Bibel Hilfe

FÜR DIE GEMEINDE

 

Ausgewählte

Psalmen II

 

Von Jakob Kroeker

 

Gustav Schloeßmanns Verlagsbuchhandlung

(Gustav Fick) Leipzig und  Hamburg

 

 

Ausgewählte  Psalmen

 

 


Übersetzt und ausgelegt

von

Jakob Kroeker

Direktor des Missionsbundes „Licht Im Osten"

Zweite Auswahl

 

Gustav Schloeßmanns Verlagsbuchhandlung

          (Gustav Fick)

Leipzig und Hamburg

 

 

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Diese Schrift  gehört der Sammlung

Bibelhilfe für die  Gemeinde

eine volkstümliche  Einführung für Bibelleser

unter Mitarbeit von

Univ. Prof. Dr. theol. Emil  Brunner, P. Paul Burkhard, P. Bernhard Heinz Fork, Lic. Dr. Wilhelm Herbst, Dozent Lic. Volkmar Herntrich , Professor  D. Hans Wilhelm  Herzberg, Univ. Prof.  D. Dr. Alfred Jepsen, Generalsup. i. R. D. Dr. Kalweit, Dr. Wilhelm Knappe, Missionsdirektor Jakob Kroeker, Dr. theol. Hanns Lilje, Lic.  Gerhard Puttkammer, Univ. Prof.  Lic. Dr. Johannes Schneider, Oberkons. Rat  Dr. theol. Wilhelm  Schütz,  D. Paul Le Seur, P. Udo Smidt herausgegeben von

D. Erich Stange

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Übersicht

Vorbemerkung 4

I. Die Herrschaft des Gesalbten Psalm 2 5

1. Die Auflehnung der Völker (Vers 1 — 3). 8

2. Die souveräne Gottestat (Vers 4 — 6). 10

3. Das Zeugnis des Gesalbten (Vers 7 — 9). 12

4.Der Aufruf zur Glaubenshuldigung (Vers 10 — 12). 15

Anmerkungen zu Psalm 2 16

II. Das Bekenntnis der Toren Psalm 14 16

1. Das Bekenntnis der Toren (Vers 1). 18

2. Das Suchen Gottes (Vers 2 — 3) 20

3. Die Blindheit der Übeltäter (Vers 4). 22

4. Die Rechtfertigung  der Bedrängten (Vers 5-6). 24

5. Die Sehnsucht des Glaubens (Vers 7). 26

III. Die Himmel rühmen die Ehre Gottes Psalm 19 28

1. Den Ruhm der Schöpfung (Vers 2 — 7). 29

2. Die Herrlichkeit des Gesetzes (Vers 8-15). 33

3. Das Flehen um  Bewahrung (Vers 13 — 15). 37

IV. Ist Gott für mich so trete...Psalm 27 39

1. Das Bekenntnis zu  Gottes Wirklichkeit (Vers 1). 41

2. Das Vertrauen zu Gottes Bewahrung (Vers 2 — 3). 43

3. Die Sehnsucht nach Gottes Gegenwart (Vers 4 — 6). 44

4. Das Jubelopfer für Gottes Hilfe (Vers 6b). 46

V. Des Menschen Zuflucht zu Gott Psalm 27b 47

1. Seine Zuflucht zu Gott (Vers 7 — 8). 49

2. Sein Ringen um Hilfe (Vers 9 — 10). 50

3. Sein Flehen um Leitung (Vers 11 — 12). 52

4. Seine Glaubenszuversicht für die Zukunft (Vers 13). 54

VI. Groß ist der Herr in seinem Heil! Psalm 40 56

1.    Die Heilserfahrungen des Glaubens (Vers 2 — 4). 58

2. Die Selbsthingabe an Gott (Vers 5 —11). 60

3. Das Schuldbewußtsein der Gläubigen (Vers 12-13). 64

4.Das Flehen im Angesichte der Feinde(Vers 14 — 18). 65

VII. Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz! Psalm 51 67

1.Das Ringen um Vergebung (Vers 3-5). 68

2. Das Bekenntnis der Sündenschuld (Vers 6 —11). 70

3.Die Neuwerdung des Lebens (Vers 12 — 15). 75

4. Das Dankopfer des Begnadeten (Vers 1 6 — 19). 78

5. Der Gebetsanhang (Vers 20 — 21), 80

VIII. Das Heil der Völker Psalm 87 81

1. Gottes Gründung auf heiligen Bergen (Vers 1b — 2). 83

2. Das Zeugnis von der Herrlichkeit Zions (Vers 3), 86

3. Völker als Bekenner des HErrn (Vers 4- 5). 88

4. Gott als Quelle des Heils (Vers 6—7). 90

IX. Christus, der Priesterkönig Psalm 110 91

1. Christus und seine messianische Weltherrschaft (Vers 1 — 3). 93

2. Christus und sein ewiges Priestertum (Vers 4). 98

3. Christus und sein heiliges Völkergericht (Vers 5-7). 100

X. Danklied der Festgemeinde Psalm 118 103

1.Die feiernde Gemeinde (Vers l — 4). 107

2.ein heiliges Bekenntnis (Vers 5-9). 108

3.Das große Gotterlebnis (Vers 10 —18). 110

4.Die verschlossenen Tempeltore (Vers 19-23). 113

5.Der priesterliche Segensgruß (Vers 24 — 29). 116

XI. Aus tiefer Not Psalm 130 118

1. Das rufen  aus der Tiefe (Vers l —2). 120

2.Das Wissen um die Sünde (Vers 3-4). 122

3. Das Warten auf Erlösung (Vers 5-8). 124

XII. Groß ist der HErr! Psalm 138 130

1.Des Glaubens Lobgesang (Vers l —3). 131

2.Des  Glaubens Erwartung spricht(Vers 4 — 6). 133

3.Des Glaubens Gewißheit (Vers 7-8). 135

XIII. Geheimnisse Gottes Psalm 139 137

Das Geheimnis der Allwissenheit Gottes (Vers 1-6). 139

2. Das Geheimnis der Allgegenwart Gottes (Vers 7 — 12). 141

3. Das Geheimnis der Schöpfermacht Gottes  (Vers 13-18). 143

4. Das  Geheimnis der Feinde Gottes (Vers 19-22). 146

5. Das Flehen des Psalmisten (Vers 23-24). 147

XIV. Gottes Königsherrschaft Psalm 145 148

1.Gott in seiner unfaßbaren Erhabenheit (Vers 1 — 7). 150

2. Gott in seinem ewigen Königtum (Vers 8 —13). 154

3. Gott in seinem gnädigen Walten (Vers 14-21). 157

 

 

 

 

Vorbemerkung

zur zweiten Psalmenauswahl

 

Auch in dieser zweiten Psalmenauswahl ist nur eine beschränkte Anzahl von Psalmen übersetzt und gedeutet worden. Berücksichtigt wurden vornehmlich jene Psalmen, die dem Glauben der Kirche und ihrer Glieder am bekanntesten sind. Lange nicht immer ist es der ganze Psalm, der zur Gemeinde gesprochen hat oder Spricht. Oft sind es nur einzelne, inhaltsschwere Verse, durch die Gott So stark reden konnte, daß Sie hinfort zum Glaubensinhalt der Gemeinde wurden. Um die Auslegungen nicht zu lang werden zu lassen, mußte auf Psalmen mit vielen Versen, wie Z. B. Psalm 68,104,119, verzichtet werden. Denn ohne ein näheres Eingehen auf den Inhalt der einzelnen Verse bleibt die Sprache der Psalmen dem Menschen von heute fremd und unverständlich.

Der Versuch ist auch diesmal gemacht worden, bereits durch die Übersetzung den eigentlichen Sinn des Inhalts erkennen zu lassen. Wo dies durch eine wörtliche Wiedergabe des Textes nicht möglich erschien, Sind in Klammern [ ] hin und wieder Worte hinzugefügt worden. Die in Klammern gesetzten Worte stehen mithin nicht im Urtext. Sie sollen lediglich dem klareren Verständnis des eigentlichen Textes dienen.

Das Wissenswerte, das zu den Palmen im allgemeinen gesagt werden muß, findet der Leser in den Vorbemerkungen der ersten Sammlung. Grundsätzliches ist daselbst auch am Schlusse unter der Überschrift „Was haben die Psalmen uns heute zu sagen?" gesagt worden. Möchte auch dieser zweiten Auswahl eine ebenso warme Aufnahme von der in der Schrift forschenden Gemeinde werden, wie sie der ersten Sammlung wurde.

 

I. Die Herrschaft des Gesalbten Psalm 2

 

Psalm 2

1. Was regen sich die Nationen auf,

warum sinnen die Völker auf das, was doch vergeblich ist?

2. Es erheben sich die Könige der Erde, und die Fürsten beraten miteinander wider den HErrn und wider seinen Gesalbten:

3. „Auf! laßt uns zerreißen ihre Fesseln und von uns werfen ihre Bande!"

4. Der im Himmel Thronende, er lachet, es spottet ihrer der HErrr1) [der Welt].

5. Alsdann redet er sie an in seinem Zorn

und in feinem Grimm erschreckt er sie:

6. „Habe ich doch meinen König geweiht,

[ihn gesetzt] auf Zion, meinem heiligen Berge."

7. Nun laßt mich den Ratschluß des HErrn erzählen:

Er sprach zu mir: „Mein Sohn bist du,

ich habe dich heute gezeugt!

8. Erbitt' es von mir,

Völker möcht' ich zum Erbe dir geben,

zu deinem Besitztum die Enden der Erde.

9. Mußt du sie mit eisernem Zepter brechen,

wie Töpfers=Geschirr wirst du sie zerschmettern."

10. Drum seid verständig, ihr Könige der Völker!

Lasset euch warnen, ihr Richter auf Erden!

11. Dienet dem HErrn [hinfort] in Ehrfurcht

und jubelt [ihm zu] mit Zittern.

12. Huldigt dem Sohne, auf daß er nicht zürne

und ihr zugrunde geht auf eurem Wege,

13. denn leicht könnte sein Zorn entbrennen.

Heil2) [jedoch] allen, die in ihn ihr Verträum setzen!

 

 

Es gibt heute auf Erden zunächst nur einen Raum, wo dieser Lobgesang auf die kommende Königsherrschaft des Messias (= Gesalbten) in Wahrheit betend gefunden wird:  in der  gläubigen Gemeinde.

________________Psalm 2__________________

Denn seit dem ersten Entstehen der Kirche hatte der Psalm für sie stets einen Messianischen und einen eschatologischen, d. h.- einen heils= und einen endgeschichtlichen Charakter. Liegt es heute im Geiste der Zeit, daß wieder die Völker sich besonders Stark auf sich selbst besinnen, um so mehr besinnt sich  die Gemeinde Christi auf den, der für alle Zukunft allein ihr Herr und Retter sein kann: Christus. Er ist ihr der im Psalm genannte Gesalbte, der König schlechthin. Auf seine Herr= Schaft gründet Sie allein ihre Heilssehnsucht und  Heilserwartung. ,,Herrscher, herrsche Sieger, Siege!" — So singt und betet Sie, wie es einst die Urgemeinde im Geiste ihrer eschatologischen Sehnsucht und Erwartung tat „Ja, komm, -Herr Jesu!"

Bereits die kleine Jüngergemeinde in Jerusalem glaubte, daß der Psalm von dem königlichen Sänger David gesungen worden sei (Apgsch. 4,25 f.). Die Annahme beruhte auf einer falschen Überlieferung. Weder hat sich David selbst in dem Psalm als Gesalbten besungen, noch ist  das Lied von einem Zeitgenossen im Blick auf David als König gedichtet worden. Versuche, in einer geschichtlichen Person den König zu finden, sind bisher vergeblich geblieben. Zwar ist anzunehmen, daß der mit einer prophetischen Schaubegnadete, in der Geschichte unbekannt gebliebene Sänger eine königliche Persönlichkeit als historischen Hintergrund für diesen Psalm hatte, Man hat angenommen, daß er an die frommen Könige im Reiche Juda, wie z.B. Josaphat, Usia ,Hiskia oder auch Josia gedacht hat. Aber keiner dieser Könige, auch nicht ihre Zeit= und Umwelt waren groß genug, daß Sie mit ihrem geschichtlichen Hintergrund der Inhalt dieses Psalms hätten sein können.

