. Als spräche er zu sich selbst, sagte Herr Crawford: „Ich will Israel wie ein Tau sein, daß es blühen soll wie eine Lilie. Sein Geruch wird sein wie Libanon.“ — „Weißt du, wo das steht?“ wandte er sich an mich. „Lies Hosea 14, wenn du nach Hause kommst, und wandle es um in ein Gebet: dann wird auch deine Seele erfrischt sein vom Tau des Herrn.“

So oft ich in den vielen seither verflossenen Jahren jenes wunderschöne Kapitel gelesen habe, gedachte ich des Ganges durch die im Morgentau glänzenden Rebberge an der Seite des geliebten Lehrers, der schon lange daheim ist bei seinem Herrn.

Noch eine letzte Erinnerung. Man feierte einst in Jerusalem, wie alljährlich am 21. Januar, das Stiftungsfest der evangelischen Gemeinde. Mein teurer Vater hielt die Predigt über Esra 3, 10-13 und sprach davon, wie auch in seinem Herzen das Lobgetöne über Gottes Wohltaten gemischt sei mit der Stimme des Klagens. Es war manches Traurige in der Gemeinde vorgekommen, und mit starken, treuen Worten hatte der Bischof zur Einkehr und Umkehr aufgefordert. Nach dem Gottesdienst kam er lange nicht nach Hause, und als er endlich erschien, sahen wir Tränenspuren auf seinem Gesicht. Nach einer Weile erzählte er: „Ich konnte nicht früher kommen; denn als wir uns nach der Predigt in der Sakristei trafen, fand ich Crawford ganz zerknirscht und gebrochen. Er, der beste von uns allen, hat sich gebeugt, als ob er die tiefste Schuld hätte an dem, was ich als Mängel und Schäden in unserer Gemeinde geschildert hatte. Seine Demut hat mir ins Herz geschnitten. Wir konnten nur beide um neue Gnade bitten vor unserem Herrn.“

Die wahren Heiligen wissen nicht, daß sie es sind.

Zunehmende Kränklichkeit nötigte den Freund, sein Amt in Jerusalem niederzulegen und in seine Heimat zurückzukehren. Er entschlief daselbst im Jahre 1863, friedlich wie ein Kind. Christus war sein Leben, und Sterben war ihm Gewinn.

Als sechzehn Jahre später mein Vater, sein Freund und Bischof, im Sterben lag, da hörten die Umstehenden, wie er unvermittelt den Namen Crawford rief. War es ein Traum? Oder sollte es so sein, daß jeweilen aus der unsichtbaren Welt Boten ausgesandt werden, um die Streiter Christi hinüberzugeleiten durch den dunkeln Strom ins lichte Vaterhaus? Wir wissen es nicht. Was wir aber gewiß wissen, ist, daß die Erlösten des Herrn als eine unzählbare Schar sich wiederfinden werden vor dem Thron, um ihre Kronen zu den Füßen dessen niederzuwerfen, durch den sie überwunden haben.

Manches Jahr arbeitete Hand in Hand mit dem anglikanischen Pfarrer, dessen Bild ich hier kurz gezeichnet habe, der lutherische Pastor Friedrich Valentiner.

Ich habe schon in einem früheren Abschnitt von diesem einzigartigen Zusammenwirken erzählt. Sie waren sehr verschieden, die beiden Gottesmänner, aber völlig eins in der Liebe zum Herrn. Valentiner war ein würdiger Vertreter seiner Kirche und ein vollendeter Liturg. Dabei hatte er ein sehnendes Verlangen nach Erweckung und Leben, und hat in dieser Hinsicht mit Erfolg gewirkt. Auch mir ist er aus mancherlei Weise zum Segen gewesen. Um nicht zu lang zu werden, will ich nur eines Zuges Erwähnung tun.

Angeregt durch eine geistesmächtige Predigt des treuen Seelsorgers hatte ich eine Unterredung mit ihm gesucht und ihm eine intellektuelle Anfechtung geklagt, von der ich Befreiung verlangte. Mit großer Treue suchte er mich darauf hinzuweisen, daß wohl eine innere Entfernung von Gott die Ursache des Leidens sein könnte. Ich mußte ihm Recht geben und fügte hinzu: „Ich habe schon oft gebetet, daß Gott mich ganz losmachen wolle.“ Da sagte er ernst und liebevoll: „Sie haben Wohl darum gebetet, aber haben Sie es auch wirklich gewollt?“ Im ersten Augenblick war mir diese Frage befremdend. Aber je mehr ich darüber nachdachte, desto deutlicher sah ich, daß mein Wille in der Tat nicht ganz lauter, nicht völlig auf Gottes Seite war. Und diese einfache und treugemeinte Mahnung half mir zu völligerem Sieg und tieferem Erfassen der Gnade.

Wie oft hat in der Folge diese Frage in meiner eigenen Seele widergeklungen: Willst du wirklich frei und los sein? Willst du dein eigenes Leben in den Tod geben? Willst du hassen und lassen alles, was ungöttlich, was dem Herrn zuwider ist? Soll er über dich verfügen können ganz und gar? Willst du ihm allein angehören, ihm allein dienen, sein Kreuz auf dich nehmen täglich und ihm folgen, wohin er geht?

Willst du?

Ich habe diese Frage auch oft angewendet in Unterredungen mit suchenden Seelen. Ich tue es auch jetzt. Treffen diese Zeilen vielleicht einen Leser, der schon lange nach vollem Frieden trachtet und ihn immer nicht finden kann? Gilt dieses treue, seelsorgerliche Wort etwa auch dir: Du hast schon lange darum gebetet, aber hast du auch wirklich gewollt?

Zehn Jahre später traf ich den lieben väterlichen Freund wieder, und zwar bei der großen Konferenz in Brighton im Jahre 1875. Der Pastor war inzwischen in seine holsteinische Heimat versetzt worden, ich in die Schweiz. Das gab dann in England ein frohes, ich darf wohl sagen, ein heiliges Wiedersehen. Wir machten eines Abends einen schönen Spaziergang am Meeresstrande und sprachen von den gnädigen Führungen des Herrn. Der einstige Lehrer und Seelsorger war so ganz Bruder geworden. Wir hatten auch in der jüngsten Vergangenheit neue Blicke tun dürfen in den Reichtum Jesu Christi und stimmten ein in das damals neu erklungene Lied:

O sel’ge Erlösung! Der Heiland ist mein,
Nun ist kein Verdammen noch ängstliche Pein;
Kein sündlicher Zweifel darf trüben sein Licht;
Ich weiß, ich bin sein, und er lässet micht nicht.

Fast wage ich es nicht, den Namen Dr. Christ. Gottlob Barth unter meinen Hirten und Lehrern zu nennen. Denn nur bei Besuchen in Europa bin ich mit diesem originellen und geistreichen Mann zusammengekommen und habe nur vereinzelte „Lektionen“ von ihm gelernt. Aber diese wenigen waren ausgiebig und sind lebenslang unvergessen geblieben. Das große Fach, über das Dr. Barth dozierte, und zwar nicht mit Worten nur, sondern mit seinem ganzen Leben, das war die Mission. Seitdem er seine Gemeinde in Möttlingen verlassen und seine Wohnung in Calw genommen hatte, gehörte sein ganzes Herz dem Werk der Ausbreitung des Reiches Gottes auf Erden. Er hatte weder Frau noch Kinder und lebte allein mit zwei treuen Dienerinnen in seinem großen traulichen Hause in Calw. Aber die ganze Missionsstreiterschar war seine Familie, und aus allen Himmelsgegenden liefen täglich Briefe zusammen in das enge, von hohen Tannen umrauschte Schwarzwaldtal.

Meine erste Begegnung mit ihm ist mir noch klar erinnerlich. Ich war mit meiner Schwester in der Pension von Montmirail, ein schüchternes, unbeholfenes Kind. Da erhielten wir eines Tages Besuch. Ein großer, schlanker Mann stellte sich uns vor als unseren „Onkel Barth“ und wollte sehen, was die Jerusalemer Kinder machen. Aus den großen, weiten Taschen seines losen Rockes zog er allerlei Bücher hervor, selbstverfaßte und andere: die sollten uns zeigen, daß er uns, die Kinder seines Freundes, kenne und liebe. Wir waren natürlich gleich gewonnen, und zu dem Onkel-Reichtum, den wir besaßen, fügten wir mit Stolz und Freude den neuen Namen hinzu, obwohl wir wußten, daß es nur eine Liebesbezeichnung war.

Bei einem späteren Zusammensein gab er mir in neckend freundlicher Weise folgendes ernste Merkwort mit:

Meine liebe Dora,
Ora et labora! (Bete und arbeite!)
Diene Deinem Herrn!
Das ist mehr als Träumen,
Gottes Werk versäumen
Und verschmäh’n den Kern.
Zions Macht
Und Zions Pracht
Sollst Du einst noch sehen. Mitten drinne stehen.

Dein Dich herzlich liebender Onkel Dr. Barth.

Etliche Jahre nach jener ersten Begegnung durften wir ihn mit unserem Vater in Calw besuchen und seine Gäste sein. Da gab es Tag um Tag Anschauungsunterricht in der Missionsgeschichte. Ein interessantes Museum nahm viel Platz im Hause ein und enthielt Merkwürdigkeiten aus den verschiedenen Missionsgebieten. Einen besonderen Eindruck machte auf mich die Wanduhr in seinem Studierzimmer. Sie hatte fünf Zifferblätter. Das größte, in der Mitte, markierte die Calwer Zeit. Vier kleinere in den Ecken zeigten die Zeit von Jerusalem, Grönland, von einer Stadt in Indien und einer solchen in Afrika. Da konnte man sich so gut vorstellen, was die lieben Missionare zu jeder Tagesstunde taten; man konnte so lebhaft an sie denken und so eingehend für sie beten. Das war dem lieben Vater Barth das wichtigste.

Ich erinnere mich auch der Mahlzeiten, die wir bei Dr. Barth genossen. Jedes Gericht hatte eine besondere Geschichte, natürlich eine Missionsgeschichte. Besonders eindrücklich ist mir geblieben eine geräucherte Renntierzunge aus Labrador und Wein aus Cypern. Den Nachtisch bildeten Briefauszüge aus aller Welt.

Eine wohltuende, freie Atmosphäre wehte um den Mann, der nichts Kleinliches an sich hatte, sondern das Ganze des Reiches Gottes liebte und darinnen lebte.

Davon geben viele seiner Lieder Zeugnis. Welch heilige Begeisterung wußte er zu wecken, wenn er sang:

Im Himmel und auf Erden
Ist alle Macht nun dein,
Bis alle Völker werden
Zu deinen Füßen sein;

Bis die von Süd und Norden,
Bis die von Ost und West
Sind deine Gäste worden
Bei deinem Hochzeitsfest.

Oder:

Zieht fröhlich hinaus
Zum heiligen Krieg!
Durch Nacht und durch Graus
Erglänzet der Sieg.

Es sei euer Hoffen
Nach oben gericht’t.
Der Himmel ist offen:
Bei Jesu ist Licht.

Wir sahen den teuren Freund noch einmal wenige Monate vor seinem Abscheiden. Er war krank und müde. Der sprudelnde Witz, den man an ihm gewohnt war, hatte einer stillen Freundlichkeit Platz gemacht. Ganz ließ sich der feine Humor nicht bannen, und gerade in Verbindung mit dem leidenden Zustand hatte er etwas überaus Rührendes und Tröstendes. Der Hinwegeilende stellte in seiner Person ganz den Typus dar, den er schon lange zuvor in jenem Lied voll zarter, schlichter Poesie so schön besungen hat:

Der Pilger aus der Ferne
Zieht seiner Heimat zu:
Dort leuchten seine Sterne,
Dort sucht er seine Ruh’.

Die Ströme zieh’n hinunter
Ins wogenreiche Meer,
Die Welle geht drin unter,
Man sieht sie nimmermehr.

Wer von dem Honigseime
Der Ewigkeit geschmeckt,
Der Pilger ist daheime
Erst, wenn das Grab ihn deckt.

Drum weckt ihn auch hienieden
Das Heimweh früh und spät:
Er sucht dort oben Frieden,
Wohin sein Sehnen geht.

Auch an diesem Pilger hat sich Jung Stillings schönes Wort erfüllt: „Selig sind, die da Heimweh haben: denn sie sollen nach Hause kommen.“

Einen vierten Namen füge ich gern in diesen Abschnitt hinein, den eines anderen Württembergers, des bekannten Afrikareisenden und Missionars Dr. Ludwig Krapf.

Er kannte mich lange, ehe ich ihn kannte; denn seine erste ihm eben angetraute junge Gattin war meine Patin und wohnte mit ihm meiner Taufe auf der Insel Malta bei. Er war damals auf der Durchreise nach Ostafrika, wo er schon zuvor etliche Jahre als Missionar gearbeitet hatte, und zwar in Ankober, Abessinien. Da sich ihm die gleichen Schwierigkeiten entgegenstellten, wie seinerzeit meinem Vater, hatte er beschlossen, weiter südlich und näher bei der Küste eine neue Missionsarbeit zu beginnen. Im Jahre 1842 reiste er voll Hoffnungsmut mit seiner Frau, im Dienst der englischen kirchlichen Mission, von Europa ab und kam glücklich in Aden an. Was nun folgt, übersetze ich aus der Gedenkschrift, die bei der Jahrhundertfeier jener Gesellschaft herausgegeben worden ist. In einem arabischen Boot segelten sie von Aden südwärts der Küste Ostafrikas entlang. An den Hafenplätzen, wo das Schiff landete, ließ sich Krapf von den Eingeborenen soviel wie möglich erzählen von den Verhältnissen des Innenlandes, das damals auch von den Geographen noch so wenig gekannt war. Da hörte er zum ersten Male sprechen von einem „großen See“ im Inneren des Landes. Jetzt wissen wir ja alle, daß damit der See Viktoria Rjanza gemeint war.

Im Mai 1843 ließ er sich mit seiner jungen Frau in Mombasa nieder. Es ist dies eine arabische Stadt auf einem kleinen Eiland in der Mündung eines Stromes.

Aber seine neue Mission begann mit der Beschickung eines Grabes. Am 13. Juli ward seine geliebte Gattin von seiner Seite genommen. Freundliche Araber brachten die Leiche auf das nahe Festland, wo sie der Erde übergeben wurde, und Krapf sandte an das Missionskomitee in London jene denkwürdige Botschaft:

„Sagen Sie unseren Freunden, daß nun auf der ostafrikanischen Küste ein einsames Missionsgrab liegt. Und wie die Siege der Gemeinde Gottes stets über den Gräbern ihrer Glieder errungen worden sind, so seien Sie nur um so sicherer überzeugt, daß Sie berufen sind, an der Evangelisierung Afrikas zu arbeiten, ausgehend von der östlichen Küste.“

Er ahnte damals nicht, daß auf eben dem Stücklein Land, wo er die Hülle seiner Rosine zur Ruhe gebettet hatte, dreißig Jahre später eine große Missionsstation und eine Kirche des lebendigen Gottes erblühen würde. Denn eben auf jenem Grundstück steht heute Freretown.

Soweit der englische Bericht.

In den darauffolgenden Jahren unternahm Krapf, begleitet von seinem Freunde, Missionar Rebmann, mehrere Reisen ins Innere des Landes. Sie drangen vor bis zum Rjanzasee, und sie waren es auch, die den äquatorialen Schneeberg Kilimandscharo entdeckten.

Eine beabsichtigte Wiederaufnahme der Mission in Abessinien gelang nicht; aber einmal noch durfte Krapf jenes Land sehen, als er, in der Eigenschaft eines Dolmetschers, die englische Expedition zur Befreiung der gefangenen Missionare begleitete, im Jahre 1867/68.

Die letzten Jahrzehnte seines Lebens verbrachte er in Kornthal, Württemberg, wo ihm an der Seite einer treuen Gehilfin ein neues Familienglück erwachsen war. Er war unermüdlich fleißig durch schriftstellerische Tätigkeit, vornehmlich durch Übersetzungen der Bibel in verschiedene ostafrikanische Sprachen, dem Lande zu dienen, dem er seine besten Kräfte gewidmet hatte.

In dieser Zeit war es, daß wir dem teuren Mann nähertraten. Er wohnte oft wochenlang zu St. Chrischona, um den Druck der Bibelübersetzungen zu überwachen, und seine Anwesenheit war für das ganze Haus ein Segen. Frühmorgens um fünf Uhr konnte man seine leisen Tritte vernehmen und dann das gedämpfte Murmeln seiner Stimme hören, wenn er seine Bitten ausschüttete zu den Füßen seines Herrn.

Ein lieblicher Zug ist mir erinnerlich. Es war bei Gelegenheit eines vollendeten typographischen Werkes ein kleines Fest in der Hausgemeinde gefeiert worden. Unbegreiflicherweise war bei diesem Anlaß die bedeutende Mitarbeit Krapfs nicht erwähnt worden, wiewohl er anwesend war. Ich glaubte in Abwesenheit meines lieben Mannes dem teuren Gast eine Entschuldigung darbringen zu müssen. „O,“ sagte er, „das war ja so gut! In unserer Zeit muß man sich ja nur wehren, damit nicht alles, was man tut, gleich an die große Glocke gehängt und verherrlicht werde. Ich bin so froh,“ fügte er freundlich hinzu, „wenn e bissele ’was verborgen bleibt.“

Wie köstlich ist diese Gesinnung! Wie gut wäre es, wenn es uns allen stets darum zu tun wäre, nicht von Menschen gelobt und geehrt zu werden, sondern im Kleinen und Verborgenen dem Vater wohlzugefallen!

Dieser verborgene Segen wurde mir in Krapfs Lebensführung noch ein anderes Mal illustriert. Ich hatte hie und da die Äußerung gehört, manchmal sogar in etwas geringschätziger Weise: Dr. Krapf war ein vorzüglicher und frommer Mensch, aber er hat nicht viel ausgerichtet. Das wollte mir sehr wehe tun und ungerecht erscheinen. Da, zwanzig Jahre nach seinem Tode, las ich in dem vorhin erwähnten Centenarbericht der englischen kirchlichen Missionsgesellschaft eine Beschreibung der wunderbaren Fortschritte des Evangeliums in Ostafrika, namentlich in Uganda. Und der Verfasser, Dr. Eugen Stock, ein Engländer, steht nicht an zu sagen, daß er das Geheimnis dieses herrlichen Erfolges nicht suche in den äußeren Umständen und Verhältnissen, auch nicht in der besonderen Tüchtigkeit der Missionare, sondern in dem Gebetskämmerlein jenes einsamen Deutschen in Mombasa, der mit blutendem Herzen mit seinem Gott rang für Afrika und in den Riß trat für das umnachtete Volk.

Was wird es einst für Offenbarungen geben im Licht der Ewigkeit, wenn die da pflügten und säten, arbeiteten und beteten, sich miteinander freuen werden am großen Erntetag!

Das Ende Ludwig Krapfs im Jahre 1881 war ähnlich dem jenes anderen Afrikareisenden und Missionars, David Livingstone, acht Jahre zuvor. Zwar nicht in der afrikanischen Wildnis, sondern in dem heimatlichen Dorfe Kornthal traf ihn des Königs Ruf. Er hatte den Tag in Wohlsein verbracht und sagte abends seiner leidenden Gattin freundlich „Gute Nacht“. Dann zog er sich in sein Stübchen zurück. Als er des anderen Morgens nicht zum Frühstück erschien, drang man in die verschlossene Kammer und sah die greise Gestalt vornübergebeugt am Bette knien. Das Lager war unberührt. Ohne Zweifel hatte das Herz schon in den Abendstunden aufgehört zu schlagen. Die Knie blieben auch im Tode gebeugt, so recht ein Sinnbild des Mannes, der seine größten Siege im Gebet erfochten hat.

Ein süßer Geruch Christi

Wenn ich an das kurze, von göttlicher Gnade umflossene Leben denke, das ich jetzt schildern möchte, so fällt mir unwillkürlich das Wort ein, das ich als Überschrift gewählt habe: Ein süßer Geruch Christi. Es ist ein biblischer Ausdruck (2. Korinther 2, 15). Wie ein Gefäß, wenn es mit köstlichem Nardenwasser gefüllt ist, den herrlichen Duft seines Inhalts ausströmt an jedem Ort, da man es hinstellt, so geht es auch mit einem Herzen, das erfüllt ist von Jesus. Sein Name ist wie eine ausgeschüttete Salbe.

Der Duft entströmt dem schlichten, einfachen Glas so gut wie der edeln, geschliffenen Schale. Auf den Inhalt kommt alles an.

Wir wissen nur zu gut, wie dies auch in umgekehrter Weise der Fall sein kann. Stellt man eine Kanne voll Petroleum in einen Raum, so merkt man es bald an dem üblen Geruch. So ist es auch auf geistlichem Gebiet. Regiert das Ich, die Selbstsucht, der Neid, die fleischliche Gesinnung in einem Herzen, so ist es im ganzen Lebenswandel spürbar. Da hilft kein Zudecken und kein Firnis. Früher oder später wird der Todesgeruch offenbar.

Herrscht aber Jesus im Herzen, wandelt man mit ihm, hat man Herzensumgang mit ihm im Gebet, sind ihm Sinne und Gedanken untertan, so offenbart sich dieses im täglichen Leben ganz natürlich und ungezwungen und ist ein Zeugnis für ihn. Darum nennt es der Apostel mit dem schönen Namen: ein süßer Geruch Christi. Je weniger man dabei an sich denkt, desto besser ist es. Die Lilie duftet, weil sie eine Lilie ist.

Möchtest du segnend, helfend, wohltuend durch die Menschenwelt gehen, so laß den Heiland in deinem Herzen wohnen. Möchtest du in deine Familie, in deinen Bekanntenkreis, in die Gemeinschaft, zu der du gehörst, in den Eisenbahnwagen, den du flüchtig besteigst, in den Brief, den du eben schreibst, in das Gespräch, in das du hineingezogen wirst, etwas Göttliches hineintragen, mit einem Wort, möchtest du etwas sein zur Ehre deines Herrn, so gibt es dazu nur einen Weg: Lasse Jesum dein Herz erfüllen.

Das gibt unbewußten und göttlich mächtigen Einfluß.

Ich habe es in diesen Blättern schon erwähnt, daß ich als junges Kind für einige Jahre das Elternhaus verlassen mußte. Es geschah dies aus Rücksicht auf Gesundheit und Erziehung, wie es ja in vielen Missionsfamilien nötig ist. Es war aufs beste für mich gesorgt; ich sage es mit innigem Dank gegen Gott und Menschen. Aber im Herzen war dennoch ein beständiges Weh: das Heimweh. Nach außen konnte ich fröhlich sein mit den Fröhlichen, aber das Heimweh wurde nicht gestillt, bis ich wieder daheim war. Ich hatte eben noch nicht gelernt, meine Heimat zu finden in Gott. Aber die Glocken, die mich zu dieser Heimat rufen sollten, läuteten schon hell und klar im tiefsten Herzen, und dazu hat die Freundin mit beigetragen, von der ich jetzt erzählen möchte.

Florence Barker war einige Jahre älter als ich und trat in die Pension ein, als ich schon drei Jahre dort geweilt hatte. Sie war eine ernste, liebliche Erscheinung, im Umgang zurückhaltend und schüchtern. Ihr Vater war Geistlicher in London und stand in enger Verbindung mit der dortigen kirchlichen Missionsgesellschaft. Gleich am ersten Tage ihres Kommens in unsere Mitte schloß sie sich mir an, vielleicht um meiner lieben Eltern willen, deren Namen sie kannte und ehrte, wahrscheinlicher noch um meiner Jugend und meines inneren Verlangens willen.

Ich war damals nicht glücklich. Wiewohl ich keine Zeit kenne, da ich nicht gebetet und den Heiland geliebt hätte, lebte ich doch im tiefsten Grunde ohne eine lebendige Verbindung mit Gott.

Die große Mädchenschar in unserer Pension war in fünf Klassen oder Stuben eingeteilt, die je von zwei Lehrerinnen beaufsichtigt wurden. Ich hatte es in dieser Hinsicht nicht gerade günstig getroffen. Die eine unserer Lehrerinnen war eine ältere schwerhörige Dame, die andere war kränklich und neigte zur Schwermut. Ich schäme mich bei dem Gedanken, wie selbstsüchtig und durchaus teilnahmslos wir munteren, gesunden Mädchen für das Befinden unserer Lehrerinnen waren, wie wir nur an unser liebes Ich dachten, das uns durch die Rücksichten auf das Alter und die Kränklichkeit unserer Vorgesetzten beeinflußt zu sein schien.

Gewiß fiel das alles unserer neuen, innerlich soviel geförderten Genossin auf, aber gesagt hat sie, soviel ich mich erinnern kann, nichts darüber. Sie sprach überhaupt nicht viel, und wenn sie es tat, so zeigten ihre sanft errötenden Wangen, wie schwer es ihr wurde. Aber ihr ganzes Tun und Lassen war eine Predigt. Zunächst fiel es uns auf, wie lieb sie ihre Bibel hatte und mit welcher Freude sie in stillen Abendstunden oder an Sonntagen dazu griff. Wir merkten auch etwas davon, daß der Glaube bei ihr eine Überzeugung war und daß sie in der Tat in ihrem Heiland Leben und Seligkeit gefunden hatte. Sie schlug uns vor, es möchte jeden Sonntag eine von uns einen Bibelspruch auswählen, niederschreiben und unter den Spiegel unseres Zimmers heften; das müsse dann für die betreffende Woche der Wahlspruch unserer Klasse sein. Die meisten gingen auf diesen Vorschlag ein, und die Widerstrebenden wurden nach und nach überwunden und freuten sich dann, mitzuhalten. Es lag viel Zucht in dieser scheinbar so einfachen Einrichtung.

Ausgelassene Scherze und unfeines Wesen waren unserer neuen Mitschülerin unerträglich, und ich weiß noch, wie sie einmal ganz erstaunt und betrübt aufblickte, als sie aus unserem Kreise ein unzartes, liebloses Wort vernahm. Da konnte sie mit dem ihr eigenen Ernst bitten: „O, nicht wahr, so etwas sagst du nie wieder?“

Aber auf ganz praktischem Gebiet lag ihre größte Kraft. Mit ungeheuchelter Teilnahme wandte sich ihr liebendes Herz unseren Lehrerinnen zu, und sie suchte ihnen Freude zu machen, wo sie nur konnte. Die lieblichsten Blumensträußchen legte sie bald der einen, bald der anderen auf das Tischchen. Das strahlende Gesicht der älteren Dame war für uns alle eine Studie und eine Beschämung. Das Fußbänkchen bereitzustellen, wo es gebraucht wurde; schnell etwas Gewünschtes zu holen: zu dienen und zu helfen, wo es not war: das war unserer Freundin zur zweiten Natur geworden. „Nicht wahr, wir wollen heute abend recht stille sein; ich glaube, Fräulein S. ist gar nicht wohl.“ Das war eine der wenigen Ermahnungen. — „Du glaubst nicht, wie schön Fräulein B. erzählen kann, wenn man mit ihr den Spaziergang macht,“ sagte sie mir einst. „Willst du nicht bitten, heute mit ihr gehen zu dürfen?“ — Bis dahin hatte es unter uns als ein notwendiges Übel gegolten, hier und da an der Seite der Lehrerin den üblichen Spaziergang zu machen; viel lieber schlossen sich die jungen Mädchen je zwei und zwei zusammen zu allerlei Geplauder. Ich befolgte aber den Rat, und der Gang — und später noch mancher ähnliche — war wirklich genuß- und lehrreich.

Unsere Erzieherinnen tauten ganz auf bei dem neuen Liebesleben, das sie umgab, und wir waren erstaunt, zu entdecken, wieviel wir an ihnen haben konnten, sogar an dem jungen bleichsüchtigen Fräulein, das körperlich allerdings nicht bald genas, aber doch frischer und fröhlicher wurde. Daß dies eine gute Wirkung auf die Schülerinnen hatte, versteht sich von selbst. Nach kurzer Zeit hatte unsere „Stube“ eine so gründliche Veränderung erfahren, daß es in der ganzen Anstalt offenbar wurde.

Ich wußte, woher meine Freundin die Kraft empfing zu diesem Leben der Liebe und der Heiligung. Sie war eine Beterin, die es verstand, aus der Fülle der Gnade zu schöpfen. Sie forderte mich etwa einmal auf, mit ihr zu beten, und obwohl ich damals noch nicht alles verstand, so merkte ich doch, wie köstlich es sei, als ein durch Jesum erlöstes Kind mit Gott zu reden wie mit einem Vater.

Auch nahm sie es sehr genau mit der Sünde. „Ich kann es nicht tun, weil es den Herrn Jesus betrüben würde.“ sagte sie einmal, als sie zu etwas aufgefordert wurde, was ihr unrecht schien. Das war das Geheimnis ihrer Kraft. Nichts sollte sie scheiden von Jesus.

So ging dies mein letztes Pensionsjahr rasch dahin, und wir mußten uns trennen. Sie kehrte zurück in ihre englische Heimat und ich nach Jerusalem. Bald konnte ich ihr schreiben, daß meiner Eltern Gott auch mein Gott und Heiland und daß ich in doppeltem Sinne daheim sei. Das machte auch unseren Freundschaftsbund noch inniger.

Einige Zeilen, die mir in jener Zeit seligen Findens überaus köstlich waren, sollen zum Andenken daran hier eine Stätte finden.

Du willst, ich bin des herzlich froh,
Die Braut sei elend und geringe,
Daß alles sie von dir empfinge,
Mein Herr und Gott, du willst es so.
O daß ich arm und elend bin,
Will ich nun gerne jedem sagen.
Mein ganzer Reichtum liegt darin,
Daß deinen Namen ich darf tragen.
(G. Jahn.)

Doch zurück zu meiner lieben Florence.

Fünf Jahre nach Abschluß unserer Pensionszeit durfte ich sie in London besuchen und nahm mit Freuden wahr, wie sie auch zu Hause unter Eltern und Geschwistern mit stillem Wandel so helle leuchtete.

Auch in Sonntagsschulen und Vereinen hatte sie in reichem Segen gewirkt. Aber ihr Tagewerk ging schon dem Ende zu.

Etliche Wochen darauf sah ich sie wieder. Sie war leidend und schwach, konnte aber meistens auf sein und sprach nie von ihrem Befinden. Meine Augen waren gehalten, so daß ich nicht merkte, wie krank sie war. Sie aber wußte es wohl und suchte mit der ihr eigenen Zartheit und Selbstlosigkeit mich vorzubereiten auf die Trennung.

