11. Bibelkurs                                                                                                                                 BK  11

 

 

                               Ein Stoßgebet und seine große Wirkung

                                                     (Nehemia 2, 1-8)

 

Es gibt sehr verschiedene Situationen, in denen plötzlich ein Stoßgebet zum Himmel geschickt wird: bei einem Examen, vor einer Operation, wenn eine Hiobsbotschaft eintrifft, wenn ein Unglück passiert.  Nehemia hat in einem entscheidenden Augenblick die Chance wahrgenommen, sich in einem sehr kurzen Gebet an seinen Gott zu wenden und hat damit eine Sache ins Rollen gebracht, die sehr weit reichende Auswirkungen hatte. Wann, wie und unter welchen Umständen dieses spontane und folgenschwere Stoßgebet gesprochen wurde - das zu untersuchen, kann uns allen eine große Hilfe für unser praktisches Christenleben geben.

 

  Nehemia war Mundschenk (so viel wie ein Minister) am Hof des Königs Artaxerxes in Susa, der Hauptstadt des persischen Großreiches (Nachfolger des babylonischen Weltreiches) - um 450 vor Chr. Nehemias Vorfahren waren nicht mit Serubabel nach dem Ende der babylonischen Gefangenschaft ins Land ihrer Väter heimgekehrt. Er gehörte zu den  Diasporajuden, die nicht in Israel geboren und aufgewachsen  waren. Diese Auslandsjuden hatten es oft zu ansehnlichen Positionen gebracht und haben die arme Gemeinde in der Heimat unterstützt (ähnlich wie die Juden in USA heute Israel unterstützen).

 

  Nehemia hatte eine große Sorge, die ihn Tag und Nacht beschäftigte: Jerusalem war ein Steinhaufen, lag in Schutt und Asche und litt große Not (Kap.1, 2-4). Das machte Nehemia sehr traurig und veranlasste ihn zu inständigem Beten und Fasten. Vier Monate lang hatte er schon in dieser Gebetshaltung verharrt, bis plötzlich und unerwartet Gott eine Gelegenheit schickte, die zu einer großen Wende werden  sollte - und diese Gelegenheit wurde durch eine Traurigkeit des Nehemia ausgelöst. ð Wer Erhörung seiner Gebete erwartet, muss auch bereit sein, Wartezeiten auf sich zu nehmen. Am meisten wurde Abraham, das Vorbild aller Gläubigen, im Warten geprüft (25 Jahre lang wartete er auf die angekündigte Geburt seines Sohnes Isaak). - Traurigkeiten (wie hier bei Nehemia) können Auslöser für segensreiche Aktionen Gottes sein, - können also auch positive Bedeutung haben! Artaxerxes hatte an der Königstafel die Traurigkeit des Nehemia bemerkt und erkundigt sich nach den Ursachen. Als ihm Nehemia vom Elend Jerusalems berichtet, richtet er an ihn plötzlich die völlig unerwartete Frage: „Was begehrst du denn?“  An dieser Stelle heißt es: „Da betete ich (Nehemia) zu dem Gott des Himmels...“

 

 

I.  Beachte den Zeitpunkt, zu dem Nehemia ein Gebet zu Gott schickt.

    

1.  Es war ein Gebet, obwohl  Nehemia sehr verwirrt war. Der König erwartete sicherlich schnell eine Antwort. Aber Nehemia war es so sehr gewöhnt, alles mit Gebet zu tun, dass ihn die angespannte Situation nicht hinderte, im Gebet Verbindung mit Gott aufzunehmen. Es war ihm selbstverständlich: erst beten, dann Entscheidungen treffen.

2.  Nehemia betete, obwohl es sehr eilig war. In hektischen Situationen kommt uns schwerlich der Gedanke, erst beten zu sollen. In aufgeregten Momenten sind tausend andere Gedanken im Kopf. Wer beten gewohnt ist und in ständiger Verbindung mit Gott lebt, dem fällt es leichter, Gott den Vorrang zu geben. - Ein Erlebnis im Klinikum in Hof: Ich war von einem Patienten gebeten worden, vor der Operation noch einmal mit ihm zu beten. Leider war ich aufgehalten worden und traf erst ein, als der Patient schon in den Operationssaal geschoben wurde. Ich wagte mich dann doch in den Saal und fragte höflich das um den Operationswagen stehende Personal, ob ich noch mit dem Patienten dürfe. Da kam die prompte Antwort eines Krankenpflegers: „Zum Beten ist immer Zeit!“