Man vermutet daher, daß der Sänger die Anregung zu Seiner prophetischen Schau und Erwartung aus der Verheißung  gewonnen habe, die einst der Prophet Nathan dem Könige David geben mußte, als dieser sich berufen glaubte, dem -Herrn ein Zedernhaus bauen zu sollen. Die Verheißung lautete: „Wenn einst deine Zeit um ist und du dich zu deinen Vätern legst, dann will ich deinen Nachwuchs aufrichten, der von deinem Leibe kommen wird, und will sein Königtum befestigen. Der soll meinem Namen ein Haus bauen, und ich will  seinen Königsthron auf ewig befestigen. Ich will ihm Vater Sein, und er Soll mir Sohn sein" (2.Sam. 7,12—16). Auf Grund dieser Prophetenworte wurde offenbar der Sänger begnadet, für sein Volk jenes ideale Königtum zu erwarten, wo Gott als Herr der Geschichte im innigsten Verhältnis mit seinem Gesalbten auf dem Throne Davids stehen werde. Aber keine Zeit, weder jene nach dem Zusammenbruch Nord=Israels oder Judas, noch jene nach der Heimkehr aus der babylonischen Gefangenschaft brachte dem jüdischen Volke die Erfüllung der prophetischen Schau, wie Sie dem Sänger von der Herrschaft des Gesalbten geworden war.

Das Ist Selbst von den jüdischen Auslegern sehr bald erkannt worden. Sie haben daher längst vor dem Zeitalter Jesu das Lied als einen messianischen Psalm angesehen. Weit bewußter und überzeugter hat dies jedoch Später die neutestamentlichte Jüngergemeinde getan. In der Erscheinung Christi fand Sie den Anbruch der Erfüllung. Sehr bald erkannte aber auch die Kirche Christi, daß trotz des Kommens Jesu in Knechtsgestalt, trotz seines Todes am Kreuz und trotz Seiner Rechtfertigung durch die Auferstehung die volle Erfüllung noch ausstehe. Auch im Zeitalter der Kirche hat Sich nie voll und ganz der Inhalt der prophetischen Schau des Psalms erfüllt. Daher hat derselbe mit seiner prophetischen Erwartung für Sie nicht nur einen messianischen, Sondern auch einen endgeschichtlichen Charakter. Alles bisherige Heilsgeschehen durch Christus ist für Sie erst der Anbruch von der zukünftigen Gottesherrschaft. Um die Völker für diese Herrschaft zu erlösen, erschien der Gesalbte im Fleisch, und er wirkt heute als Auferstandener durch sein Evangelium innerhalb der Völkerwelt, um Sein Werk zu vollenden,

 

1. Die Auflehnung der Völker (Vers 13).

Ganz im Gegensatz Zum ersten Psalm Steht der Inhalt des zweiten. Dort geht es um die Lebenshaltung des einzelnen Menschen zu Gott. Hier jedoch ist  die Schau Völker= und weltumspannend. Nicht der Einzelne, die Nationen werden angeredet. Es  gibt Zeiten in der Geschichte, wo Gott sich durch sein Wort mehr an den Einzelnen wendet. Es gibt aber auch Zeiten, wo Gleichsam die Sorge um das Heil der Einzelnen ganz zurücktreten muß vor den großen Entscheidungsstunden, die die Völkerwelt durchlebt. So beginnt auch unser Psalm nicht mit einer Gottesfrage an den Einzelnen, er beginnt mit dem großen göttlichen „Warum?// an die Völkerwelt.

 

 

1. Was regen Sich die Nationen auf,

warum Sinnen die Völker auf das, was doch vergeblich ist?

2. Es erheben Sich die Könige der Erde, und die Fürsten beraten miteinander wider den HErrn und wider Seinen Gesalbten:

 

An Sich waren Solche Aufregungen innerhalb der alten Geschichte keine seltene Erscheinung. Große Weltreiche erlebten sie bei jedem neuen Thronwechsel. Sobald ein Großkönig abtrat, war es eine der ersten Maßnahmen seines Nachfolgers, daß er die unterjochten Völker unter Sein neues Zepter wieder zur Ruhe zu bringen suchte. In der Zeit des Übergangs waren sie in Unruhe und Auflehnung geraten. In ihrer Sehnsucht nach Freiheit und Selbständigkeit glaubten sie, daß vielleicht jetzt die Stunde ihrer Freiheit und Selbständigkeit gekommen Sei. War der neue Herrscher zu Schwach und zu unklug, um die mit neuem Hoffen erfüllten Völker zu beruhigen, dann begann nicht selten der Zerfall eines bis dahin noch so Starken Weltreiches.

Den Inhalt Solch einer geschichtlichen Erscheinung überträgt der Sänger auch auf Gottes Königtum, wie er es im prophetischen Geiste ersehnte und für die Zukunft kommen sah. Er kannte die Welt. Er wußte von ihrer innerlichen Auflehnung, wenn zu irgendeiner Zeit oder in irgend= einem Menschen etwas von der Herrschaft Gottes Sichtbar wurde. Sie vertrug nie das Licht, das durch Menschen auf ihr Leben fiel, die, wie einst Noah, mit Gott wandelten. Sie sah sich jeder Zeit in ihrem Gewissen durch Menschen verurteilt, die in Ehrfurcht Gott bejahten und ein im Umgang mit Gott geschärftes Gewissen hatten. Was wird aber erst geschehen, wenn in einem geschichtlichen Gesalbten die Souveränität und Königsherrschaft Gottes in ihrem vollen Umfange sichtbar werden wird ?

Alsdann beginnt eine Stunde größter Entscheidung: für oder wider die angebrochene Gottesherrschaft. Es liegt in der Größe und im Wesen jeder Gottesoffenbarung, daß sie nicht etwa nur den einzelnen Menschen, daß sie auch die Völker Stellt. In ihrer Autorität zwingt sie letzthin alle Welt, Sich mit ihr auseinanderzusetzen, sie entweder zu bejahen oder zu verneinen. Sie erfaßt die Nationen, daß Sie zu jener Aufregung gelangen, von der der Psalmist redet. Fürsten, die Gott in Seinem Herrschaftsanspruch verneinen, zwingt sie, einen gemeinsamen Kampf gegen sie zu führen. Je mehr nun Gottes Herrschaft und Offenbarung innerhalb der Geschichte in einer Person sichtbar wurden, desto leidenschaftlicher wurde hinfort auch der Kampf gegen sie. Golgatha war einst die entschlossenste Verneinung Gottes. Gott war in Christus unter die Menschen getreten, um seine Königsherrschaft über alles Fleisch zu offenbaren. Die Antwort der Menschheit auf dieses Kommen Gottes im Sohn war das Kreuz«

Von Golgatha her ist auch verständlich der Leidensweg der Kirche im Verlauf der Jahrtausende. Je bewußter sie durch ihr Leben ein Lebensraum für die Herrschaft Gottes auf Erden wurde, je offener sie sich zu dem bekannte, den einst Juden und Römer kreuzigten, desto mehr hatte auch Sie die Leiden des Christus zu teilen. Je

mehr die Kraft ihres Lebens und der Inhalt ihrer Hoffnung der Gekreuzigte war, den Gott durch die Auferstehung rechtfertigte, desto stärker wurde der Kampf gegen ihr Bestehen, gegen ihre Sendung und gegen Ihre Sehnsucht nach einer vollendeten Gottesherrschaft auf Erden. Die prophetische Schau in der Offenbarung Johannes von einem letzten Kampfe Wider Christus und wider Seine Gemeinde wird nur der Austrag von jenem Ringen  zwischen Weltmacht und Gottesreich Sein, wie es der Sänger bereits in seinen Tagen innerhalb der Geschichte entstehen sah.

Von Gott und seiner Heilsoffenbarung und Autorität aus gesehen ist diese Aufregung der Völker und dieser Kampf der Fürsten ganz unverständlich. Gott will durch seinen Gesalbten ja nicht herrschen, um zu knechten. Seine Offenbarung will ja nicht binden, sie will befreien und erlösen. Jesus konnte seine mes- sianische Sendung, die er vom Vater empfangen hatte, in die Worte zusammenfassen: „Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, das Leben der Menschen zu verderben, sondern um es zu erretten" (Luk. 9,56). Unbegreiflich bleibt daher die Unruhe der Völker und das Ratschlagen der Machthaber der Erde. Ihre Auflehnung bringt sie nur noch in vermehrte Unruhe. Gott gegenüber müssen sie samt ihren Fürsten an ihrem eigenen Kampfe zugrunde gehen. „Warum?" fragt daher der Herr sowohl die Völker als auch ihre Gebieter. Er fragte sie zu allen Zeiten, er fragt sie auch heute: „Warum?" Die Antwort war jedoch bisher noch immer dieselbe:

 

3. „Auf ! laßt uns zerreißen ihre Fesseln und von uns werfen ihre Bande!"

 

Eine Welt, die die Finsternis mehr liebt als das Licht, fühlte sich, nie wohl, wenn das Licht triumphierte über die Finsternis. Sie hielt ihre Knechtschaft immer wieder für Freiheit, sie suchte dauernd in ihrem Sterben das Leben. Sie fand nie ein Verständnis für jene Gemeinde, die Christus als ihrem Herrn und Retter huldigte. Daher währt der Kampf gegen die Gemeinde als den Lebensraum der Gottesherrschaft auf Erden. Sie geht dauernd ihren einsamen Lebensweg, und je und je einmal wird ihr von der Welt ein neues Golgatha bereitet.

 

2. Die souveräne Gottestat (Vers 4 — 6).

Menschen wie unser Sänger, die zuvor eine so klare Schau von Gottes Majestät und Herrschaft gewonnen haben, besitzen auch ein entsprechend klares Urteil über die Völker, über deren Ohnmacht und Untergang. Wenn der Mensch den Kampf wider Gott bis zu seinem letzten Austrag will, so mag er ihn haben. G o t t   f ü r c h –

t e t   i h n   n i c h t.

 

4. Der im Himmel Thronende, er lachet, es spottet ihrer der HErr [der Welt].

 

So sieht der Psalmist Gott als den HErrn der Während Völker sich auflehnen und Fürsten miteinander ratschlagen, waltet Gott in majestätischer Ruhe innerhalb der Geschichte. Sein Thron wankt nicht, mögen unten auch Völker rebellieren und Fanatiker Sich zur Propaganda und die Starken Sich Zum Kampf gegen Gott zusammen-

finden. Wenn auch die Träger des Kulturbolschewismus sich erkühnen zu Sprechen: „Mit den Göttern hier unten sind wir fertig geworden, mit den Göttern droben werden wir fertig werden, wohin sie sich auch immer in ihren himmlischen Örtern verkriechen mögen", - der HErr Spottet ihrer! Der Psalmist gebraucht hier im Hebräischen offenbar absichtlich einen Ausdruck, mit dem Gott als Herr von allem Weltgeschehen bezeichnet wird. Was bedeutet alles Planen und Rebellieren der Menschen hier unten gegenüber seinem souveränen Thronen und Walten über Himmel und Erde, über Machthaber und Völker! Spricht Er, So vergehen die Völker vor dem Hauch seines Mundes, Herrscht Er, So wird der Gang der Geschichte nicht von Königen und Fürsten bestimmt. Die Geschichte nimmt vielmehr einen Verlauf, wie Er es will. Er setzt Könige ein und setzt Könige ab. Er ruft als seinen Knecht einen Nebukadnezar und Stürzt ihn in seinem Größenwahn in krankhafte Wahnvorstellungen. Er ruft Rom für eine geschichtliche Aufgabe und läßt es auf der Höhe seiner Macht zerbrechen, als es die Grenzen seiner Aufgabe überschritt, Gott ist Gott auch in seinem Thronen über seine Schöpfung -, in feinem souveränen Walten inner halb der Völkerwelt!