Ich erinnere mich eines schönen herbstlichen Sonntagabends. Sie ruhte auf einem Liegestuhl; ich saß auf einem Schemel neben ihr. „Lies mir,“ so sagte sie, „von der himmlischen Stadt.“ Ich las: Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabfahren, zubereitet als eine geschmückte Braut ihrem Manne. Und hörte eine große Stimme von dem Stuhl, die sprach: Siehe da, eine Hütte Gottes bei den Menschen, und Er wird bei ihnen wohnen, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen... Und die Stadt bedarf keiner Sonne noch des Mondes, daß sie ihr scheinen; denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie, und ihre Leuchte ist das Lamm. Und seine Knechte werden Ihm dienen und sehen sein Angesicht, und sein Name wird an ihren Stirnen sein. (Offenbarung 21, 22)

Ihre Augen leuchteten. Es war eine weihevolle Stunde. Beim Abschied gab sie mir nachstehendes kleines Lied. Es sollte ihr völliges Einverständnis mit Gottes Führung ausdrücken und zugleich uns, den Zurückbleibenden, helfen zu sprechen: Abba, nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe!

Amen.

Gesegnet seist du, kleines Wort!
Wie lieblich klingest du
Im stillen Herzen fort und fort,
Voll wahrer, tiefer Ruh’.

Ein schlichtes Wort! Oft spricht der Mund
Es leicht und flüchtig hin:
Doch wenn es kommt von Herzensgrund
Bringt’s herrlichen Gewinn.

Ja, Vater! — Was du mir bestimmst,
Das nehm ich still und froh:
Ob du mir gibst, ob du mir nimmst:
Amen, es sei also!

So lerne ich hienieden schon
Den hehren Lobgesang,
Den dort man singt vor Gottes Thron
In ew’gem Jubelklang:

Amen! Anbetung, Ruhm und Macht,
So tönt es jubelnd da,
Sei dir, o Gottes Lamm, gebracht!
Amen! Halleluja!

Kurz nachher, sie vollendete eben ihr vierundzwanzigstes Lebensjahr, am 18. Dezember 1861, schlief sie sanft und selig ein.

Mehrere Jahre waren vergangen. Ich hatte den Orient verlassen und mein Heim auf dem lieben Chrischonaberg gefunden, da machte ich die Bekanntschaft einer Christin aus England. Gemeinsame Interessen hatten uns zusammengeführt, und in der Liebe Jesu fühlten wir uns herzlich verbunden. Eines Tages tauschten wir mancherlei Lebenserfahrungen und Eindrücke aus. Wir sprachen von dem Einfluß, den jeder Mensch, bewußt oder unbewußt, auf seine Umgebung ausübt, ein Einfluß, der oft unberechenbaren Schaden anrichten, oft aber großen Segen verbreiten kann.

Als Beleg für letzteres erzählte ich in Kürze, was ich jetzt mitgeteilt habe, ohne den Namen der Freundin zu nennen, der ich so Großes verdankte.

Meine neue Bekannte hatte mit Teilnahme zugehört und erwiderte nun: „Es ist auffallend, wie sich in unseren Erfahrungen manches berührt. Auch ich hatte in meiner Kindheit eine solche Freundin, die mir eine Führerin zu Jesu wurde. Nach dem so frühen Tode meiner Mutter wurde ich in England in einer Anstalt für Pfarrers- und Missionstöchter untergebracht. Ich fühlte mich unendlich einsam und verlassen. Da nahm sich eine ältere Mitschülerin meiner in herzlicher Liebe an, half mir in allen meinen Schwierigkeiten, sprach mir zu und betete mit mir, wie mein eigenes Mütterlein es getan hatte. Aber nicht nur für mich war sie treu und gut, sondern für alle in der Anstalt. Und wenn auch einige unlautere Mädchen sie mieden, gerade um ihrer Frömmigkeit und Aufrichtigkeit willen, so war sie doch von allen geachtet und von den meisten sehr geliebt. Auch hörte ich unsere Vorsteherin einmal sagen: »Florence Barker ist für das ganze Haus ein großer Segen!«“

„Florence Barker!“ rief ich aus. „Florence Barker, so hieß ja auch meine Freundin. Wäre es denn möglich, daß es dieselbe wäre?“

Ja — es war in der Tat dieselbe! Einige Fragen und Antworten ergaben bald ohne jeglichen Zweifel die Tatsache, daß es das gleiche junge Mädchen war, das zuerst mehrere Jahre in einer englischen Anstalt und dann noch ein Jahr in einem schweizerischen Institut zugebracht und an beiden Orten solche tiefgehenden Segensspuren hinterlassen hatte, daß ihrer nach Jahren mit der größten Dankbarkeit gedacht wurde.

Sie war in der Tat ein süßer Geruch Christi, eine Lilie, die hier zu Ehren des großen Gärtners blühte und nun weiter grünt im Paradiese Gottes.

Allerlei Gäste

Im Elternhause zu Jerusalem hatten wir selbstverständlich Gelegenheit, mit Leuten aus aller Welt Enden zu verkehren. Nicht ohne Grund nannte ein vielgereister Mann und überzeugter Christ unsere liebe alte Stadt: die Metropole der Welt. Durch das sorgfältige Hören auf die Gespräche, die bei Anlaß solcher Besuche geführt wurden, habe ich vieles gelernt, was mir zeitlebens Gewinn gebracht hat. Ich kann deshalb solch aufmerksames Zuhören meinen lieben jungen Freunden gar nicht genug empfehlen. — Bei der Fülle der Erinnerungen, die in dieses Kapitel gehören, muß ich mich auf solche beschränken, die mir irgendwie einen nachhaltigen Gewinn gebracht haben.

Ich erinnere mich deutlich, wie Herr Professor Constantin von Eichendorf im Jahre 1859 direkt vom Katharinenkloster am Sinai, wo er den berühmten Kodex, genannt Sinaiticus (handschriftliches Exemplar des Neuen Testaments aus dem vierten Jahrhundert), aufgefunden hatte, nach Jerusalem kam und seinen merkwürdigen Fund mitbrachte. Auch meinem Vater wurde eine Durchsicht gestattet. Das war für uns alle ein viel wichtigeres und interessanteres Ereignis als all die Flieger- und Sportgeschichten, die heutigen Tages die Aufmerksamkeit der Jugend auf sich lenken. Ich sehe noch, wie alle Tische und Tischlein des Wohnzimmers mit Papieren und Pergamenten bedeckt waren und wie von verschiedenen Herren Vergleichungen der Lesarten vorgenommen wurden. Meinem Vater, diesem großen Bibelfreund, war selbstverständlich diese Beschäftigung von Wert. Was er aber mit der größten Freude aussprach, war die schon früher gemachte Beobachtung, daß die Abweichungen in den verschiedenen handschriftlichen Urkunden nur nebensächliche Dinge berühren und die großen Wahrheiten unseres Heils von aller Zeugen Hand restlos bestätigt sind.

Zur selben Zeit weilte auch Großfürst Constantin von Rußland mit seiner Gemahlin in Jerusalem. Die fürstliche Frau sah ich nicht und konnte nicht ahnen, wie lieb sie lange Jahre danach mir und einem großen Kreis von Christen werden würde durch die kostbaren Mitteilungen aus dem „Halleluja-Eckchen“, wie sie ihr Krankenzimmer im Palast zu St. Petersburg zu nennen pflegte. Des Großfürsten aber kann ich mich Wohl erinnern, da er meinem Vater einen Besuch abstattete und man von den durch seinen Bruder, Zar Alexander II., eingeführten Reformen sprach. Als ich mehr denn vierzig Jahre später seine Tochter, I. K. H. Herzogin Wera von Württemberg, kennenlernte, freute sie sich, daß „unsere Väter“ sich begrüßt hätten im irdischen Jerusalem: aber freilich noch ganz anders durften wir uns darüber freuen, daß wir Heimat- und Bürgerrecht im himmlischen Jerusalem hatten.

Viel Segen ward mir zuteil durch einen englischen Hauptmann a. D. H. Layard von der britischen Armee in Indien. Er hatte aus Gesundheitsrücksichten den aktiven Dienst verlassen müssen, kämpfte aber für seinen himmlischen König mit der Klarheit und Entschiedenheit, die bei gläubigen Offizieren so wohltuend berührt. Sein Besuch in Jerusalem galt auch dem Werk des Herrn; wenn ich nicht irre, hatte er sich der Judenmissionsgesellschaft zur Verfügung gestellt. Er, der vornehme Mann, war außerordentlich einfach in seinen Gewohnheiten, dabei aber sehr pünktlich und ordnungsliebend. Meine Eltern hatten ihn eingeladen, unser Gast zu sein, und er hatte gern angenommen. Als er am ersten Abend gebeten wurde, seine Schuhe zum Reinigen vor die Türe zu stellen, meinte er: „Das sagen Sie einem alten Soldaten! Nee, das besorge ich selbst!“ Dabei zog er eine zierliche Blechbüchse aus seiner Reisetasche und zeigte uns die vollkommenste Einrichtung zum Schuhputzen, die man sich denken kann. „Wer in des Königs Dienst soviel reist wie ich, der sorgt dafür, anderen Leuten möglichst wenig Mühe zu machen,“ meinte er. Er hat wohl diese Gewohnheiten schon im Vaterhaus in Indien angenommen, wo er als eines von sechsundzwanzig Geschwistern aufgewachsen war.

Von diesem edeln, ernsten Mann habe ich eine Lektion über das Beten bekommen, die mir durch mein ganzes Leben von Segen gewesen ist. Er redete einmal in einer Abendandacht von dem unaussprechlich hohen Vorrecht, das wir genießen dürfen im Gebet.

„Manche Leute,“ sagte er, „klagen über flatterhafte Gedanken beim Gebet. Das hat seinen Grund vielfach darin, daß man sich nicht genug sammelt in Gottes Gegenwart, ehe man zum Gebet schreitet. Wenn man vor Seine Majestät treten will, muß man es sich bewußt werden, daß man in das Audienzzimmer eines Königs kommt und es mit ihm zu tun hat. Ehe du ein Wort des Gebets sprichst, blicke in Ehrfurcht auf zu dem großen Herrn, dessen Saum den Tempel erfüllt, der umgeben ist von den heiligen Cherubinen und Seraphinen. Werde stille vor ihm. Wenn man schnell hinkniet und gleich einige Anliegen oft mehr aus Gewohnheit oder mit halbem Herzen vor ihn bringt, so ist das keine richtige Anbetung und auch kein wirkliches Bitten. Mache es dir klar, daß du mit Gott reden und was du ihm sagen willst. Laß ihn auch zu dir reden. Wer in dieser Gesinnung kommt, wird nicht über flatterhafte Gedanken zu klagen haben.“

Mit solchen und ähnlichen Worten ermahnte er uns auch in Einzelgesprächen. Die für das Wachstum und Gedeihen so notwendige stille Sammlung zum Gebet im Kämmerlein schließt das schnelle Aufwärtsschicken eines Seufzers nicht aus, das oft, wie bei Nehemia, zwischen einer Frage und deren Beantwortung zu Gott gesandt und mit Heil beladen zurückkommen kann. Noch viel weniger soll es das Beten ohne Unterlaß ersetzen. Aber eben, um ein wahres Gebetsleben zu führen und im Augenblick der Not gleich die richtige aufwärtssteigende Linie zu finden, ist es nötig, die heilige Flamme durch ein öfteres eindringliches Hinzunahen zum Gnadenthron und ein Schöpfen aus Gottes Fülle zu nähren.

Der gleiche Grundsatz ist anwendbar auf die Bereitschaft zum Anhören des göttlichen Wortes. Darum ist es so heilsam, jeweilen frühzeitig zum Gottesdienst oder in die Erbauungsstunde zu kommen und in der Herzensstellung zu sein, die Cornelius so schön beschreibt mit den Worten: Siehe, wir alle sind hier gegenwärtig vor Gott, zu hören alles, was von ihm befohlen ist.

Wie ist es doch so ein wichtiges Ding um unsere Worte! Für jegliches unnütze Wort sollen wir ja einst Rechenschaft geben. Aber welchen Segen kann ein gutes Wort stiften! Es ist ein goldener Apfel auf silberner Schale. Der liebe alte Hauptmann, der sich so freundlich mühte, ein junges Mädchen zu belehren, hat es wohl nie erfahren, welch’ köstliche Frucht das ausgestreute Samenkorn getragen hat, sowohl für mich selbst, als auch für andere, in deren Herzen ich es weitergeben durfte. Er selbst aber ist schon lange dort, wo man erntet ohne Aufhören.

Um das Jahr 1865 war es, daß eine flüchtige Begegnung uns zuteil wurde, deren Bedeutung uns erst später bewußt ward. Prinz und Prinzessin von Schleswig-Holstein-Noer besuchten das Heilige Land, nicht lange nach ihrer Vermählung. Ich sehe noch im Geist die hohe ritterliche Gestalt des schon älteren Herrn und die zarte liebliche Erscheinung der jungen Frau, einer geborenen Amerikanerin, Marie Lee, die unser aller tiefste Teilnahme erwarb. Dem jungen Glück folgte bald schweres Leid. Nach nur neunmonatlicher Ehe starb der Prinz, noch ehe man die Küste Palästinas hatte verlassen können, und die betrübte Witwe mußte einsam zu den Ihrigen zurückreisen.

Neun Jahre später reichte sie ihre Hand dem Feldmarschall Graf Alfred Waldersee, mit dem sie in dreißigjähriger glücklicher Ehe gelebt hat. Wir hatten einmal die Freude, die beiden in unserem Chrischonaheim zu sehen. „Ich vergesse Jerusalem nie,“ sagte die Gräfin Waldersee mit innigem Händedruck.

Was sie an der Seite ihres Gatten und in den zehn Jahren seit seinem Heimgang (1904) im Reiche Jesu Christi gewirkt hat und gewesen ist, kann nur angedeutet werden. Vielen ist sie, besonders in ihrem eigenen Hause, eine Führerin zu Jesu und geistliche Mutter geworden.

Am 4. Juli 1914 ist sie in Hannover entschlafen. Das Werk des Herrn lag bis zuletzt ihr sehr am Herzen. „Aller Glaube, der nicht aufgebaut ist auf das Kreuz Jesu Christi, ist nichts,“ sagte sie. Am letzten Abend vor ihrem Heimgang breitete sie die Arme aus, und mit verklärtem Ausdruck in den Augen sagte sie: „Die Herrlichkeit des Herrn gehet auf über mir.“ Und etwas später: „Es ist Gnade, alles Gnade.“ So durfte sie eingehen in die Herrlichkeit, um den zu schauen, dem ihr ganzes Herz und ihr Leben gehört hatte. Bei solchen Sterbebetten merkt man es, daß der Glaube eine Realität ist.

Doch wir kehren zurück nach Jerusalem und in die Zeit vor beinahe fünfzig Jahren.

Da hatten wir einen Gast aus dem fernen Westen, dem wald- und wasserreichen Staate Minnesota, Bischof Whipple. Er leitete dort, in seiner einflußreichen Stellung als Bischof der englischen Episcopalkirche, ein großes Weck unter den Indianern und durfte manchen „Sohn der Wildnis“ zum Heiland führen. Man nannte ihn den Apostel der Indianer, weil er sich ganz für sie hingab und zeitweise unter ihnen wohnte. Nun hatte er in einer Urlaubszeit die Reise ins Heilige Land gemacht. Auf dem großen Ozeandampfer lernte er einen jungen Mann kennen, der bis dahin ohne Gott in der Welt gelebt hatte. Der Jüngling bekam durch den Umgang mit dem Manne Gottes tiefe Eindrücke und bekehrte sich. Er war als Kind nicht getauft worden und verlangte nun danach. So kam es, daß Bischof Whipple ihn, als sie die Reise nach dem Jordan machten, dort taufte, wo sein Heiland einst die Taufe empfing. Es muß eine weihevolle Stunde gewesen sein. Doch war wohl die Sonnenglut zu heftig gewesen für den Bischof, und schwer krank kehrte er in das Hotel in Jerusalem zurück. Meine Mutter lud ihn sofort ein, zu uns zu kommen, und fast wie ein Sterbender wurde er in unser Haus getragen. Es folgten drei Wochen ernster Sorge und schwerer Pflege; denn das syrische Fieber war mit aller Heftigkeit aufgetreten. Aber dann hatten wir die große Freude, unseren Freund als einen Genesenden zu begrüßen und nach drei oder vier weiteren Wochen ihn völlig hergestellt wieder zu seiner Familie und seinen geliebten Indianern heimkehren zu sehen.

Einen ebenfalls seltenen Gast beherbergten die Eltern auch einmal auf kürzere Zeit. Es war ein Neger aus Liberia, Westafrika, ein gebildeter und feiner Mann, der den Titel Professor trug und in einer der ersten Erziehungsanstalten seines Vaterlandes unterrichtete. Was mir von dem Verkehr mit ihm als eine Art geistigen Vermächtnisses geblieben ist, das war ein Blick, den er uns tun ließ in heiße innere Kämpfe eigener Art. Der Gegensatz zwischen den kulturellen und anderen Vorzügen der Japhetiten und Semiten und den bedauernswerten Verhältnissen seiner eigenen Rasse drückte seine Seele in dem Maße, als sie sich durch innere Entwickelung ihrer Fähigkeiten bewußt wurde. Mit einem Blick, der mich fast physisch schmerzte, sagte er einmal, das Wort des Apostels Paulus auf dem Areopag in Athen habe ihm das (geistliche) Leben gerettet: Gott hat gemacht, daß aus einem Blut aller Menschen Geschlechter auf dem ganzen Erdboden wohnen . . . Wir sind göttlichen Geschlechts. (Apostelgeschichte 17, 26-28).

An diese Begegnung wurde ich lebhaft erinnert, als vor etlichen Jahren der Negerbischof Oluwole von Sierra Leone als Gast im Hause ,,Zu den Bergen“ auf Chrischona weilte und uns durch seine Vorträge und seine christliche Gesinnung erbaute.

Und nun als letztes eine Geschichte, die in eine viel frühere Zeit fällt, aber uns allen unvergeßlich geblieben ist. Sie widerfuhr einem Freunde aus Berlin, dem Kandidaten der Theologie Ohnesorge. Dieser teure Mann machte seinem seltsamen Namen alle Ehre; denn er hatte gelernt, seine Sorgen auf den Herrn zu werfen. Er war nicht mehr ganz jung und hatte eine Braut, die er heimzuführen hoffte, sobald er eine Berufung ins Amt erhalten würde. In der Wartezeit war ihm Gelegenheit geboten worden, eine Reise nach Jerusalem zu machen, und mit Freuden hatte er das Vorrecht wahrgenommen. Wie glücklich war er, als er die heiligen Stätten besuchen und in der Stadt des großen Königs predigen durfte!

Südöstlich von Jerusalem erhebt sich der hohe Frankenberg, der durch seine vulkanähnliche Form im Landschaftsbild einen eigenartigen Eindruck macht. Die Aussicht, die man von dort genießt, ist ergreifend, und es war nicht zu verwundern, daß der Kandidat Ohnesorge den schönen Punkt zu besuchen wünschte. Man sagte ihm zwar, es sei gefährlich, allein dahin zu gehen, weil räuberische Beduinen in der Gegend hausten, er müßte einige bewaffnete Araber zum Schutze mitnehmen. Das war aber eine kostspielige Sache, und Herr Ohnesorge meinte, man sehe es ihm ja an, daß er keine Schätze mit sich führe, und werde ihn wohl in Ruhe lassen.

Der lange Marsch ging denn auch gut vonstatten, und voll Freude langt unser Freund auf dem Gipfel des Berges an. Er ist ganz versunken in die eigenartige Schönheit der Aussicht, die sich ihm darbietet. Wie mächtige steinerne Wellen liegen vor ihm die Felsmassen des Gebirges, das sich immer tiefer dem Jordantale zusenkt. Dort liegt die blaue Fläche des Toten Meeres, glitzernd im Hellen Sonnenschein. Und dort windet sich wie ein grünes Band durch das sonst öde Tal der Jordan mit seinen reichbewachsenen Ufern.

Der Wanderer kann sich nicht satt sehen. Da plötzlich regt sich etwas in seiner Nähe. Er sieht sich um und erblickt hinter der Felsenkante ein dunkles Gesicht, das mit schwarzen, funkelnden Augen nach ihm späht. Ein Beduine ist’s, der sein Pferd am Halfter nach sich zieht. Und da, siehe, noch einer, und da, noch mehrere. Sie kommen auf ihn zu, und er weiß, was ihre Gebärden sagen wollen, wenn er auch ihre rauhe Sprache nicht versteht. Er streckt ihnen freundlich Uhr und Beutel entgegen. Aber damit sind sie nicht zufrieden, und teils aus Rache für die getäuschte Hoffnung, teils aus böser Lust, den armen Fremdling zu quälen, nehmen sie ihm Stück für Stück alle seine Kleider hinweg und ziehen hohnlachend von dannen. Nur den Hut haben sie ihm gelassen.

Nun kommt ein Moment, da der liebe Kandidat Ohnesorge mit schwerer Sorge zu ringen hat. Wie soll er je aus dieser peinlichen Lage befreit werden? Aber es ist nur ein Moment, da siegt der Glaube. Er lehnt sich dicht an den Felsen und hebt an, fest und klar das alte Lutherlied zu singen, das schon manchem Streiter Christi den Mut gestärkt hat, wohl aber noch nie in so eigentümlichen Verhältnissen erklungen ist:

Ein’ feste Burg ist unser Gott,
Ein’ gute Wehr und Waffen,
Er hilft uns frei aus aller Not,
Die uns jetzt hat betroffen.

So singt er Vers um Vers. Wie er zum Ende kommt:

Nehmen sie uns den Leib,
Gut, Ehr’, Kind und Weib,
Laß fahren dahin,
Sie haben’s kein Gewinn:
Das Reich muß uns doch bleiben —

da sieht er, wie seine Peiniger sich ihm wieder nahen, aber mit ganz anderem Gesichtsausdruck als vorhin.

»Derwisch! Derwisch!“ (ein Heiliger) murmeln sie. Einem solchen darf kein Leid zugefügt werden; er steht unter Gottes besonderem Schutz. Da kommen sie einer nach dem anderen, die diebischen Beduinen, und bringen ihm alle seine Sachen wieder, Hemd und Hose. Weste und Rock, Schuhe und Strümpfe, Uhr und Beutel. Freundlich legen sie ihm alles hin. Ja, sie tun noch mehr; sie begleiten ihn den Berg hinunter, um ihn vor fernerem Überfall zu schützen, und unter der Bedeckung dieser seltenen Leibgarde erreicht unser Freund das Städtchen Bethlehem und ist aus dem Gebiet der wilden Beduinen gerettet. Voll Freude wurde er in Jerusalem begrüßt, wo wir seines langen Ausbleibens wegen in Sorge geraten waren.

Diese Begebenheit ist es wert, festgehalten zu werden. Sie beweist die Macht des Glaubens, der mitten in der Bedrängnis vom Siege singen kann.

Der liebe Sänger aber ist schon längst aller Not und Sorge auf ewig entrückt. Er starb, noch ehe er seine Braut hatte heimholen können, aber sein Glaube half ihm auch in der letzten Not zu singen: Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch unseren Herrn Jesum Christum!

Ein Jahr in England

“Etwas von deinem Aufenthalt in England mußt du in deinem Buch der Erinnerungen mitteilen,“ so mahnt eine mir gewichtige Stimme aus meinem Kinderkreise. Ich hatte allerdings nicht beabsichtigt, es zu tun. Denn ich wollte ja nicht sowohl von mir selbst erzählen, als von den Menschen, die für mich Kanäle des Segens geworden sind. Und gerade während jenes ersten Aufenthalts in England im Jahre 1861/62 kam ich mit solchen geförderten Christen wenig in Berührung und habe daher keine bemerkenswerten Züge zu zeichnen. Und doch war jenes Jahr in der Tat in mancher Beziehung ein Jahr besonderen Segens für mich, und die damals gesammelten Erfahrungen haben in gewissem Sinn entscheidend auf meinen ganzen ferneren Lebensgang gewirkt.

Als ich dies alles erwog, kam es mir zum erstenmal nachdrücklich zu Gemüt, daß wohl gerade diese völlige Abhängigkeit von Gott, dieses Geworfensein auf ihn allein die Erklärung und Ursache des Segens gewesen seien. Und so mag denn auch dieser Abschnitt dem einen und anderen, besonders unter meinen jungen Lesern, von Interesse und vielleicht von Nutzen sein. Die »lichten Spuren“, die sich hier finden, rühren ganz unmittelbar von der Gnade des großen Herrn, der seine Kraft in der Schwachheit seines Kindes offenbarte.

Der äußere Rahmen zu diesem Bilde war außerordentlich lieblich. In dem kleinen Städtchen Romsey, unweit Southampton, dem großen Hafenplatz Südenglands, war mein lieber ältester Bruder als Hilfsgeistlicher angestellt worden. Seinem dringenden Wunsch, eine Schwester als Teilnehmerin seiner Freuden und Leiden zu haben, wurde von seiten meiner Eltern und von mir selbst gern entsprochen.

Die Hauptzierde von Romsey war ein prächtiger Dom, The Abbey, ein alter, gut erhaltener normannischer Bau. Der weite Raum war nur soweit bestuhlt, als es für die Erfordernisse der Gemeinde nötig war. Große, weite Säulengänge mit schönen Grabmälern aus alter Zeit lagen ringsum. Trotzdem war die Akustik vortrefflich. Die Gottesdienste waren schlicht und die Predigt evangelisch.

Etwas außerhalb der Stadt lag inmitten eines herrlichen Parks das Schloß Broadlands, der Sitz des damals vielgenannten Premierministers Lord Palmerston. Wir sahen die Herrschaften oft bei der sonntäglichen Predigt. Wenn viele Gäste im Schloß weilten und der Palmerstonsche Kirchenstuhl nicht ausreichte, so führte der feierliche Küster die Herren zuweilen in meinen Sitz. Dieser war in freundlicher Fürsorge für eine eventuelle kinderreiche Hilfsgeistlichenfamilie eingerichtet, und da zurzeit nur ein einsames Pfarrschwesterlein drin saß, so war natürlich viel Platz da für andere. Es machte dem alten Kirchendiener Freude, mir dann bei späterer Begegnung zu erzählen: „Am Sonntag war Lord Shaftesbury Ihr Nachbar“; oder: „Gestern saß Sirach Austen Layard von Rinive (der bekannte Forscher) neben Ihnen. Es war mir natürlich interessant, manche Männer aus diplomatischen und besonders aus Literaten- und Künstlerkreisen zu sehen. Aber mit Ausnahme des edeln, frommen Grafen von Shaftesbury lernten wir keinen dieser Herren persönlich kennen.

Der Landsitz der Familie Nightingale war auch in der Nähe unseres Städtchens. Die edle Tochter Florence, die „Heldin unter den Helden“ des Krimkriegs, war selbstverständlich eine bekannte und hoch geliebte Persönlichkeit.

Noch eines interessanten Mannes möchte ich kurz Erwähnung tun. Er war Buchhändler, Verleger und Buchdrucker in einer Person und liebte sein Fach so sehr, daß er auch als Schriftsetzer sich gern übte. So gab er gerade in jener Zeit ein Buch heraus, das niemals geschrieben worden war. Es war eine umfangreiche Geschichte der Abtei von Romsey. Das Werk entstand tatsächlich am Setzerkasten, wo der Herr Verfasser und Verleger mit Begeisterung, aus Gemüt und Gedächtnis schöpfend, Wort an Wort reihte und ein wirklich schönes Buch schuf.

Einige Familien von Geistlichen, Ärzten, Offizieren und Juristen bildeten einen schönen Freundeskreis, in den wir mit großer Zuvorkommenheit aufgenommen wurden. Aber unser Hauptumgang war unter den Armen. Für sie waren wir recht eigentlich da, und wir fühlten uns überaus glücklich dabei.

Es war viel Armut und viel Arbeit vorhanden. Die kleinen Orte in der Nähe großer Seestädte sind oft rechte Schlupfwinkel des Bösen. Ich war noch zu jung, um zu verstehen, wie groß und tief das Laster war, das mich umgab. Die Aufgaben kamen ungesucht mir zu. Man nahm von vornherein an, die Schwester des Hilfsgeistlichen müsse auch mithelfen, und ich kann wohl sagen, daß ich blindlings hineingeführt wurde in Szenen und Verhältnisse, die ich nie wieder vergessen kann. Aber da lernte ich die Kraft des Namens Jesu und die heilige Wirkung seines Wortes kennen wie nie zuvor. Ich lernte zu Gott schreien um Hilfe und Rat und durfte es erfahren, daß der Herr Kraft und Weisheit schenkt im Augenblick der Not. — Mehr möchte ich von dieser Seite der Arbeit nicht sagen.

Aber einige andere liebliche Erfahrungen will ich aufzeichnen.

Ich besuchte regelmäßig ein junges, am Rückenmark leidendes, seit Jahren ans Bett gefesseltes Mädchen. Wir plauderten allemal ein Weilchen zusammen; dann las ich einen Abschnitt aus der Bibel, erklärte ihn, so gut ich es verstand, und betete mit ihr. Man sprach damals noch nicht soviel wie heute von Seelenrettung, und ich hätte gar nicht gewagt zu denken, daß ich jemand zu Jesu führen könnte. Aber siehe da! Das Wort Gottes, das ich in Einfalt vorlas, wirkte Leben. Im Lichte dieses Wortes erkannte die Jungfrau ihre Sündennot, erkannte aber auch ihren Heiland und drang vom Tod zum Leben hindurch. Bei dieser herrlichen Erfahrung war ich ganz überwältigt. Es war mir nicht anders zumute als dem Petrus, da er ausrief: Herr, gehe hinaus von mir, ich bin ein sündiger Mensch!

Diese Erfahrung aber ermutigte mich, bestimmter zu werben. Ein großer fünfzehnjähriger Knabe, dessen Name, Tom R., auf der Liste der Sonntagsschüler meiner Gruppe figurierte, der aber niemals dazu kam, beschäftigte mich, und ich hätte ihn gern aufgesucht und persönlich eingeladen. Aber man riet mir entschieden ab. „Er ist ein ganz gottloser und böser Junge; er verdirbt Ihnen die ganze Klasse; mit ihm ist nichts anzufangen,“ so sagte sogar der Herr Pfarrer, dem ich meinen Kummer mitgeteilt hatte. Eines Tages besuchte ich die Mutter jenes Knaben, eine arme, fromme Witwe. Es wurde spät, und wie ich eben ihre Hütte verlassen wollte, trat Tom herein. Ich sah ihn zum erstenmal von nahem. Er war Lehrling in einer Eisenhandlung und sah schmutzig und scheu aus. Trotz den mancherlei Warnungen konnte ich nun doch nicht anders, als ihn herzlich zu bitten, doch in die Sonntagsschule zu kommen. Und richtig, am nächsten Sonntag kam er, kam vormittags und nachmittags, kam immer wieder, und bald durfte ich erfahren, daß er nicht nur zur Schule, sondern zum Heiland selbst gekommen sei. Er wurde ein umgewandelter und seliger Mensch.