3.  Nehemia betete, obwohl er schon vier Monate lang gebetet hatte. Er war sich bewusst: wenn ein Notfall eintritt, dann gehört das Gebet besonders an diesen Platz. In den Psalmen kann man eine ähnliche Beobachtung machen. Immer, wenn der Beter seine verzweifelte Situation schildert, heißt es dann abschließend: „Ich aber bete...“  z.B.:  In Psalm 15, 17 - wo der Beter sehr unter Verleumdungen und Gehässigkeiten von Mitmenschen leidet. In Psalm 69, 14 (ein Leidenspsalm Jesu), wo von Schmähungen und Verspottung die Rede ist. In Psalm 109, 4 - wo David unter erbarmungslosen Widersachern leidet.  -  In ähnlichen Situationen, - wenn böse Gedanken uns erfüllen, weil Lüge über uns verbreitet wird, - weil man uns verleumdet, sollten wir diesen Gedanken keinen Raum geben, sondern wie David sagen: „Ich aber bete.“

4. Nehemia betete, obwohl der Ort nicht geeignet war. Nehemia befand sich in einem heidnischen Palast mit Gold und Silber überladen, rings umgeben von heidnischen Götzenbildern, - das alles hält ihn nicht vom Beten ab.

 

II.  Wie betete Nehemia?

 

1.  Nehemia betete sehr kurz, - vielleicht nur wenige Sekunden, denn der König wartete auf Antwort (- und orientalische Herrscher können sehr launisch und ungeduldig sein!).  Stoßgebete sind immer kurz!

     2.  Es war ein stilles Gebet, ein Gebet ohne Worte, - vor dem Angesicht des heidnischen Königs Nehemia mit einem goldenen Becher in der Hand. - Diese äußeren Umstände, die nun gar nicht einladend und förderlich für ein Gebet waren, hatten für Nehemia in diesem Augenblick überhaupt keine Bedeutung.  Es war ein intensives Gebet. - „Da betete ich zu dem Gott des Himmels.“ Wenn ein Hebräer „Gott des Himmels“ sagt, dann denkt er sofort an den Anfang der Bibel: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde...“, - dann sieht er vor sich Jahwe, den Allmächtigen, der das Universum schuf und lenkt, der unvorstellbar große Macht und Weisheit hat, vor dem Völker und Weltherrscher wie Staubkörner sind.

 

Ein wirksames Gebet braucht eine lebendige Vorstellung von der Größe und Allmacht Gottes. Wer einen großen Gott hat, hegt auch große Erwartungen in seinem Gebet.

 

 

III. Die praktische Bedeutung von Nehemias Stoßgebet für uns.

 

1.  Es ist gut, feste Gebetszeiten zu haben wie Nehemia, für den das Gebet eine tägliche und feste Einrichtung war. - Von Daniel wissen wir, dass er drei Mal am Tag betete. David sagt im Psalm 119: „Sieben Mal preise ich Dich am Tag.“ - Wer einen Terminkalender besitzt, hat es sicher schon oft erfahren, dass er bei Anfragen antworten muss: „Es geht nicht, da habe ich schon einen Termin!“ Wer kann es sich vorstellen, dass bei diesem „Termin“ eine persönliche Gebetszeit gemeint sein könnte, -  eine Audienz beim Allerhöchsten?

2.  Kurze Gebete können große Ausstrahlungen haben.

·      „HErr, hilf mir!“ war das kurze Gebet des sinkenden Petrus - und sofort kam ihm Jesus entgegen, streckte die Hand nach ihm aus und rettete ihn. (Matthäus 14)

·      „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ - entwand es sich dem zerschlagenen Herzen des Zöllners in wenigen Worten - und Gott erhörte dieses Gebet, - während gleichzeitig das lange, scheinheilige Gebet des Pharisäers kein Echo im Himmel fand. (Lukas 18)

·      Kurze Gebete im Alltag: vor einem Telefonat, - vor einer Entscheidung, - vor Beginn einer Arbeit, wenn es an der Haustür klingelt.

 

                In den Briefen der Apostel gibt es 20 Stellen, die von einem unablässigen Gebet sprechen: 10 mal heißt es „allezeit“, 4 mal “ohne Unterlass“, 3 mal „beharrlich“, 2 mal „nicht aufhören“ und 1 mal „Tag und Nacht“ - Für die Apostel war es etwas Normales und Selbstverständliches, den ganzen Tag über in Sprechverbindung mit ihrem HErrn zu sein (ohne dabei wie ein weltferner Mönch zu wirken!).  - Wer heutzutage ein „Handy“ besitzt , weiß es auch auszunützen und schätzt sich glücklich, dass er an jedem Platz zu jeder Zeit Kontakt herstellen kann. Das verschafft ihm ungeheure Vorteile. - Nützen wir auch die Vorteile des jederzeit möglichen Gesprächs mit dem Allerhöchsten? (Das bietet auf alle Fälle noch viel größere Vorteile!).