Der Sänger läßt daher Gott „lachen" und „Spotten" über das Getue der Menschen auf Erden. Er überträgt damit Handlungen auf Gott, die dem Bilde der großen Machthaber seiner Zeit entsprachen. Sie lachten in ihrem Machtbewußtsein, sie Spotteten in ihrer Sicherheit. Dem eigentlichen Sinne nach wollte der Sänger aber damit nur ausdrücken, in welch einer majestätischen Ruhe Gott die Welt regiert und mit welch einer Nichtachtung er auf alle Rebellionen der Menschen antwortet. Denn Gott lebt nicht seinem Machtbewußtsein. Er Spottet in seiner Souveränität nicht über die Verirrungen Seiner verlorenen Söhne und Töchter. Er als Schöpfer und Vater leidet unter deren blindem Fanatismus und Rebellion gegen ihn viel tiefer als sie Selbst. Gerade weil Sie an ihrer eigenen Machtentfaltung zugrunde gehen, möchte er mit Seiner Herrschaft zu ihrer Erlösung einsetzen. Der tiefste und letzte Grund, daß er Seinen König sandte, war ja, daß seine

Herrschaft den Völkern zur Erlösung werden möchte. Nicht etwa Zufall schenkte der Welt den Gesalbten, es war die Tat des souveränen Herrn der Geschichte.

 

6. „Habe ich doch meinen König geweiht,

[ihn gesetzt] auf Zion, meinem heiligen Berge."

 

Das war eine souveräne Tat, sie floß aber aus der Barmherzigkeit. An dieser geschichtlichen Tat kann niemand mehr rütteln. Keine Menschenauflehnung vermag sie aus der Geschichte Zu Streichen. Sie bleibt die nie Schweigende Kundgebung, daß Gott Anspruch erhebt auf den Menschen, auf dessen Geschichte und auf dessen Zukunft. Der Mensch gehört nicht sich selbst. Er gehört Gott als seinem Schöpfer. Die Völker sind nicht da für die Machthaber dieser Welt. Sie sind berufen, ein Königreich Gottes zu werden.

Zwar bleibt das Recht den Menschen, Gottes Königsherrschaft abzulehnen. Ihnen bleibt das Recht, sich in ihrem Wollen und Schaffen, in ihrer Macht und Größe zu vergöttern. Dann sollen sie aber wissen, daß Gott sich gegen sie durchzusetzen vermag. Nicht etwa allein um seiner Souveränität willen, vielmehr auch um des Heiles der Menschen willen.

 

5.Alsdann redet er sie an in seinem Zorn und in seinem Grimm erschreck er sie.

 

Steigern die Völker ihre Auflehnung gegen ihn, entsprechend steigert er Sein Handeln gegen sie. Er fährt wie ein Sturm in ihre Ruhe, er tritt mit seinen Gerichten in ihre Geschichte. Angesichts dieser Gerichtshandlungen müssen alsdann Völker verschmachten vor Erwartung der Dinge, die plötzlich über sie kommen. Zu ihrem Schrecken müssen sie entdecken, daß nicht mehr sie den Gang der Geschichte und die Ereignisse der Zeit bestimmen, sondern daß das Weltgeschehen vielmehr von einer höheren Hand bestimmt wird. Fühlten sie sich bisher auch als Herren der Geschichte, plötzlich entdeckten sie, daß sie nur ein Spielball von übermächtigen Geschichtsereignissen geworden sind. Gott redet in seinem Zorn. Er handelt in feinem Grimm und die Völker erleben ihr Gericht. In unserm letzten Völkerringen war kein Volk mehr groß genug, den Gang der entsetzlichen Geschehnisse zum Schweigen zu bringen. Gott redete, und bis heute denken alle Völker mit innerlichem Zittern an die Jahre zurück, wo er zu ihnen redete in seinem Grimm. Ob Siegermächte oder Besiegte — alle waren nachher gezwungen, den blutigen Weltkrieg als eine Zeit schwersten Gerichts zu deuten.

 

3. Das Zeugnis des Gesalbten (Vers 7 — 9).

Nun läßt der Sänger den Gesalbten selbst reden und kundtun, daß er nicht etwa sich selbst machthungrig, ruhmsüchtig oder selbstherrlich auf den Thron gesetzt hat. Seinem Königsein liegt ein göttlicher Ratschluß zugrunde.

 

7. Nun laßt mich den Ratschluß des HErrn erzählen: Er Sprach zu mir: „Mein Sohn bist du, ich habt dich heute gezeugt!

 

Gott selbst, die höchste Autorität der Welt und der Geschichte, hat ihn  auf den Königsthron gesetzt. Damit zugleich hat Er ihn in die Gottessohnschaft und in die göttlichen Sohnesrechte erhoben. Innerhalb der heidnischen Weltvölker war diese Sprache nicht fremd. Mit der Thronbesteigung wurden ihre Könige hinfort als Söhne der Landesgottheit angesehen. Das Volk glaubte, daß es durch seinen vergotteten König von dem höchsten Gott seines Landes selbst regiert werde. Daher war der Name „Sohn Gottes" für die Könige im Morgenlande ein bekannter Titel. Besonders vorherrschend war dieser Glaube im alten Ägypten. Daselbst galt jeder Pharao als eingesetzter Sohn des höchsten Landesgottes Rẽ. Jeder Thronfolger mußte vor seinem Regierungsantritt in der alten Tempelstadt On in der Nähe von Memphis durch den höchsten Oberpriester zur Gottessohnschaft geweiht werden.

Aber nicht in diesem Sinne redet hier der Psalmist von der Gottessohnschaft des Gesalbten. Bei dem klaren Gottesbegriff, den Israel besaß, wäre die Vorstellung von einer leiblichen Gottessohnschaft des Gesalbten völlig unmöglich gewesen. Zwar bedient ich der Psalmist der beiden in Ägypten herrschenden Formeln „mein Sohn bist du" und „ich habe dich gezeuget", nicht aber im Sinne einer kreatürlichen Zeugung. Er füllt die Worte mit einem höheren Inhalt. Für ihn sind es die Ausdrücke für die königliche Sohnesstellung des Gesalbten auf Grund einer göttlichen Sohneserklärung. „Nicht der König als Mensch, Sondern Seine Funktion als König erhält dadurch ihr besonderes Gewicht, sie ist — das ist die alttestamentliche Auffassung des Königtums überhaupt — Funktion und Werkzeug des göttlichen Willens3)“

Könige, wie die heidnischen Weltvölker sie besaßen, sollte ja der theokratische, von Gott als König geleitete Volkstaat Israel ursprünglich überhaupt nicht besitzen. Als man in den Tagen Samuels begann, nach einem König zu rufen und der Prophet traurig über dieses Verlangen war, da Sagte der Herr zu ihm: „Willfahre dem Begehren des Volkes in allem, was sie zu dir sagen, denn nicht dich, sondern mich haben sie verworfen, daß ich nicht König über sie sein soll"

(l. Sam. 8,7). Bisher war Israel sein und Aufbau immer eine Tat Gottes gewesen. Nun wollte das Volk sein Schicksal und seine Zukunft von dem Willen und der Hand eines menschlichen Königs abhängig machen. Samuel mußte es daher auf die schweren Folgen solch einer Forderung aufmerksam machen. Aus der Freiheit von Söhnen gegenüber dem Herrn würde Israel in die Stellung von Knechten ihrem Könige gegenüber gelangen. Das würden die Folgen  des begehrten Königtums sein.

Der vom Psalmisten geschaute  Gesalbte wird aber wieder nicht König im Sinne der Machthaber der Weltvölker sein. Er wird Sohn sein in seinem Gehorsam Gott gegenüber. Daher wird Gott durch ihn Völker zu ihrem eigenen Heil regieren können. Als Sohn in seiner Hingabe an den Willen Gottes darf er daher Anspruch erheben, daß ihm die Sohnesrechte gegeben werden.

 

8. Erbitt' es von mir,

Völker möcht' ich zum Erbe dir geben, zu deinem Besitztum die Enden der Erde.

 

Die Welt ist einst nicht geschaffen worden, daß sie nur Welt in sich sei, sie soll Welt für Gott sein. Und Gott will nicht nur im Himmel herrschen, sondern seinen Thron auch auf  die  Erde setzen und Völker für feine Herrschaft erlösen. Sie sind auf ihn und seine Herrschaft hin erschaffen. Daher kommen sie in keiner anderen Königsherrschaft zur Ruhe, ganz einerlei, ob diese von Machthabern der Erde oder von Göttern und Dämonen ausgeht. Nachdem er aber den Sohn als König hat einsetzen können, der  in seiner Stellung zu ihm Hingabe und Gehorsam, und in Seiner Stellung zur Welt Liebe und Erlösung sein wird, nun kann er ihm die Völker zu eigen geben und die Enden der Erde ihm untertänig machen.

Das Recht der freien Entscheidung wird den Völkern aber auch unter der Herrschaft des Gesalbten bleiben. Wie diese Entscheidung nun auch Immer ausfallen mag, das Fundament seines Thrones und die Vollmacht seiner Herrschaft  werden dadurch nicht berührt oder erschüttert werden.

 

9. Mußt du sie mit eisernem Zepter brechen, wie Töpfer=Geschirr wirst du sie zerschmettern."

 

Mit dem Herrschen des Gesalbten wird nicht nur die Vollmacht des Erlösers, sondern auch die Autorität des Richters Verbunden sein. Wem sein Zepter nicht zum Heil werden kann, dem muß es zum Gericht werden. So werden in der prophetischen Schau des Sängers im Gesalbten nicht nur die Grundzüge des kommenden Weltheilandes, sondern auch die des Weltrichters sichtbar, seine Sendung wird sich nicht nur auf den engen Raum des heiligen Landes und auch nicht auf ein einziges „auserwähltes" Volk beschränken, sie gilt der ganzen Welt. Der Raum für das Gemälde seiner Herrschaft wird so groß sein, wie die kommende Heilsgeschichte groß an Erlösung und Gerichtsein wird. Des Gottessohnes Herrschervollmachten werden dem Gott entsprechen, der in seiner göttlichen Autorität ihn gesandt hat.

Nun wird erst recht Verständlich, wie kein König in Israel" weder vor der babylonischen Gefangenschaft noch nachher diesem messianischen Königsbilde entsprochen hat. Erst als J e s u s im Fleisch erschien, wurden in Seinem Reden und Dienen, in Seinem Leiden und Sterben die Vollmachten einer messianischen Königsherrschaft sichtbar. Er konnte nach seiner Auferstehung mit den Worten von seinen Jüngern scheiden: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden“ (Matth. 28,18). Christi Kommen ins Fleisch“ sein Dienen und Sterben in Knechtsgestallt waren aber nur die Einleitung und Vorbereitung von einem zweiten Kommen in Herrschervollmacht und Vollendungsherrlichkeit. Zwischen diesem ersten Kommen Christi und seiner Wiederkunft lebt nun die Gemeinde innerhalb der Völkerwelt. Sie lebt aber der lebendigen Hoffnung, daß mit seinem Wiederkommen er seine Herrschervollmachten im vollen Umfange offenbaren wird. Seine Parusie, d. h. sein Erscheinen wird nicht nur zu Gericht sein, sondern zugleich auch „Der Anfang eines neuen ewigen Daseins Christi auf der Erde" zum Heil der Völkerwelt.

 

4.Der Aufruf zur Glaubenshuldigung (Vers 10 — 12).

Es ist klar, wie sehr der unbekannte Sänger mit feiner prophetischen Schau im Geiste der großen Propheten Seines Volkes lebte. Mit seinem Psalm gehört auch er zu den Propheten, wenn auch zu den unbekannt gebliebenen. Wie Jeremia war auch er Völkerprophet. Er wendet sich in seinem Aufruf nicht etwa nur an sein eigenes Volk. Er bittet:

 

10. Drum seid verständig, ihr Könige der Völker! Lasset euch warnen, ihr Richter auf Erden!

 

Denn es ist nicht selbstverständlich, daß alle in dem Gesalbten die Herrlichkeit einer angebrochenen Gottesherrschaft sehen werden. Die Neigung wird weiter bestehen, in auflehnender Haltung der im Sohn offenbar gewordenen Gottesherrschaft gegenüber zu verharren. Aber die Völker werden in ihren Vertretern, d. h. in ihren Königen und Richtern aufgefordert, ihre Gesinnung zu ändern. Jede vermehrte Auflehnung wird für sie nur vermehrtes Gericht bedeuten. Gottes Herrscherwille kann um des Heiles der Zukunft willen nicht gebrochen werden.