Bei meinem Abschied von Romsey im darauffolgenden Jahr sagte mir seine Mutter: „Jetzt muß ich Ihnen doch erzählen, was bei Tom den Ausschlag gegeben hat; denn Sie sind noch jung, und es kann Ihnen auch später von Nutzen sein. Als Sie ihn an jenem Abend zum erstenmal bei mir trafen, da merkte ich nachher, daß er eigentümlich bewegt war. Ich hieß ihn, sich die Hände zu waschen und zum Nachtessen zu kommen. Da sagte er: »Ich möchte am liebsten die rechte Hand gar nicht waschen. Sieh, es hat mir schon lange, lange niemand mehr die Hand gegeben. Alle haben mich verachtet. Aber jetzt will ich auch in die Sonntagsschule gehen.« Das war der Anfang seiner Umkehr.“

Ich fühlte mich sehr beschämt, als ich dies vernahm. Fast achtlos hatte ich ihm ja damals die Hand gegeben. O wieviel, wieviel versäumen wir!

Als ich nach einer Reihe von Jahren wieder einmal nach Romsey kam, fand ich meinen jungen Freund als einen gut gestellten, auf Gottes Wegen wandelnden Mann wieder. Der Pfarrer, den ich nach ihm fragte, sagte mir: „Er ist ein sehr lieber und tüchtiger Jüngling. Das einzige, was ich an ihm zu tadeln habe, ist, daß er die Bibelstunden der Dissidenten besucht.“ Ich muß bekennen, daß ich mich darüber nur freute; denn da keine andere Gemeinschaft am Orte war, verstand ich wohl, daß er als Christ Anschluß suchte, wo er ihn fand.

Eine sehr kranke alte Frau wurde von auswärts zur Stadt gebracht und in eine Pflege gegeben. Mein Bruder sagte mir gleich nach der ersten Begegnung: „Da mußt du bald und oft hingehen. Sie ist ganz unwissend und sehr krank.“ So war es auch. Sie hatte ihr Leben in einer einsamen Hütte im Walde zugebracht, war seit Jahren nicht zur Kirche gegangen und konnte weder lesen noch schreiben. Nun war ernste Krankheit ausgebrochen, und in der Nähe des Todes kam die Furcht vor der unbekannten Ewigkeit. Ich erzählte ihr vom Heiland, von seinem Leben und Leiden, von seiner Liebe und Macht. Und die alte Frau nahm die Botschaft auf wie ein Kind, wie Blumenkelche den Tau aufnehmen. Jemand Weiseres hätte ihr vielleicht gesagt, sie müsse Buße tun und glauben. Aber sie glaubte ja so kindlich und froh und war so glücklich zu denken, daß das Lamm Gottes ihre Sünden, die ihr so große Angst machten, hinweggetragen habe. Weitere Ermahnungen hätten sie nur verwirrt.

Die Krankheit, ein Kehlkopfkrebs, machte rasche Fortschritte, so daß sie wenig sprechen konnte. Aber kurz vor ihrem Ende sagte sie noch mit ihrer heiseren Stimme: „O lieber Herr Jesus, was sind Sie doch für ein guter, freundlicher Herr, daß Sie alles für mich getan haben! Ich danke Ihnen!“ In ihrer Unwissenheit hatte sie nicht gemerkt, daß man Gott, den Herrn, auch in der englischen Sprache mit du anredet. Ihr Dankgebet klang fremd und doch so echt.

Einem lieben schwindsüchtigen Mädchen, das genau so alt war wie ich, las ich einmal den schönen 86. Psalm vor: Herr, neige deine Ohren und erhöre mich, denn ich bin elend und arm! Sie war so schwach, daß man ihre Stimme kaum noch verstehen konnte, und ich machte sie darauf aufmerksam, wie der Herr so gnädig sein Ohr zu den Seinen neige, so daß sie auch flüsternd zu ihm reden könnten. Dieser Gedanke war ihr eine wahre Wonne, und ganz kurz vor dem Sterben wollte sie nochmals den Psalm hören und in ihres Gottes Ohr ihre letzte Bitte flüstern.

Ich habe hier einige der schönsten Züge aus jener reichen Zeit erzählt. Aber es gab auch andere und schmerzliche Erfahrungen, die mir zur Demütigung dienten.

Ich erwähnte vorhin die Versammlungen der Dissidenten (dissenters). So nannte man in England alle Gemeinschaften, die nicht zu der anglikanischen Staatskirche gehörten. Der Gedanke der evangelischen Allianz hat doch, Gott sei Dank, in den letzten fünfzig Jahren gewaltige Fortschritte gemacht. Wie waren doch damals die Zwischenzäune unter den Hürden der einen Herde so hoch! Den jungen, damals gerade allgemein bekannt werdenden Spurgeon zu hören, galt als eine große Untreue und Taktlosigkeit. Man grüßte auf der Straße Mitglieder anderer Gemeinschaften kaum. Mir tat das wehe. In einer abgelegenen Straße Romseys lag die bescheidene kleine Methodistenkapelle, umgeben von schattigen Bäumen. Gern ging ich des Sonntags oder Mittwoch abends in jene Straße, um dem warmen Gesang zu lauschen, der aus dem schlichten Gotteshause hervorquoll. Ich stimmte auch etwa mit ein und erquickte mich daran.

Öfter traf ich auf meinen Gängen zwei junge Damen, denen ich es abfühlte, daß wir eines Geistes Kinder seien. Ich erkundigte mich nach ihnen und erfuhr, daß sie fromme und geachtete Lehrerinnen, aber — dissenters seien. „Sie werden doch nicht mit ihnen näheren Umgang pflegen wollen?“ sagte man mir. Aber es kam noch dazu. Die Liebe Jesu brach durch die hohen Umzäunungen durch, und Gott segnete uns.

Die Schwestern hatten übrigens ein schönes Familienleben; sie wohnten bei ihrer verwitweten Mutter, die auch eine lebendige Christin war. Der Vater war ein Offizier der Marine gewesen und hatte seinerzeit das Kriegsschiff befehligt, das den Kaiser Napoleon in die Verbannung nach der Insel Elba brachte. Zur Erinnerung an jene wehmütige Fahrt hatte Napoleon seinem Kommandanten einen Ring geschenkt, einen wundervollen Smaragd, auf dem mit lauter Diamanten der Buchstabe gebildet war. Der Ring wurde hoch in Ehren gehalten im Andenken an den „armen Napoleon“.

Meines Bruders Haupttätigkeit war in dem Filialdorf Lee. Dort wurde in jenem Jahr durch seine treuen Bemühungen eine Kapelle gebaut. Wie manchen schönen Gang haben wir zwei Geschwister dort hinaus gemacht! In der Weihnachtszeit ging’s über den knisternden, festgefrorenen Schnee bei hellem Sternenschein; im Frühling durch die blühenden Hecken, an dem wundervollen grünen Wiesenland vorbei. Am Sonntag nach Ostern kehrten wir einst froh und still nach dem Abendgottesdienst wieder nach Hause. Es waren für mich ernste und traurige Tage vorausgegangen. Ein Nebel hatte sich über meine Seele gelagert; nun war die Sonne der Gnade wieder durchgebrochen, und mein Herz war sehr fröhlich. Da sagte mein teurer Bruder mit einem bedeutsamen Leuchten in seinen guten Augen: „Mir scheint, du habest dies Jahr erst mit Thomas Ostern gefeiert!“ Es war in der Tat so. Wie dankte ich dem Bruder für sein zartes Verständnis meines inneren Glücks und für die eben so zarte Zurückhaltung, die mich zuvor nicht mit Fragen verletzt hatte.

In Lee wohnte ein armer Mann, namens Offer, der lebenslang Tagelöhner auf einer großen Farm gewesen war. Nun war er alt und gebrechlich und konnte sein Lager selten mehr verlassen. Er brachte seine Zeit zu mit Lesen, Sinnen und Beten. Ihn besuchte mein Bruder jede Woche, und zwar verstand er es, seine Besuche für beide Teile nutzbar zu machen. Er las gewöhnlich dem greisen Freunde den Text, über den er am nächsten Sonntag zu predigen gedachte, im Zusammenhang vor. Die Fragen, die der alte Offer stellte, zeigten ihm, was wohl den meisten seiner Zuhörer als eine Schwierigkeit erscheinen würde, und die Bemerkungen des erfahrenen Christen gaben zu mancher Wahrheit neues Licht oder freudige Bestätigung. Öfter gab mir mein Bruder hernach Bericht über solche Predigten, die, wie er sich ausdrückte. „Offer und ich“ miteinander gemacht hätten. — Ich habe gedacht, dieser schlichte Zug könnte für manchen jungen Prediger nachahmenswert sein.

Auch ich besaß unter meinen lieben armen Frauen eine oder zwei priesterliche Seelen, die mit mütterlicher Teilnahme über mich wachten. Eine derselben war eine Schottin aus dem Hochlande, die trotz langen Aufenthalts in England ihren urwüchsigen heimatlichen Dialekt beibehalten hatte. Es war für Leib und Geist eine Freude, diese liebe betagte Christin in ihrem kleinen efeuumsponnenen Häuschen zu besuchen. Sie kannte von Kind auf die Heilige Schrift und liebte sie sehr. Die Psalmen Davids konnte sie fast alle auswendig, allerdings nach der metrischen Übersetzung, die in der schottischen Kirche gebraucht wird. Sie erzählte mir einmal, daß sie als ganz junges Mädchen in ihrer ersten Stelle über ihre Kräfte angestrengt gewesen und oft abends vor Müdigkeit fast umgesunken sei. Aber Gott habe so treu über sie gewacht, daß sie doch nie ohne Gebet zu Bett gegangen wäre. Allerdings sei sie manchmal auf den Knien eingeschlafen, und einmal habe sie sogar eine ganze Nacht so zugebracht und sei am Morgen verwundert gewesen, sich angezogen und auf den Knien zu befinden! Das liebe welke Gesicht wurde ganz rot bei dieser Erinnerung. Sie erzählen zu machen war mir nicht nur eine Freude, sondern eine tiefe Erbauung. Ein solch dankbares, gläubiges, fröhliches Gemüt ist etwas Köstliches. Daß der Heiland um ihre Sorgen und Nöte wisse, war ihr genug. Daß sie ein Auge verloren und nun am zweiten am Erblinden war, focht sie nicht im mindesten an. Sie drückte mir eines Tages ihr liebes Neues Testament in die Hand; die Psalmen in metrischer Übersetzung waren auch dabei. „Nehmen Sie es als mein teuerstes Vermächtnis,“ sagte sie; „ich sehe ja doch nicht mehr genug, um es zu lesen.“ Und das eine blöde Äuglein zwinkerte dabei so vergnügt, als ob sie mir die freudigste Nachricht gesagt hätte.

Das alte liebe Buch liegt vor mir, während ich diese Zeilen schreibe. Ich schaue es mit Ehrsucht an. Welche wunderbare Kraft liegt doch in dem von Gottes Geist durchhauchten Buch, daß es in allen Ländern und Zonen Herzen erleuchten und erwärmen kann und der gläubigen Seele in der Tat schmeckt wie Honig und Honigseim!

Einen kleinen Zug aus der Romsey-Zeit will ich noch hersetzen zur Ermunterung für meine jungen Freundinnen, die alle ihre Gaben ganz dem Heiland weihen wollen. — Es wurde in den Gesellschaftskreisen, in denen wir verkehrten, viel gesungen, sowohl Solo als in Gemischtem Chor. Seit ich des Herrn bewußtes Eigentum geworden war, hatte ich keinen Gefallen mehr an Liedern, die nur der Weltlust dienten, und machte darum nicht gern mit. Aber zu Hause wurde jeden Abend in der Dämmerstunde ein Lied oder eine Arie gesungen zu stiller Erbauung und Freude. Gegen Ende meines Aufenthalts erfuhr ich, daß ich damit ganz ungesucht einem kleinen Kreis von Armen und Geringen unter unseren Nachbarn gedient und manchen aus ihnen Trost und Heilsverlangen ins Herz gesungen hatte. Sie hätten jeden Tag, so erzählten sie, auf ihr Abendlied gewartet. Wieviel köstlicher war das, als aller Beifall, den das törichte Herz etwa einmal gewünscht hätte! Alles, was wir dem König opfern auf irgendeinem Gebiet, ist nicht Verlust, sondern Gewinn.

Ein vielgesungenes Lied aus jener Zeit war:

Dein, Jesu, dein!
Es kann das Herze mein
Nicht Ruhe finden fern von dir;
Die Welt ist nun gekreuzigt mir,
Und ich bin dein.

O Gottes Sohn,
Du meines Lebens Kron’!
Ob ird’sche Freuden fahren hin,
Du bist mein seligster Gewinn.
O Gottes Sohn!

So stärke mich,
Zu schauen nur auf dich,
Zu wandeln auf dem schmalen Pfad,
Zu schöpfen täglich Gnad’ um Gnad’.
Ja, stärke mich!

Bis du dereinst In Herrlichkeit erscheinst
Und heim mich holst zur sel’gen Schar,
Die dich lobpreiset immerdar.
Herr Jesu, komm!

In der Zeit meines englischen Aufenthalts fanden im Norden des Landes und besonders auch in Schottland und Irland kräftige Erweckungen statt, die um so bedeutsamer waren, als sie nicht infolge von besonderen Predigten entstanden, sondern direkte Wirkungen des Heiligen Geistes waren. Meistens fing die Erweckung damit an, daß einige Jünglinge sich zusammen verbanden zum Gebet. Der Kreis erweiterte sich von Tag zu Tag, und bald waren große Versammlungen beieinander, die dann von einem berufenen Evangelisten geleitet wurden. — Viele Seelen wurden damals zu Gott bekehrt.

Wir in Romsey erfuhren wenig oder nichts von dieser Gnadenheimsuchung. Nur einmal merkte ich etwas davon. Ich war für wenige Tage auf Besuch bei Freunden in einer anderen Grafschaft. Schon die Atmosphäre des Hauses berührte mich wohltuend, strafend und tröstend zugleich. Sonntags besuchte man am Vormittag die Dorfkirche, nachmittags folgte ich den Freunden in eine weite, luftige Scheune, wo eine große Menschenmenge zusammengekommen war, um das Evangelium zu hören. Ringsherum lag das duftende Heu. Keinerlei äußere Zierde war angebracht worden. Aber der Herr selbst war da. Das merkte man an der Kraft der Zeugnisse, an der Inbrunst der Gebete, an dem Jubelton der Lieder. Es war die denkbar armseligste Musik, die da gesungen wurde, und doch denke ich jetzt noch mit innerer Bewegung an dieses Lied im höheren Chor. Ich hatte kurz vorher Gelegenheit gehabt, Händels Messias von einem tausendstimmigen Chor im Kristallpalast singen zu hören. Aber jenes Lied in der Scheune zu Twyford machte mir einen größeren Eindruck. Es war die Stimme der Wahrheit. So — doch unermeßlich schöner — werden die Lieder erklingen vor des Lammes Thron.

So ging das Jahr in England schnell dahin. Die Trennung von dem geliebten Bruder wurde versüßt durch die Hoffnung, daß die Braut, die ihm der Herr zugeführt hatte, bald die Lücke mehr als ausfüllen würde. Voll Dank und Freude durfte ich zu den teuern Eltern und in meine Jerusalemer Heimat zurückkehren.

Beim Rückblick auf die Zeit, die ich beim Schreiben dieser Zeilen im Geiste wieder durchlebt habe, sind es zwei Gedanken, die mich vor allem bewegen. Es ist zuerst die Langmut und Freundlichkeit des Herrn, die mir groß erscheint. Wieviel Mischung war doch vorhanden in dem Dienst, den ich in Romsey tun durfte! Ich sehe das erst jetzt recht ein. Wieviel Gefühlswesen und eigne Kraft und Selbstgefälligkeit war, mir unbewußt, dabei vorhanden! Aber der gnädige Gott machte es mit mir — und macht es mit allen seinen Kindern — wie eine Mutter, wenn sie die ersten Schritte ihres Lieblings bewacht. Wie hält sie es so behutsam am Kleidchen! Wie breitet sie so schützend die Arme aus, damit es ja nicht falle! Mit welcher Freude beobachtet sie die schwachen Versuche, und wie ermutigt sie das Kind, damit es immer sicherer und freier werde! Solche Gnade hat der himmlische Vater mir erwiesen.

Aber anbetungswürdig ist mir auch Gottes Treue. Der reichen Segenszeit folgte eine Zeit großer und tiefer Leiden. Das Gold mußte geläutert, die Schlacken mußten entfernt werden. Die Mischung, die das Auge der Liebe sah und mit Erbarmung trug, konnte von der Hand der Treue doch nicht geduldet werden. Das zweischneidige Schwert dringt durch, bis daß es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein. Und solche Läuterung und göttliche Erziehung währt fort das ganze Leben lang, bis ins hohe Alter hinein.

Ist denn solch Christenleben nicht etwas Schweres, Trauriges, Mühsames? O nein. Es ist trotz all der inneren Zucht, ja, gerade durch diese innere Zucht das einzig wirklich glückliche Leben. Freude, tiefe Freude wohnt im Herzen der Begnadigten. Aber das Christenleben ist ernst. Es ist kein Sport. Wisset ihr nicht, so sagt uns Gottes Wort, daß die so in den Schranken laufen, die laufen alle; aber Einer erlanget das Kleinod? Laufet nun also, daß ihr es ergreifet!

Das Geheimnis des wahren Glücks und des inneren Fortschrittes liegt in einer aufrichtigen, gläubigen Übergabe an Gott. Was man ihm hingibt und überläßt, das nimmt er an. Denn es ist sein. Und:

Was er liebt, das liebt er ewig.
Was er hält, das hält er fest!

Ein schlichtes Werkzeug

Er war schon ein älterer Mann, als ich ihn kennen lernte. Es war dies in Jerusalem, wo der seltsame Amerikaner eines Tages als ein völliger Fremdling erschienen war. Was ich von seiner interessanten Lebensgeschichte weiß, habe ich teils von ihm selbst, teils aus einem Büchlein erfahren, das ein Augenzeuge über seine Wirksamkeit im fernen Westen geschrieben hat. Ich besitze jenes Schriftchen nicht, und meine Angaben entbehren daher die genauen Daten, die für die Schilderung eines Lebensganges nötig wären. Was ich erzählen kann, ist bruchstückartig. Es sollen ja auch nur Spuren sein.

Alfred Roberts war ein Kind der Armut. In New York um das Jahr 1810 geboren, wuchs er unter der Arbeiterbevölkerung auf als ein Arbeiter. Sein Leben war von Jugend auf ein Kampf ums Dasein. Das Andenken seiner Mutter hielt er hoch in Ehren, aber Einzelheiten hat er nicht erzählt. Einen eigentlichen Beruf erlernte er nicht; wahrscheinlich fehlten dazu die Mittel. Aber nirgends so wie in Amerika kann sich ein Junge, der Fleiß und festen Willen hat, zu einer gewissen selbständigen Existenz hindurchringen. So ging es auch hier; doch die Lebensweise mag rauh genug gewesen sein.

Äußerlich war Roberts der typische Yankee. Groß und hager, mit gewaltiger Rase, klugen Augen und einem von unbeugsamer Energie zeugenden Kinn, so steht sein Bild vor mir. Er hatte für den oberflächlichen Beobachter etwas Grimmiges im Ausdruck. Aber wenn eine innere Freude sein Herz bewegte, da erhellte ein so sonniges Lächeln seine Züge, daß es aussah, wie wenn ein Sonnenstrahl eine rauhe Felskante beleuchtet und geradezu verschönt.

Er hätte leicht ein Verbrecher werden können, das fühlte er selbst, wenn der Arm des Herrn ihn nicht aus dem Schlamm des Verderbens herausgezogen und ihn zu einem seligen Königskind gemacht hätte.

Die Umkehr war eine durchgreifende. Äußerlich wurde zuerst an seiner Stellung und Lebensweise nichts geändert, nur daß er sofort alle seine freie Zeit dazu verwendete, seinen Freunden und Bekannten nachzugehen, sie auf die Gefahr ihrer Sündenwege aufmerksam zu machen und sie zu Jesu zu weisen. Dann fing er an, so oft er konnte, einem Stadtmissionar als Helfer und Handlanger beizustehen. Immer mächtiger ward in ihm der Drang zur Arbeit für den Herrn. Wenn er früher gesucht hatte, Dollars zu gewinnen, so ging nun dieser Trieb völlig unter in dem Verlangen, Seelen zu gewinnen (Sprüche 11, 30). Der Herr hatte ihn offenbar berufen in seinen Dienst.

Es ging auch da nach dem Wort: Nicht viel Weise nach dem Fleisch, nicht viel Gewaltige, nicht viel Edle sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählet, daß er die Weisen zuschanden mache. Das Schwache, Unedle und Verachtete hat Gott erwählet und das da nichts ist, daß er zuschanden mache, was etwas ist. Auf daß, wer sich rühmet, der rühme sich des Herrn (1. Korinther 1, 26—31).

Als Roberts von den furchtbaren Zuständen hörte, die in den Goldfeldern Kaliforniens herrschten, entbrannte sein Herz vor Verlangen, dahin zu gehen. Raub und Totschlag war an der Tagesordnung in den Lagern, wo die rohesten und abenteuerlichsten Elemente aus aller Welt Enden zusammengeströmt waren. Dazu waren verheerende Krankheiten ausgebrochen, und die Menschen starben dahin ohne Hilfe und ohne Gott. Da mußte doch jemand hingehen mit dem Evangelium des Heils. Sein Entschluß war gefaßt.

Aber die Reise war lang und umständlich. Den Kontinent zu durchqueren war in jener Zeit undenkbar. Es gab nur den Wasserweg: zuerst in südlicher Richtung auf dem Atlantischen Ozean bis zum Kap Horn an der Spitze Südamerikas und dann wieder nordwärts auf dem Stillen Ozean bis nach Kalifornien. Roberts bescheidene Ersparnisse reichten lange nicht für diese kostspielige Reise. Da entschloß er sich, Dienst auf einem Schiffe zu suchen, um so die Fahrt unentgeltlich machen zu können. Er ging von Kapitän zu Kapitän, um sich heuern zu lassen, aber es schien lange Zeit vergeblich. Endlich traf er einen Kapitän, der auf sein Anerbieten ihm lachend antwortete: „Ich habe allerdings auf meinem Schiffe eine Stelle frei; aber sie wird Ihnen wohl nicht passen. Ich brauche nämlich einen Küchenjungen.“ Das schien nun allerdings keine geeignete Stelle für den sechs Fuß hohen, kräftigen Mann. Aber Roberts zauderte keinen Augenblick, und schon nach wenigen Tagen wurde die Reise angetreten.

Sie dauerte manchen Monat. Der Dienst war nicht angenehm; doch das war ja für ihn „Nebensache“. Er kam doch ans Ziel!

Aber die Arbeit dort war schwer. Die Rohheit, der äußerliche und innerliche Schmutz, der neidvolle Haß, den die Goldgier in den Herzen entzündete, das alles bildete eine geistige Atmosphäre, die nicht auszuhalten gewesen wäre, wenn nicht die Liebe Jesu als ein mächtiges Gegengift den einsamen Kämpfer gestärkt und auch da und dort ein feindliches Herz überwunden hätte. Ich kann auf Einzelheiten nicht eingehen, weil mir die Begebenheiten nicht mehr so klar erinnerlich sind. Aber daß seine Arbeit nicht vergeblich war in dem Herrn, davon hatte er reichliche Beweise. Besonders an den Kranken- und Sterbebetten, wo er nicht nur als Seelsorger, sondern als Wärter diente, durfte er Großes erleben.

Während er unter den gottentfremdeten Weißen arbeitete, kam er auch in Berührung mit den Rothäuten, den heidnischen Indianern. An der Meeresküste war es, daß er zuerst mit einem dieser wilden, scheuen Menschen zusammentraf. Er suchte ihn immer wieder auf, und so gut es bei der mangelhaften Sprache ging, sagte er ihm von dem großen Gott und von dem herrlichen Heiland. Der Indianer blieb nicht lange, und als er wieder in seine Wälder zurückkehrte, bat er inständig, der Fremdling möchte mitkommen und auch seinen Stammesgenossen die guten Worte sagen.

Wie hätte Alfred Roberts einer solchen Bitte widerstehen können?

Sein Aufenthalt unter den Indianern dauerte mehrere Jahre. Das vorhin erwähnte Büchlein erzählt viele Züge aus jener Zeit, auch Begebenheiten, die es dartun, wie er mehrmals in großer Lebensgefahr schwebte unter den wilden, kriegslustigen Menschen. Daß er keine Furcht zeigte und trotz allem Widerwärtigen bei ihnen blieb und ihnen viel Liebes bewies, trug ihm unter den Indianern den Namen ein: „Tapfer-Christ“. Unter dieser Bezeichnung war er weit und breit bekannt.

Was ihn veranlaßte, nach Verfluß einiger Jahre Kalifornien, überhaupt sein amerikanisches Vaterland zu verlassen, kann ich nicht sagen. Zu Anfang der sechziger Jahre tauchte er plötzlich in Jerusalem auf, und da erst lernten wir ihn persönlich kennen. Etwas sonderbar und unpraktisch war sein Erscheinen im Heiligen Lande. Er hatte einen inneren Zug dahin verspürt und wollte gern an dieser Stätte seinen Heiland verkündigen. Aber er konnte kein anderes Wort als englisch und einige Brocken der Indianersprache, und nun traf er da Leute aus allerlei Zungen und Sprachen: Italiener und Griechen, Syrier und Araber, Kopten und Abessinier, Russen und Armenier, dazu deutsche und spanische Juden. Mit diesen allen konnte er nicht verkehren.

Aber er ließ sich nicht so bald entmutigen. Er kaufte sich Neue Testamente und Bibelteile in all diesen Sprachen, suchte die Stellen auf, die ihm am köstlichsten und bedeutungsvollsten waren, und unterstrich sie mit schwarzer oder roter Tinte. Dann stellte er sich unter dem Schatten eines großen grauen Sonnenschirms an irgendeiner gangbaren Straße auf und wartete. Wenn dann ein Pilger sich nahte, da griff er schnell zu einem seiner Büchlein — man kennt die Leute an ihren Trachten, die so mannigfaltig sind wie ihre Sprachen —, und mit dem freundlichsten Gesicht, das er machen konnte, streckte er das Buch ihm entgegen, zeigte auf die unterstrichene Stelle und sagte etwa: „Lies das!“ oder: „Für dich!“

Da erwartete ihn aber eine große Enttäuschung: die wenigsten Leute konnten lesen!

Tapfer-Christ hat damals wohl schwerere Zeiten durchzukosten gehabt als in dem Lager der Goldgräber oder in den Urwäldern der Indianer! Durch seine unermüdliche Liebe hat aber „der alte Roberts“ auf manche doch einen Eindruck gemacht. Auch ihn betrachteten die Araber als einen Derwisch (s. Seite 141).

Da wurde er krank. Ein Rückenmarkleiden hatte angesetzt und nahm unvermerkt, aber stetig zu, so daß er ganz ans Bett gefesselt wurde, und zwar mehrere Jahre lang. Mein Vater gewährte ihm die Benützung eines Zimmers in der Zionsschule, und die treuen Hauseltern pflegten ihn mit Aufopferung. Nun war es meiner Schwester und mir eine köstliche Pflicht, den Kranken regelmäßig zu besuchen, ihm vorzulesen und Liebe zu erweisen. Er freute sich wie ein Kind von einemmal zum anderen. Wer aber bei diesen Besuchen den größten Vorteil hatte, ist leicht zu erraten. Er war stets der Gebende, wir die Empfangenden.

Doch einmal fand ich ihn tief gedrückt, fast übel gelaunt. Auf meine Fragen sagte er kurz, er sei ganz dürr und ausgetrocknet. Das betrübte mich sehr, und ich hätte ihm so gerne wohlgetan. „Dürr und ausgetrocknet,“ das mahnte mich an den 42. Psalm: „Wie ein Hirsch schreiet nach den Wasserbächen, so schreiet meine Seele, Gott, zu dir.“ Ich las Vers um Vers, immer betend, es möge ihm doch wohl tun. Die zweimal wiederkehrenden Worte: „Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken, der meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist!“ schienen ihn zu ermutigen. Aber Erquickung war noch keine da. „Der Durst eines anderen kann meinen Durst nicht löschen.“ — So etwa sprach er.

Da merkte ich etwas und lernte eine Lektion, die mir heute noch wichtig ist. „Darf ich noch etwas lesen, Herr Roberts?“ fragte ich. — „Ja, gern.“ Ich schlug auf im Evangelium und las die Geschichte von Gethsemane und Golgatha. Meine eigne Seele trank, und als ich aufhörte, da lag jenes Leuchten aus den verwitterten Zügen. „O, das war gut!“ sagte er. Ich lernte es verstehen:

Jesu Liebe ist die Quelle,
Die den Durst der Seele löscht.

Als ich Jerusalem verließ, lebte Roberts noch; aber die Krankheit soll später eine ungünstige Wendung genommen haben, die sein Gemüt trübte und die Pflege erschwerte. Er ging in stillem Frieden heim. Ich freue mich, ihn wiederzufinden vor des Lammes Thron.

Ein liebes Andenken an ihn ist in meinen Händen, ein Lied, das er mir einst leuchtenden Antlitzes aufsagte und hernach auf meine Bitte mit großen Bleistiftbuchstaben niederschrieb. Fast wunderte ich mich, daß mein so nüchterner alter Freund gerade dieses Lied so besonders liebte. Aber es war so. Und als er mir das Blatt überreichte, bestätigte er es freudig: „Ich bin ganz sein.“

Erhab’ne Schönheit leuchtend thront
Auf meines Königs Angesicht;
Die Gnad’ aus seinen Lippen wohnt
Und strahlt aus seiner Augen Licht.

Aus Tausenden ist keiner gleich
Dem Einen, den mein Herze liebt;
Auf Erden und im Himmelreich
Nur Er mir volle G’nüge gibt.

Er sah mich krank und todesmatt
Und eilte mitleidsvoll herzu:
Er trug den Tod an meiner Statt
Und gab mir Leben, Fried’ und Ruh’.

Drum, o mein Heiland, du allein
Bist Herr und Freund und Wonne mir;
Und wären tausend Herzen mein,
Ich gab’ sie alle, alle dir!