                Der jüdische Schriftsteller Isaak B. Singer, der seine Bücher in Jiddisch schrieb und vor einigen Jahren den Literatur-Nobelpreis erhielt, schreibt in einem Buch: „Immer, wenn ich in Nöten bin, bete ich.  Und da ich immerzu in Nöten und Problemen stecke, bete ich sehr oft. Sogar wenn ich beim Essen oder Trinken bin, kannst du mich beim Beten sehen.“ Für einen frommen Juden ist es eine Gewohnheit, ob er eine Weintraube probiert oder einen Schluck Wasser nimmt, - er tut es nicht, ohne dabei zu sagen: „Gepriesen sei der HERR!“ - Es sollte

in ähnlicher Weise für den Christen nichts Außergewöhnliches sein, durch kurze Gebete während des ganzen Tages Dank und Bitte vor unseren HERRN zu bringen.

3.  Das Gebet des Nehemia kam aus dem Herzen. Das ist sehr wichtig! Gott schaut immer das Herz an. Er liebt nicht das Herunterleiern von Gebeten, die formelhafte Frömmigkeit. Ob wir ehrlich und demütig sind und Gott auch Großes zutrauen - darüber freut sich unser HERR - dann schenkt ER auch Erhörung.

 

 

IV.  Gott segnet kurze Stoßgebete.

 

1.  Elieser soll eine Braut für Isaak suchen. (1. Mose 24).  Elieser betet mehrmals: Bei der Ankunft am Ziel seiner Reise: „HErr, lass es mir gelingen...“ - Als er merkte, dass Gott Gelingen zu seinem Vorhaben gegeben hat, betet er: „Gelobt sei der HErr, dass ER mich recht geführt hat...“ Elieser hat in jedem Moment seiner wichtigen Mission gebetet, um wirklich den göttlichen Weg zu finden.

 

2.  Mose vor dem Roten Meer. (2. Mose 14)  Mose, der mit seinem Volk Israel vor dem großen Wasser steht, verfolgt von den wütenden Ägyptern, kann nicht anders als mit einem tiefen Stoßgebet sich zum HErrn wenden. „Was schreist du zu Mir?“ fragt ihn Gott. „Sage den Israeliten, dass sie weiterziehen!“ Mose brauchte nicht lange zu beten. Das Stoßgebet genügte, - Gott handelt, drum soll er weiterziehen.

 

3.  Jesus am Kreuz: er betet ganz kurze Gebete. „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ - „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ (Psalm 22) - „Vater, in Deine Hände befehle ich meinen Geist.“ (Psalm 31)

 

4.  Das Vaterunser besteht aus sieben kurzen Bitten. In wenigen Worten sind die wichtigsten   Anliegen eines rechten Betens zum Ausdruck gebracht.

 

            Es gibt viele Gelegenheiten, das Stoßgebet im Alltag zu praktizieren. Gott will, dass wir uns in allen Situationen an Ihn wenden, - ob wir einen Brief schreiben oder ein wichtiges Gespräch bevorsteht, - ob uns jemand verleumdet oder Ärger bereitet, - ob plötzlich ein Defekt in einer Maschine auftritt und uns ratlos macht oder eins unserer Kinder mit einem großen Problem kommt. Wir können jederzeit zum Thron Gottes eilen - wir haben freie Bahn und finden ein offenes Ohr.  Viele Menschen ahnen in ihrer äußersten Verzweiflung, dass sie sich an Gott wenden dürfen, - wie es im Psalm 50 heißt: „Rufe Mich an in der Not, so will Ich dich erretten und du sollst Mich preisen!“ Diese Aufforderung richtet Gott an alle Menschen. Gott antwortet auf jedes Gebet, - auch auf die Stoßgebete  von Ungläubigen, ER will sie durch Seine Barmherzigkeit zu sich ziehen. - Als Apollo 13 auf dem Weg zum Mond plötzlich große Probleme bekam und die Mondlandung in Frage gestellt war, brachte die BILD-Zeitung auf Seite 1 eine übergroße Kopfleiste: „Jetzt hilft nur noch beten!“ Sie mussten umkehren und landeten wohlbehalten auf der Erde.

 

            Gott hat das Stoßgebet des Nehemia großartig erhört. Als er dem König antwortete, sagte er ganz offen, dass er sich Unterstützung vom König wünsche, um Jerusalem wieder aufbauen zu können. Und der König gibt ihm eine großartige Zusage: Nehemia bekommt 12 Jahre Urlaub und erhält vom König überreichlich Baumaterial zum Aufbau von Jerusalem.  - Nehemia gibt am Schluss die Erklärung für die überraschende Wende, - für die großartige Perspektive, die ihm in Sekundenschnelle gegeben wurde und die sein monatelanges Harren und Bangen in freudige Erwartung verwandelt hatte. Er schreibt: „Der König gab mir das alles, weil die gnädige Hand Gottes über mir war.“ Wer im Vertrauen auf den lebendigen Gott betet - auch wenn es nur ein kurzes Stoßgebet ist, vom Herzen kommend - über dem ist die unsichtbare starke Hand Gottes, - der darf mit einem Wunder unseres großen HERRN rechnen.

 

4. Juli 1998                                                                                                  Pfr. Gerhard Hägel, Bobengrün