 

11. Dienet dem HErrn [hinfort] in Ehrfurcht und jubelt [ihm zu] mit Zittern.

12. Huldigt dem Sohne, auf daß er nicht zürne und ihr zugrunde geht auf dem Wege,

13. denn leicht könnte sein Zorn entbrennen.

 

Es gibt mithin nur einen Weg, um dem Gericht zu entrinnen: die freiwillige Glaubenshuldigung des von Gott eingesetzten Königs. Ihm in Ehrfurcht zu dienen wird nicht Knechtschaft, sondern Erlösung bringen. Ihm zuzujubeln wird keine unwürdige Erniedrigung der menschlichen Persönlichkeit, sondern innerliche Erhebung zu Gott sein. Dem Sohne zu huldigen oder ihn zu „küssen" — wie andere übersetzen — wird der Weg sein, Anteil an der Herrschaft und an der königlichen Würde des Sohnes zu nehmen. Wer  sich jedoch anders entscheidet, der soll wissen, daß er auf seinem eigenen Wege zerbrechen wird. Ein Entfliehen wird nicht möglich sein, weil der Mensch nicht vor sich selbst zu entfliehen vermag. Denn sein Gericht liegt ja in seiner auflehnenden Haltung gegen Gott.

 

13b. „Heil [jedoch] allen, die in ihn ihr Vertrauen setzen."

 

Mit dieser Gewißheit schließt der Sänger seinen prophetischen Psalm. Bereits in seinen Tagen rang er um eine neue Glaubenshaltung der Völker und deren Könige der Souveränen Herrschaft Gottes gegenüber. Angesichts der immer neu entstehenden Gerichte innerhalb der Völkerwelt hatte sich ein Weltweh auf seine Seele gelegt. Von der Machtentfaltung, vom Kulturfortschritt, von der Götterverehrung und vom Wohlstand der Völker aus sah er keine Zukunft kommen, die Heil unter ihren Flügeln für alle haben würde. Er sah sie aber in der Anerkennung der absoluten Gottesherrschaft, wie sie durch den Sohn in das Leben der Völker und deren Geschichte treten will.

 

Anmerkungen zu Psalm 2

1.) Der Name „Adonai" = „Herr" hat z. Z., da der Psalm gedichtet wurde, bereits die Bedeutung von „Allherr", „Allgewaltiger", d. h. „Herr der ganzen Welt".

2.) „Heil" ist hier der umfassende Begriff für alle Segnungen, die denen, ob Jude oder Heide, werden müssen, die dem Gesalbten in Ehrfurcht huldigen. Dies Heil wird in den kommenden Tagen des Gerichts besonders stark  sichtbar werden.

3) A. Weiser, Die Psalmen,   1935,  S. 27.     S.16

 

 

II. Das Bekenntnis der Toren Psalm 14

 

Überschrift: Dem Musikmeister von David

1.  Es sprechen die Toren in ihrem Herzen:

„Es gibt keinen Gott!" Verderbt, abscheulich handeln sie, keinen gibt es, der Gutes tut.

2. Es schaut der HErr vom Himmel herab

auf der Menschen Söhne,

zu  sehen, ob einer so einsichtig sei,

daß er nach Gott fragt.

3. Doch alle Sind sie abgewichen,

sie sind entartet insgesamt.

Keiner ist, der Gutes tut,

[unter allen] auch nicht einer.

4. Sind denn die Übeltäter ohne Einsicht, daß sie mein Volk wie Brot verschlingen, den HErrn aber nicht anrufen?

5. Da erfaßt sie ein gewaltiger Schrecken,

denn Gott ist bei dem Geschlecht der Gerechten.

6. Mög't ihr auch schmähen den Trost des Elenden, der HErr ist dennoch seine Zuflucht!

7. "Ach käme  aus Zion  für Israel Rettung! Wendet der HErr seines Volkes Geschick, wird Jakob frohlocken, wird Israel sich freuen.

 

Der Psalm ist zwar klein und schlicht, sein Inhalt und seine Schau sind aber welt= und völkerumspannend. Redet er auch nur von den Verhältnissen innerhalb eines kleinen Ausschnittes der Geschichte, sein Urteil ist jedoch durch die  nachfolgenden Jahrtaufende gerecht« fertigt worden. Das ist ja das Große an den Wahrheiten der Heiligen Schrift, daß sie zwar anknüpfen an bestimmte, geschichtliche Ereignisse, ihr Inhalt erweist sich aber So übervölkisch und überzeitlich, daß er hinfort zu den Völkern zu reden vermag. Es wäre nun auch bei diesem kleinen Psalm sehr wertvoll, wenn wir dessen Sänger und auch die Zeitverhältnisse genauer kennen würden, unter denen er einst entstand. Jedenfalls ist das kleine schöne Lied in einer Zeit gedichtet worden, wo sich nicht nur viele innerhalb der heidnischen Nachbarvölker, sondern auch; manche im jüdischen Volke offen zur Aufklärung und zum Unglauben ihrer Zeit bekannten.

Verschiedene Ausleger nehmen daher an, daß der Psalm in der griechischen Zeit oder während des Schweren Ringens der Makkabäer entstanden sei. Denn zweifellos find die Toren, von denen die Rede ist, in den eigenen Volksgenossen des Sängers zu suchen. Auch lebte damals in den Frommen Israels besonders stark die Erwartung, daß der Tag des Herrn nahe sei. Von diesem Tage er warteten sie, daß er die Herrschaft der Feinde zerbrechen und den Anbruch des messianischen Königreiches bringen werde. Es Spricht daher aus dem letzten Teile des Psalms besonders stark eine endgeschichtliche Zukunftserwartung. In dieser lebten damals viele Elende und Unterdrückte. Sie Schauten aus, ob nicht endlich das  Morgenrot jener Heilszukunft anbreche, von der die Propheten so klar geweissagt hatten.

Völlig anderer Einstellung waren die Toren, von denen der Sänger redet. Sie erwarteten die neue Zukunft nicht von einer kommenden messianischen Heilszeit. Für sie lag sie im Anschluß an die herrschenden Geistesströmungen ihrer Tage. Bewußt verleugneten sie die große Vergangenheit ihrer Väter, die Geschichte ihres Volkes. Sie teilten den Geist und die Weltanschauung der Griechen.

Zu allen Zeiten schaute aber Gott, der der Herr der Geschichte ist, vom Himmel herab. Ihm entging nicht, wer nach ihm fragte und wer ihn verneinte. Menschen und Völker wurden von ihm eines Tages in solch Schrecken versetzt, von denen sie sich selbst nicht mehr erlösen konnten. Hatte es auch in  der Geschichte gar oft den Anschein, als ob der Unglaube triumphiere über den Glauben, die Finsternis siege über das Licht, die Weltmacht über Gottes Heilszukunft - Gott war noch immer stark genug, alles Widergöttliche entweder zu erlösen, oder im Gericht enden zulassen. Seine Zukunft wird nicht dadurch bestimmt, wie Menschen über ihn denken. Sie erhält ihre Bestimmung von jenen Heilsabsichten, die er zum Wohle der Menschheit in sich trägt.

Einige Sätze in der Mitte des Psalms sind schwer zu übersetzen und mithin auch nicht leicht zu erklären. Zwar ist das Lied innerlich ganz verwandt mit Psalm 53; in demselben ist aber der Text noch weniger

verständlich. Trotzdem hat das schöne Lied auch der Kirche Christi unserer Tage Großes zu sagen. Es redet von der Sprache der Toren und vom suchen Gottes. Es spricht von der Blindheit der Übeltäter und von der

Rechtfertigung der Gerechten und zuletzt schließt es mit einem Gebet des Glaubens.

 

1. Das Bekenntnis der Toren (Vers 1).

 

Der Sänger redet offen und kühn, wie die Propheten es taten. Wenn ein Jesaja oder Jeremia von den Göttern und Götzen zu reden hatte, von denen sein Volk sein Heil erwartete, dann nannte er sie „Nichtse", „Würger". Als  Nichtse können Sie in ihrer Ohnmacht dem abergläubischen Volke in seiner Not und Angst weder helfen noch etwas geben. Als Würger rauben sie ihm das Leben, anstatt daß sie es retten und Segnen, es bauen und Schützen. So nennt der Psalmist hier Menschen, die in einem verwandten Geiste leben: Toren.

 

1. Es sprechen die Toren in ihrem Herzen: „Es gibt keinen Gott!"

 

Ein mutiges Wort! und zwar in einer Zeit, wo es zur Aufklärung, zum Wohle des Volkes und zum Aufbau der Zukunft gehörte, in der Verneinung Gottes zu leben und den Geist des Griechentums zu bejahen. Man liebte griechische Bildung, man beteiligte sich am Sport und an den Wettkämpfen, man war stolz auf den griechischen Hut. Man pflegte die Schönheit und genoß das öffentliche Gesellschafsleben. Über alle innerlichen Hemmungen, die dem jüdischen Menschen durch das göttliche Offenbarungsgesetz kommen mußten, setzte man Sich skrupellos hinweg. Man war froh, endlich vom quälenden Schuldbewußtsein frei zu sein. Die Sündenfrage war für immer gelöst. Opfer zur Sühne der Schuld gab es nicht mehr. Man wußte sich nur dann Schuldig, wenn man die Staatsgesetze übertreten hatte. Ersatz für gottesdienstliche Erbauungen fand man im Theater; Erleuchtung und Wissen schöpfte man aus der griechischen Dichtung und Philosophie. Sie ersetzten Mose und die Propheten.

Das war der Geist, in welchem die Toren lebten. Sie schämten sich, Glied eines von Gott erwählten Volkes zu sein. Sie verleugneten die prophetische Mission, die Gott in das Leben ihrer Väter gelegt hatte. Ihr Leben war weltoffen und zeitbejahend. Sie kannten nichts mehr von einem Kampf des Glaubens, der die Welt zu überwinden sucht. Gibt es keinen Gott, dann gibt es auch kein entsprechendes Gottesreich, auch keine Ewigkeit mit einem Leben nachdem Tode. Vergänglich wie alle Kreatur ist auch der Mensch. Sein Glaube ist Irrtum, Seine Hoffnung Täuschung

Denn was hatte den Vätern all ihr Ringen, Glauben, Hoffen eingetragen? Zwar hatte man in kindlichem Gottesglauben das Gesetz gepflegt. Dasselbe hatte aber das Volk moralisch geknechtet. Man hatte zwar in den politischen Wirren und Spannungen Gott vertraut. Der jüdische Staat hatte sich aber nicht der Beherrschung durch die großen Weltvölker entziehen können. Auch hatte man heilige Opfer gebracht, tägliche Waschungen vollzogen, Sabbate gehalten und Feste dem HErrn gefeiert. Zuletzt hatte aber das Volk doch das Gericht für seine angebliche Schuld tragen müssen. Kein Opfer, keine Pflege des Tempels, kein heiliger Priester- dienst hatten die furchtbare Katastrophe des Volkes aufzuhalten vermocht. Man hatte sich von den Heiden abgesondert, versucht, als ein dem HErrn geweihtes Volk zu leben. Und dennoch war das ganze Volksleben mit dem Fortschritt der Zeit immer abhängiger geworden von weltlichem Einfluß und von heidnischer Kultur.

Diese Widersprüche innerhalb der Reichsgottesge-schichte jener Tage hatte man nicht zu überwinden

vermocht. Da man sich deren Lösung nicht — wie die Propheten es taten — von Gott her geben ließ, suchte man sie vom eigenen Volke und von der allgemeinen Geschichte aus zu finden. Von hier aus konnte sie aber nicht gefunden werden. Da erfolgte der innerliche Bruch mit der Vergangenheit: „Es gibt keinen Gott" Es gibt auch keine heilige Geschichte der Väter, es gibt keine Sonderstellung Israels, es gibt keine Offenbarung im Gesetz. Es gibt auch  keine Zukunft über Grab und Tod hinaus.