Lichte Spuren im Lande der Bibel

Nicht Menschen allein, sondern auch Orte — Berge und Täler, Fluren und Pfade — haben eine beredte Sprache. Das ist wohl in besonderer Weise der Fall in dem Lande, wo so viele Stätten geweiht sind durch die Fußspuren des menschgewordenen Sohnes Gottes oder durch die Taten seiner Knechte Alten und Neuen Bundes.

Willst du mit mir, mein lieber Leser, das Heilige Land flüchtig durchwandern, von Dan an bis gen Berseba, von Nord nach Süd? Es soll keine Reisebeschreibung sein. Ich möchte dich nur hinführen an Orte, die wie lichte Punkte in meinem Herzen funkeln.

Nördlicher noch als Dan finden wir die uralte Stadt Damaskus. Da wollen wir beginnen. Prächtig liegt sie da in einer länglich-runden, üppig grünen Oase, umgeben von öden Sandstrecken und umflossen vom kühlen Barada, dem Parphar alter Zeit. Wie viele Erinnerungen sind mit dem Namen Damaskus verknüpft! Zum Reiche Israel hat die Stadt nie gehört, sondern sie war die Hauptstadt des Nachbarstaates Syrien. Aber lieb ist sie dem Christenherzen wegen jener Straße, die da heißt die Richtige, wo auf den Knien eine der größten Schlachten geschlagen, wo Saulus, der Verfolger, eine Siegesbeute Jesu und ein Herold seines Evangeliums wurde.

Die Araber haben ein Sprichwort: „Wer in das Paradies kommen will, der gehe nicht nach Damaskus.“ Verstehst du, was das bedeutet? Wir Christen würden es übersetzen: „Wer das himmlische Kleinod erlangen will, lasse sich nicht verstricken durch der Erde Schönheit und Pracht.“

Das Äußere der Stadt ist übrigens gar nicht schön. Um die Bewunderung der Araber zu verstehen, muß man in das Innere der Häuser dringen, wo in weiten Marmorhöfen und auch in vielen mit reicher Mosaikarbeit gezierten Zimmern frische Brunnen rauschen und herrliche Bäume und Sträucher grünen.

Südlich von Damaskus ragen die Höhenzüge des Libanon und Antilibanon empor. Zwischen ihnen liegt das vielbesungene Hochtal Cölesyrien, heute die Beka’a, mit dem wasserreichen Strom Orontes. — Die Zedern des Libanon habe ich leider nicht gesehen, wohl aber die Fülle der Vegetation, die den so oft wiederkehrenden biblischen Vergleich mit der Schönheit des Libanon erklärt: Deine Wurzeln werden sein wie Libanon. Deine Äste werden sich ausbreiten und Geruch geben wie Libanon (Hosea 14, 7).

Als meine Schwester und ich einst mit einer befreundeten Familie die schönen Berge und Täler durchwanderten, durften wir eine Nacht in dem Schloß des christlichen Gouverneurs Daoud Pascha herbergen. Nach dem blutigen Aufstand der Drusen im Jahre 1860 hatten die europäischen Mächte darauf gedrungen, daß ein Christ als Statthalter über den Distrikt des Libanon gesetzt würde, und Daoud Pascha wurde dazu erkoren. Wie ein Adlerhorst steht die kühne Burg auf felsiger Höhe. Es ist mir wie ein Traum, daß ich einmal einen Blick habe tun dürfen in ein solches Zauber-land und den eigenartigen Mitteilungen des hochgestellten Mannes lauschen konnte. Seine Nichte, eine junge armenische Prinzessin, war bei ihm auf Besuch. Ihr Gemach war der einzige Ort, wo wir ein Wort des Zeugnisses von Jesu anbringen konnten. Ein gewisses inneres Verständnis leuchtete uns aus den schönen traurigen Augen der jungen Armenierin entgegen.

Die Krone des Antilibanon ist der herrliche Hermon. Auch dieser Name spricht dem Bibelleser ans Herz: Wie der köstliche Balsam, der vom Haupte Aarons herabfließt, wie der Tau, der vom Hermon herabfällt auf die Berge Zions, so verheißt der Herr Segen und Leben immer und ewiglich (Psalm 133, 2-3). Djabel - e - Scheich. so heißt der 2860 Meter hohe Berg in der Landessprache, Fürst der Berge. Er ist in der Tat ein König mit schneebedecktem Haupt: nur im Hochsommer verliert er sein silbernes Diadem. Die Reisenden, die aus Europa kommen und schon soviel Schönes und Erhebendes gesehen haben, können sich kaum vorstellen, welchen Eindruck der Hermon auf die Landeskinder macht. Auf einer späteren Reise im südlichen Teil des Landes sahen wir einmal bei einer plötzlichen Biegung des Weges in weiter Ferne ein silberweißes Gefild sich vom blauen Himmel abheben. “Was ist das? Ist das eine Wolke?“ — “Rein.“ belehrte uns der Führer, “das ist der Djabel-e-Scheich.“ Wir kannten ihn ja schon, den hohen Berg, hatten aber nicht geahnt, daß man ihn von hier aus sehen könnte. Und an jenem Tag, in der heißen, schattenlosen Wüste Judäas, blickten wir — ich schäme mich nicht, es zu sagen — mit Tränen zu jener fernen reinen Höhe, die uns vorkam wie ein Stücklein himmlischer Pracht. So wird dem Erdenpilger hier und da ein Glaubensblick zuteil auf das hehre Ziel. Es ist nicht so fern, wie du meinst! Halte nur fröhlich aus und singe:

Ich bin zufrieden,
Daß ich die Stadt geseh’n,
Und ohn’ Ermüden
Will ich ihr näher gehn
Und ihre Hellen, goldnen Gassen
Nie aus dem Herzen mir schwinden lassen.

Gar gerne wären wir seinerzeit aus dem Landweg, dem jungen Jordan entlang (der bekanntlich im Antilibanon entspringt), an den Trümmern Dans und dem See Merom vorbei, nach Galiläa gereist: aber die Umstände ließen es nicht zu. Und so muß ich meinen Leser bitten, mit mir in Beirut, der am Fuße des Libanon prächtig gelegenen Hafenstadt, das Schiff zu besteigen, um nach Haifa zu fahren. Könnte ich heute in Wirklichkeit und nicht bloß in der Erinnerung die Reise machen, so gingen wir zuerst noch nach Asfurijeh bei Beirut, der von Vater Theophil Waldmeier gegründeten ersten Irrenanstalt Palästinas. Aber damals war nichts derartiges im ganzen Lande zu finden. Nur Beter waren vorhanden, die die grenzenlose Not der armen Geisteskranken auf dem Herzen trugen und die dann freudig mithalfen, als der Gedanke zur Ausführung kam.

An Tyrus und Sidon und der schönen Bucht von Akkra vorbei fahren wir nach Haifa. Statt direkt landeinwärts zu reiten, wollen wir hinauf pilgern nach dem Karmel. In meiner Jugendzeit war auf jener ganzen Höhe kein anderes Haus als das große Eliaskloster und ein dazu gehöriges Hospiz. Dort habe ich einst mit der Familie eines befreundeten Arztes vier köstliche Wochen verbracht. Wundervoll ist von hier aus der Blick auf das Meer mit seiner unaufhörlich wechselnden Farbenpracht, jenes Meer, zu dem des Propheten Knabe schauen sollte, während der Mann Gottes, das Haupt zur Erde gebückt, in ernstlichem Gebet den verheißenen Regen errang. Es gab ein Plätzchen dort oben im waldigen Gestrüpp, das ich mir gern als das gesegnete Gebetskämmerlein dachte.

Auch der Blick auf die andere Seite, über den Fluß Kison hinüber, auf die Städte Galiläas und die Ebene Jesreel, ist überwältigend schön. Man bekommt einen lebendigen Anschauungsunterricht, wenn man an Ort und Stelle die biblischen Berichte liest und merkt, wie fein alles stimmt. O, diesen Genuß möchte ich jedem Bibelfreunde gönnen!

Vom Karmel ist mir eine der liebsten Erinnerungen verknüpft mit einem Menschen. Der gottgeschaffene und auf Gott veranlagte Geist ist doch das schönste Werk des Höchsten. — Unter der Schar der Mönche, denen wir flüchtig begegneten, lernten wir nur einen näher kennen, weil er unseren ärztlichen Freund seiner Gesundheit wegen um Rat fragte. Sein schmales durchgeistigtes Gesicht hatte uns schon verraten, wie es um sein äußeres Leben bestellt war, und der stille Friedensausdruck seines Antlitzes sagte uns noch mehr von seinem inneren Leben. Er war ein italienischer Edelmann, der sich aber hier den geringsten Diensten seines Ordens unterzog. Der Arzt machte ihn darauf aufmerksam, daß er durchaus seines Leibes mehr schonen und die vielen Gebetsübungen auf den Knien aufgeben müßte. “Ah, signor medico,“ sagte er, „impossibile!

Das kann ich nicht. Ich habe früher mit meinem ganzen Leibe dem Satan und der Welt gedient. Und jetzt will ich ebenso und noch viel mehr mit Seele und Geist und allen meinen Gliedern dem dienen, der für mich gestorben ist.“ — Es fehlte dem lieben Frater wohl an Erkenntnis: aber die freudige Hingabe, die aus seinen Worten sprach, war uns doch eine beredte Predigt. Wir dachten an das Wort: Gebet eure Glieder zum Dienst der Gerechtigkeit (Römer 6, 19). Auch die leidenden Knie waren des Herrn.

Doch es ist Zeit, weiterzugehen. Wir besteigen unsere munteren Pferde — denn vor fünfzig Jahren gab es kein einziges Fuhrwerk in ganz Palästina — und reiten durch die Gefilde Galiläas zuerst nach Nazareth. Dort im freundlichen Missionshause wohnten meine Geschwister Zeller und suchten in der Heimatstadt des Herrn ihm ein Gemeindlein zu sammeln. Genezareth, Kapernaum, Tiberias, Nain, Tabor, Jesreel — ist nicht jeder dieser Namen eine Predigt? Dort an dem Bergabhang über dem See saß einst der Mittler des Neuen Bundes und entfaltete sein königliches Programm mit den achtmal wiederholten Seligpreisungen. Hier heilte er die Kranken, speiste die Hungernden, auferweckte die Toten, stillte die Wogen, segnete die Kindlein. Er strafte Sünde und Heuchelei, aber er liebte die Sünder und zog sie an sein Herz. Auf einem dieser Hügel sitzend, sprach er die Worte, die heute noch mit derselben Kraft wie damals an manches Herz dringen: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. — Dank sei dir, o Jesu, für dieses heilsame Wort!

Wir pilgern weiter, immer südwärts. Nun sind wir in Samaria. Mächtige abgebrochene Säulengänge zeugen von vergangener Königsherrlichkeit. Hier ist Sichem, gebettet zwischen den Bergen Ebal und Garizim. Wir wandern hinaus nach Sichar und setzen uns an den Jakobsbrunnen. Es ist öde um uns her, so ganz anders, als wir uns dieses gesegnete Plätzchen gedacht hatten. Was tut’s? Die Worte des Lebens, die einst hier gesprochen wurden, haben ihre Kraft nicht verloren: Wer dieses Wasser trinkt, den wird wieder dürsten. Wer aber des Wassers trinken wird, das ich ihm gebe, den wird ewiglich nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm ein Brunnen des Wassers werden, das in das ewige Leben quillet (Johannes 4, 13-14). Tausende bezeugen es in Demut:

Ich kam zu Jesu und ich tranki
Am Lebensstrom mich satt.

Und nun geht’s stetig bergan, den kahlen Hügeln Judäas zu. Dort ist Bethel, Jakobs leuchtende Himmelspforte; und dort ist das kleine Anathot, das Heimatsdörflein Jeremias. Und da, siehe, auf ihren drei Hügeln thronend, ist die Königsstadt Jerusalem!

Wir lassen sie vorerst links liegen und ziehen immer weiter südwärts über die grünende Ebene Rephaim nach Bethlehem, der Geburtsstätte unseres Heilandes. Du Bethlehem Ephrata, die du klein bist unter den Tausenden in Juda, wie groß bist du uns um dessen willen, der aus dir gekommen ist, des Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist!

Am Hirtenfeld, an den Teichen Salomos, an den verschlossenen Königsgärten von Artas vorbei führt uns der Weg nach Hebron. Da ist die zwiefache Höhle, wo die Erzväter ihre Ruhestätte gefunden haben. Da ist etwas abseits am Fuß der rebbekränzten Höhe des Djelede die alte Eiche, die des Patriarchen Namen trägt: Abrahams Eiche. Hier wohnten sie als Gäste und Pilgrimme, sie, die doch die Erben der Verheißung waren. Hier schauten sie aus nach der Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist. Und hier auch wurde ihr Glaube herrlich gekrönt.

Es ist mir vergönnt gewesen, mit teuren Freunden einige Zeit in Zelten dicht bei dem ehrwürdigen Baum zu wohnen. Wie flüsterte da der Abendwind so geheimnisvoll durch die Zweige! Wie leuchteten die Sterne so klar vom dunkeln Himmelsdom hernieder. So schimmerten sie einst über dem Vater der Gläubigen, und er schaute hoch über sie empor bis hinein in das Herz Gottes und — glaubte.

Wir auch sind Fremdlinge hienieden und Zeltbewohner. Wir auch warten auf die himmlische Stadt. Auch uns gilt das Wort: Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!

Hebron ist der südlichste Punkt des Landes, den mein Fuß betreten hat. Das in der Geschichte der Patriarchen oft genannte Berseba liegt noch etliche Wegstunden weiter nach Süden, der großen Wüste zu.

Gern würde ich, mein lieber Leser, dich nun noch nach dem Osten und Westen des Landes führen. Nach Osten an den Jordan, da, wo er aus dem See Genezareth herausströmt und die Oleanderbüsche ihre feurigroten Blüten in seine blauen Fluten tauchen: oder da, wo er durch das wilde Ghor (so heißt das Jordantal) eilig hinunterfließt bis hin zur tiefen Einsamkeit des Toten Meeres. — Nach Westen über die Ebene Saron nach der Stadt Jaffa (Joppe) und zu der klippenreichen Küste des Mittelländischen Meeres. Wieviel Köstliches hätte ich dir hier zu zeigen und zu sagen! Aber wir wollen eilen, um die Gassen Jerusalems zu besehen.

Machen wir zuerst einen Gang rings um die Mauern der Stadt. Sie sind teilweise aus den prächtigen alten Quadern des Tempels, teilweise aus geringerem Stein unregelmäßig gebaut. Eine schöne Erzählung ist mir erinnerlich.

Zwei fromme Israeliten wandelten einst um die heilige Stadt und trauerten über ihren kläglichen Zerfall. Da huschte plötzlich ein Schakal über ihren Pfad und verkroch sich in dem Gestein der Mauer. Bei diesem Anblick brach einer der Männer in lautes Weinen aus, der andere aber lachte. „Was weinst du, Bruderherz?“ fragte er. „Wie soll ich nicht weinen,“ war die Antwort, „wenn ich die Drohungen Jehovahs so wörtlich sich erfüllen sehe: Der Berg Zion liegt wüste, daß Füchse darüber laufen (Klagelileder 5, 18). An mir ist es eher, dich zu fragen: Wie magst du lachen?“ „Ich lache,“ sagte der Freund, „aus dem gleichen Grund wie du. Nur sage ich mir: Wenn die Drohungen des Allmächtigen sich so wörtlich erfüllen, wie sollten nicht auch die Verheißungen sich herrlich verwirklichen: Jerusalem soll noch gesetzt werden zum Lobe auf Erden!“

Treten wir nun durch das Jaffator ein in die Stadt. Ich wage hier nicht zu beschreiben: denn es ist in den letzten Jahrzehnten vieles so anders geworden, daß die Zeichnung gar zu wenig stimmen könnte. Ich folge nur den alten bekannten Spuren am wuchtigen Davidsturm und dem trauten Elternhaus vorbei durch die Davidsstraße mit ihrem holperigen Pflaster zu der Via Dolorosa (Leidensstraße) und zu der Grabeskirche. Ein weitläufiger unregelmäßiger Bau nimmt uns auf. Er ist der Schauplatz vieler Verirrung, viel äußerlichen Gottesdienstes, oder sagen wir lieber: Götzendienstes. Aber unter all dem abergläubischen, unwissenden Wesen habe ich da und dort unter den Anbetern einen Funken wahren Glaubens und treuer Liebe zu Jesus hervorleuchten gesehen. Das war mir köstlich.

In den letzten Jahren hat die Ansicht überhandgenommen, daß nicht diese Stätte das echte Golgatha sei. Man sucht es lieber auf jenem grünen Hügel vor dem Damaskustor und bei den stillen Felsengräbern zu seinem Fuß. Ich stimme diesem Gedanken gerne bei. Aber über all dem Für und Wider in bezug auf das heilige Grab steht leuchtend die Engelbotschaft: Er ist nicht hier: Er ist auferstanden.

An einer Stelle der Via Dolorosa sehen wir, wie die Pilger sich zu einem Stein herzudrängen, der in die Mauer eingefügt ist und ein eigenartiges Loch in seiner Mitte hat. Die Legende sagt, der Stein habe mitgeschrien, als die Kinder Jerusalems ihr Hosianna riefen. Das Heilandswort ist merkwürdig verdreht und mißverstanden worden. Ganz schwarz und glänzend ist jener Stein von den Küssen der Tausenden von Pilgern, die Jahr um Jahr nach Jerusalem kommen. Da empfindet man etwas von dem Ergrimmen im Geiste, das Paulus in Athen erfuhr. Ich meine noch die Stimme eines Knechtes Jesu Christi zu hören, der einst zur Osterzeit als Fremdling in Jerusalem weilte und in der Abendgebetsstunde für die vielen irregeleiteten Pilgrime flehte: „Ach, Herr, sie küssen die kalten Steine, aber dich, den Sohn des Vaters, haben sie im Glauben nicht geküßt; denn sie kennen dich nicht.“

Es war nicht weit von jener Stelle, daß mir eine unbedeutende persönliche Begegnung zum lieben Gleichnis wurde. Weit und breit war an jenem Abend in der Straße niemand zu sehen als ein Abessinier, der ängstlich hin und her schaute und sich offenbar verirrt hatte. Ich näherte mich ihm; denn die Liebe zu den Abessiniern hatten wir Kinder mit der Muttermilch eingesogen. Da kam er, immer noch sorgenvoll dreinblickend, auf mich zu und sagte in fragendem Tone nur die zwei Worte: „Jesus Christos?“

Das sollte bedeuten: „Bist du eine Christin?“ — „Ja, ja,“ erwiderte ich mit lebhaft zustimmender Gebärde, „Jesus Christos!“ Da schwand alle Angst aus dem guten braunen Gesicht, und fröhlich folgte er mir, als ich ihm den Weg zum Quartier seiner Landsleute wies.

Jesus Christus! Ja, das ist, in tieferem Sinn genommen, das wahre Erkennungszeichen unter all den Erlösten. Jesus Christus, nicht als Glaubenssatz, sondern als beseligende Realität.

Vielleicht darf ich hier noch ein persönliches Erlebnis einschalten. Es war auch in den Gassen Jerusalems, nahe bei dem Zionstor, wo die Aussätzigen damals ihre elenden Hütten hatten. Ich kam eines Sonntag abends in jener Gegend vorbei. Eine herrliche Predigt hatte mich eben erquickt. Mein Herz war voll Freude und tiefen Dankes. Wie ich so einsam und froh, von der Christuskirche kommend, am armenischen Klostergarten dahinschritt, ertönte von fern das heisere Rufen einiger Aussätzigen an mein Ohr. In meiner freudigen Stimmung hätte ich ihnen gern ein großes Geschenk gemacht, aber ich hatte nichts bei mir als mein kleines arabisches Testament. Als ich nun an die Stelle kam und die armen verstümmelten Hände sich nach mir ausstreckten mit der gewohnten Bitte um eine Gabe, sagte ich: „Ach, ich würde euch so gern etwas geben, aber ich habe kein Geld bei mir. Doch etwas viel Besseres habe ich: ich will es euch lesen.“ — „Nein,“ sagte einer mürrisch, „geh nur weiter: wir verstehen es ja doch nicht.“ — „Versucht’s doch einmal,“ bat ich. schlug schnell Matthäus 8, 2-4 auf und fing an, den kurzen schönen Bericht von der Heilung des Aussätzigen zu lesen. Sie hörten alle aufmerksam zu, und der vorhin so Unfreundliche fragte: „Hat er ihn wirklich angerührt? Lies es noch einmal.“

Das war der Anfang einer kleinen, unscheinbaren Tätigkeit unter diesen Ärmsten. Jetzt ist ja in ganz anderer und besserer Weise für sie gesorgt. In dem Asyl Jesus-Hilf sind sie nach Leib und Seele gut aufgehoben.*)

Doch wir wollen zurückkehren zu unserer Wanderung in Jerusalem. Durch viele lärmende Straßen führt uns der Weg nach dem Klageplatz der Juden. Es ist dies ein Überrest der alten Umfassungsmauer des Tempels. Alle Freitagabend finden sich hier viele Juden ein, um die geschwundene Herrlichkeit zu beweinen. Sie tun es vielfach in den Worten der Klagelieder Jeremias:

Um des Palastes willen, der wüste liegt:
Sitzen wir einsam und weinen.
Um der Mauern willen, die zerrissen sind:
Sitzen wir einsam und weinen.
Um der Majestät willen, die dahin ist:
Sitzen wir einsam und weinen.

Ich ging einmal an einem Samstagmorgen auch dahin, wollte den Platz sehen, wenn er menschenleer wäre. Aber ich war nicht allein. Gelehnt an einen großen Stein, den er mit seinen Tränen benetzt hatte, stand ein ehrwürdiger Israelit und betete mit Inbrunst. Ich verstand seine Worte nicht. Aber ich dachte an die Psalmstelle: Du wollest dich aufmachen und über Zion erbarmen; denn es ist Zeit, daß du ihr gnädig seist. Denn deine Knechte wollten gerne, daß sie gebauet würde, und sähen gerne, daß ihre Steine und Kalk zugerichtet würden (Psalm 102, 14-15).

Wenige Schritte bringen uns an den weiten Tempel-platz, auf dem jetzt die große mohammedanische Omarmoschee steht und den lange Jahre kein Christ, noch viel weniger ein Jude betreten durfte. Da gedenken wir mit Wehmut der einstigen Herrlichkeit Israels, gedenken noch früherer Zeiten, als Abraham hier auf dem Berge Morijah sein größtes Opfer zu bringen bereit war. Zwei Worte tönen uns ins Herz: das Wort des Herrn an Abraham: Nun weiß ich, daß du Gott fürchtest und hast deines eigenen Sohnes nicht verschont um meinetwillen (1. Mose 22, 12). Und das wunderbare Seitenstück des Neuen Bundes: Welcher auch seines eigenen Sohnes nicht hat verschont, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben; wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? (Römer 8, 32.)

Nun sind wir am östlichen Ende der Stadt angelangt und treten durch das Stephanstor hinaus. Vor uns erhebt sich der Ölberg. Zwischen ihm und der Stadt liegt das tiefe Tal Josaphats, übersät mit Grabsteinen bis zur halben Höhe der beiden Berghänge. Es ist das Tal des Baches Kidron, der aber nur im Winter fließt, wenn reiche Regengüsse die Quelle speisen. Es ist das Tal, das der König David durchschritt, als er in seiner tiefsten Erniedrigung vor seinem Sohne Absalom floh und über den Bach Kidron ging (2. Samuel 15, 23). Es ist das Tal des Gartens, dahin ein höherer König, unser Herr und Heiland selbst, in jener letzten der Nächte mit seinen Jüngern ging, da er mit dem Tode rang und überwand.

Gerne gingen wir in der Gründonnerstagsnacht dahin. Der helle Mondschein (es ist ja zu Ostern immer mondhell) leuchtete durch die zitternden Zweige der alten Ölbäume, und in der tiefen, nächtlichen Stille drang die heilige Erzählung mit immer neuer Kraft ins Herz.

Gethsemane! Wer im Glauben das Große und Wundersame geschaut hat, das hier geschah, dem bricht das Herz in seliger Reue in der Erkenntnis einer solchen Liebe. Über dem Portal des Gartens steht das Wort, das der große Hirte hier gesprochen hat, seinen armen, schwachen Schäflein zum Schutz: Suchet ihr mich, so lasset diese gehen! Er ließ sich binden, daß wir auf ewig frei würden. Er trank den bittern Kelch der Gottverlassenheit, daß wir den süßen Kelch des Heils trinken könnten. Er ging in den Tod, damit wir Leben hätten.

Steil windet sich von dem Garten Gethsemane der Pfad hinauf zu der Spitze des Ölbergs. Unten liegt der Kampfplatz, oben ist die Siegesherrlichkeit. Wir sehen Jesum durchs Leiden des Todes gekrönet mit Preis und Ehre (Hebräer 2, 9). Vierzig Tage nach seiner glorreichen Auferstehung führte er seine Jünger hinaus bis gen Bethanien und hob die Hände auf und segnete sie. Und es geschah, da er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel, und eine Wolke nahm ihn auf von ihren Augen hinweg.

Ich kenne eine Stelle, nicht weit von des Ölbergs Gipfel, aber doch schon zu Bethanien gehörend — da mag es gewesen sein! Das Dörflein liegt etwas abseits, in grünenden Obstgärten versteckt. Ein schmaler Pfad führt den Bergeskamm entlang und läßt uns frei Hinausschauen durch das weite Land. Auf diesen Bergen und Tälern haben meines Heilands Augen geruht. Auf diesen Wegen hat sein Fuß gewandelt. Aber nun war sein Erdenlauf vollendet. Nun ging er wieder heim zum Vater. Und siehe da! Zwei Engel in weißen Gewändern standen da neben der anbetenden Jüngerschar und sprachen: Dieser Jesus, welcher von euch ist aufgenommen gen Himmel, wird kommen, wie ihr ihn gesehen habt gen Himmel fahren.

Ja, dieser Jesus wird wiederkommen, das ist unsere selige Hoffnung. Wir freuen uns mit heiligem Beben. Und seine Füße werden stehen auf dem Ölberg, der vor Jerusalem liegt gegen Morgen. Und der Herr wird König sein über alle Lande (Sacharja 14, 9). Und man wird Jerusalem heißen: des Herrn Thron (Jeremia 3, 17).

Dann zieht Immanuel in seine Stadt:
Dann hat die Witwe ihren König wieder:
Dann wird erfüllt, was Gott verheißen hat,
Und neu erklingen Davids heil’ge Lieder.
Dann grünt und blüht das herrliche Gefilde
Vom blauen Meere bis zum Libanon!
Dann leuchtest du, Jerusalem, so milde
Als deines Königs Thron!

Das Kirchlein auf dem Berge

Und nun kam die Stunde, da ich das vielgeliebte Land, die heilige Stadt, das traute, schöne Elternhaus verlassen sollte. An einem sonnigen Apriltag des Jahres 1867 war es. Eben hatte man Ostern gefeiert, und Scharen von Pilgern machten sich auf den Weg, ihre Heimstätten wieder aufzusuchen. Da ritten auch wir früh morgens zum Jaffator hinaus, dem Westen zu. Der bunte Blumenflor unserer Hügel und Täler war schon größtenteils dahin, und das kurze Gras nahm jene gelblich-braune Farbe an, die man in Palästina nur zu gut kennt. Ein guter, ausgiebiger Spätregen war gefallen, und die schwellenden Kornähren ließen auf Ende Mai eine gute Ernte erhoffen.

Man weiß, welche Wichtigkeit für den Ackerbau Palästinas der Frühregen im Oktober und November und der Spätregen im März und April hat. Und das Volk des Neuen Bundes, das zu Pfingsten seinen Frühregen erlebte, schaut sehnend aus nach einem gnädigen Spätregen, ehe der große Erntetag erscheint.

Wie schön war an jenem Abschiedstag jeder Baum, jede Felsgruppe auf den wohlbekannten Gebirgswegen, die uns in den schwülen Mittagsstunden von der Königsstadt herunterführten, dem Flachland zu! Wie leuchtete die Ebene Sarons am Nachmittag so duftig und so farbenreich, und wie ernst hob sich im Licht der untergehenden Sonne der uralte Kreuzfahrerturm von Ramleh, dem einstigen Arimathia, von dem lichtglühenden Westen ab! Ein frischer Windhauch kündete die Nähe des Meeres, das dort hinter den Orangengärten von Jaffa als ein lichtblauer Streifen schimmerte. Da wurde am dämmernden Abendhimmel die goldene Mondsichel sichtbar. Ein arabischer Begleiter ritt auf mich zu. »Siehst du dort oben den Sohn zweier Nächte?“ fragte er in der bilderreichen Sprache der Orientalen. — Alle diese Einzelheiten sind meinem Gedächtnis lebendig eingeprägt, war es doch der letzte Abend im Lande meiner Jugend.

Und dennoch war nicht Schmerz, sondern Freude die Grundstimmung meines Herzens. Denn das Verlassen des geliebten Elternhauses war der erste Schritt zum Eingang in das neue Heim, das mich an der Seite eines geliebten und von Gott gesegneten Mannes erwartete. Wohl war noch alles in weiter Ferne. Wohl wußte ich beim Abschied nicht, daß es das endgültige Lebewohl sei. Aber die Entscheidung war doch schon gefallen, und in der Seele Harfe klang das Lied: Herr, du bist unendlich gut!

Zeitlebens ist mir jener Tag ein Hinweis gewesen auf das Geheimnis eines wahren, frohen und gesegneten Wandels mit dem Herrn. Denn die bräutliche Liebe ist Gottes eigene Allegorie, wenn ich den Ausdruck brauchen darf; wie schon der schöne mystische Brautpsalm sagt: Höre, Tochter, schaue darauf und neige deine Ohren. Vergiß deines Volkes und deines Vaters Hauses, so wird der König Lust haben an deiner Schöne. Denn er ist dein Herr und sollst ihn anbeten (Psalm 45, 11. 12).

Eine schöne Reise mit Eltern und Schwester dem ganzen Mittelmeer entlang und durch die Meeresenge von Gibraltar, zuerst nach England, dann nach Deutschland und der Schweiz, gipfelte in einem frohen Wiedersehen mit dem damaligen Missionar C. H. Rappard, der aus Ägypten gekommen war, um mich nach der in Beuggen stattgefundenen Hochzeit in sein Heim in Alexandrien zu führen.

Diese persönlichen Mitteilungen waren nötig als Überleitung von meiner schönen, reichen Jugendzeit zu den neuen Verhältnissen, in die Gottes Hand mich geführt hat. Auf diesem Pfade leuchten mir in besonders hellem Glanz die Spuren seiner großen Güte und Treue.

Mein Aufenthalt in Ägypten, wo mein teurer Mann schon zwei Monate gearbeitet hatte, dauerte nur acht Monate, wovon vier in Kairo und vier in Alexandrien zugebracht wurden. Aber ganz unerwähnt möchte ich diese kurze Zeit in meinen Lebenserinnerungen doch nicht lassen.

Wir waren Pilgermissionare. Es war in unserer Arbeit alles einfach und klein. Aber mir war unaussprechlich wohl dabei. Ich lernte etwas verstehen von der Köstlichkeit der Armut Christi. Die Missionsarbeit, die ich tun durfte, war mir von Jerusalem her vertraut: Unterricht von Kindern und Besuche bei einheimischen Frauen, namentlich in den Harems. Welch ein ödes Dasein führen doch diese Frauen! Wie bitter arm sind sie, auch wenn sie, wie ich es einmal in einem prächtigen Harem sah, aus vergoldeten, mit Edelsteinen reich besetzten Schalen ihren Kaffee schlürfen oder im “süßen Nichtstun“ ihre langweiligen Tage verbringen.

Es ist so schwer, ihnen irgendwelchen idealen Begriff beizubringen.

Ich saß einst — es war dies noch in Jerusalem — neben einer mohammedanischen Dame, die, auf weichem Divan ausgestreckt, ihre Wasserpfeife rauchte. Ich fing an zu erzählen, was ich ihrem Töchterlein in der Schule lehre, und suchte das Gespräch auf die Bedürfnisse der Seele zu lenken. Sie hörte zuerst nachlässig zu, wurde aber dann aufmerksamer und sah mich ernst und unverwandt an. Ganz glücklich, ihr Interesse endlich geweckt zu haben, sprach ich lebhaft weiter, bis sie mich unterbrach mit der Frage: „Sage mir doch, wie du die Schminke auf deinem Gesicht anbringst, daß man es so gar nicht merkt?“ — Darum also hatte sie mich so forschend angeschaut! —

Daß ich mein Leben lang mich nie geschminkt habe, werden mir meine Leser gerne glauben. Und daß ein heißer Schmerz meine Seele erfüllte bei der Enttäuschung, die mir die Frage der Frau verursachte, werden sie mir nachfühlen.

Eine Erinnerung an die Zeit in Kairo möchte ich noch festhalten. Es ist die Ankunft der lieben Missionsfamilien, die durch den wohlgeführten Kriegszug unter Lord Napier auf Magdala aus der abessinischen Gefangenschaft befreit wurden und nun auf dem Heimweg begriffen waren. Welche Freude und Wonne war es, sie im Frühjahr 1868 in unserem Heim in Kairo zu begrüßen und ihnen Liebe erweisen zu dürfen! Einem Missionspaar war auf dem mühsamen Wege ein Kindlein geboren worden. Der ritterliche Heerführer hatte aus Rücksicht für Mutter und Kind die ganze Kompagnie einen Tag lang Halt machen lassen.

Die lieben Freunde sahen alle recht elend aus, und doch gab es eitel Dank und Lobgesang, weil der Herr ihr Gefängnis gewendet und sie unversehrt aus der Höhle des Löwen errettet hatte. Drei dieser Veteranen, Brüder aus den ersten Chrischonajahren, leben heute noch und haben das achtzigste Jahr überschritten: die Missionare Flad in Korntal, Brandeis in Männedorf und Waldmeier in Asfurijeh. Gott grüße euch, ihr lieben alten Brüder! Bald singen wir wieder mit den Geliebten, die uns vorangegangen sind, das Lied im höheren Chor: Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, dann werden wir sein wie die Träumenden !*)

Es war der Ruf des Herrn nach St. Chrischona, der uns so bald aus der Arbeit in Ägypten wegführte. Mein Mann sollte als Leiter und Inspektor dem Werke dienen, mit dem er schon seit mehreren Jahren verbunden war. Mit Furcht und Freude traten wir den ernsten Gang an. Sechsundvierzig Jahre sind seitdem verflossen, und das Kirchlein auf dem Berge ist somit während des weitaus größten Teiles meines Lebens meine Heimat gewesen.

Lieblich liegt es da auf waldiger Bergeshöhe, etwa sechs Kilometer von Basel entfernt, von allen Seiten weithin sichtbar. In alten Zeiten eine Wallfahrtskapelle, wurde es während des Dreißigjährigen Krieges teilweise zerstört und innerlich verwüstet und stand dann mehr als zweihundert Jahre einsam und verödet da. Im Jahre 1840 wurde es durch Gottes Fügung aus dem Staube gezogen und wieder zu einem würdigen Gotteshaus, ja, zum Mittelpunkt eines Missionswerkes gemacht. Die unter seinem Schatten wohnen, fühlen sich hier gar Wohl und heimisch. Wunderschön ist die Aussicht, die sich dem Hause darbietet über Wald und Flur, Berg und Tal, bis hinauf zu den hohen Alpenfirnen. Aber schöner noch ist das Walten des Wortes und Geistes Gottes, das man hier in der Gemeinschaft seiner Kinder verspürt.

Der Name „Pilgermission“, den das Werk trägt, ist von dessen Gründer, Herrn Chr. Fr. Spittler, geprägt worden. Er hat uns schon manchmal etwas unbequem scheinen wollen, weil er nicht ganz klar ausdrückt, was er bedeutet. Aber wir haben den Namen eben bekommen, wie ein Kindlein den seinen erhält; und weil wir ihn nun einmal haben, wollen wir ihn gern haben. Spittler hat ihn so geliebt, daß er einer ganzen Anzahl seiner Stiftungen dieses Prädikat beilegte: Pilgerhütte, Pilgerfeld, Pilgerhaus. Ihm lag es offenbar daran, daß unter den Reichsgottesarbeitern die Gesinnung vorherrsche, die in dem schönen Psalmwort ausgedrückt ist: Ich bin beides, dein Pilgrim und dein Bürger, die Gesinnung, die los ist vom Irdischen und nach ewigem, himmlischem Gewinn strebt. In einem alten Pilgermissionslied heißt es:

Herr, sie sind dein; du hast sie dir erkoren,
Daß sie als Pilger eilten himmelwärts
Und unterwegs noch suchten, was verloren,
Und mit sich brächten zu des Vaters Herz.

Damit ist das Ideal des Pilgermissionars gekennzeichnet. Ich freue mich sehr, daß ich den edeln Greis,

C. F. Spittler, noch gekannt und mit meinem teuren Mann vereint seinen patriarchalischen Segen kurz vor seinem Ende empfangen habe.

Noch andere dieser „Pilgerväter“ darf ich nennen als solche, die lichte Spuren auch auf meinem Pfad gelassen haben: Schneller, Schlienz, Mez und insonderheit Jakobus Ludw. Jaeger, den treuen, väterlichen Freund. Ausführlich von ihnen zu erzählen, würde mich zu weit führen. Gott erwecke uns und allen Werken seines Reiches stets solche Stützen, Ratgeber und Beter!

Aus meiner allerersten Chrischonazeit möchte ich eine kleine Erfahrung mitteilen, die meinen jungen Freunden vielleicht ein Lichtlein anstecken kann. Ich war eine Zeitlang in der Lage, keine bestimmte Aufgabe und Wirksamkeit zu haben. Eine eigene Häuslichkeit hatte ich nicht, und die Posten in der Anstalt waren alle versehen. Aus einer reichen Missionstätigkeit kommend, war es nicht ganz leicht, etwas nutzlos auf der Seite zu stehen. Klagen wollte ich nicht; aber etwas von dieser Stimmung muß doch in einem Brief an meine alte Tante Sophie in Préfargier durchgesickert sein, denn sehr bald erhielt ich Antwort: „Mein Kind,“ schrieb sie, „wenn Du den Eindruck hast, Du habest keine volle und befriedigende Aufgabe, so rate ich Dir, das wenige, was Du zu tun hast, so gut und vollkommen zu machen, als nur immer möglich, und wäre es auch nur einen Knopf an Deines Mannes Hemd zu nähen. Merke darauf, wo Du helfen und dienen könntest. Tue auch das Kleinste mit Eifer als für den Herrn, und Du sollst sehen, wie reich das Tagewerk wird, das er Dir anvertraut.“

Ich brauchte in der Tat nicht lange zu warten. Es kamen Aufgaben in Hülle und Fülle, und ich hatte zuerst nur zu lernen an der großen Wissenschaft, daß wir nichts sind und nichts können ohne den Herrn, daß wir aber alles tun und wagen können mit ihm.

Und dann erwuchs mir die ursprünglichste und süßeste aller Aufgaben: die Pflege und Erziehung meiner Kinderschar. Zehn Kindlein schenkte uns Gottes Güte, ihrer zwei kamen im Zwischenraum von zwei Jahren nur, um wieder von uns zu gehen. Ich hatte beim zweiten Fall die sehr bestimmte Empfindung, daß mein himmlischer Erzieher die Lektion, die ich beim erstenmal so mühsam gelernt hatte, durch die Repetition befestigen und verklären wollte.

Ich hatte mir mein Pilgerzelt
Zu fest hienieden aufgestellt,
Zu lieblich eingericht’t;
Da kam mein Herr in Liebestreu’
Und riß heraus der Pfähle zwei,
Verschonte meiner nicht.

O Herr, der du mir brichst das Herz,
So zieh es, zieh es himmelwärts
Mit meinen Kindlein fort!
Und laß die holden Brüderlein
In deiner Hand nun Pfähle sein,
Mich festzuhalten dort.

Acht Kinder durften wir aufwachsen sehen zu unserer Freude. Aber all das Liebe, Schöne, Ernste und Herzbewegende, das damit verbunden ist, steht verzeichnet in dem verschlossenen Büchlein, dessen Schlüssel in die Stille des Heiligtums gehört.

Daß unser ältester, heißgeliebter Sohn August im Alter von einundzwanzig Jahren vom Herrn abberufen wurde, ist den Lesern des „Lebensbildes“ bekannt. Aber auch in diesem Tal der Todesschatten ist eine Spur des Lichtes zurückgeblieben. Denn nur im tiefsten Dunkel lernt sich die große Lektion, die sogar der Sohn Gottes im Leiden lernen mußte (Heb. 5, 8), das Wort des vollendeten Gehorsams: Abba, nicht was ich will, sondern was du willst!

Neben der eigenen kleinen Herde galt unsere Sorge der stets wachsenden Schar der Zöglinge, und es gehört mit zu meinen liebsten Erinnerungen, die Entwicklung der Brüder in der Anstalt selbst und ihre nachherige Wirksamkeit auf dem Felde der Evangelisation zu verfolgen. Ich denke an Männer wie Marcus Hauser. Jakob Fink, Georg Steinberger, Ulrich Roher, Christian Schmid, Gottlieb Iseli, um nur einige von denen zu nennen, die schon das Kreuz vertauscht haben mit der Krone. Wie groß ist es und heilig, ein Werkzeug sein zu dürfen in Gottes Hand!

Dem Werk, das der Herr meinem lieben Gatten anvertraut hatte, gehörte sein Herz und seine ganze Kraft. Ihm darin nach dem Maß meiner Gaben zu helfen, war selbstverständlich meine erste und köstlichste Lebensaufgabe.

Es ist mir immer groß vor der Seele gestanden, daß das Weib geschaffen wurde, um Gehilfin zu sein, und daß es des Geschöpfes höchste Ehre sein muß, das zu sein, wozu der Schöpfer es bestimmt hat. Ich meine, das bewahre auch den Frauen ihren schönsten Schmuck: die Weiblichkeit.

Noch in den Tagen sehr geringer Dinge wurde mir die Verwaltung der Hauskasse übertragen, womit die Verdankung der Gaben verbunden war. Ein Strom von Segen ist im Laufe der Jahre da hinein- und wieder herausgeflossen, und die Beziehungen zu den lieben Gebern wurden vielfach zu Banden der Freundschaft und Gemeinschaft in dem Herrn. Einige Beispiele möchte ich anführen: sie gehören zu den lichtesten Erinnerungen meines Lebens.

Da steht vor meinem Geistesauge eine schöne, hohe Gestalt, die Gemahlin eines regierenden deutschen Fürsten. Durch ihre fromme Kammerfrau war sie auf unsere Arbeit aufmerksam gemacht worden und sandte eine Gabe für das Werk. Daraus erwuchs ein ganzer Briefwechsel, der immer mehr in das Zentrum und in die Tiefe führte. Nach dem Tode des Fürsten habe ich auch mit der edeln Frau einige persönliche Unterredungen gehabt, die mir einen ganz neuen Blick eröffneten in das ungestillte Verlangen vieler Herzen in den höchsten Kreisen. „Verlassen Sie mich nicht,“ bat sie einst. „Sie ahnen nicht, wie einsam wir (die fürstlichen Frauen) oft sind und wie nötig wir Zuspruch und Ermahnung hätten. Bitte, seien Sie ganz aufrichtig zu mir und sagen Sie mir, wo ich fehle.“

Der Herr aber selbst lehrte sie wunderbar. Er führte sie in eine Stadt, wo das ganze Evangelium in lebendiger Weise verkündigt wurde. Das nahm sie begierig und gläubig auf und brachte viele Frucht. Kurz vor ihrem Heimgang schrieb sie mir:

„An meiner Handschrift werden Sie erkennen, wie krank ich bin. Den ganzen Tag muß ich im Lehnstuhl sitzen: der Atem hält es im Bett nicht aus. Aber dicht bei Jesu zu sein, das ist das einzigste, was Halt gibt bei solchem namenlosen Schmerz. Ich bin so sündig und bin es ja gar nicht wert, dicht bei ihm zu sein.“

Aber das Ende war Sieg und völliger Friede. Mit kräftigen Worten der Heiligen Schrift hat sie sich selbst, während sie durch das Todestal schritt, Mut und Freude zugesprochen. Ohne Zweifel war der große Hirte dicht bei ihr; sein Stecken und Stab tröstete sie.

Ein Geber ganz anderer Art war ein Handwerksmann, der, wie es uns scheinen wollte, fast über sein Vermögen opferte. Auf eine diesbezügliche zarte Anfrage antwortete der Freund, er habe einst den Entschluß gefaßt, alle Trinkgelder, die er in seinem Berufe erhalte, dem Reiche Gottes zu weihen. Das habe er nun schon lange getan, und es sei ein großer Segen darauf gelegen. Einmal allerdings habe es einen kleinen Kampf gegeben. Da habe er zu seinem Erstaunen ein Goldstück als Trinkgeld erhalten, und einen Augenblick sei es ihm vorgekommen, da könnte er doch eine Ausnahme machen. Aber Gott habe ihm Gnade gegeben, den Feind zu erkennen und zu sprechen: „Weiche von mir! Das Geld gehört ja von vornherein dem Herrn, und er soll es auch haben.“

Aus einem Bauernhofe kam eine Gabe als „Erlös von den am Sonntag gelegten Eiern“. Aus der Studierstube eines Konsistorialrats „ein Dankopfer eines Elenden, dessen Schreien der Herr erhört hat“.

Mancherlei Handreichungen in der Liebe und Begegnungen mit Kindern Gottes aus allerlei Volk und Sprache bereicherten das innere und äußere Leben auf dem abgelegenen Hügel. In unserer Wohnstube war die alte Inschrift zu lesen:

,Multae terricolis linguae; coelestibus una.“

(Vielerlei Sprachen haben die Erdenbewohner: die Himmlischen nur eine.) Diese Sprache ist die der heiligen allgemeinen christlichen Kirche, die da ist die Gemeinschaft der Heiligen.

Manch schönen Zug könnte ich erzählen aus all der reichen Erfahrung, die der Dienst des Herrn in solch einer Anstalt seines Reiches mit sich bringt. Ein rechtes Loblied möchte ich singen auf diesen Dienst oder vielmehr auf den Meister, der so gnädig ist, arme und geringe Menschen als seine Handlanger und Werkzeuge zu gebrauchen. Es ist vor allem so köstlich zu wissen, daß das ganze Leben eines erlösten Menschen ein Dienst Jesu Christi sein darf und sein soll. (Luk. 1, 75.) Denn Jesum haben, heißt Jesu dienen. Man kann ihn gar nicht in Wahrheit besitzen, ohne ihm untertan zu sein und zu gehorchen. Und diese innere Zucht und Führung ist es gerade, was das Leben glücklich und fruchtbar und wahrhaft interessant macht. Je früher und völliger ein Herz dem bösen Tyrannen, der sich im Ich verbirgt, den Dienst kündigt und sich dem rechtmäßigen Eigentümer und Herrn hingibt, desto besser ist es.

Da wird auch Last und Mühe
Zum köstlichsten Gewinnst,
Und auch die schlichte Arbeit
Zum sel’gen Gottesdienst.

Aber der Herr tut noch mehr. Er gibt den Seinen den Befehl, von seiner Gnade zu zeugen, sein Evangelium zu verbreiten, seine Verlorenen zu suchen, seine Schäflein zu weiden und seine Liebe auszustrahlen in die liebeleere Welt. Die Aufgaben sind verschieden, aber das Ziel ist dasselbe. Wer gerettet ist, soll retten helfen, und wo erst die Liebe zu den Seelen erwacht, da fehlt es an Mitteln und Wegen nicht. Von Herzen singt man:

Mein Tagwerk sei für Jesus,
Den großen König mein.
Er hat sein Leben für mich gegeben,
Mein Leben sei allein

Ganz ihm geweiht,
Der mich vom Tod befreit.
Mein Tagwerk sei für Jesus,
Für Jesus, nicht für mich!

Freilich ist nicht alles Dienst des Herrn, was so heißt, und manches ganz verborgene Gotteskind wirkt in Wahrheit mehr als hochgepriesene Knechte und Mägde des Herrn. Denn er siehet das Herz an, und er schätzt die Taten nach der Liebe (1. Kor. 13).

Am Ende einer langen Pilgrimschaft möchte ich es gern bezeugen, daß es nichts Schöneres und Erfreuenderes, nichts Demütigenderes und zugleich Erhebenderes geben kann, als in irgendeiner Weise mitzuhelfen am Bau des herrlichen Reiches Gottes.

Darum soll es gelten: Ich habe meinen Herrn lieb und will nicht von Ihm gehen.

Zum Schluß dieses Kapitels mögen nachstehende Verse das Bild des Kirchleins auf dem Berge ergänzen.

St. Chrischona.

Du bist nicht mehr alleine auf deiner stillen Wacht:
Ein Städtlein auf dem Berge hat Gott aus dir gemacht.

Es zogen viele Söhne zu deinen Toren aus;
Die Einsame ist worden zum trauten Mutterhaus.

Ja, Kirchlein, deine Zinnen, hell leuchtend in der Fern’,
Sie sind ein stetes Denkmal der Treue deines Herrn!

Denn was du bist und schaffest, es kommt von ihm allein,
Und was er dir gegeben, ist alles, alles sein.

Sein sind die schlichten Häuser, die Pilgerhütten traut,
Der First, der zu den Bergen mit heiterm Blicke schaut.

Sein find die weiten Hallen, wo viele frohe Gäst’
Um seinen Stuhl sich scharen an manchem heil’gen Fest.

Sein sind die grünen Felder, wo saftig schwillt der Halm,
Und sein die schöne Herde, still weidend auf der Alm.

Sein ist mit Leib und Leben die frische Jungmannschaft,
Die ihrem König weihet mit Lust die erste Kraft.

Und die am Werke walten, sie wollen jederzeit
Leibeigne Knechte heißen des Herrn der Herrlichkeit.

O Kirchlein auf dem Berge, bewahre was du hast:
Laß nicht die Kron’ dir rauben, die gläubig du erfaßt!

Laß niemand dich vertreiben aus deinem starken Hort;
Fest bleib und unbeweglich am unverfälschten Wort;

Am Wort, das uns der Vater geoffenbaret hat
Und uns den Weg gezeichnet zur ew’gen Gottesstadt!

Halt treu an dem Bekenntnis, dem herrlichen Juwel,
Von Christ, dem ew’gen Sohne, dem Herrn, Immanuel;

Von Christ, dem Gotteslamme, das starb und auferstand
Und uns den werten Tröster, den heil’gen Geist gesandt;

Von Christ, dem hehren König, der herrlich einst erscheint
Und seine Brautgemeinde auf ewig sich vereint!

Halt fest an schlichter Sitte, an treuer Arbeit Fleiß,
Am Sinn, der sich hienieden als Gast und Pilgrim weiß!

Und folge in der Demut dem großen Führer nach.
Und trage still und freudig sein Kreuz und seine Schmach!

Wenn in der Abendstille, am Kirchlein angelehnt,
Ich sinnend blick hernieder, wo weit das Land sich dehnt;

Wenn rosig aus der Ferne der Alpen Gipfel blinkt
Und feierlich im Westen die große Sonne sinkt;

Wenn in des Rheines Welle ein letzter Strahl sich taucht,
Daß gold’ne Gassen schimmern, von blauem Duft umhaucht;

Wenn festlich durch die Lüfte Posaunenton erschallt
Und leiser, immer leiser im fernen Tal verhallt;

Wenn durch die ganze Schöpfung der Odem Gottes weht, —
Dann wird des Herzens Sehnen nur stille im Gebet:

O Jesu, starker Heiland, dein Gnadenbund ist treu.
So nimm, o nimm das Kirchlein in deine Hut aufs neu’!

Laß helle glüh’n das Feuer, das du hast angefacht,
Bis leuchtend an den Bergen der ew’ge Tag erwacht!

Wenn Gottes Winde wehen

Wer das Wehen des göttlichen Odems verspürt hat, der vergißt es nie wieder. In der Stille des Herzens hat jeder es vernommen, der in wahrhaftigem Glauben zu Gott nahte. Oft allerdings in nacktem Glauben an sein untrügliches Wort; oft aber auch durch fühlbare Mitteilung von Leben, Seligkeit und Kraft. Herrlich ist es, wenn dieser Gotteswind eine ganze Gegend oder Gemeinde durchweht. Das hat der liebe Sänger, Pastor Gustav Knak, in seiner gesegneten Amtstätigkeit wiederholt erfahren; darum konnte er uns das schöne Lied hinterlassen, dessen erste Zeile als Überschrift dieses Kapitels steht:

Wenn Gottes Winde wehen
Vom Thron der Herrlichkeit,
Und durch die Lande gehen,
Dann ist es sel’ge Zeit;
Wenn Scharen armer Sünder
Entflieh’n der ew’gen Glut,
Dann jauchzen Gottes Kinder
Hoch auf vor gutem Mut.

Solche Segenszeiten habe ich zu verschiedenen Malen erleben dürfen, und ich erzähle gern davon, einesteils, weil sie mit besonders hellem Glanz in meinem Herzen funkeln; anderenteils, weil ich dadurch meine lieben Leser ermuntern möchte, um ähnliche Gnadenheimsuchungen zu flehen.

Das Schönste und Tiefstgehende, was ich persönlich in dieser Beziehung erfahren habe, geschah in den Jahren 1874 bis 1878. Man nannte die segensreiche Strömung, die damals unsere Länder befruchtete, die Oxfordbewegung, weil sie ihren Anfang genommen hatte in einer Konferenz, die vom 29. August bis 7. September 1874 in der englischen Universitätsstadt Oxford gehalten wurde und an der auch verschiedene christliche Männer aus Deutschland und der Schweiz teilgenommen hatten. Das Werkzeug, dessen Gott sich dort in besonderer Weise bediente, war der Amerikaner Robert Pearsall Smith, und die Botschaft, die mit neuer und zündender Kraft in vieler Herzen drang, war der Ruf zur Heiligung, und zwar durch den Glauben. So war es denn in erster Linie eine Erweckung für die Gläubigen, für die „ungläubigen Gläubigen“, wie einer, dem selbst große Gnade widerfuhr, mit demütigem Dank bekannte.

Aber Gottes Winde drangen auch in manches tote Herz und wirkten Leben. Das Evangelium, das mit Beweisung des Geistes und der Kraft gepredigt wurde, der tiefe Ernst und die freudige Glaubensgewißheit, die die Kinder Gottes beseelten, machten Eindruck auf die Welt und zogen auch solche an, die bis dahin kalt und gleichgültig dem großen Heil gegenübergestanden hatten.

Ich habe viele Christen kennengelernt, die in jenen Tagen entweder die neue Geburt aus Gott oder eine wesentliche Belebung und Befestigung ihres Glaubens erfahren haben. So sagte mir vor einigen Jahren ein alter Bergmann aus Westfalen mit bedeutungsvollem Blick: „Ich bin auch einer aus den siebziger Jahren.“ Ein im Dienst des Herrn ergrauter Großkaufmann erzählte von seinem inneren Lebensgang, wie er schon im Elternhaus und bei der Konfirmation den Entschluß gefaßt habe, des Herrn zu sein, wie er aber erst in jenen Oxfordtagen zu dem entscheidenden Schritt geführt worden sei, alles hinzugeben, aber auch alles zu empfangen.

Für viele solcher guten und bleibenden Früchte sei Gott hoch gepriesen.

Nicht wünschen, sondern wollen; nicht zagen, sondern glauben; nicht über die Sünde klagen, sondern mit der Sünde brechen; nicht warten, sondern zugreifen; nicht um Gottes Liebe bitten, sondern diese längst schon dargebotene Liebe annehmen, — dazu wurde zuversichtlich und kräftig ermuntert. Aus einer solchen Erfahrung stammt das Lied:

Es preiset meine Seel’ den Herrn,
Der frei und fröhlich mich gemacht;
Er sah mich in der öden Fern’
Und hat mich selig heimgebracht.

Denn nicht mehr wie so manches Jahr
Steh mutlos ich und zweifelnd hier,
Als müßte ich ihn ziehen gar,
Als neigte er sich nicht zu mir.

Nicht länger will vor seinem Tor
Ich zagend auf mich selber schau’n,
Als müßt’ ich schmücken mich zuvor,
Als dürft’ ich ihm nicht ganz vertrau’n.

O laßt ein Herz, das viel geweint,
Weil es für Gottes Liebe blind,
Nun, da dem Freund es still vereint,
Laßt es sich freuen wie ein Kind.

Von Kopf zu Fuß bedeckt mich ja
Sein wundervolles, weißes Kleid,
Da hüll’ ich mich hinein, und da
Vergeß ich all mein bitt’res Leid.

Und ob ich elend bin und klein,
Und ob auch blendend ist sein Glanz:
Das trennt uns nicht; denn ich bin sein,
Und er gehört mir Sünder ganz.

Ich will hier nicht früher Erzähltes wiederholen, noch den äußeren Gang der Bewegung beschreiben. Es ist ja viel dafür und dawider gesagt worden, und gewiß hatten die mit so großer Freudigkeit verkündeten Lehren eine Klärung und Ergänzung nötig. Ich freue mich sehr, auf eine jüngst erschienene Schrift aufmerksam zu machen, die den Titel trägt: Geheiligt durch den Glauben; eine viel angefochtene, doch unerschütterliche biblische Wahrheit.*) Es tut dem Herzen ordentlich wohl, die Botschaft, die uns damals so köstlich geworden ist, in solch klarer, nüchterner und biblischer Weise nach beinahe vierzig Jahren bestätigt zu finden.

Dem leitenden Gedanken meines Büchleins folgend, will ich nur einige Erinnerungen sammeln aus jener großen, segensreichen Zeit. Es werden sich da ungesucht die Hauptmerkmale der Erweckung finden.

Mit großem Ernste wurde zuerst dem Volke Gottes ans Herz gelegt, wie weit es zurückgeblieben sei hinter dem Ideal, das der Herr Jesus selbst und seine Apostel uns vorhalten. Wieviel Halbheit, wieviel Weltsinn, wieviel Sünde wird noch geduldet in den Herzen, die doch eine gewisse Erfahrung der Gnade gemacht haben und sich zu Jesu Herde zählen! Wie wenig Raum wird dem Heiligen Geist gegeben im täglichen Leben der Gläubigen! Wieviel Selbstsucht, Bequemlichkeit und Empfindlichkeit herrscht da, wo Jesus allein wohnen sollte! Mit überwältigender Macht drangen solche Worte in die Herzen, obwohl sie nicht in treiberischer und aufregender Art, sondern „durch die Barmherzigkeit Christi“ gesprochen wurden. „Es ist ein Bann in dir, o Israel, darum kannst du nicht stehen vor deinen Feinden“ (Josua 7, 13). „Reiniget euch, die ihr des Herrn Geräte traget“ (Jesaja 52). Welche Kraft haben solche längst bekannten Aussprüche, wenn das Feuer des Heiligen Geistes sie entzündet!

Nie habe ich so tiefe, erschütternde Beugung gesehen über Sünde und Untreue als in einer Novemberwoche des Jahres 1874 in unserer Anstalt. Ich kann mich an einige Versammlungen erinnern, die unwillkürlich mahnten an das Bochim des Alten Bundes (Richter 2, 5). O, wie nehmen im Lichte Gottes die Dinge ihre richtigen Proportionen an! Da gibt es keine “kleinen Sünden“. Ein paar unrechtmäßig genommene Äpfel oder Kirschen, sorglos verschleudertes Brot, Ungehorsam, Eigensinn, unreine Gedanken, Neid, Lüge, Geiz, Lieblosigkeit, Dinge, über die man sich so gern hinwegtäuscht, sie brennen in einem Herzen, das vom Finger Gottes berührt wird. Sie müssen ans Licht kommen, damit sie vom Licht gestraft und dann im Blute des Lammes gereinigt werden. Es muß mit der Sünde energisch gebrochen werden. Ich las irgendwo den Ausdruck, in geringschätziger Weise gebraucht, von dem „hochfliegenden“ Christentum jener Tage. Hätte derliebe Freund, der jenes Wort schrieb, einmal einer solchen Bochimstunde beigewohnt, er hätte nicht so sprechen können. Ja, es sind manche Seelen durchgedrungen bis zum Herzen Gottes hinauf, aber es ging zuerst hinab in die Selbsterkenntnis. Denn der Hohe und Erhabene wohnt bei denen, die zerbrochenen Herzens sind und sich fürchten vor seinem Wort.

So hörte ich einmal unfreiwillig in einer großen Stadt, wo eben eine „Glaubensversammlung“ gehalten wurde, ein Zwiegespräch, das nicht für meine Ohren bestimmt war. Wir waren auf dem Weg in den Konferenzsaal, da schritten zwei Herren, hohe, vornehme Gestalten, ganz in ihr Gesprächsthema vertieft, an uns vorüber. „Mir geht es eigentümlich in diesen Tagen,“ sagte der eine. „Es heißt in mir: Nichts, nichtser, am nichtsesten.“ Und die Antwort lautete etwa so: „Und doch ist’s einem so wohl!“ Damit waren die Männer vorbeigegangen. Aber unvergessen blieb das kurze Zeugnis: Nichts, aber selig. Nichts, aber Jesus alles.