Das war das neue Bekenntnis, dem man lebte, Verständ-lich, daß aus demselben eine entsprechende Moral und Lebenshaltung erwachsen mußte. Aus trüben Quellen fließen auch trübe Wasser. Wird der Mensch erst sich selbst zum Schöpfer seines Lichtes und zur Quelle seiner Erkenntnis, dann entspricht sein Leben den dunklen Leidenschaften und Begierden, die er in sich trägt. Hat er keinen Gott mehr, dann wird er sich selbst zum eigenen Dämon.

 

1 b. Verderbt, abscheulich handeln sie, keinen gibt's, der Gutes tut.

 

Die Begriffe von Gut und Böse sind überwunden. Die Bestimmung über die Begriffe Recht und U n r echt hat man von Gott gelöst und in das eigene Ermessen des Menschen gelegt. Schlechtes an sich gibt es nicht. Es wird zum Guten, sobald es nützt und wenn man Vorteile von ihm hat. Indem aber jeder nur das Seinige sucht, arbeitet man am Untergang  aller. Die geschichtlichen Folgen der Gottesleugnung waren daher noch immer Gottlosigkeit. Der Mensch lebt hinfort nicht nur los von Gott, er entwickelt sich auch zum Dämon des Nächsten. Ein Kain, der sein Verhältnis zu Gott verlor, verlor damit auch sein Verhältnis zum Bruder. Anstatt als Erstgeborener und Stärkerer seinem

Bruder zu dienen, erschlug er ihn. Was Gottesleugnung ist, deutet die Weltgeschichte. Alle ihre Versuche, sich selbst  zu erlösen, Herr ihrer eigenen Dämonen zu werden, endeten nur in neuen Enttäuschungen und in neuen Weltkatastrophen.

Aber im engsten Zusammenhang mit dem Bekenntnis des Toren steht noch etwas weit Größeres. Die Weltgeschichte hätte sich längst ihr Endgericht geschaffen, wenn nicht in ihr auch

 

2. Das Suchen Gottes (Vers 2 — 3)

 

wäre, das ihr zu ihrem Heil gereichen mußte. In diesem Suchen liegt das Ringen Gottes um seine Schöpfung: das Suchen und Seligzumachen dessen, der nicht den Tod des Sünders will, sondern daß er sich bekehre und lebe (Hes. 18, 23).

 

2. Es Schaut der HErr vom Himmel herab auf der Menschen Söhne, zu sehen, ob einer so einsichtig sei, daß er nach Gott frage.

 

Es ist wiederum etwas ganz Großes an der Heiligen Schrift, daß sie nie nur vom Fall des Menschen spricht. Wohl erzählt sie, daß die ersten Menschen sich zu verbergen suchten, als sie Gottes Nähe vernahmen. Aber sie erzählt auch, daß Gott in den Garten hineinrief: „Adam, wo bist du?" Dieser Ruf Gottes ist seitdem nie mehr verstummt. Wohl verschweigt sie nicht Kains Brudermord. Sie sagt uns aber auch, daß Gott Ihm ins Gewissen rief: „Wo ist dein Bruder Abel?" (1. .Mos. 4,9). Wohl berichtet sie uns Jakobs Betrügereien. Sie zeigt alsdann aber auch ebenso klar, wie Jakob erst durch schwere Lebensführungen und Glaubens kämpfe zu einem Israel wurde, zu dem Gott sich mit seinem Segen bekennen konnte. Wohl Spricht sie offen von Davids Meuchelmord und Ehebruch. Sie sagt uns aber auch, daß der Prophet Nathan ihm die Schuld zum Bewußtsein bringen und sagen mußte: „Du bist der Mann!" (1. Sam. 12,7). Wie offen schildert die Schrift z. B. auch Israel=Judas Dirnenschuld. Das Volk verläßt den Herrn als seinen Retter und Eigner und buhlt bald mit Ägypten, bald mit Assur, bald mit Babel, um durch sie vor dem Untergang bewahrt zu werden. Sie verschweigt uns aber auch nicht, daß Gott dem Volke vor jedem drohenden Gericht seine Propheten sandte, um ihm den Weg zum Leben oder zum Tode vorzulegen.

Das ist Gottes Herabschauen auf der Menschen Söhne. Es ist die große Ausschau des Vaters nach seinem Verlorenen. So hat Jesus dieses Herabschauen gedeutet (Luk. 15,20). Gott sucht Verbindung mit dem Einzelnen, um ihm persönlich, aber auch durch ihn  dem Ganzen dienen zu können. Er sucht nicht das Gute an sich. Er sucht den Menschen seines Ebenbildes, um ihn mit Gutem zu begnadigen, und um durch  ihn  Gutes zu wirken. Dem Könige Asa von Juda ließ der Herr einmal sagen: „Des HErrn Augen Schweifen über die ganze Erde, damit er sich  stark erweise für die, deren Herz ihm ungeteilt gehört(2.Chron. 16,9). Dies Wort mußte der Seher dem Könige sagen, weil er sich durch ein Bündnis mit Benhadad, dem Könige von Syrien, gegen den König von Nord=Israel Baesa, zu Stärken suchte. Hierin hatte der sonst fromme König töricht gehandelt. Daher konnte sich Gott zu dieser Handlung nicht bekennen. Durch den Propheten Hesekiel klagte einst der HErr, wo es sich um Jerusalems Schuld und Gericht handelte: „Und ich suchte unter ihnen einen, der eine Schutzmauer bauete, oder vor mir für das Land in den Riß trete, daß ich es nicht verderbe, aber ich fand keinen" (Hes. 22,30). Das war zu allen Zeiten das Erschütternde im Leben eines Zum Gericht reifen Volkes, wenn in demselben Gott zuletzt niemanden mehr fand, durch  den er dem Ganzen helfen  und es vor dem Untergang bewahren konnte.

In diesem Lichte wird verständlich, was es einst für die Geschichte Israels bedeutete, wenn das Volk Persönlichkeiten in Seiner Mitte hatte, die nach Gott fragten. Hätte es in den letzten Jahrhunderten seiner Geschichte nicht so große und Starke Persönlichkeiten gehabt, es wäre bereits viel früher seinem staatlichen und religiösen Zusammenbrach anheim gefallen. Indem sie da waren, konnte Gott nicht allein zu seinen Propheten reden, er redete durch sie auch zum Volke! Sie waren es, die die Not ihrer Zeit zum Inhalt ihres Gebets machten. Hatte das Volk die innere Verbindung mit Gott verloren, sie waren bereit, in ihrer Person, d. h. durch ihre Fürbitte und durch ihr Zeugnis diese Verbindung zwischen Volk und Gott wieder herzustellen. In diesem Geiste redete einst Abraham mit Gott über die Rettung von Sodom und Gomorra (1.Mos,18,23ff.). Mose flehte auf dem Berge für sein Volk, das unten um ein goldenes Kalb tanzte (2. Mos. 32,7 ff.). Josua lag auf seinem Angesichte vor Gott nach dem unglücklichen Ausgang des Kampfes mit dem Städtchen Ai und rang um die Zukunft seines Volkes (Jos. 7,6 ff.). Daniel zog sich in sein Kämmerlein zurück, nachdem Nebukadnezar beschlossen hatte, alle Weisen und Sternkundigen umzubringen, weil sie den vergessenen Traum dem Könige nicht sagen konnten. Im Kämmerlein erbat er sich von Gott den vergessenen Traum, damit die Weisen und Sternkundigen vom Tode errettet werden möchten (Dan. 2,17 ff.). Erst im vollen Glanz der Ewigkeit werden wir erkennen, welch eine ungeheure Bedeutung und Tragweite jene Persönlichkeiten für die Geschichte der Völker und für das Reich Gottes hatten, die im Kämmerlein betend und führbittend für ihre Zeit, ihr Volk und ihre Kirche mit Gott rangen. Nach Jesu Wort sind sie auch im Zeitalter der Gemeinde das Salz der Erde und das Licht der Welt.

Um so verlassener von Gott ist aber ein Volk, wenn von demselben gilt, was unser Sänger aussprechen muß. Gott Schaut zwar aus, ob einer so einsichtig sei und nach ihm frage.

 

3. Doch alle sind sie abgewichen, sie sind entartet insgesamt. Keiner ist, der Gutes tut, [unter allen] auch nicht einer.

 

Nachdem Gott vergeblich nach den wenigen Gerechten in Sodom und Gomorra gesucht hatte, da mußte das Gericht eintreten, von dem er zu Abraham geredet hatte. Fehlt dem Fleisch erst die bewahrende Salzkraft, dann verfällt es der Fäulnis, sucht  Gott erst in der Geschichte vergeblich nach Trägern seines Lichtes, dann bedeckt Finsternis das Erdreich und Dunkel die Völker. Wie allgemein diese Finsternis mit ihrem Verderben ist, hat ja Paulus im Römerbrief erschütternd beschrieben. Er geht von diesem Psalmwort aus und stellt fest, daß weder Juden noch Griechen gerecht sind. Sie alle sind vor Gott schuldig  und stehen unter der Sünde und deren Gericht. Daher kann die Erlösung weder von Juden noch von Griechen kommen, sondern allein von dem Einen, der auch Sünder gerecht machen kann.

 

3. Die Blindheit der Übeltäter (Vers 4).

 

Es gehört zum Fluch der Sünde, daß sie den Menschen trotz allem Sehen — blind macht. Der Mensch glaubt zwar in seinem übeltun Sein Glück zu finden, es wird ihm aber zum Wege ins Verderben!

 

4. Sind denn die Übeltäter ohne Einsicht, daß sie mein Voll wie Brot verschlingen, den HErrn aber nicht anrufen?

 

Unbegreiflich ist dem Psalmisten das Tun der Übeltäter. Ihr Handeln ist ohne Einsicht, ohne Überlegung. Sie verschließen sich den Folgen, zu denen ihr Handeln für sie und andere führen muß. Da sie Gott verloren haben, haben Sie auch den  Nächsten verloren. Ihnen ist des HErrn Volk nur noch Brot, das sie verzehren, nur Ausbeuteobjekt, das sie zu ihrem eigenen Vorteil auszunützen suchen. Das wird hier bildlich mit dem Begriff „fressen" oder „verschlingen" ausgedrückt. Da sie keine

Gewissensbindung dem Bruder gegenüber mehr kennen, machen sie sich die Schwachen, die Gottesfürchtigen in allem dienstbar.

 

Von diesen redet hier der Psalmist als vom Volk des Herrn. Sie wollen lieber Unrecht leiden als Unrecht tun. Sie lieben nach dem Gesetz den Nächsten wie sich selbst. Sie begehren nicht des Nächsten Weib und schielen nicht nach des Nächsten Haus. Sie leben nicht vom Brot, das andere erworben. Im Schweiße ihres Angesichts essen sie das Brot, das sie mit eigenen Händen erarbeitet haben. An ihren Händen klebt kein Blut. Ihr Brot ist nicht durch Tränen anderer getränkt. An ihrem Acker hängt kein Betrug, an ihrem Gewinn kein Fluch der Armen. Der Segen des HErrn steht ihnen höher als der Gewinn der Erde. Die Seele des Nächsten ist ihnen wertvoller als die Genüsse ihres Lebens. Sie können opfern, damit andere gewinnen, können auf Rechte verzichten, damit andere nicht geknechtet werden. Sie stellen ihre Freude zurück, damit andere nicht seufzen. Auch ernten sie nicht, wo andere säeten.

Ganz anders ist die Haltung der Übeltäter. Sie machen geradezu das Volk des HErrn zum Brot, das sie verschlingen. Sie kommen in keine Gewissensnöte, wenn sie anderen einen Tränen und Leidensweg bereiten. Skrupellos können sie nehmen, wo sie nicht zu fordern haben. Sie können entrechten, wo immer ihre Macht und ihr Einfluß dazu ausreichen. Sie pflegen ihr Wohlleben, wenn es auch auf Kosten Hungernder und Armer geht. Waren es doch gerade die Griechenfreunde, die durch den Anschluß an den Geist jener Zeit besonders viel Macht und Einfluß besaßen. Die Gesetzestreuen oder Gerechten dagegen waren machtlos diesen Starken gegenüber. In der Öffentlichkeit hatten sie wenig Geltung, und schwer konnten sie sich  ihr Recht verschaffen. Sie wurden zwar geduldet, nicht aber geliebt und geachtet. Das war ihr Leidensweg in jener Zeit.

Daß dieser ihnen nicht etwa von fremden, ,sondern von den eigenen Volksgenossen bereitet wurde, geht offenbar aus den Sätzen hervor:

 

4b. daß Sie mein Volk wie Brot verschlingen, den HErrn aber nicht anrufen?

 

Man nimmt an, daß es besonders auch manche innerhalb der Priesterkreise waren, die sich offen zur griechischen Aufklärung und zur Verleugnung des Gottes ihrer Väter bekannten. Sie aßen zwar das Brot des Heiligtums, das von den Gerechten dem HErrn geweiht worden war. Sie lebten von den Opfern, die sie mit den Altären des HErrn teilten. Den HErrn aber riefen sie nicht an. Sie brachten es fertig, von einem geistlichen Berufe zu leben, während sie die Berufung zum geistlichen Dienste verleugneten. Gottes Tempel war ihnen eine Brotstätte, nicht aber das Heiligtum, um sich dort mit der Gemeinde gemeinsam zum HErrn zu erheben. Die äußerliche Pflege der Gottesdienste war ihnen nur die Quelle ihres priesterlichen Einkommens. Je größer die Zahl der Opfernden, um so größer war ihr Gewinn.

Wie gewissenlos Priester ihren Dienst tun konnten, bewiesen bereits die Söhne des Hohenpriesters Eli. Von ihnen erzählt die Schrift: „Sogar ehe man das Fett verbrannte, kam der Bursche des Priesters und sprach zu dem, der das Opfer brachte: ,Gib Fleisch her für den Priester zum braten; er will nicht gekochtes Fleisch von dir, sondern rohes.' Sagte dann der Opfernde zu ihm: ,Man soll doch Zuerst das Fett verbrennen, dann nimm, was dein Herz begehrt', so Sprach er: ,Nein! Sondern gleich sollst du es geben! Wo nicht, so nehme ich es mit Gewalt" (1.Sam.2, 15 ff.). Wieviel mehr mußte sich im Verwandten Geiste jeder Heiligtumsdienst in einer Zeit vollziehen, wo man sich erkühnte zu Sprechen: „ES gibt keinen Gott!" In solchen Zeiten schweigt die Anbetung, des Herzens, es herrscht nur noch das Geplärre der Lippen. Da lügen die Priester, so oft sie auch „HErr! HErr!" sagen, oder ihre Hände zum Segnen des Volkes erheben. Es kommt aber die Stunde, wo ihnen ihr Handeln zum Gericht werden muß. Davon redet die Fortsetzung des Psalms.

 

4. Die Rechtfertigung  der Bedrängten (Vers 5-6).

 

Hatte es auch den Anschein, als ob hinfort solch ein Geist die Zukunft beherrschen werde, plötzlich, unerwartet tritt eine Wendung ein. Sie wird zum Schrecken der Übeltäter, rechtfertigt aber die leidenden Gerechten. Die Erkenntnis, daß Gott ein Gott der Gerechtigkeit ist, der das Tun der Frevler im Gericht enden läßt, aber das Leben der Gerechten schließlich doch mit Segen krönt, ließ die unter dem Geist ihrer Zeit Leidenden stark bleiben im Kampf. Zwar dauerte auch ihnen das Kommen der Stunde Gottes oft zu lange. Sie wurden aber dennoch nicht schwach im Glauben. „Wenn die Stunden sich, gefunden, bricht die Hilf mit Macht herein!"

 

5.  Da erfaßt sie  ein gewaltiger Schrecken, denn Gott ist bei dem Geschlecht der Gerechten.

 

Vielleicht darf nach dem Hebräischen das Wörtchen „da"' sowohl zeitlich als auch räumlich gefaßt werden. Gerade dort, wo sich die Übeltäter schwersten versündigen und zu einer Zeit, wo Sie sich am sichersten fühlen, auf der Höhe ihrer Macht zu stehen glauben, werden sie vom Schrecken des HErrn erfaßt werden. Sie glaubten, ohne Vergeltung das Leben der Gerechten bedrücken und ausnutzen zu können.

 

 

Sie sahen das Warten der Gerechten für Aberglaube und Schwärmerei an. Daß Fromme beteten, in ihrer Not ihre Zuflucht zum HErrn nahmen, besagte ihnen nichts. In der Haltung Gebeugter vor Gott sah man keine Macht, vor der man sich zu fürchten habe. Der Sänger ruft jedoch diesen Spöttern zu:

 

6. Mög't ihr auch schmähen den Trost des Elenden, der HErr ist dennoch seine Zuflucht!

 

Ein  schwer  zu  übersetzender  Vers,  abhängig  von  dem  Einfühlungsvermögen des Übersetzers. Vielleicht entspricht es noch mehr dem Sinne desselben, wenn man ihn in die Sprachliche Form faßt: Die Annahme des Elenden mög't ihr Schmähen, daß der Herr seine Zuflucht ist.

Das Recht mag den Frevlern bleiben, daß sie auch das Höchste und Heiligste der Gerechten verächtlich machen. Wer selbst keinen

Umgang mit Gott kennt, verliert auch die Ehrfurcht vor dem Beten anderer. Im Bewußtsein der eigenen Überlegenheit Schmäht man das Knien des Nächstem vor Gott. Plötzlich sehen  sich aber solche Übeltäter vom Schrecken erfaßt. Innerhalb ganz bestimmter Geschichtsereignisse wird offenbar, daß Gott bei dem Geschlechte der Gerechten wohnt Glaubte man auch, sie  seien dem Zufall der Zeit und der Willkür ihrer Umgebung preisgegeben - es zeigte sich: Gott wacht über sie. Er deckt sie in der Stunde der Not, wo andere ihren Untergang erleben, in Zeiten der Verwirrung, wo andere blind in ihr Unglück rennen, sehen sie sich von einer sicheren Hand geführt. Brechen andere in Angst und Verzweiflung zusammen, werden sie durch einen Trost und eine Kraft begnadet, durch die sie auch  das Schwerste zu überwinden vermögen. Geht anderen hoffnungslos ihre Zeit und ihre Welt unter, im Umgang mit Gott erlischt ihnen nicht ihre Hoffnung und verlieren sie nicht die Zukunft.

Gerade in Leidenszeiten, in Gerichtstagen, in Geschichtskatastrophen wird vielfach allen sichtbar, daß der HErr unter denen wohnt, die in ihrem Leben geschlagenen Herzens und gedemütigten Geistes geblieben sind. Gerade in Zeiten, wo sich andere reich und stark und satt wußten, lebten sie im Bewußtsein ihrer Abhängigkeit vom HErrn. Galt diese Glaubenshaltung auch in den Augen anderer als Schwäche, sie erlebten in derselben doch die Kraft der Gegenwart Gottes. Wurden von anderen auch Gottes Wirklichkeit und Gegenwart bestritten und bespottet, ihnen waren sie der Inhalt ihres Glaubens, die Quelle ihrer Kraft und das Geheimnis ihres Segens.

 

So wird am Leben derer, die ihren Halt an Gott gefunden haben, offenbar, was andere in ihrem Leben ohne Gott sind. An der

Gottesfurcht wird das wahre Angesicht der Gottlosigkeit sicht-

bar. Wie überaus sündig die Welt sein und handeln kann, zeigte sie erst, als Jesus von Gott gesandt in die Welt kam, um ihr zum Retter zu werden. Andererseits muß aber an der Welt auch offenbar werden, wer die Gerechten sind. Im Dienste an der Welt muß sich Zeigen, in welchem Geiste sie dienen, welche Kräfte sie beleben, welch eine Sehnsucht sie erfüllt. Davon redet zuletzt noch der Schlußvers unseres Psalms.

 

5. Die Sehnsucht des Glaubens (Vers 7).

 

Gerechte leiden seelisch nicht nur unter dem, was sie an Schmähungen, Trübsalen und Verfolgungen von anderen zu erdulden haben. Mehr noch leiden sie priesterlich unter dem, daß die Frevler sind, was sie sind.

 

7. Ach käme aus Zion für Israel Rettung! Wendet der HErr seines Volkes Geschick, wird Jakob frohlocken, wird Israel sich freuen.

 

Dem Sänger schweben all die jüdischen Gemeinden vor, die zerstreut im Lande und in der Fremde lebten. Was war aus ihnen geworden? Schwerer noch  als unter der Fremdherrschaft, die auf ihnen lastete, litten sie unter dem Geiste ihrer Priester und Lehrer. Berauschten sich die einen am Geiste der Zeit, so verfielen die anderen in knechtende Gerechtigkeit. Beide Strömungen rangen um ihren Einfluß auf die hirtenlos gewordenen

Gemeinden.

Der Psalmist ist von einem innerlichen Weh erfaßt. Mit so vielen anderen leidet er unter diesem Zustand. Er findet nicht viele Worte zum Gebet, sein Seufzer drückt aber aus, was ihn bewegt. Es ist ein Seufzer des Glaubens. Er glaubt noch an die Möglichkeit einer Rettung, denn er glaubt an Gott. Ihm wohnt der Herr zu Zion, doch nicht etwa, weil er glaubte, Gott sei in seiner Gegenwart nur an den Berg Zion in Jerusalem gebunden. Auch er kennt Gott als den Allgegenwärtigen. Aber Zion war in der großen Vergangenheit der Geschichte seines Volkes unzählige Male die Stätte gewesen, von der aus Gott seine Gegenwart, seine Macht und sein Heil geoffenbart hatte. Daher ist ihm Gott der Gott zu Zion. Die Betonung liegt für den Sänger mithin nicht auf Zion, sie liegt für ihn auf Gott.

Allein Er ist groß genug, seines Volkes Geschick zu wenden. Gerade der Ausdruck „Geschick" läßt erkennen, daß der Psalm entweder während der babylonischen Gefangenschaft oder weit später entstanden ist. Es ist der Ausdruck, der von den Propheten und nachher so oft für das leidvolle Ergehen des heimatlos gewordenen Volkes gebraucht wurde. Der Glaube des Psalmisten weiß aber, daß Gottes Barmherzigkeit zu triumphieren vermag auch über das Gericht. Aus dieser Gewißheit entstand sein Flehen.

Auch ist er sich darüber klar, welch eine Freude es in vielen auslösen wird, wenn erst die ersehnte Wendung von Gott aus kommen kann. Mehr als manche wahrhaben wollten, lebte in vielen verborgen dennoch eine lebendige Gottesfurcht. Mochte es auch im öffentlichen Leben den Anschein haben, als ob fast das ganze Volk ein Opfer der heidnischen Aufklärung und des innerlichen Verfalls geworden wäre, kann Gott erst auf Grund seiner Vergebung in das Geschick seines Volkes eingreifen, dann wird sich zeigen, wie viele ihr Knie nicht vor den Göttern der Fremden gebeugt haben. Ihre Freude und ihr Frohlocken werden es allen bezeugen, wie wenig sie dem Geiste ihrer Zeit verwandt gewesen waren.

Es war eine prophetische Zuversicht und Erwartung, von der sich der Psalmist innerlich begnadet und getragen sah. Durch sie blieb er stark trotz aller Leiden und Kämpfe, mit denen seine Zeit verbunden war. Er konnte hoffen und warten, so dunkel die Gegenwart auch noch  war, denn er hatte Gott nicht verloren. Gott ist aber nicht nur ein Gott der großen Vergangenheit, er ist der Gott der weit größeren Zukunft, Er fleht gegenwärtig inmitten des Sechstagewerks seiner Neuschöpfung. Durch Christus sucht er zu erlösen, die sich für seinen Herrschaftsanspruch an den Menschen erlösen lassen wollen. Sie sollen Anteil haben an dem König= reich der Himmel, an dem Schöpfungssabbat der Vollendung, auf den hin alles Wirken Gottes angelegt ist.

III. Die Himmel rühmen die Ehre Gottes Psalm 19

 

Überschrift: Dem Musikmeister, ein Psalm Davids 

19 a. Das Lied der Schöpfung

 

2. Die Himmel rühmen die Ehre Gottes1),

und die Feste verkündigt das Werk seiner Hände.