Ja, Jesus alles: Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung, das war der Grundton aller Verkündigung. Das Kreuz Christi wurde erhöht, „und da, wo das Kreuz Christi erhöht ist, da ergießt sich der Strom des Heiligen Geistes“.

Denn wenn auch die Sünde schonungslos aufgedeckt wurde, so wurde noch viel kräftiger das herrliche Heilmittel angepriesen: das Blut des Lammes, Jesus, der Retter, der Arzt, der Überwinder. Wir können uns nicht selbst heilen, hieß es, aber Einer ist da, der es kann und tun will. Er hat es getan. Was dem Gesetz unmöglich war (nämlich uns zu befreien von dem Gesetz der Sünde und des Todes), das tat Gott (Römer 8, 3). Die Heiligung geschieht durch ihn, durch den Glauben an ihn. Er hat den Feind überwunden. Er hat unsere Sünden selbst geopfert an seinem Leibe auf dem Holz, auf daß wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben; durch des Wunden wir sind heil worden (1. Petr. 2, 24). Das Wort Gottes war die Grundlage, auf der in allen Versammlungen gebaut wurde. Sehr treffend und darum dem Gedächtnis sich fest einprägend wurde die Reihenfolge gezeichnet, die zu beobachten ist:

Tatsachen. — Glaube. — Erfahrung.

Wir sind geneigt, die Ordnung umzukehren. Wir möchten zuerst etwas erfahren, dann würden wir glauben, daß Gottes Zusagen wahr sind. Aber auf diesem Wege kommen wir nicht zur Klarheit und nicht zu einem bleibenden Frieden. Mit den Tatsachen unseres Heils fängt das Werk der Gnade an: Gottes unendliche Liebe, Jesu Versöhnungstod auf Golgatha, das Kommen des Heiligen Geistes. Unerschütterlich fest stehen diese Tatsachen, versiegelt durch Gottes Wort und Gottes Geist. An uns ist es, zu glauben, zu glauben, weil Gott es gesagt hat. Jesu vertrauen ist himmlische Ruh.

Es war während der Berner Versammlungen im Januar 1875, daß ein Mann in tiefer Sündennot zu einem der mitarbeitenden Brüder kam. Es war ein aufrichtiger Gottsucher. Aber ihm fehlte die Gewißheit des Heils, und in seinem Herzen tobte ein gewaltiger Sturm. Klar und ernst wurde ihm die offene Freistatt in Jesu Wunden gezeigt und der Weg dazu gewiesen. Aber in tiefer Mutlosigkeit sagte der Arme immer wieder: „Ich kann es nicht fassen, ich kann nicht. Ich meine, es müßte vorher etwas in mir sich ändern.“ Freundlich wartete der väterliche Freund, wies ihn auf das Lamm Gottes und betete mit ihm; denn nur der Heilige Geist kann von Sünde überzeugen, und nur der Heilige Geist kann Jesum verklären. Da plötzlich rief der Mann: „Ja, wenn ich jetzt am Sterben wäre, so müßte ich es ja doch einfach glauben, sonst wäre ich verloren.“ Und mit Tränen fuhr er fort: „Herr Jesu, ich erfasse dich, wie wenn ich jetzt am Sterben wäre.“ Und siehe da! Als er die Tatsache glaubte, erfuhr er ihre Kraft.

In denselben Tagen war es, daß in einer Frühgebetsstunde zwei Freunde nebeneinander saßen. Ein Geist des Gebets war ausgegossen, und der Odem Gottes wehte durch den Raum. Da stand einer der Männer auf und bat um Fürbitte für seinen Freund, der so tief unglücklich sei und keine Ruhe finden könne. Die Bitte wurde von vielen aufs Herz genommen und ein kräftiger Trost aus Gottes Wort gesprochen.

In der Abendgebetsstunde saßen die Freunde wieder nebeneinander am gewohnten Platz, und das strahlende Gesicht dessen, für den man am Morgen gebetet hatte, verkündete ohne Worte, was geschehen war. Sein kurzes kräftiges Zeugnis aber war zusammengefaßt in dem Psalm: „Ich harrete des Herrn, und er neigte sich zu mir und hörte mein Schreien und zog mich aus der Grube und aus dem Schlamm und stellte meine Füße auf einen Fels, daß ich gewiß treten kann. Und hat mir ein neu Lied gegeben, zu loben unseren Gott.“

Das gab dann in Wahrheit ein freudiges Danklied, und was noch mehr ist, das ganze nachherige Leben dieses Mannes war ein Lobopfer dem Herrn, der ihn erlöst hatte. — Beide Freunde sind schon längst daheim.

Ganz besonderer Nachdruck wurde stets gelegt auf die Übergabe des Herzens an den Herrn, auf das Verleugnen des eigenen Wesens und das freudige Unterwerfen des eigenen Willens unter den Willen Gottes. Eigensinn, eigenes Wollen und Wählen, Empfindlichkeit und jegliches Raumgeben dem Fleisch hindert den Zufluß des Heiligen Geistes und stört den Frieden.

Eine prächtige Illustration zu dieser Wahrheit wurde einst aus einer Episode des amerikanischen Bürgerkrieges gegeben.

Das Kämpfen und Blutvergießen hatte dort schon manches Jahr gewährt, als eines Tages eine Deputation der verbündeten Südstaaten (die bekanntlich das Sklavenwesen festhalten wollten) zu dem Präsidenten Abraham Lincoln kam, um mit ihm Friedensverhandlungen anzuknüpfen. Lincoln hatte bei aller Charakterstärke ein weiches, empfindsames Gemüt, und man hatte ihn Tränen vergießen sehen, wenn blutige Nachrichten vom Kriegsschauplatz einliefen. Die Vertreter der Südstaaten erklärten sich bereit, Konzessionen zu machen und einen Teil des von ihnen besetzten Territoriums an den Norden abzutreten, wenn man sie nur als einen gesonderten Bund anerkennen und damit von der Union lösen wollte. In mehrstündigen Reden legten sie ihre Gedanken und Wünsche dar und appellierten an des Präsidenten bekannte Menschenliebe.

Lincoln hörte lange schweigend zu. Als die Männer zu sprechen aufgehört hatten, sammelte er sich einen Augenblick in der Stille. Dann legte er seine große Hand auf die Karte der Vereinigten Staaten, die auf dem Sitzungstische ausgebreitet lag, und sagte nur: „Meine Herren, die Regierung muß alles haben!“

Er wußte, daß ein Nachgeben oder ein schwacher Kompromiß immer neu ausbrechende Kriege zur Folge haben würde und daß nur völlige Unterwerfung unter die rechtmäßige Verfassung dauernden Frieden sichern könnte. — Nicht lange danach wurde der Frieden in der Tat geschlossen.

So ist es auch im Reiche der Gnade. Unser König muß alles haben, dann erst ist voller Friede unser Teil.

Aber freilich, mit dem einmaligen Ergreifen des Heils und der einmaligen Übergabe an den Herrn ist es nicht getan. Es gilt fortfahren in der Heiligung in der Furcht Gottes (2. Korinther 7, 1). Auch im Lande der Ruhe gab es noch viel Boden einzunehmen und viele Kanaaniter zu bezwingen. Dem Christen widersetzen sich bis zuletzt gewaltige Feinde: Satan, die Welt und sein eigenes sündiges Fleisch. Aber der Kampf ist in der Tat ein völlig anderer, wenn der Glaubensstandpunkt eingenommen ist. Das ist der Kreuzesstandpunkt. „Ich bin mit Christo gestorben, darum kann ich sterben. Ich bin mit Christo auferstanden, darum kann ich mit ihm leben.“ (F. Godet.)

Es werde nie gebilligt,
Wozu das Fleisch mich reizt.
Ich habe eingewilligt:
Mein Weg sei mir durchkreuzt.

Dieses: Ich habe eingewilligt! oder: Ich willige fort und fort ein! ist nichts anderes als das tägliche Aufsichnehmen des Kreuzes, das praktische Ausleben des Wortes: Wir sind gestorben, und unser Leben ist verborgen mit Christo in Gott.

Ein alter Knecht Gottes wurde gefragt, was das Geheimnis seiner beständigen Freude sei. Fast erstaunt antwortete er: „Wenn ich überhaupt ein Geheimnis habe, so liegt es darin, daß ich keinen Schutt sich ansammeln lasse zwischen meiner Seele und meinem Gott. Da muß immer alles völlig im reinen sein.“

Ja, da liegt in der Tat das Geheimnis eines glücklichen und siegreichen Lebens. Die Kanäle dürfen nicht verstopft sein, durch die das Lebenswasser vom Throne Gottes in unsere Herzen fließt. Die Röhren müssen rein sein, die aus der goldenen Schale das Öl des Geistes unseren Lampen zuführen. Die Leitung darf nicht gekrümmt oder gar unterbrochen sein, die den Kraftstrom in unsere Arbeitsstätten leitet. Nur der beständige Kontakt mit dem lebendigen Gott gibt uns Kraft, sowohl die Sünde zu überwinden, als auch die Frucht des Geistes hervorzubringen und auch andere Seelen für ihn zu gewinnen.

Das sind Erinnerungen und mehr als bloße Erinnerungen an die Zeiten, die ich beim Niederschreiben dieser Zeilen mit innerer Bewegung wieder durchlebt habe. Noch etliche Male habe ich etwas Ähnliches mit erfahren, so besonders im Jahre 1882, als in Basel durch die Predigt treuer Knechte viele Sünder erweckt und zu Gott bekehrt wurden.

Gott schenke seiner Gemeinde immer wieder solche gnädige Heimsuchung! Wir wollen ernstlich darum flehen; denn wir bedürfen einer Belebung sehr. Was im Jahre 1874 mit heller Posaune verkündigt wurde, gilt heute in eben demselben Maße wieder. Wohl bläst der Wind, wo er will, wie der Herr Jesus zu Nikodemus sagte, als er von den Wirkungen des Gottesgeistes sprach. Wir können dem heiligen Wind nicht gebieten, können nichts erzwingen und wollen ja nichts erkünsteln. Aber beten können wir. Dem Odem Gottes unsere Herzen weit öffnen können wir. Uns nach dem gnädigen Wind richten und uns von ihm treiben lassen, das können und sollen wir.

Und noch wichtiger als das Erwarten besonderer Segenszeiten ist das tägliche Erfassen der Gnade, das stille, treue Bleiben in Jesu, das Dienen in der Liebe und der demütige, freudige Gehorsam. Das ist auch der Weg zu neuem Segen.

Zum Schluß noch eine lichte Erinnerung aus dem Jahre 1875. Eine reichgesegnete Konferenz war in der Ostschweiz gehalten worden. In der letzten Stunde waren die Brüder in einem großen Saal und die Schwestern in einem anderen versammelt und durften in kurzen Schrift- oder anderen Worten ein Zeugnis ablegen von der erfahrenen Gnade. Da stand u. a. ein altes Mütterchen auf und sagte mit klar vernehmbarer Stimme: „Das ist mein einziger Trost im Leben und im Sterben, daß ich nicht mein, sondern meines getreuen Heilands Jesu Christi eigen bin, der mit seinem teuren Blut für alle meine Sünden vollkömmlich bezahlet und mich aus aller Gewalt des Teufels erlöset hat und also bewahret, daß ohne den Willen meines Vaters im Himmel kein Haar von meinem Haupte fallen kann, ja, auch mir alles zu meiner Seligkeit dienen muß. Darum er mich auch durch seinen Heiligen Geist des ewigen Lebens versichert, und ihm forthin zu leben von Herzen willig und bereit macht.“ (Heidelb. Kat.) Das war auch „nichts Neues“ und doch so neu, daß wohl im großen Saal kein Auge trocken blieb.

Und als es nachher ans Abschiednehmen ging und manch freundliches Wort gewechselt wurde, da traten auch zwei Jungfrauen in ihrer hübschen ländlichen Tracht auf uns zu. Kein wohlgemeintes, sentimentales Wort des Bedauerns über den Abschluß der Versammlungen kam über ihre Lippen. Sie schauten uns nur lieb und froh in die Augen und sagten: „So wollen wir denn jetzt hingehen und glauben!“

Sonntag

Neben den vielen hellen Punkten, die mir aus dem Dämmergrau der Vergangenheit entgegenleuchten, zieht sich, in mildem Glanze schimmernd, eine Perlenschnur durch mein ganzes Leben: die Erinnerung an die Sonntage. Ich habe es unter dem Schreiben dieser Blätter ganz aufs neue gemerkt, daß nur die Dinge licht und köstlich sind, die Ewigkeitswert haben. Was bloß irdisch und zeitlich ist, versinkt im Nichts. Das, was lebendig bleibt, muß Göttliches und Ewiges in sich bergen. Und der Sonntag, dieser immer wiederkehrende Gruß aus dem Herzen Gottes, sollte der nicht voll Himmelsklarheit sein? Darum ist es mir ein Bedürfnis, aus der Fülle meines Herzens etwas davon zu sagen, was der Tag des Herrn einem Zionspilger sein kann. Es sollen nur allgemeine, lose aneinandergereihte Sonntagsgedanken sein.

Mit einem kleinen Erlebnis noch aus meiner Jerusalemer Zeit will ich beginnen. Es war Sonntag, und zwar Ostern, der Sonntag der Sonntage. Ich hatte in aller Frühe einen einsamen Gang gemacht, wohl etwas in der Gesinnung der Maria Magdalena und der anderen Frauen, die an jenem ersten Ostermorgen an das Grab gingen, um ihren Herrn zu suchen. Als ich auf dem Heimwege mich dem Jaffator näherte, begegnete mir eine alte russische Pilgerin, die in der Grabeskirche übernachtet haben mochte, wie das viele tun, und nun ihrem Quartier draußen vor der Stadt wieder zuschritt. Als sie mich erblickte, breitete sie, ohne mich zu kennen, die Arme aus, erfaßte meine beiden Hände und rief mit freudestrahlendem Gesicht: „Christus vaskeresse! Christus ist auferstanden!“ Ich kannte diese schöne russische Sitte, wußte auch, daß der Gruß oft nur eine Form ist. Aber diesmal hatte es mir die alte Pilgerin angetan. Die Freude war zu offenbar. Und heute noch tönt mir der Ruf in den Ohren: Christus vaskeresse! Ja, es scheint mir, jeder Sonntagmorgen rufe der Christenheit aufs neue die frohe Kunde zu: Christ ist erstanden! Jesus, der Heiland, ist Sieger und lebt!

Die Sonntage machen den siebenten Teil unseres Lebens aus. Wer das siebzigste Jahr erreicht hat, kann zurückschauen auf zehn volle Jahre von lauter Sonntagen. Schon das siebenjährige Kind hat ein ganzes Jahr von Sonntagen hinter sich.

„Was hast du mit deinen Sonntagen gemacht?“ Diese Frage, die einst in eine Evangelisationsversammlung mit großem Ernst hineingerufen wurde, drang einem Jüngling so tief ins Herz, daß er dadurch erweckt und zu Gott bekehrt wurde. Er hatte sich auf jene Frage eine erschütternde Antwort geben müssen: denn seine Sonntage hatte er im Dienst des Fleisches und der Sünde verbracht. Gott gab ihm Gnade zur Buße und machte später aus ihm einen Prediger des Evangeliums, der Sonntag für Sonntag mit heller Posaune das Wort des Herrn verkündigte.

Es hat mir immer einen Eindruck gemacht, daß der Herr die Feier seines Tages aufgefaßt haben will als ein Zeichen zwischen ihm und seinem Volk (2. Mose 31, 13. 17; Hesekiel 20, 12. 20), wie ein goldenes Ringlein das Zeichen eines Bundes ist. Die Inschrift in diesem goldenen Ring lautet etwa so wie Augustins Bekenntnis: „Herr, du hast uns für dich geschaffen, und unser Herz ist ruhelos, bis es ruhet in dir.“ Oder Tersteegens feines Wort: „Kreatur ängstet nur; du allein kannst geben Ruhe, Freud’ und Leben.“

Der neutestamentliche Sonntag entspricht dem Wesen des Evangeliums, im Gegensatz zum alttestamentlichen Sabbat. Der Sabbat war ein Abschluß, gleichsam durch Arbeit mühsam errungen. Der Sonntag ist der Anfang, der zu neuem Wirken Kraft gibt. Jesus gibt dem sündenmüden Herzen Ruhe in seinem Tod und Kraft und Sieg in seinem Leben.

Es ist zu beachten, daß Gottes Gebot uns sagt: Sechs Tage sollst du arbeiten, aber am siebenten Tag sollst du ruhen. Rechte Arbeit ist eine Vorbedingung für rechte Ruhe, und rechte Ruhe gibt Kraft zu rechter Arbeit. „Wie dein Sonntag, so dein Werktag,“ sagt ein Sinnspruch. Die Proportion von Arbeit und Ruhe hat der Schöpfer weislich und treu geordnet, und der Mensch tut wohl, sich danach zu richten. Der Versuch, der zur Zeit der Revolution gemacht wurde, das Jahr in zehntägige Abschnitte einzuteilen, ist bald und völlig gescheitert. Und die Missionare schildern in ergreifender Weise die ermattende Ödigkeit des Lebens in heidnischen Ländern, wo nur ein mehrtägiges Fest das neue Jahr einleitet und dann kein regelmäßig wiederkehrender Ruhetag die Zeit unterbricht.

Aber daß die Ruhe doch auch Ruhe sei! Wie oft ist sie nur ein Hetzen nach Vergnügen! In unserer genußsüchtigen Zeit darf ein Wink nach dieser Seite hin wohl berücksichtigt werden. Können wir nicht Sitten und Gesetze reformieren, wie wir oft so gern möchten, so können wir doch bei uns selbst damit anfangen.

Drei Worte, so scheint es mir, gehören wesentlich zu einer gesegneten Sonntagsfeier: Ruhen. Heiligen. Wohltun.

Ruhe von der werktäglichen Arbeit ist ein freundliches Geschenk Gottes an seine Menschenkinder. Sie ist ein Heilmittel und Präservativ für Leib, Seele und Geist.

Heiligen sollen wir den Tag, das heißt, ihn dem Herrn weihen in der Stille und in der Gemeinde. Der Geist muß sich in der Berührung mit dem Ewigen erneuern und erfrischen, wenn er lebendig und kräftig bleiben soll. Erst dann haben wir wirklich Sonntag gefeiert.

Wohltun, so sagt uns der Herr des Sabbats selbst (Matth. 12, 2), zieme sich wohl für den Tag der Ruhe. Es hat mir immer geschienen, irgendeinen Liebesdienst zu üben an Kranken und Einsamen, oder auch im Familienkreise, durch Besuche oder Briefe, gebe dem Sonntag einen ganz besonderen Freudenschimmer. So sagte einst ein kleines Kind: „Der Sonntag ist so schön, weil man dann Zeit hat, alle Leute lieb zu haben.“

Solche Sonntage sind etwas Köstliches, sind ein Vorgeschmack der ewigen Ruhe, sind ein Stärkungsmittel auf dem Wege zur Heimat, helfen mit, das Lämplein neu zu füllen mit heiligem Öl, daß es leuchte zu Gottes Ehre.

Und was dem Sonntag seine höchste Weihe, seinen reinsten Glanz gibt, das ist die Verkündigung des Evangeliums, die an diesem Tage in besonderer Weise geschieht, und die Gemeinschaft der Heiligen, die ebenfalls an diesem Tage in besonderer Weise zum Ausdruck kommt. Da umzieht die ganze Erde wie ein goldener Gürtel die Predigt von Jesu, dem Gekreuzigten und Auferstandenen und das anbetende Lob seiner Erlösten.

Wenn bei uns der erste Sonnenstrahl hinter den blauen Höhenzügen des Jura emporflimmert und die fernen Alpengipfel sanft erglühen; wenn der Posaunenchor mit seinem Choral einsetzt und es in Wald und Flur mächtig widerhallt: Dies ist der Tag des Herrn! dann haben unsere Brüder im fernen Osten — China, Japan, Korea — schon vor mehreren Stunden in ihren schlichten „Jesushallen“ ihre Knie gebeugt und ihre Lieder gesungen zur Ehre des Erretters. Auch Indien ist schon lange wach, und in hohen Kirchen wie in schmucklosen Kapellen erschallt das Wort vom Kreuz mitten in heidnische Unwissenheit und falsche Weltweisheit hinein. Auch die zerstreuten Gemeindlein in Persien, Armenien, Sibirien, in Rußland und den anderen Ländern Osteuropas nehmen den hellen Ton auf. Und horch! nun läutet in Jerusalem das traute Glöck-lein zum Vormittagsgottesdienst, und es sammeln sich die Gläubigen zu Lob und Anbetung, wie wir es einst taten in der Zeit der ersten Liebe. Auch in Ägypten, dem Sudan, in Abessinien, in Uganda, der heißen Ostküste Afrikas entlang, von Aden bis hinab nach Mosambik, Madagaskar und dem Kapland ist es Sonntag geworden, und unsere schwarzen, braunen und weißen Brüder versammeln sich um Gottes Wort und lassen in fremden Lauten die alten Glaubenslieder erklingen.

Von einem Land zum anderen im westlichen Europa und Afrika geht die Sonntagssonne auf, und in mancherlei Sprachen ertönt das alte, ewig neue Evangelium bis hinüber über das große Weltmeer nach Grönland und dem mächtigen Kontinent von Nord-und Südamerika und weiter bis nach Australien und all den Inselgruppen des Stillen Ozeans.

Weit durch die Lande und durch die Inseln weit,
Und bis zum Strande des Mittags ausgestreut,
Singt unser Bund in tausend Zungen
Psalmen dem Meister und Huldigungen.

Wie weitet solch ein Rundgang das Herz, und wie klärt er den Blick! Wie freut man sich, zu wissen, daß des Herrn Augen schauen durch alle Lande, daß er stärke die, so von ganzem Herzen an ihm sind (2. Chron. 16, 9)! Und wie schön und doch so einfach läßt sich die Fürbitte für die ganze weit zerstreute Gemeinde Jesu Christi zusammenfassen in dem Wort, das wir als Kindlein lallen lernten und dessen Tiefe wir im Alter noch nicht erschöpft haben: Unser Vater!

Denn der Sonntag ist in hohem Maß ein Tag des Gebets. „Nehmt Zeit zur Sammlung und zum Gebet!“ so mahnte immer wieder die Stimme des greisen Predigers Dr. Andreas Murray in Südafrika, der wohl die Gefahren der Vielgeschäftigkeit unserer europäischen Kultur schmerzlich erkannte. Und wann könnte man sich besser Zeit nehmen als an diesem dem Herrn geweihten Tag? Wie wunderbar müßte es sein, die verborgenen Fäden zu verfolgen, die aus einem priesterlichen Herzen emporsteigen zum Throne Gottes und von dort, mit Segen beladen, herniederkommen auf das Haupt einzelner oder ganzer Gemeinden, deren Namen genannt worden sind vor den Ohren des Herrn Zebaoth! Das gäbe in Wahrheit „lichte Spuren“. Aber solches wird erst in der Ewigkeit völlig offenbar.

Doch kehren wir von dem Großen, Weiten zum Kleinen, Naheliegenden zurück. Zwar kann ich nicht, wie es eine liebe Stimme gewünscht hatte, ein eingehendes Bild zeichnen von den Kindersonntagen aus jenem goldenen Zeitalter, da „alle noch daheim waren“. Das ist zu persönlich, zu zart und zu — mangelhaft. Doch können vielleicht einige Skizzen und Andeutungen da und dort von Nutzen sein, und so möchte ich denn die nächstfolgenden Seiten den lieben jungen Müttern widmen. Denn auch die Kindlein sollen Anteil haben an dem Sonntagssegen.

Der Sonntag fängt eigentlich schon am Vorabend an; daher kommt der schöne Name Sonnabend. In einem jüdischen Nachbarhause in Jerusalem beobachtete ich immer mit stiller Ergriffenheit, wie am Freitagabend jeweilen die „Sabbatlampe“ angezündet wurde, die erst nach vierundzwanzig Stunden wieder erlöschen durfte. In den Christenhäusern ist es gut, wenn am Sonnabendabend eine stille Weihe einkehrt. Das Lämplein des Gebets soll hell erglühen.

Auch bei den Kindern gibt es eine kleine Vorbereitung. Da werden die Arbeitskörbchen in den Schrank getan, und an ihre Stelle kommen etwa auf das Bord die „Patenbibeln“ oder sonstige schöne Bücher, die man nur an Festtagen haben darf. Das Spielkästchen wird aufgeräumt und die sogenannten Sonntagsspiele bereit gelegt. Daß es in der Badestube noch viel zu schaffen gibt, versteht sich von selbst, und die blitzblanken Büblein und Mägdlein schlafen froh und friedlich dem schönen Sonntag entgegen.

Und nun ist er da, und freudig empfindet man die wohltuende Ausspannung von Schul- und anderen Pflichten. Die Hausarbeit wird auf das notwendigste beschränkt. Besen und Schaufel oder vielmehr die fleißigen Hände, die sie zu führen haben, sollen womöglich ruhen; denn der Werktagsstaub ist ja gestern sorgfältig entfernt worden, und das Staubtüchlein mag für heute genügen. Es ist so gut, wenn man früh fertig wird, um rechtzeitig in das Haus des Herrn zu gehen.

Ich denke bei dieser Schilderung an Häuser, in denen eine gewisse Wohlhabenheit herrscht, und wo man einen solchen Wink wohl beherzigen kann. Viel schwerer geht es in den Häusern der Armut und der allzu angestrengten Werktagsarbeit. Es soll ja auch keine Regel gemacht werden; die Gesinnung gibt den Ausschlag. Und ich habe gerade in den einfachsten Verhältnissen sehr schöne Dinge auf diesem Gebiete wahrgenommen. Wo ein Wille ist, findet sich ein Weg.

Wo eine Sonntagsschule vorhanden ist, nehmen die Kinder des christlichen Hauses gern daran teil. Wo das nicht der Fall ist und die Mutter Zeit hat, ist das „Bibelstündchen“ in ihrem Zimmer noch schöner. Dort sehen wir solch eine kleine Gruppe; lauschen wir ein wenig hin.

Man hat mit dem Lied begonnen:

Bei der Arbeit, auf der Reise
Sing ich Zionslieder gern;
Doch nichts stimmt mein Herz so selig,
Als ein Lied am Tag des Herrn.

Das Thema ist heute: Der Kämmerer aus dem Mohrenland. Wie köstlich ist doch diese Geschichte! Wieviel gibt es zu erklären über die äußeren und inneren Umstände, über jene heiße Straße, die nach Gaza führt und in der Tat der nächste Weg ist nach Ägypten. Nubien und somit in das Reich der Königin Candaces. Wie vieles ist auch anzuwenden auf das Herz, auf das Kindesherz! Einzelne Bemerkungen zeigen die Gedankenarbeit der Kleinen: „Wie wunderbar, daß Gott den Philippus gerade zur rechten Stunde zum Kämmerer führte!“ — „Und fein war es von Philippus, daß er sofort ging.“ — «Es muß schön gewesen sein, als der Kämmerer anfing zu verstehen und dann glaubte.“ — „Aber durfte Philippus ihn eigentlich so schnell taufen?“ fragte ein kleiner Kritikus. Ein herziges Büblein aber möchte wissen: „Wer hat die Pferde halten dürfen während der Taufe?“

O du goldige Kinderzeit, wie froh und reich bist du!

Was die Teilnahme der Kinder an den öffentlichen Gottesdiensten anbelangt, gehen die Meinungen sehr auseinander. Wo eine eigentliche Kinderkirche gehalten wird, ist es wohl das Richtigste, die Kleinen nur dahin gehen zu lassen. Aber auch im allgemeinen Gottesdienst können sie manches lernen. Ein liebliches Beispiel davon habe ich einmal erlebt. Ein ganz Kleines durfte einst mit der Wärterin zur Kirche gehen, während ich zu Hause blieb. Als das Kind wiederkam und ich ihm das Kleidchen abzog, fragte ich: „Hast du auch etwas verstanden?“ — „Ja,“ sagte das Mägdlein; „man hat gepredigt: N.-chen (ihr Name) dürfe nicht mehr weinen.“ Ich konnte mir nicht denken, wie das zu verstehen sei, aber meine Fragen brachten nichts weiteres heraus, als daß ein Mann gepredigt habe: N.chen dürfe nicht mehr weinen. Die herzugekommene Wärterin gab die Erklärung. Der Text der Predigt war gewesen: Wenn ihr stille bliebet, so würde euch geholfen. Stillesein bedeutete für den kindlichen Sinn: nicht weinen. — Es wäre gut, wenn die Erwachsenen das Wort der Predigt jeweilen so praktisch und — so persönlich anwendeten!

Spaziergänge durch Wald und Flur gehören selbstverständlich mit zu den reinen Sonntagsfreuden. Der ernste Prälat Johannes Albr. Bengel hat in seiner von lateinischen Vokabeln durchwobenen Sprache für die Erziehung der Kinder ein „solarisch Traktament“ empfohlen (eine der Sonne zugekehrte Behandlung). Das ist ein köstliches und beherzigenswertes Wort, und wann paßt ein solch solarisches Traktament besser als am Sonntag?

Die Abendstunden, namentlich des Winters, bringen den Kindern neue Freude: das liebe Spielstündchen.

Die Kleinsten ergötzen sich an Noahs bunter Arche, die Größeren haben Geduldspiele, Quartett und Lotto, die in die Geographie Palästinas einführen. Eine sehr beliebte Beschäftigung ist das Lösen von biblischen Fragen. Da gibt es zuerst eine Reihe von Namen zu raten: Wie hieß der Mann, der in seiner Jugend von Gott bei seinem Namen gerufen wurde? Und der Mann, dessen Haus Gott segnete, weil er die Bundeslade aufgenommen hatte? Und der Mann, der bei der Nacht ein Gespräch hatte mit Jesus? Und der Mann, der das Erbe seiner Väter um keinen Preis verkaufen wollte? Und der Jüngling, der von Kind auf die Heilige Schrift kannte? Und der Prophet, der zu den Hirten von Thekoa gehörte? Und der Mann, zu dessen Füßen Paulus studierte? Sind dann die Namen gefunden, so wird aus den Anfangsbuchstaben ein Wort zusammengesetzt: Samuel, Obededom, Nikodemus, Naboth, Timotheus, Amos, Gamaliel - Sonntag.