3. Ein Tag kündet2) es dem ändern

und eine Nacht tut es der anderen kund —

4. [und zwar] ohne Sprache, ohne Worte,

mit lautloser Stimme [reden sie].

5. Ihr Schall geht aus in alle Lande,

ihr Reden bis ans Ende der Welt.

Dort hat er der Sonne ein Zelt gesetzt.

6. Und sie — dem Bräutigam  gleich, der  sein Gemach verläßt--- sie freut sich wie ein Held, zu laufen ihre Bahn.

7. An einem Ende des Himmels steiget sie auf, bis zum andern Ende reicht ihr Umlauf, vor ihrer Glut bleibt nichts verborgen.

 

19b. Die Herrlichkeit des Gesetzes

8. Das Gesetz des HErrn ist vollkommen,

es erquickt die Seele.

Das Zeugnis des HErrn ist zuverlässig,

den Einfältigen macht es weise,

9. Die Ordnungen des HErrn sind gerade

[und] erfreuen das Herz.

Das Geheiß des HErrn ist lauter

und erleuchtet die Augen.

10. Die Furcht des HErrn ist rein,

sie bleibt für immer bestehen.

Die Urteilsprüche des HErrn  sind wahr,

gerecht sind sie allzumal.

11. Köstlicher sind sie als Gold,

als Feingold in Menge, und süßer als Honig und Honigseim.

12. Auch dein Knecht hat ihre Unterweisung vernommen;

wer sie bewahrt, wird reichlich belohnt.

13. Wer [aber] kann merken, wie oft er fehle? Von Fehlern, den unerkannten, sprich mich los.

14. Auch vor mutwilligen Übertretungen3) schütze deinen Knecht, laß sie nicht über mich herrschen.

Dann werde ich Schuldlos sein, und frei bleiben von Schweren Verfehlungen.

15. Mögen dir gefallen die Worte meines Mundes, ja, das Sinnen meines Herzens, HErr, du mein Hort und mein Erlöser!

 

Wir wären Götter, könnten wir Gott in seiner Größe, Majestät und Herrlichkeit fassen. Wohl suchen wir Gott, ohne ihn finden zu können. Wir wissen von ihm nur insoweit, als er in seiner Offenbarung selbst zu uns kam und uns durch seinen Geist erleuchtete. Wir wissen uns auch als ein kleines Glied der Schöpfung. Ihren Gesamtorganismus begreifen wir aber nur insoweit, als es uns möglich war, forschend und horchend in ihre Geheimnisse, in ihre Ordnungen und in ihre Energien zu dringen. Ob Offenbarung, ob Schöpfung: beide wollen uns zu jeder Zeit die Majestät des Ewigen, die Größe des Schöpfers und die Herrlichkeit des Allmächtigen verkündigen.

In ihren Dienst stellt sich auch unser Psalm. Er redet zu uns von zwei Welten, die aber beide denselben Schöpfer rühmen. Die erste Hälfte des Psalms spricht von der Herrlichkeit der Schöpfung und die zweite von der Herrlichkeit der Offenbarung. Entsprechend der Größe des Inhalts hat der Sänger auch eine entsprechende dichterische Form gefunden. Er spricht als ein von Gottes Offenbarungsherrlichkeit Ergriffener. Daher   haben seine Worte einen so vollen Klang. Auch die Jahrtausende haben seinem Zeugnis nichts von seiner Schönheit und Kraft, von seiner Wucht und Klarheit rauben können.

Zwar ist der Psalm kaum von ein und demselben Dichter gesungen worden. Durchweg wird angenommen, daß nämlich vom ersten Teil des Psalms, dem Lied der Schöpfung, der Schluß verlorengegangen sei. Vielleicht hat man sich, bei der Zusammenstellung des Psalms dadurch bestimmen lassen, daß beide Teile, sowohl der Inhalt der ersten als auch der der zweiten Hälfte ein gewaltiges Zeugnis von der Offenbarungs-herrlichkeit sind. Der erste Sänger besingt

 

1. Den Ruhm der Schöpfung (Vers 2 — 7).

Nicht etwa nur der israelitisch=jüdische Mensch jener Zeit wurde gelegentlich innerlich ergriffen und erschauerte, wenn er sinnend vor der Schöpfung mit ihrem rhythmischen Gang, mit dem Pulsschlag ihrer Kräfte und mit der Schönheit und der Mannigfaltigkeit ihres Lebens Stand. Lieder von Weltentstehung und  Weltbewunderung haben daher auch andere Völker gesungen. Aber in ihren Mythen und Sagen suchen wir vergeblich nach einer verwandten Schau. Erst auf Grund der Offenbarung sieht der Mensch, im Weltall nichts anderes als den Abglanz der Majestät des Ewigen. Im geschaffenen Stoff muß er die mannigfaltige Weisheit des Schöpfers bewundern. Unser Sänger Schreibt zwar nicht als Naturforscher und Naturphilosoph. Er Singt aber als ein von dem Ruhm der Schöpfung Ergriffener:

 

2. Die Himmel rühmen die Ehre Gottes,

und die Feste verkündigt das Werk seiner Hände.

 

Für ihn haben die Himmel ihr Schweigen gebrochen. Er hört ihr Rühmen, er versteht den Inhalt ihrer Sprache. Er war dem Geiste des Schöpfers verwandt; daher verstand er das Lied, das die Schöpfung ihrem Schöpfer singt. Denn nur Verwandtes kann das Verwandte verstehen. Nur ein gottverwandter Geist des Menschen, der nicht sein eigener Schöpfer, sondern von oben herab geboren ist, vermag das Göttliche in den wechselnden Erscheinungsformen innerhalb des Schöpfungswerkes zu vernehmen. Seine Schau macht aber den Menschen nicht zum Sklaven der Schöpfung, sondern erhebt ihn zur Anbetung des Schöpfers. Nicht so die Heiden! Für sie Schweigen die Himmel. „Aber kein einziges Volk auf der Welt ist imstande, einen schweigenden Himmel zu ertragen. Leise und laut, betend und fordernd ertönt aus jedem Volk der Ruf: ,O Gott, rede doch! Darum deuten die Magier den Sternenhimmel. Darum tanzen die Derwische! Darum fragen die Griechen ihr Orakel! Sie alle wollen nur eins: den Himmel zum Reden bringen. Aber der Himmel Schweigt4)."

Erst Menschen, die wie Samuel und die Propheten ein Ohr  für das persönliche Reden Gottes gewonnen, hören auch  die Himmel Gottes Herrlichkeit rühmen. Ihnen erzählt des Himmels Gewölbe von dem Werk seiner Hände. In den größten und kleinsten Erscheinungen und Daseinsformen der Schöpfung vernehmen sie Töne von dem Anbetungspsalm der Seraphim vor dem Throne des Schöpfers: „Heilig, heilig, heilig ist der HErr der Heerscharen, die Fülle der Erde rühmt seine Herrlichkeit!" (Jes. 6,3). Solche Menschen  sind innerlich verwandt dem Geiste Jesu, zu dem der Vater auch  durch die  Lilien des Feldes und durch die  Sperlinge auf dem Dache reden konnte. Sie bleiben nicht bei der Schöpfung hängen, bauen nicht den Himmeln ihre Altäre und knien nicht anbetend vor den Kräften der Erde. Auch bleiben sie nicht stecken in der Eigengesetzlichkeit der Schöpfungsordnungen. Sie unterstellen Sich vielmehr bewußt und hingebend dem unmittelbaren Wirken ihres Schöpfers. Sie verwechseln nicht Werk und Meister. Je tiefer sie eindringen in die Wunder der Schöpfung, desto größer wird ihnen der wesenhafte Abstand zwischen dem Geiste des Schöpfers und dem Werk seiner Hände. Nie kann ihnen daher der Himmel den ersetzen, der im Himmel als Herr der Schöpfung thront. Nie erwarten sie vom Segen der Erde, was ihnen allein im Glaubensumgang mit dem Herrn der Erde werden kann.

Wie stark unserem Sänger die gesamte Schöpfung im Diente ihres Schöpfers steht, das sagt er uns durch Strophen:

 

3. Ein Tag kündet es dem andern

und eine Nacht tut es der anderen kund —

4. [und zwar] ohne Sprache, ohne Worte,

mit lautloser Stimme [reden Sie].

 

Schweigend bricht zwar an jedem Morgen der Tag aus nächtlichem Dunkel hervor. Schweigend legt sich auch die  Nacht nach jedem Tage auf die gesamte müde Schöpfung. Und dennoch reden sie. Durch ihr Kommen und Gehen künden sie gleichsam ein Geheimnis. Ihr Gehorsam ist  nur eine Wirkung jener Gesetze und Ordnungen, die sie von ihrem Schöpfer empfangen haben. „Die Naturwirkungen sind Gottes Wirkungen; die Naturgesetze Sind Gottes Gedanken", Sagt Oersted, der berühmte Entdecker des Elektromagnetismus in seinem Buche „Geist in der Natur", Sie können in dieser heiligen Gesetzmäßigkeit als Tag und Nacht nur dienen, weil sie im Wirken eines Höheren stehen. Jeder Tag und jede Nacht künden von dem Tun und dem Willen ihres Souveränen Schöpfers. Sie sind das Werk seiner Hände, das Tagebuch einer ewigen Schöpfungsgeschichte.

Sind doch die Bedingungen des Lebens und das Wohlsein aller höheren Geschöpfe von der täglichen Umdrehung der Erde um ihre eigene Achse abhängig. Wo auf der Erde nur ewig die Sonne glüht, da herrscht die Wüste. Wo auf ihr nur die Kälte der Nacht herrscht, da starrt alles in Schnee und Eis. Wer daher im Tagebuch Gottes zu lesen vermag, dem kündet jeder neue Tag Gottes Weisheit und Schöpfermacht, zu dem redet jede Nacht von der Güte und Liebe dessen, der als Schöpfer Himmel und Erde regiert. Obgleich ihre Kunde klang= und wortlos ist, so reden beide dennoch eine verständliche Sprache. Auch der schlichteste Mensch sieht sich gelegentlich von einer inneren Ehrfurcht und Bewunderung erfaßt, wenn er das Licht des Tages und die Ruhe der Nacht genießt,

 

6a. Ihr Schall geht aus in alle Lande, ihr Reden bis ans Ende der Welt.

 

Weltumspannend ist ihr Wirken, weltumspannend ist daher auch ihre  Kunde. So sind Himmel und Erde mit ihrer Sprache „das Buch der Gotteserkenntnis für alle Welt". Es waren in der Geschichte nicht selten die ganz Großen, in deren Leben in wunderbarer Wechselwirkung und Harmonie Ehrfurcht vor Gott und großes Wissen um die Schöpfung standen. Und alle Freunde des biblischen Wortes müssen immer wieder erkennen, wie die göttliche Offenbarung in Worte und Gleichnisse gefaßt ist, die aus dem Wörterbuch der Schöpfung gewählt worden sind.

Am stärksten sah sich der Sänger vom Tageslauf der Sonne, von ihrem Auf= und Untergang beeindruckt. Er Sagt:

 

5b. Dort hat er der Sonne ein Zelt gesetzt.

6. Und sie — dem Bräutigam gleich, der sein Gemach verläßt — Sie freut sich wie ein Held, zu laufen ihre Bahn.

7. An einem Ende des Himmels steiget sie auf bis zum ändern Ende reichet ihr Umlauf, vor ihrer Glut bleibt nichts verborgen.

 

Man muß von den Bergen Judas aus einmal den Aufgang der Sonne über die Moabiter Berge im Osten und das Dahinscheiden der Abendsonne im weiten Westen des Mittelmeeres gesehen haben, um diese eindrucksvolle Sprache ganz zu verstehen. Der Ausdruck der Freude, der Schönheit und der Kraft, die aus der Haltung des Bräutigams spricht, wenn er sein Brautgemach verläßt, ist dem Sänger das Gleichnis um die Sonne in ihrer majestätischen Ruhe, in ihrer flammenden Pracht, in ihrem Gleichschritt durch die  Jahrtausende zu besingen. Das Himmelsgewölbe ist ihr Wohnzelt, vom Schöpfer ihr aufgeschlagen. Aus diesem tritt sie am Morgen heraus, in dieses zieht sie sich bei ihrem Untergang wieder zurück. Der Semite drückt den Begriff „Sonne" durch ein Wort männlichen Geschlechts aus. Ihm ist sie „der Flinke", während er den Mond „den Wanderer" nennt. Nicht etwa müde, — wie ein Held im Gefühl seiner Kraft beginnt sie im Osten ihren Tageslauf und hüllt die Erde in ihre Lichtfülle, so daß sich niemand ihrer Glut entziehen kann.