Noch schöner sind die Gedankenbilder. Die Mutter beschreibt, langsam sinnend: Ich sehe einen großen, reich geschmückten Saal; darin sitzt auf einem erhöhten Stuhl ein finster dreinblickender, prächtig gekleideter Mann, offenbar ein König. In seiner Hand hält er ein goldenes Zepter. Vor ihm kniet eine liebliche junge Frau, die mit flehender Gebärde zu ihm aufschaut. Natürlich weiß man, daß es Esther ist vor Ahasveros. Nun dürfen die älteren Kinder auch solche Wortbilder zeichnen, was nicht so ganz einfach ist, weil keinerlei Handlung geschildert werden darf.

Es wird auch viel, sehr viel gesungen. Einst sang man das schöne Lied:

Wirf Sorgen und Schmerz
Ins liebende Herz
Des mächtig dir helfenden Jesus.

Ein Junge ballt die kleine Faust, macht die Gebärde eines kräftigen Werfens, als hätte er einen Ball in der Hand, und fragt treuherzig: „Kann man denn die Sorgen auch so hinwerfen zu Gott?“ — Ja, mein Büblein, das kann man, das darf und soll man. Aber das geht nur, wenn man sich selbst in Gottes Arme wirft, damit er uns trage mit unserer Last!

In etlichen Häusern habe ich es mit Freuden gesehen, wie auf jeden Sonntagabend ein Lied oder sonst ein geistliches Gedicht oder auch ein Abschnitt aus der Bibel gelernt und dem Vater aufgesagt wurde. Das Auswendiglernen von Kernsprüchen und Liedern kann überhaupt nicht genug empfohlen werden, und je weniger die Schule in dieser Hinsicht tut, desto mehr sollte die Familie einstehen.

Mit einer sogenannten auswendigen Andacht wurde in unserem Kinderkreis jeweilen die Sonntagsfeier geschlossen. Da durfte jedes Kind einen Liedervers vorschlagen, der dann von allen gesungen wurde. Danach sagte jedes einen Bibelspruch auf, und die so gewählten Lieder und Sprüche waren für die Eltern wie kleine Fensterchen, durch die sie in das Gemüt ihres Kindes blicken konnten.

Von vielen schönen und erhebenden Sonntagen könnte ich erzählen zu Land und See, auf hoher Alp (Eggishorn, Zermatt) und in schwüler Stadt, in tiefer Einsamkeit und in der Gemeinde. Wenn ich mich frage, wo es am schönsten war und was mir als allerwertvollste Erinnerung zurückbleibt, so ist mir die Antwort nicht schwer. Es ist stets da am schönsten gewesen, wo der Geist Gottes am kräftigsten gewirkt und Seelen vom Tode zum Leben gerufen hat. Es ist doch der Berg Gottes höher als alle Berge irdischer Schönheit und idealen Genusses. Das war etwa in großen Versammlungen, wenn das Wort des Lebens mit Beweisung des Geistes und der Kraft verkündigt wurde und die Seelen sich beugten vor dem Odem Gottes, wie ein Kornfeld sich beugt vor dem fruchtbringenden Wind. Andere Male war es in kleinerem Kreise in Vereinen und schlichten Bibelstunden oder auch im Gespräch mit einzelnen von Gott ergriffenen Seelen. Da wo Gottes Leben in ein Herz dringt, wo ein verlorenes Kind heimkehrt ins Vaterhaus, wo eine Glaubenshand die durchgrabene Heilandshand erfaßt und sich von ihm hineinziehen läßt in den sicheren Bergungsort, da ist gut sein. Da hat man die Engel zu Gefährten und freut sich mit ihnen über einen Sünder, der Buße tut.

Und nun hat sich der Tag geneigt, und es ist Nacht geworden. Das letzte Amen ist gesprochen, der letzte Orgelton verklungen. Aber das allerbeste bleibt: das verschlossene Kämmerlein und der auferstandene Herr mit seinem Frieden.

Freundesworte

Mit einer gewissen Verlegenheit erfüllt mich die Wahrnehmung, daß ich von den lieben Menschen, die meine Jugend beeinflußten, so manches zu erzählen gewußt und von denen, die mein reiferes Leben segneten, beinahe ganz geschwiegen habe. Das läßt sich ja durch mancherlei Gründe erklären. Immerhin will es mir doch zu unvollkommen und undankbar erscheinen, die teuren Freunde gar nicht zu erwähnen, die so viele helle Spuren auf meinem späteren Pfad zurückgelassen haben und mir nun vorangegangen sind in die ewige Heimat. Eine eingehende Schilderung ihrer Persönlichkeiten zu geben, wäre ein Ding der Unmöglichkeit, und eine bloße Namensnennung hätte keinen Wert. Da habe ich versucht, mir von jedem der Freunde ein Wort oder einen Zug ins Gedächtnis zurückzurufen und festzuhalten, etwas, das ich bei irgendeinem Anlaß mündlich oder schriftlich von ihnen empfangen und im Herzen bewahrt, wohl auch in meiner Sammelmappe notiert habe. Wird dieses Kapitel auch dadurch zu einer Art Stammbuchblatt gestempelt, so wird es doch manchen wertvollen Gedanken darbieten und zugleich die teuern Namen ins Gedächtnis zurückrufen.

Von dem uns besonders nahestehenden Freundeskreis in Basel kann allerdings ein bloßes Wort nicht genügen. Der Verkehr war durch Jahrzehnte hindurch zu häufig und zu innig. Es gäbe zu viel zu sagen.

Mit Theodor Sarasin-Bischoff (gestorben 1909) und seiner Gattin waren wir schon in der Jugend verbunden. Köstlich war es dann, als wir in die Schweiz kamen, sie als Geschwister im Herrn und nahe Nachbarn wiederzufinden. In unserer ersten Chrischonazeit verbrachten wir in den Sommermonaten jeweilen am Samstagabend einige stille Stunden in ihrem lieblichen Heim in Riehen am Fuße unseres Berges, um uns durch Wort Gottes und Gebet vorzubereiten auf den Tag des Herrn. Damals ging es behende den Berg hinunter und herauf, über die steinigen Pfade des dunklen Buchenwaldes. Der Segen, den wir genossen, war des Ganges wert.

Adolf Vischer-Sarasin (gestorben 1902) hatte mit seiner Frau den denkwürdigen Berner Versammlungen im Januar 1875 beigewohnt. Dort ging den teuren Freunden das Licht des Glaubens in nie gekannter Klarheit auf. Dort auch lernten wir uns kennen und verbanden uns zu gemeinsamer Pilgrimschaft und Arbeit in dem Herrn. Unvergeßlich sind uns jene ersten Zeiten geblieben, da der Herr so fühlbar in unserem Kreise weilte. Herr Bischer zog sich später aus seinem Geschäft und seinen verschiedenen Ämtern und Würden zurück, um sich ganz dem Werk des Herrn zu widmen.

Johannes von Huene (gestorben 1905), der baltische Edelmann und theologische Lehrer an der Predigerschule in Basel, war ein unschätzbares Mitglied unseres Bundes. Er schöpfte seine reiche Erkenntnis aus der Tiefe und hat uns manche Perle vom reinsten Wasser mit heraufgebracht. Seine ihm gleichgesinnte Gattin, Alexandra geb. von Stackelberg (gestorben 1910) ist auch schon daheim bei dem Herrn.

Und noch ein Name, der erst seit kurzem in die Reihen der nach Hause gekommenen Pilger gehört, muß hier genannt werden, Eduard Burckhardt-Zahn (gestorben 1914), der mit seiner Gattin so treu und verständnisvoll mit uns gearbeitet, gesorgt und gebetet hat.

Ein jeder dieser Namen weckt kostbare Erinnerungen, nicht zumeist an Menschenworte, sondern an Worte Gottes, die wir gemeinsam gelesen und verarbeitet haben. Und ich möchte es bezeugen, welch großer Gewinn es ist, wenn bei den Begegnungen, die eine solche Freundschaft mit sich bringt, das Wort Gottes den Grundton der Gespräche bildet und das gemeinsame Gebet dem Zusammensein eine stille Weihe verleiht. Wie manches Buch der Bibel haben wir miteinander betrachtet! Wie manche Bitte dem Herrn dargebracht und wie manche Erhörung erfahren! Wir sind zusammen jung gewesen und alt geworden und freuten uns zu wissen, daß die Gemeinschaft hienieden nur eine Vorstufe war zu der vollkommenen Gemeinschaft droben.

In Bern war unser ältester Freund der Pfarrer Arnold Bovet (gestorben 1903) von der französischen freien Gemeinde. Ihn hatten wir schon als Jüngling kennengelernt und seinen Lauf, der so früh und so ausschließlich auf das Himmlische gerichtet war, mit Freuden verfolgt. Von den vielen Worten des Glaubens und der Liebe, die wir von ihm gehört, ist ein ganz kurzes mir am allerwichtigsten geworden. Es ist ein orientalisches Wort. Nach einer Zeit schwerer Erfahrungen und Kränkungen, durch die er hatte gehen müssen, war es uns wichtig zu erfahren, wie er das alles ertragen habe. Auf Befragen erhielten wir durch seine liebe Frau die Antwort, sein wichtigstes Anliegen sei in der ganzen Zeit stets gewesen:

„Nur nicht sündigen!“

Wir verstanden ihn wohl. Was Menschen uns antun können, mag ja oft schwer zu tragen sein. Aber viel schlimmer ist es, eigener Sünde nachzugeben. Bitterkeit, Rachsucht, Richtgeist oder übler Nachrede. Der Schmerz aller Schmerzen ist: die Sünde, denn sie scheidet uns von Gott.

Von Friedrich Dändliker (gestorben 1900), dem genialen Diakonissenvater in Bern, der im Verein mit seiner Gattin sein Haus zu einer Herberge der Gemeinde gemacht hat, wie weiland Gajus (Römer 16, 23), habe ich mir ein Wort zu Herzen genommen, das er einst seinen Schwestern zurief:

„Freue dich, daß der Herr Unwürdige beruft. Sei ihm ganz zu Diensten und folge ihm stündlich. Und wirst du mutlos und verzagt, so falle deinem Heiland zu Füßen und gehe nicht von ihm, er segne dich denn. Die größte aller Gaben ist ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz. Wem der Herr diese Gabe schenkt, aus dessen Auge leuchtet der Friede, aus seinem Angesicht die Freude. Denn sein Herz ist selig in seinem Gott.“

Ein Mann nach dem Herzen Gottes, wie sein Biograph ihn nennt, war Pfarrer Friedrich Gerber (gestorben 1905). Goldene Äpfel aus silbernen Schalen wußte er zu bieten. Die silberne Schale war das klangvolle, zu Herzen dringende Wort, das wie Musik ans Ohr tönte, ob er schriftdeutsch oder in seinem feinen Berner Dialekt sprach. Die goldenen Äpfel aber waren Wahrheiten, geschöpft aus der Heiligen Schrift und mit tiefer Menschenkenntnis auf das einzelne Herz angewandt.

So das klassisch schöne Wort:

„Gebrochen werden tut weh, aber gebrochen sein ist selig.“

So auch in einer Rede bei dem Fest der Evangelischen Gesellschaft die sinnige Ausführung des Textwortes:

Rede, Herr, denn dein Knecht höret.

„Wir wenden lieber die Worte um und sagen: Höre, Herr; denn dein Knecht redet. Ein gewisses Recht, so zu sprechen, gibt uns das Wort Gottes namentlich in den Psalmen, wo es oftmals heißt: Herr, höre mich, wenn ich zu dir rufe! Aber wer zu Gott reden will, der soll auch auf Gott hören. Von Natur sind wir tief selbstsüchtige Geschöpfe. Wir huldigen dem alten Weltsystem, wonach die Erde der Mittelpunkt ist, um den Sonne, Mond und Sterne kreisen. Wir sind uns selbst der Mittelpunkt. Der große Gott soll uns mit allen seinen Kräften dienen und unsere Wünsche erfüllen. Wir sagen nicht: Herr, rede du! Was willst du? Was befiehlst du? Auch die Menschen sollen sich nach uns richten, nicht wir nach ihnen. Das ist ein grundfalsches System.

Das kopernikanische Sonnensystem ist auch auf diesem Gebiet das richtige. Da ist die Sonne, Jesus Christus, der leuchtende Mittelpunkt, und alle Planeten, groß und klein, drehen sich in fester Ordnung um dies eine Zentrum. Gott braucht viel Geduld, bis er seine Kinder völlig von dem alten System in das neue gebracht hat, und sie es in Demut erkennen, daß sie nur so ein armes Erdelein sind, das immer Nacht hat, wenn die Sonne es nicht bescheint.“

In Deutschland war einer unserer besten Freunde der Oberstleutnant a. D. Curt von Knobelsdorfs (gestorben 1904), weit und breit bekannt durch seine begeisterte Arbeit als Verkündiger des Evangeliums und Vorkämpfer in der Arbeit des Blauen Kreuzes. Er selbst hatte die Macht der Trinksitten und der weltlichen Verbindungen als eine gefährliche Gebundenheit empfunden und mit dem Entschluß, „den ganzen sündigen Plunder“ dranzugeben, war er zuerst für dreiviertel Jahr in die Stille der St.-Chrischona-Anstalt und dann in die Reihe der Streiter seines himmlischen Königs getreten. Sein Zeugnis war klar und schneidig, wie man es bei Soldaten öfter vernimmt. In einer großen Versammlung rief er einst aus:

„Viele Male bin ich in meiner militärischen Laufbahn von einer Garnison in die andere versetzt worden; aber keine Versetzung war so klar und bestimmt als diejenige, da ich durch Gottes Gnade versetzt wurde von der Obrigkeit der Finsternis in das Reich seines lieben Sohnes, Jesu Christi.“

So schrieb er uns auch einst ins Fremdenbuch:

„Einem Mohren ist nur wohl unter Mohren; einem Eskimo unter Eskimos und einem Wiedergeborenen unter Wiedergeborenen.“

In der letzten Rede, die er in Blankenburg hielt zu einer Zeit, da die Krankheit ihn schon sehr mitgenommen hatte, sagte er:

„Eines möchte ich betonen, meine Freunde. Wenn ihr nicht ganz dem Herrn gehört, wenn ihr ein halbiertes Leben geführt habt, und es kommt dann eine Leidenszeit über euch, dann bricht alles wie ein morscher Bau zusammen. Aber wenn das Haus auf den Felsen, Jesus, gebaut ist, dann können die Stürme, als da sind Krankheiten, Not, Schmerz, Angst kommen, die Wasser können brausen, — das Haus steht dennoch fest.“

Durch Gottes Gnade blieb auch sein Haus fest, als die Fluten des Todes ihn umrauschten. Kindlich freudig sagte er den Seinen:

„Jesus starb für mich. Das ist so einfach. Mit meinen Sünden habe ich gar nichts mehr zu tun; die hat der Herr alle in das Meer geworfen.“

Aus dem reichen Schatz, den der wohlbekannte und gesegnete Prediger Elias Schrenk (gestorben 1913) der Gemeinde Gottes hinterlassen hat, wähle ich eine Mitteilung, die er uns noch in der Zeit jugendlicher Kraft machte, noch ehe er seine große Lebensaufgabe auf dem Boden der Evangelisation begonnen hatte:

„Es geht im christlichen Leben oft so, daß man dem Herrn eines nach dem anderen darbringt, was man als ihm mißfällig oder das innere Gedeihen hemmend erkennt, hier einen dürren Ast, dort einen unfruchtbaren Zweig. Aber das ist ein mühsamer Prozeß, ein gesetzliches Treiben. Nein, etwas anderes muß geschehen. Der ganze Baum, das ganze sündige Eigenleben, muß in den Tod Christi gegeben werden, damit das neue Reis eingepfropft und das neue Leben offenbar werde.“

Und aus dem Munde des alten, erfahrenen Lehrers und Seelsorgers tut es wohl, das Zeugnis zu vernehmen:

„Das Blut Jesu Christi ist mir köstlich und unentbehrlich, es ist mein Kleinod für Zeit und Ewigkeit. Und wenn ich seither Strömungen sehe, in denen Christi Blut zurücktritt, so kommen sie mir vor wie Feuerwerk von Kindern.“

Meine teure mütterliche Freundin, Freifrau Sophie von Rüdt (gestorben 1898), sagte mir einmal das Wort:

„Die Ruhe des Herzens ist mehr als ein seliges Empfinden der Gnade; sie ist eine Lebensbedingung für den Christen, der heilig wandeln und innerlich zunehmen will. Die Seel’ muß unbewegend sein, soll Gott sein Bild drin spiegeln rein, sagt G. Tersteegen. Wer sich aufregen läßt, ist stets in Gefahr. Er ist wie eine Burg ohne Mauern, für alle feindlichen Einflüsse offen. Unversehens dringt Sünde hinein. Wir haben eine feste Stadt, deren Mauern und Wehre sind heil (Jesaja 26, 1). Da müssen wir drinnen bleiben, dann sind wir geborgen. Das Äußere, das uns aufregen will, dürfen wir dem Herrn sagen. Er hat die Welt überwunden.“

Wenn ich an ihre mir in inniger Freundschaft verbundene Tochter, Caroline von Rüdt (gestorben 1906), denke, so fällt mir oft ein Wort ein, das wir einmal zusammen lasen und das mir in Wahrheit ein Spiegelbild ihres selbstlosen und demütigen Wesens geworden ist. Es ist in ein Gleichnis gekleidet und kann auch anderen nützen.

„Eine vollkommene Glasscheibe ist ein Stück Glas, so rein, so kristallhell, daß es — unsichtbar wird. Die Bestimmung der Glasscheibe ist, zu verschwinden, sich so sehr vergessen zu lasten, daß man nicht bei ihr stehen bleibt, sondern durch sie Hindurchblicken kann auf das, was sich jenseits befindet... Je mehr sich ein Mensch Gott nähert, desto unsichtbarer wird er, und je mehr er sich von ihm entfernt, desto mehr sucht er aufzufallen. Es ist möglich, durch seine eigene Persönlichkeit das Licht zu verdecken, statt es durchscheinen zu lasten. Wie viele prächtig gemalte Scheiben sieht man da und dort, auf denen allerlei bunte Gestalten von kleinen Heiligen das klare Licht des Himmels verhüllen. Wie viele Christen trifft man, die den Blick auf sich ziehen, anstatt völlig zu verschwinden, damit nur Jesus in ihnen gesehen und gepriesen werde... Für Gott da sein, ohne für sich eine Stelle einnehmen zu wollen, das ist die große Aufgabe, die nur der Heilige Geist in uns lösen kann. Und er braucht dazu die Schule des Feuers.“

Pastor Fritz Fliedner in Madrid (gestorben 1901), der eifrige Knecht Jesu Christi unter den Spaniern, sandte uns einst auf einer Postkarte in zierlicher, gut leserlicher Schrift ein köstliches Gedicht über die „verwandtschaftliche Verbundenheit der Gläubigen“. Von den fünf Strophen, die auf jener wertvollen Karte Platz fanden, stehen hier folgende:

„Ein neues Liebesleben keimt schon hier,
Das Ödgefilde blüht wie eine Lilie.
Du einst, Herr, was getrennt; es jauchzt in dir
Im fremden Land die selige Familie.
Nicht Fremde mehr, nicht einsam, unbekannt,
Nein, Brüder nun und Schwestern, eng verwandt.

Ihr Vater: Gott, der ew’gen Liebe Quell.
Ihr Bruder: Christus, Heiland und Erlöser.
Von Gott der Born der Liebe sprudelt hell,
In Christo wird er inniger und größer:
Denn an dem Kreuz er sich zum Opfer beut,
Zu einen Gottes Kinder, die zerstreut.“

Und noch aus viel weiterer Ferne flogen uns regelmäßig Brieftauben zu aus der Hand des auch deutschen Christen wohlbekannten Professors N. Hofmeyr (gestorben 1909) von Stellenbosch in der Kapkolonie. Die Briefe dieses Freundes hatten einen apostolischen Klang. Auch er sprach viel und gern von der Gemeinschaft der Heiligen und trug die Glieder des Leibes Christi aus betendem Herzen. So schrieb er einmal:

„Wenn ich für euch bete, ist es mir, als sei ich euch ganz nahe, im gleichen Hause. Ihr seid nur in einem anderen Zimmer, wo ich euch nicht sehen kann. Wir sind alle gleich nahe dem Vaterherzen.“

Und noch ein ernstes Wort habe ich mir gemerkt:

„Vergessen wir nie, daß, solange wir im Leibe sind, die Gefahr besteht, den Heiligen Geist zu betrüben und seiner göttlichen Leitung verlustig zu gehen. Auf unsere vergangenen Erfahrungen dürfen wir uns nicht stützen. Nur die Menschen sind sicher, die sich selbst mißtrauen und mit geschmeidigem, gehorsamem Willen verlangen, von dem Geiste Gottes geleitet zu werden.“

Als Erinnerung an einen Freund und mehrjährigen Mitarbeiter, Pfarrer Johannes Glinz (gestorben 1884), stehe hier ein Wort Spittas, das er überaus liebte und mir einst niederschrieb:

„Wann bin ich reich? Wann arm ich vor dir stehe,
Ja, als der ärmste Bettler zu dir flehe
Und nicht von deines Hauses Türe weich’:
Dann bin ich reich.

O Wundergab’, all meiner Leere Fülle!
O Wundergnad’, all meiner Blöße Hülle!
Dich preisen Herz und Lippen früh und spat,
O Wundergnad’!“

Sein Kollege, der geistvolle und originelle Schullehrer J. J. Gollmer (gestorben 1911), hat uns viele ernste, praktische Gedanken hinterlassen:

„Der vernünftige Gottesdienst, den Gott von uns verlangt, ist das Opfer unseres ganzen Lebens, nicht mehr und nicht weniger (Römer 12, 1). Daß es da steht: begebet eure Leiber zum Opfer, zeigt uns, wie außerordentlich praktisch es ist. Wer Geist und Seele dem Herrn darbringt, der wird und muß es mit dem Leibe bekunden.“

„Im Schlaf und auf dem Sofa ist keiner zum inneren Leben gekommen.“

„Zu einem gesunden Glaubensleben gehört auch Treue, Ordnung und Fleiß im Äußerlichen.“

Unsere tätige und treue Freundin, Fräulein Johanna Mez (gestorben 1911), die in ihrer Vaterstadt Freiburg ein schönes Vereinshaus erbaut hat, sagte, als man ihr vorhielt, zu luxuriös und kostspielig gebaut zu haben:

„Wenn ich für mich selbst ein Haus bauen wollte, würde sich kein Mensch wundern, wenn ich es geschmackvoll machen und es mich viel kosten ließe. Nun ich das Haus für den Heiland und seine Sache baue, kann ja erst recht nichts zu schön und zu gut sein. Für ihn ist das Beste noch zu gering.“

Und eine andere badische Freundin, Fräulein Marie Römmele (gestorben 1902), mit der ich jahrelang zusammen in der Jungfrauensache gedient habe, pflegte zu sagen:

„Wer Seelen gewinnt, ist weise (Sprüche 11, 30, Min.-Bibel). Es braucht göttliche Weisheit dazu; die wollen wir uns fleißig erbitten.“

„Es gibt in der Arbeit an den Seelen keine hoffnungslosen Fälle. Die schlimmsten Elemente können noch gewonnen werden. Das Blut des Lammes kann die Beflecktesten rein machen. Diese Überzeugung gibt Mut.“

Von zwei Großen im Reiche Gottes, die wir kennenzulernen das Vorrecht hatten, möchte ich hier gehaltvolle Worte einreihen.

Georg Müller von Bristol (gestorben 1898), der bekannte Waisenvater und Prediger, bezeugte einst in seiner stillen, nüchternen Redeweise:

„In den sechsundfünfzig Jahren, da ich Jesum kenne, bin ich nie in ihm getäuscht worden. Wenn ich mit aller meiner Macht nach der Freude der Welt getrachtet hätte, so hätte ich nicht den tausendsten Teil der Freude gefunden, die mir der Glaube an Jesum Christum gebracht hat. Sein Friede ist wie ein Strom. Ein Strom wird in seinem Lauf bis zur Mündung immer tiefer, breiter, voller.“

Und bei einem späteren Anlaß sagte er in einer Ansprache an die Zöglinge:

„Die Geschichte Ihres Mutterhauses soll Sie beständig daran mahnen, auch bei geringen Anfängen mutig auszuharren und treu weiter zu arbeiten. Dazu gehört freilich ein demütiger Sinn. Den Demütigen gibt Gott Gnade. Wenn einer viel von sich selbst und seinen natürlichen Gaben, seinem Verstand und seinen Kräften hält, so kann der Herr ihn nicht brauchen. Aber wenn ein Jünger in der Gesinnung steht, daß er es für eine Gnade achtet, überhaupt nur einen geringen Dienst im Hause Gottes tun zu dürfen, so wird der Herr ihm von seiner Kraft und Weisheit mitteilen, so viel er braucht.

J. Hudson Taylor (gestorben 1905), der Gründer und langjährige Leiter der China-Inland-Mission, offenbarte uns das Geheimnis seines Glaubens- und Liebeslebens, als er einst betonte:

„Es ist für einen begnadigten und berufenen Knecht Jesu Christi von der größten Wichtigkeit, daß er in dem ihm von Gott gewiesenen Weg des Gehorsams und des Dienstes wandle. Es gilt bis ins einzelnste genau zu gehorchen. Prüfet, welches da sei der gute, der wohlgefällige und der vollkommene Gotteswille. Sind wir auf den göttlichen Linien, dann dürfen wir getrost und sehr freudig sein.“

Und lieblich hat er erzählt:

„Wenn ich zurückblicke, kommt es mir vor, Gott habe, als er das Werk der China-Inlandmission ins Leben rufen wollte, nach dem kleinsten, geringsten und unscheinbarsten Mann gesucht, dem er den Auftrag geben konnte, damit es vor aller Welt offenbar würde, daß das Werk nicht von Menschen, sondern von Gott sei, und er alle Ehre habe.“

In meinen Notizen finde ich noch etliche schöne Worte von Knechten Jesu, die mir zum Segen gesetzt worden sind. Gern füge ich ihre Namen und Worte diesem Erinnerungsblatt bei.

Pfarrer J. J. Riggenbach (gestorben 1908), mit dem wir namentlich in den siebziger Jahren herzliche Gemeinschaft pflegten, sagte einst:

„Wenn ein Mensch das Heil, das Jesus uns erworben hat, im Glauben annimmt, so ist damit gleichsam ein Strich unter die ganze Rechnung seines bisherigen Lebens gemacht. Jesu Kreuz bedeckt seine Schuld — Jesu Blut tilgt seine Sünden.

Aber nun gilt es, in dem neugeschenkten Leben sich von der Gnade züchtigen, d.h. erziehen, reinigen, bewahren und vollenden zu lassen. Und da ist unter uns so viel Defektes, träges und fleischliches Wesen. Darum auch so wenig Kraft und Sieg.“

Professor Hermann Krueger (gestorben 1900), eine Zeitlang Missionar in Madagaskar und später Lehrer an dem Missionshaus von Paris, verbrachte mehrere Monate seiner langen letzten Leidenszeit als unser lieber Gast zu St. Chrischona. Kurz vor seinem Ende schrieb er ein wunderschönes Lied von der Gnade, worin es heißt:

Wenn zu herb der Schmerz
Und schier bricht das Herz;
Wenn im Tal es düst’rer dunkelt,
Schau ich auf: trotz allem funkelt
Mir der Gnade Schein: —
Gnade muß sein!

Also Gnad’ allein,
Gnade muß es sein:
Gnad’ zum Leben, Gnad’ zum Sterben,
Gnad’, den Himmel zu ererben.
Nichts als Gnad’ allein:
Gnade muß sein.

Pfarrer Emanuel Preiswerk (gestorben 1904) rief einst seiner Waisenhausgemeinde ein Wort zu, das allen Kämpfenden und Angefochtenen gilt:

„Nur nie den Mut verlieren! Nur das Vertrauen nicht weggeworfen! Das ist eine Lebensfrage für jedes Kind Gottes.“

Und zu einer wichtigen eschatologischen Predigt über 1. Thess. 4 machte er den ernsten, praktischen Schluß:

„Wünschest du, wenn du jenen großen Tag erleben solltest, den Herrn freudig zu empfangen? Hoffst du bei seinem herrlichen Erscheinen hingerückt zu werden in den Wolken, dem Herrn entgegen in der Luft? So prüfe dich: Ist er jetzt schon in Wahrheit dein? Ist er jetzt schon ein Magnet für dich, daß es dich zu ihm hinzieht? Jene Stunde wird offenbar machen, was du hier schon bist.“

Eines jener klaren Glaubenszeugnisse, durch die Professor Conrad von Orelli (gestorben 1912) uns so lieb geworden ist, möge hier eine Stelle finden. Bei der Beurteilung einer modernen, seichten Versöhnungslehre sagte er:

„Mit einem solchen Christus hätte Luther nichts anfangen können, weil er zu tief von dem Gefühl der Verdammnis, die des Sünders Teil ist, durchdrungen war. Daß wir selber den Kreuzestod oder die Hölle verdient hätten, so meinen die Modernen, das seien »abenteuerliche Übertreibungen des menschlichen Schuldgefühls«. Uns ist dieser Optimismus unbegreiflich. Wen träfe dieser Vorwurf der Übertreibung nach Matth. 5. 22? Hier liegt die Wurzel der Differenz. Läßt sich Sünde und Schuld so leicht beseitigen, dann mag eine Versöhnungslehre wie die vorgeschlagene genügen.

Was aber einem Luther sein Gewissen bezeugte, bezeugt es heute noch ungezählten armen Sündern, die die Heiligkeit Gottes und seiner Gebote zu gewaltig empfinden, als daß sie einen anderen Erlöser für den ihrigen anerkennen könnten, als den, der an ihrer Stelle den Fluch des Gesetzes getragen und den Tod gekostet hat.“

Ein Name noch soll hier stehen, der Name eines ehrwürdigen Greises, der nicht nur ein Freund aller Gotteskinder, sondern auch uns ein wahrer Freund war, Dr. Friedrich Baedeker (gestorben 1906). Bei seinem letzten Besuch zu St. Chrischona, nicht lange vor seinem Heimgang, hat er in körperlicher Schwachheit, aber voll jugendlichen Feuers uns erzählt, wie es gekommen, daß ihm so viele Türen geöffnet worden seien, auch in ferne Länder, auch in sibirische Gefängnisse, auch in die Herzen der Menschen. Es sei lediglich die Erfüllung gewesen von Gottes Aufforderung und Gottes Verheißung:

Tue deinen Mund weit auf; laß mich ihn füllen.

Dies Wort hinterließ er uns als sein Vermächtnis und als eine Wegleitung für zukünftige Zeiten.

Daheim, daheim sind sie alle, die teuren Weggenossen. mit denen wir Hand in Hand ein Weilchen die Pilgerstraße gezogen sind. Sie wandelten im Glauben dem großen Führer nach. In ihrer Hand hielten sie den Stab, von dem nachstehendes Gedicht so lieblich spricht, daß ich gern damit diese goldene Ährenlese beschließe.

Der Stab des Glaubens.

Der Glaube ist mein Wanderstab,
Geh damit meiner Wege,
Den Berg hinauf, das Tal hinab,
Bis ich zur Ruh’ mich lege.

Der Glaube ist mein Heroldsstab,
Damit verkünd’ ich allen
Die froh’ste Botschaft, die ich hab’:
Des Vaters Wohlgefallen.

Der Glaube ist mein Königsstab,
Vor dem sich Engel neigen,
Und Gott, der Herr, sich läßt herab
Und schenkt sich mir zu eigen.

Der Glaube ist mein Bettelstab
Vor meines Gottes Throne.
Ich bettle mir als Gnadengab’
Die Überwinderkrone!

Die lichteste Spur

Wenn ich meine Erinnerungen vornehmlich gruppiert habe um die Namen gottseliger Menschen, denen meine dankbare Liebe lebenslang gehört, so kann ich nicht anders als noch den einen Namen hinzufügen, der mir der allerteuerste ist, den Namen des Mannes, durch den Gott mein äußeres Leben am reichsten beglückt und mein inneres Leben am tiefsten gesegnet hat, den meines geliebten Gatten, Carl Heinrich Rappard. Viel von ihm zu erzählen brauche ich ja nicht, habe ich doch das große Vorrecht gehabt, bald nach seinem Heimgang seinen ganzen Lauf an meinem Geistesauge vorbeigehen zu lassen und in dem Lebensbilde zu beschreiben, auf das hier schon mehrmals hingewiesen worden ist. Es soll daher dieser Abschnitt nur wenig Raum einnehmen, wie der Diamant. der den ganzen Ring zusammenfaßt und beschließt.

In dem eben erwähnten Buche sind diejenigen genannt, die durch meinen Eintritt in die Familie Rappard auch mein Leben bereichert haben: der edle, großangelegte Vater, den ich selbst nicht gekannt, und die geliebte Mutter, in deren nächster Nähe ich so viele Jahre verbracht habe. Welch ein Vorbild haben wir in diesem Elternpaar vor Augen gehabt! Es war in ihnen beiden etwas von des Eisens Pflanze, etwas Festes, Starkes, das liebte, ohne zu verzärteln, das im Unsichtbaren lebte, ohne je schwärmerisch oder unnüchtern zu werden. Hatte meine Mutter, Maria Gobat, sich das Marienwort als Wahlspruch erkoren: Siehe, ich bin des Herrn Magd! so hielt meine Schwiegermutter, Maria Rappard. sich an den Mariengruß: Selig bist du, die du geglaubt hast! Dieses Wort ist auch als Zusammenfassung ihres Lebensinhalts auf ihren Grabstein gemeißelt worden.

Aus dem großen Geschwisterkreis sind seit dem Heimgang des teuern ältesten Bruders weitere Glieder von hinnen gezogen. Die geliebte Schwester L., Frau Direktor Arnold, an die jene zarten Jugendbriefe Heinrichs gerichtet waren, ist die erste gewesen, ihm nachzufolgen. Der ehrwürdige Schwager, Johannes Hermann, ist als eine volle, reife Ähre eingeheimst worden. Wenn ich von ihm ein Wort hätte aufbewahren und mitteilen sollen, hätte es ein Gebetswort sein müssen. Denn er war ein Beter wie wenige. Wenn er in den großen Festversammlungen auf unserem Berge seine Stimme in bewegten Worten zum Gebet erhob, so fühlte man, daß da einer mit Gott rede, der es gewohnt war, an der goldenen Tür des Tempels zu stehen und Gaben zu empfangen.

Und auch die jüngste Schwester, Charlotte, ist nicht mehr hienieden. Sie, die der Mutter Lebensabend erhellte und durch ihre Anmut und ihren angeborenen Schönheitssinn den ganzen Familienkreis erfreute und ihn durch das Band der Liebe umschlungen hielt, sie ist wie im Sturm aus unserer Mitte hinweggerückt worden, um auf ewig daheim zu sein bei dem Herrn.

Noch einige der im Lebensbilde erwähnten Verwandten darf ich zu denen rechnen, die in mein Leben Segensspuren hineingetragen haben. Mit bewegtem Herzen stand ich vor kurzem im stillen, gesegneten Dorfe Neukirchen bei Mörs am Niederrhein, an den Gräbern des alten Pastors »Ohm Brain“ und anderer Familienglieder, treuer Knechte und Mägde Jesu Christi, die alle im Glauben gelebt, gearbeitet und durch den Glauben selig überwunden haben. Ich nenne nur den lieben Vetter, Pastor Adolf Haarbeck, den ältesten der sieben Söhne aus dem frommen Bürgermeisterhause von Neukirchen, ein Mann, der durch sein inniges Glaubensleben, verbunden mit dem Wort seines Zeugnisses, vielen ein Wegweiser zu Christo geworden ist.

Doch ich wollte noch einige Züge mitteilen zur Vervollständigung des Bildes dessen, dem dieses Kapitel gewidmet ist. Im „Volksboten“ aus Basel war mehrere Jahre nach Rappards Heimgang eine Notiz zu lesen, die es wert ist, festgehalten zu werden. Denn sie ist wie eine treffliche Momentaufnahme und gibt in wenigen Strichen ein so lebendiges Porträt, daß alle, die das Original kannten, sich daran ergötzen müssen. Es war im genannten Blatt gesprochen worden von dem Niederreißen alter Gebäude, u. a. eines an gangbarer Stelle der Stadt Basel gelegenen Gasthauses mit Stallung. Das veranlaßte einen Leser, dem Herrn Redakteur folgendes einzusenden:

„Was du von dem Stücklein Landleben schreibst, das sich vor jener Gaststallung abspielte, rief mir einen Anblick in Erinnerung, der mir vor einigen Jahren dort um die volkreiche Mittagsstunde zuteil wurde und der mir einen tiefen Eindruck machte. Mit zwei, vielleicht auch nur einem Schimmel bespannt, stand ein nettes offenes Bernerwägelein zur Abfahrt bereit. Der Stallknecht hielt die Pferde still und überreichte dem eben herantretenden Besitzer des Gefährts ehrfurchtsvoll die Peitsche. Er nahm sie freundlich, drückte dem Knecht die übliche Gabe in die Hand und bestieg seinen Sitz. Es war eine hohe, ehrwürdige Gestalt, mit weißem Haar und Bart, mit klarem, friedevollem Antlitz, eine imponierende Erscheinung. Er klopfte über den Pferden, sie zogen an, und mit vollkommen sicherer Hand leitete er das Gefährt mitten durch den Strom von Menschen und Wagen der inneren Stadt zu. Man mußte sich des alten Herrn freuen. Es schien, der so ruhig seine Rosse lenkt, der kann wohl auch noch Größeres leiten. Dessen Augen so klar und hell ins Gewirr schauen, der kann tiefe Blicke tun ins Seelenleben der Menschen und in die göttlichen Geheimnisse.

Wer war der Mann? Es war Herr Inspektor Rappard von St. Chrischona. Jenes Gasthaus war jahrelang sein Absteigequartier, wenn er von seiner schönen Höhe Geschäfte halber nach Basel kam, gewiß der edelsten Gäste einer, dessen Segensspuren in Ewigkeit bleiben, wenn auch sein pied-à-terre vom Erdboden nun verschwunden ist.“

Eine gar liebliche Erzählung verdanke ich einem badischen Geistlichen, dessen Oheim ein früherer Zögling unseres Hauses, hernach amerikanischer Pastor und zuletzt Arbeiter der inneren Mission in der Heimat war. Etliche Jahre nach meines lieben Mannes Heimgang kam der auch schon alternde Bruder aufs Sterbebett. Die Schwachheit des Leibes benützte der böse Feind, um das Gemüt des Kranken zu verdüstern und ihm Zweifel einzuflößen über Gott und die Wahrheit seines Wortes. Er war tief unglücklich und fand nirgends Trost. Da erinnerte er sich eines alten Ausspruchs seines alten Inspektors und dann noch eines und noch mehrerer. Die waren so klar und bestimmt, so unmittelbar aus froher Überzeugung kommend, daß es der angefochtenen Seele ungemein wohl tat. „Wenn Gottes Wort nicht wahr wäre,“ sagte der Kranke, „so müßte ja der alte Rappard gelogen haben. Nein, gelogen hat der nicht.“ Und an diesem schwachen Faden zog der Versinkende das starke Rettungstau wieder an sich und konnte seine Füße aufs neue fest stellen auf den Fels der Ewigkeit. In vollem Glauben ist er bald darauf entschlafen.

Und noch eine Erinnerung hat ein lieber Freund aufbewahrt. Bei einer Gebetsvereinigung in seinem Hause wurde vor etwa zwanzig Jahren der eben anwesende Inspektor Rappard aufgefordert, ein Wort zu sprechen. Er tat es mit Anlehnung an die Schlußverse des Evangeliums Matthäi und hob die vier „alle“ hervor, die sich in diesem Abschnitt befinden. Jesus sprach: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum so gehet hin und lehret alle Völker. Machet sie zu Jüngern ... und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. Jedes dieser „alle“ weckte einen ganzen Gedankengang. Der Hausherr selbst wurde reichlich erquickt und behielt die Worte in seinem Herzen.

Viele Jahre später teilte er sie in einer Missionsstunde mit und durfte auch da dieselbe gesegnete Wirkung erfahren. Er erzählte diese Einzelheiten zum Beleg dafür, wie unsere Worte noch über das Grab hinaus Folgen haben können.

Was Carl Heinrich Rappard für die Gemeinde des Herrn und insonderheit für das ihm anvertraute Werk der Pilgermission gewesen ist, das liegt vor aller Augen. Was er für die Seinen war, läßt sich in der Öffentlichkeit nicht erzählen. Nur auf einige Punkte möchte ich aufmerksam machen, in denen er in besonderer Weise mein Lehrer und Seelsorger gewesen ist. Beim Rückblick auf meine Lebensführung habe ich ganz aufs neue erkannt, wieviel ich ihm zu danken habe. Ich meine, diese Winke können auch anderen von Nutzen sein.

Das Größte, was ich von ihm gelernt habe oder doch lernen konnte, war sein unerschütterlicher, im praktischen Leben sich offenbarender Glaube. Sein Gott und seines Gottes Wort war ihm das Allergewisseste und Festeste in der ganzen Welt. Nie, solange ich ihn gekannt habe, hat ein Zweifel den Himmel seiner Seele getrübt. Damit ist nicht gesagt, daß nicht mancherlei andere Stürme von außen und innen diese starke Natur in Erregung gebracht und ihr gewaltige Kämpfe verursacht hätten. Es ist auch nicht ohne Niederlagen gegangen. Aber durch alle Wolken hindurch behielt er den leuchtenden Polarstern immer in Sicht. Nach ihm richtete er seinen Lauf, und der Sturm trieb das Schifflein nur um so sicherer dem Hafen zu.

Zart und liebreich, manchmal auch derb und ernst, hat er mich darauf aufmerksam gemacht, welch eine Kluft oft besteht zwischen unserem Gefühlsleben und unserem tatsächlichen Besitz, wie man mit Rührung Glaubenslieder singen und dichten und doch im Augenblick der Not fast verzagen könne.

Gern stellte er sich etwa eine Szene aus der Wüstenwanderung Israels vor und malte sich aus, wie es hätte gehen können und sollen. So schilderte er z. B. das Erlebnis von Mara (2. Mose 15, 22-26).

Das Volk war drei Tage lang dürstend durch den heißen Sand gewandert. Da kamen sie an ein Wasser und wollten sich daran erlaben. Aber, siehe da! es war bitter und ungenießbar. Nun wußten sie nichts anderes zu tun, als zu murren. Wie schön wäre es gewesen, wenn da ein gläubiger Israelit seine Familie versammelt und ermahnt hätte: „Komm, liebes Weib, kommt, meine Kinder. Laßt uns nicht murren und klagen, sondern harren und sehen, wie Gott uns aus dieser Not retten wird. Denn daß er uns erretten wird, ist doch ohne allen Zweifel.“ Wie hätte solch ein Benehmen den großen Gott erfreut und geehrt!

Das zweite, was ich meinem lieben Mann zu verdanken habe, ist die Gewöhnung, mit einer Pflichterfüllung nicht zu warten, bis man dazu aufgelegt sei oder besondere Freudigkeit empfinde. Dies muß in der Tat mit Ernst gelernt werden. Wenn uns Gott eine Aufgabe stellt, ob sie uns noch so schwer und unangenehm erscheine, so muß sie gelöst werden. Zaudern und verschieben ist vom Übel. Der Ausdruck „zu etwas aufgelegt sein“ wollte er im Vokabularium der Diener Christi nicht aufkommen lassen. Nicht was wir gern tun ist maßgebend, sondern was Gott will, daß wir tun. Was wir im Gehorsam gegen Gott und die von Gott über uns gesetzten menschlichen Ordnungen tun, wird uns immer die Freude seines Wohlgefallens einbringen. Eine andere Freudigkeit braucht es nicht. Daß er mit uns und seine Kraft in unserer Schwachheit mächtig ist, sei uns genug.

Das Lutherwort: Es gibt nur ein Buch: die Bibel, und in dem Buche nur eine Person: Jesus Christus, wurde von meinem lieben Mann oft angeführt. Um den Herrn Jesus Christus drehte sich sein ganzes Leben, Denken und Tun. Das Lamm, das erwürget ist, war nicht nur der Grundton seiner Predigt, sondern auch das Zentrum seines Wandels im Alltagsleben. „Ich habe Ihn sehr lieb,“ schrieb er so kindlich bei Anlaß seines siebzigsten Geburtstags in einem Rundschreiben an die Brüder. „Herzlich lieb hab ich dich, o Herr!“ war nicht nur eines seiner Lieblingslieder, sondern ein oft wiederkehrender Ausruf in seinen Gebeten. Er wußte es wohl, daß alles, was er war und hatte, ihm zufloß von dem Einen, in dem die ganze Fülle der Gottheit wohnet leibhaftig.

Endlich war es ihm ein großes Anliegen, daß in der Gemeinschaft der Christen untereinander, besonders in der so innigen Gemeinschaft der Ehe, das seelische Wesen nicht vorherrsche, sondern die Verbindung immer mehr im Geiste, in Christo, sei. Wenn ich ihm das schon früher gedankt habe, so doch noch viel mehr nach seinem Heimgang. Da fühlte und erfuhr ich es, daß der leibliche Tod nicht trennen kann, was in dem Herrn verbunden ist. Die alte Inschrift darf gelten:

Amavimus. Amamus. Amabimus.

Das Wort der Württembergischen Trau-Agende, das den Ehegatten ans Herz legt, sie möchten beide darauf bedacht sein, wie eines das andere mit sich in den Himmel bringe, war ganz nach seinem Sinn. Das Erdenleben ist ja nur Zubereitungsschule und Pilgrimschaft. Das Ziel, die Heimat, ist droben bei dem Herrn. Danach soll sich der Wandel richten.

Das Gefühl der Fremdlingschaft auf Erden wurde bei ihm immer stärker. Bei aller Arbeitslust und kindlichen Fröhlichkeit, die er bis zuletzt bewahrte, hatte er doch ein stetes Heimweh. Ich wurde etwa einmal an das schöne Dichterwort gemahnt:

Auf hohen Bergen liegt ein ew’ger Schnee;
Auf hohen Seelen liegt ein stetes Weh.

Nicht ein peinliches Weh war es, sondern ein dürstendes Verlangen nach dem Vollkommenen, wie es David schon vor Jahrtausenden empfand, als er rief: Ich will schauen dein Antlitz in Gerechtigkeit; ich will satt werden, wenn ich erwache nach deinem Bilde (Psalm 17, 15).

Und als dann am 21. September 1909 so schnell und unvermutet die Stunde kam, da der vielgeliebte Weggefährte von meiner Seite hinweggerufen wurde, da konnte ich in all dem bitteren Schmerz nicht anders als mich mit ihm freuen:

Dein König hat dich hoch geehrt,
Du treuer, tapf’rer Mann!
Er hat die Bitte dir gewährt:
Du durftest mit der Hand am Schwert
Und mit der Rüstung an
Dich legen hin zu deiner letzten Ruh’.
Und seine Kreuzesfahne deckt dich zu.

Ja, unter dem Banner des Kreuzes hat er gekämpft und gesiegt, wie er auch unter dem Kreuz einst Frieden fand. Er hat überwunden durch des Lammes Blut. Darauf allein hat er gebaut im Leben und im Tod.

Ein großer, starker Trost ward mir zuteil in Stunden tiefsten Wehs durch die Verbindung zweier Worte der Heiligen Schrift, und ich gebe diese Botschaft gern an andere Leidtragende weiter. Das erste Wort (Philipper 1, 23) sagt uns, daß das Abscheiden der Gläubigen gleichbedeutend sei mit dem Bei-Christo-sein, wie auch der Heiland dem sterbenden Schächer sagte: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein. So wenig wir über den Zustand nach dem Tode wissen, so allumfassend ist dieser eine Begriff: Bei Christo.

Das zweite Wort ist jene Abschiedsverheißung des Herrn: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt (Matthäus 28, 20). Unsere selig Entschlafenen sind bei Christo. Christus aber ist bei uns. Das ergibt eine wunderbare Verbindung, nicht seelisch und sentimental, nicht spiritistisch und abgöttisch, sondern eine wahre, reale Gemeinschaft des Geistes in ihm, der uns erlöst hat und bei dem wir uns einst im neuen Leibe der Verklärung wiederfinden werden in Ewigkeit.

Bei Christo.
O suchet nicht in weiter Fern’,
Die da entschlafen sind im Herrn!
Sein teures Wort bezeugt’s uns klar:
Sie sind bei Christo immerdar.

Bei Christo! Nicht in fremdem Raum,
Nicht als in schattenhaftem Traum:
Bei Christo, der zu jeder Frist,
Wie er’s gesagt, bei uns ja ist.

Bei Christo hier, bei Christo dort:
O seliger Begegnungsort!
So sind wir nicht geschieden weit:
Sie sind nur auf der andern Seit’.

Sie gingen leis im Dämmergrau’n,
Des Königs Angesicht zu schau’n:
Und wir im heißen Trennungsschmerz,
Wir flohen näher an sein Herz.

O Jesu, dir sei Dank gebracht,
Daß du zerbrachst des Todes Macht,
Und daß die Deinen, dort und hier
Auf ewig Eines sind in dir!

Das ist die lichteste Spur, die durch die Fluten des Todes hinüberleuchtet zu der Herrlichkeit des neuen Jerusalems.

Du aber bleibest

Alles, alles Irdische vergehet:
Blume welkt, der Wind darüber wehet.
Freude wechselt über Nacht mit Leiden;
Auch vom Liebsten muß die Liebe scheiden:
Du aber bleibest!

Du, mein Heiland, Fels der Ewigkeiten,
Du stehst unbewegt im Strom der Zeiten.
Wer in dir die Heimat hat gefunden,
Rühmt es, wenn ihm alles sonst entschwunden:
Du aber bleibest!

Du! Was ist alles eingeschlossen in diesem einen kurzen Wort, wenn es von sündigen Lippen emportönt zu dem, der da sitzt auf dem Throne der Majestät in dem Himmel, zu dem, der aber auch durch seinen Geist ganz nahe ist, näher als irgend etwas Geschaffenes es je sein könnte!

Als Gott einst dem erwählten Volke sein Wesen kund tun wollte, da nannte er sich mit dem wundersamen Namen: Ich bin. Er, der ewig Seiende, gibt sich zu erkennen als der Eine, in dem alles Leben wohnt.

Ich bin die Fülle für allen euren Mangel. Ich bin der Retter aus aller eurer Sünde. Ich bin der Heiland für alle eure Gebrechen, der Arzt für alle eure Krankheit, der Tröster in aller eurer Traurigkeit. Ich bin die Quelle, die allen euren Durst löscht, das Manna, das allen euren Hunger stillt. Ich bin das Leben in allem eurem Tod. Ich, Ich bin es!

Und nun tönt es zurück von seinem erlösten Volk auf Erden: Ja, du, du bist es! Es tönt oft in Jubellauten: Herzlich lieb habe ich dich, Herr, meine Stärke, mein Fels, meine Burg, mein Erretter, mein Gott, mein Hort und Horn meines Heils und mein Schutz (Psalm 18, 12). Du bist mein Ruhm, mein Schild, mein König, mein Psalm, so klingt es immer wieder durch die Lobgesänge Israels.

Es tönt oft auch in Not und Todeswehen: Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde. Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch allezeit meines Herzens Trost und mein Teil (Psalm 73, 25. 26). Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir (Psalm 23, 4).

Du, den meine Seele liebt, so nennt Sulamit ihren Freund (Hoheslied 1, 7). Sei du mir nur nicht schrecklich! so fleht der Prophet in seiner Angst (Jeremia 17, 17). Wenn du mein Herz tröstest, so laufe ich auf dem Weg deiner Gebote (Psalm 119, 32), so ermuntert sich der Pilgrim auf dem schmalen Pfad. Du, immer nur du!

Du, du bist meine Zuversicht alleine,
Sonst weiß ich keine.

Du bist das Unentbehrlichste hienieden,
Nur du, nur du!

Auf diesen Ton möchte ich meine „Erinnerungen“ abschließen.

Über die Gegenwart genügen wenige Worte.

Der geliebte Vater ist von uns geschieden, aber der Herr ist geblieben. Der Meister hat sein Werk nicht liegen gelassen. Er ist unsere Hilfe, unsere Zuversicht in der Not. Seine Knechte hält er in seiner Hand, und er leitet sie mit seiner Augen Licht. Er gibt zur Aufgabe die nötige Gabe und zur Last die nötige Tragkraft.

Das Heimweh freilich ist immer da. Das gehört wohl mit zu dem Lösen der Wurzeln, ehe der Baum versetzt wird.

In meinem eigenen Geschwisterkreis sind große Lücken entstanden. Früh sind meine drei teuren Brüder vom Herrn abberufen worden. Meine drei geliebten Schwestern sind Witwen wie ich. Ihre Gatten, die Missionare Johannes Zeller von Jerusalem (gestorben 1902), Theodor Wolters von Jaffa (gestorben 1910) und der teure Mitarbeiter im Werk der Pilgermission, Buchhändler Paul Kober von Basel (gestorben 1898), sind nicht mehr unter uns. Ich mußte ihre Namen noch nennen; denn die Gemeinschaft mit ihnen gehörte zum Reichtum meines Lebens. Je lichter unsere Reihen werden hienieden, desto größer wird die Zahl derer, die auf uns warten im Paradies.

Ich persönlich will von Einsamkeit nicht reden; denn die geliebten Kinder und Enkel sorgen in treuer Liebe dafür, daß die letzte Strecke des Weges freundlich belebt und verschönt sei. Einige wohnen in meiner unmittelbaren Nähe und dienen am Werke, das ihrem Vater so teuer war. Andere sind in der Ferne, sogar in der weiten Ferne des südafrikanischen Missionsfeldes. Aber wenn nur die Herzen eines sind im Herrn, „dann trennt die Trennung nicht“.

Ich habe früher nicht gedacht, daß das Alter des Christen so schön sein könnte, und mit Dank gegen den Herrn, der verheißen hat, die Seinen zu heben, zu tragen und zu erretten und der seine Zusagen so treulich erfüllt, möchte ich hier ein Wörtlein davon sprechen.

Das Alter macht so still.

Wie der Harfner seine flache Hand auf die zitternden Saiten legt, um ihre heftigen Schwingungen zu stillen, so legt eine mächtigere Hand sich auf das Menschenherz, das früher oft so heiße Wünsche hegte, das so himmelhoch jauchzte, oft auch sich zu Tode betrübte, und läßt die Töne ausklingen in dem Akkord: Wie Gott es will! So sang einst David, vielleicht auch im Alter: Meine Seele ist gestillet wie einer, der von seiner Mutter entwöhnt ist“ (Psalm 131, 2). So sagte der sterbende Melanchthon, als sein Arzt und Schwiegersohn Peucer ihn fragte, ob er noch etwas wünsche: „Nichts als den Himmel!“

Das Alter macht so klein.

Man schaut zurück auf so viele Mängel, Versäumnisse und Sünden. Es fehlt auch nicht an Leiden und Prüfungen, Enttäuschungen und Schwierigkeiten aller Art. Heiße Gebete sind noch unerfüllt geblieben, schöne Hoffnungen sind vereitelt worden. Es ist wohl nötig, durch solche Demütigungen immer geringer und ärmer, immer völliger ausgezogen zu werden von allem, was noch irgend zum Gefallen an sich selber reizen könnte. So sang die edle Dichterin Meta Heußer:

Nicht Triumphe, wie ich einst sie träumte,
Ruhe nur verlangt mein müdes Herz,
Friede nur nach so viel Todeswunden,
Deinen Trost für meine letzten Stunden
Und ein offnes Pförtchen himmelwärts.

Es bleibt nichts übrig, an dem man sich wahrhaftig freuen könnte, als — die Gnade. Aber Christus spricht: Selig sind die geistlich Armen; denn ihrer ist das Himmelreich.

Darum macht das Alter auch so dankbar.

Dankbar für die vielen unverdienten Wohltaten und Freundlichkeiten Gottes in der Vergangenheit, dankbar für die im Alter doppelt geschätzte Fähigkeit, immer noch zu lernen und zu wachsen. Die Erfahrungen auf diesem Gebiet sind mir ein kräftiger Beweis für die Unsterblichkeit und das Entfaltungsvermögen der Seele. Was wird die Ewigkeit noch für Horizonte eröffnen!

Aber dankbar vor allem ist das Herz und wird es immer mehr und mehr für die Erlösung durch Jesum Christum. Je näher wir der großen Ewigkeit kommen, desto mehr empfinden wir das Bedürfnis und das unaussprechliche Glück, in Jesu eingehüllt zu sein, damit, wenn die ernste Stunde des Entkleidetwerdens kommt, wir überkleidet und nicht bloß erfunden werden (2. Korinther 5, 2—4). Je mehr das Irdische zurücktritt, desto mehr freut man sich, einen sicheren Bergungsort zu haben, der fest besteht, wenn Erde und Himmel untergehen, und einen herrlichen Heiland sein eigen zu nennen, von dem uns weder Tod noch Leben, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges jemals scheiden kann.

Denn das Alter ist so ernst.

Schnell rieseln die letzten Körnlein hinunter in der Sanduhr der Zeit. Nur wenige Tage sind uns noch gegeben, um Fleiß zu tun, unseren Beruf und unsere Erwählung fest zu machen, damit wir nicht straucheln, und uns reichlich dargereicht werde der Eingang zu dem ewigen Reiche unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi (2. Petr. 1, 10). Nur wenige Gelegenheiten noch haben wir, um Liebe zu üben und zu zeugen von der rettenden Gnade unseres Herrn. Nur wenig Zeit ist vorhanden, um alle Dinge zu ordnen, solange wir noch mit den Gefährten auf dem Wege sind, damit wir auch bezeugen können, wie der selige Gerhard Tersteegen es in seinem letzten Willen ausdrückte: “Ich finde gegen keinen einigen Menschen etwas anderes in meinem Gemüte als nur unbedingte Versöhnung, aufrichtige Beugung und herzliche Liebe.“ — Nur wenige Stunden haben wir noch, um tiefer einzudringen in Gott und uns durchdringen zu lassen von ihm. Dann ist der Lauf vollbracht.

Das Alter ist aber auch so hoffnungsfroh.

Noch einige Schritte auf den staubigen Erdenstraßen, dann ist das Ziel erreicht. Mut, Mut! Jerusalem ist nicht mehr fern. Bald ist alle Einsamkeit und alles Weh auf ewig vorüber. Bald sind wir wieder vereint mit den Geliebten, die unseren Augen auf kurze Zeit entschwunden sind. Bald werden wir schauen, was wir jetzt glauben, und erkennen, wie wir erkannt sind. Bald können wir aus voller Brust die Zionslieder singen, die hier schon unseres Herzens Wonne sind. Bald, und das ist der Inbegriff der Seligkeit, dürfen wir ihn sehen von Angesicht zu Angesicht, den wir jetzt schon lieben, wiewohl wir ihn nicht sehen, ihn, der uns erkauft und gewaschen hat in seinem Blut.

Wie wird mir sein, wenn ich dich, Jesu, sehe
In deiner göttlich hohen Majestät ;
Wenn ich verklärt vor deinem Throne stehe,
Die Ewigkeit mich Staunenden umweht!
Wie wird mir sein! O Herr, ich fass’ es nicht,
Nur Tränen rinnen mir vom Angesicht.

Auch der alternde Christ darf noch erwartungsvoll ausschauen auf die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Heilandes Jesu Christi. Aber er weiß, daß die in Jesu Entschlafenen nicht zu kurz kommen werden an jenem großen Ostermorgen. Ob wachend oder schlafend, sie sind sein.

Komm bald, Herr Jesu! Das ist der sehnende Ruf der Gemeinde zu allen Zeiten. Und das Wort des Meisters gilt auch allen: Seid bereit! Selig sind die Knechte, die der Herr, so er kommt, wachend findet.

Ob in den Wolken ich dich kommen sehe
In deiner großen Kraft und Herrlichkeit,
Ob durch des Todes Tor ich zu dir gehe:
Eins ist es, was ich täglich mir erflehe:
Herr, laß mich sein bereit!

Geborgen in der Freistadt deiner Wunden,
Von aller Sünde Schuld und Macht befreit,
Da laß mich bleiben alle Tag und Stunden,
Daß, wenn du kommst, ich werd’ in dir erfunden,
Gereinigt und bereit.

O laß mein Lämplein immer Helle brennen,
Gieß frisches Öl hinein zu jeder Zeit!
Laß nichts von dir, dem Bräutigam, mich trennen,
Daß du mich als dein eigen mögst erkennen,
Durch deine Gnad’ bereit.

Ob abends, ob in dunkler Nächte Mitte,
Ob morgens, wenn der Hahn den Weckruf schreit,
Ob lichten Tags ich höre deine Tritte:
Eins ist es, was ich täglich mir erbitte:
Herr, last mich sein bereit!

Er aber, der Gott, vor dem meine Väter gewandelt haben, der Gott, der mein Hirte gewesen ist mein Leben lang, der Engel des Bundes, der mich erlöset hat von allem Übel (1.Mose 48, 15-16), der segne uns und führe uns an seiner Hand, bis unsere Füße stehen in deinen Toren, o Jerusalem!