Ihr Tageslicht ist mithin die Himmelsgabe, die sie der Erde und deren Lebensfülle spendet. Im Dienste ihres Schöpfers flehend, erhält sie durch ihr Licht die Gewässer im Meere im flüssigen Zustand. Sie bedingt die Gasform der Luft, die wir atmen. Ihr Licht verwandelt sich je  nach den Bedürfnissen der irdischen Haushaltung in Wärme, in Elektrizität, in Magnetismus, in chemische Anziehung und Abstoßung, in Arbeitskraft, in Bewegung und Leben. Die Lebenswärme unseres Leibes, der Kreislauf unseres Blutes, jeder Pulsschlag unseres Herzens, jede Bewegung unserer Glieder ist eine Umsetzung der ursprünglichen Wirkung des Sonnenlichtes.

Was Wunder, wenn diese göttliche Werkstätte, aus der so reiche Segensströme für die Erde und ihre Bewohner fließen, bereits in alten Zeiten Männer, wie unser Sänger einer war (vgl. Ps. 8; 104; Jes. 40, 21—26), mit tiefer Ehrfurcht, höchster Ergriffenheit und glaubensvoller Anbetung dem Schöpfer gegenüber erfüllte! Ihnen schließt sich ein neuzeitlicher Forscher mit den inhaltsschweren Worten an: „Ein Herold der Größe Gottes — ein Wunderwerk seiner Allmacht — ein glühendes Zeugnis seiner Liebe — ein Abglanz seiner Majestät — ein Lichtschimmer seines ewigen Reiches: das ist der Riesenball der Sonne5)!"

Hatte unser Psalmist die Anregungen für seinen Psalm beim Anblick der Gottesherrlichkeit in der Schöpfung empfangen, so sah der zweite Sänger dieselbe Gottesherrlichkeit in dem geoffenbarten Wort. Dieses fand er in der Thora, d. h. in dem geschriebenen Gesetz. Das ist ihm, wie ein neuerer Ausleger sagt, „die geistige Sonne ohne Sonnenflecken, ein Abglanz des ewigen Lichtes, ein Ausstrahlen der Herrlichkeit Gottes". Vom Gesetz so zu reden und es in seinem Inhalt so zu erfassen, wie der Psalmist es tut, vermag nur jemand, der es in seinen Wirkungen als Kraft Gottes erlebt hat. Ihm ist das Gesetz nicht eine Sammlung von Lehren und Aufsätzen, die er als Schriftgelehrter zu Studieren hat. Aus ihm hört er Gott in seiner Liebe und in seinem Gericht zu seiner horchenden Seele reden. Nicht ein toter Buchstabe, der lebendigmachende Geist Spricht zu ihm aus dem Gesetz. Über die mannigfaltigen Wirkungen, die der Psalmist uns vom Gesetzt zu sagen hat, kann man die Überschrift setzen:

 

2. Die Herrlichkeit des Gesetzes (Vers 8-15).

Wie der Begriff „Herrlichkeit" im Blick auf Gott, den Quell aller Offenbarung, mehr ist als nur eine Benennung des Lichtglanzes, von dem Er umgeben ist, so auch im Blick auf das Gesetz. Die Herrlichkeit ist hier Ausdruck der göttlichen Kraft und Segensfülle, welche diejenigen im Gesetz finden, die betend horchen, was ihnen Gott selbst durch dasselbe sagen will.

 

 

8. Das Gesetz des HErrn ist vollkommen, es erquickt die Seele.

Das Zeugnis des HErrn ist zuverlässig, den Einfältigen macht es weise.

 

So Sprach der Sänger nicht etwa nur aus einer gewissen äußerlichen Gesetzesfrömmigkeit heraus. Er hatte an der Thora, in dem geschriebenen Gesetz etwas von der Herrlichkeit Gottes gesehen. In den von ihm genannten verschiedenen Eigenschaften des Gesetzes erkannte er Eigenschaften Gottes, Wirkungen seiner Offenbarung. Die Vollkommenheit der Offenbarung in ihren mannigfaltigen Wirkungen entsprach mithin der Quelle, aus der sie floß. Gott ist vollkommen, daher kann auch sein Gesetz ein vollkommenes sein. Das Wort „vollkommen" ist im Alten Testament ein oft wiederkehrender Begriff. So wird z. B. Abraham nach der Geburt Ismaels aufgefordert: „Wandle vor mir und sei vollkommen" (1. Mos. 17,1). Ismaels Geburt war nicht aus einem Wandel vor Gott hervorgegangen. Abraham hatte das Vertrauen zur empfangenen Verheißung verloren. Daher hatte er Hagar in sein Zelt genommen. Dieses sein Verhalten hatte nicht der vollkommenen Offenbarung entsprochen, die in der Verheißung zu ihm von einem Erben geredet hatte. Nun wird er erneut aufgefordert, entsprechend der empfangenen Offenbarung vor dem Allmächtigen zu wandeln. Gott vermag zu geben, was er verheißen hat. Der Begriff „vollkommen" ist hier mithin mehr als „tadellos", „fehlerfrei". Er bezeichnet ein vollkommenes, nicht schwankendes Verhalten einer empfangenen Verheißung gegenüber, hinter der Gott in seiner Vollkommenheit und Allmacht steht.

Von den Opfertieren, die der Israelit als Schuld= und Brandopfer auf den Altar des Herrn zu bringen hatte, wurde verlangt, daß sie „vollkommen" sein sollten. Ein vollkommenes Tier war mithin ein fehlerfreies, mit keinem Gebrechen behaftetes Tier. Ohne Tadel, ohne Fehl, ganz dem Wesen und der Eigenart Gottes entsprechend, so sah der Fromme in Israel das geoffenbarte Gesetz vom Sinai an. Weil es der Vollkommenheit Gottes entspricht, daher vermag es auch die Seele zu erquicken. Denn Gott will den Menschen durch seine Offenbarung nicht knechten, er will ihn vielmehr von der knechtenden Furcht der Heiden vor ihren Göttern freimachen. Der eigentliche Begriff für „erquicken" besagt auch mehr als nur „erfreuen". Er bedeutet: „Die Seele zurück ins Leben rufen". Darin liegt letzthin das große Geheimnis der Mission der Offenbarung. Durch sie will Gott den Menschen wieder zurück aus dem Tode ins Leben, d. h. aus der Knechtschaft der Sünde in die Gemeinschaft mit sich selbst führen. Am vollkommensten ist ja diese Mission an Christus offenbar geworden. Sein Wirken war und ist ja kein geringeres als die Wiederbringung des Verlorenen. Er sucht alle ins Leben zurückzuführen, die tot sind in Sünden und Übertretungen. Er ist daher auch  die weit vollkommenere Gottesoffenbarung. In ihm ist Gott in seiner Vollkommenheit unter uns getreten, wie es ihm vorher durch kein gesprochenes und geschriebenes Gesetz möglich war.

Unser Psalmist bezeichnet das Gesetz weiter als ein „Zeugnis Gottes". Gott lebt nicht sich selbst. Er lebt seiner Schöpfung, in derselben besonders dem Menschen als seinem Ebenbilde. Ihm sind die Menschen Söhne und Töchter, wenn auch solche, die irren und in der Fremde weilen. Ihnen will er sich  in seinem Wort, durch seinen Geist und durch sein mannigfaltiges Walten offenbaren, jede Offenbarung soll ihnen ein Zeugnis seiner Liebe, seiner Treue, seiner Hilfe und seiner Bewahrung sein. Das ist ja das Eigenartige auch am Alten Testament, daß dessen Erzählungen, Berichte, Personen, Gebete, Lobgesänge nur eine große Kunde von dem sein wollen, der in seiner Barmherzigkeit zu tun vermag weit über unser menschliches Verstehen und Flehen.

Wer nun wagt, diesen Zeugnissen zu vertrauen, der erlebt, wie zuverlässig sie sind. Niemand fand in der Glaubenshingabe an die Zeugnisse Gottes den Tod, man gewann das Leben. Sie machen die Einfältigen weise. Wie geklärt in ihrem Urteil, wie sicher in ihren Handlungen, wie klar in ihren Zielen, wie fruchtbringend in ihrem Dienen werden selbst schlichte, einfache Menschen, die ihr Leben zu ordnen suchen nach den Zeugnissen  des Herrn. Sie wissen etwas von göttlicher Führung. Sie lernen ihre Tritte in Gottes Fußstapfen setzen. Sie fürchten sich, in ihrem Dienen Luststreiche zu machen, in ihren Handlungen unfruchtbar zu werden. Wie ein Abraham sehen sie sich in das Vertrauen Gottes gezogen. So werden sie weise, ohne eingenommen von sich selbst zu sein. Der Inhalt ihres Rühmens ist allein der HErr, der durch seine Zeugnisse auch zu ihnen gesprochen hat.

 

9. Die Ordnungen des HErrn sind gerade [und] erfreuen das Herz. Das Geheiß des HErrn ist lauter und erleuchtet die Augen.

 

Man muß solchen Lobpreis des Gesetzes angesichts des moralischen Tiefstandes lesen, der damals unter den Nachbarvölkern herrschte, Unsittlichkeit, Betrügerei, Gewalttätigkelten, Gewinnsucht wurden unter den anderen Völkern vielfach gerade von denen am stärksten betrieben, die über die Macht und den Einfluß im Volke verfügten. Entsprechend ungerade, biegsam, dem eigenen Ermessen der bestechlichen Richter preisgegeben, waren auch die gesetzlichen Erlasse und Verordnungen, die das soziale, wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben ordnen sollten. Sieht ein Volk sich aber nicht mehr durch obrigkeitliche Ordnungen geschützt, so erstirbt in ihm die Freude und die Schaffenskraft. Wie hebt sich dagegen die innere Stimmung und die Freude am Leben innerhalb eines Volkes, wenn es erkennt, wie sein Staat durch seine Verordnungen und Gesetze die Härten des Lebens, besonders auch für die Armen und Schwachen, zu mindern Sucht.

Im Gegensatz zu dem Leben der Nachbarvölker gab es in Israel=Juda Zeiten, wo auch das öffentliche Leben unter die Normen des geoffenbarten Gesetzes gestellt wurde. Stellten diese Normen in ihrem Inhalt und in ihrer Form auch nicht etwas Vollendetes dar, so lernte man doch in ihrem Lichte den wahren Unterschied zwischen gut und böse, zwischen Licht und Finsternis, zwischen Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit verstehen. Wie klar werden aber Augen, die erleuchtet werden durch das Licht göttlicher Offenbarung! Welch ein zartes Gewissen gewinnen Menschen, denen das Geheiß des HErrn höher steht als jeder Gewinn des Lebens! Wie lauter werden Handlungen, die aus kindlichem Glaubensgehorsam gegen den HErrn fließen! Davon redet unser Sänger. Er kann weiter bezeugen:

 

10. Die Furcht des HErrn ist rein, sie bleibt für immer bestehen. Die Urteilsprüche des HErrn sind wahr, gerecht sind sie allzumal.

 

In dem Begriff „Furcht des HErrn" handelt es sich wohl hier  weniger um das persönliche Verhalten des einzelnen zu Gott, d. h. um die aus dem Glauben geborene Gottesfurcht. Verstehen wir den Vers richtig, so handelt es sich in dem Begriff vielmehr um Gottes Bundesverhältnis zum Menschen. Dieses bleibt bestehen, wenn auch die Zeiten sich ändern und die Menschen in Irrtum und Schuld verfallen. Gott bleibt seiner Offenbarung zum Heile des Menschen treu. Aus dieser Treue fließen auch alle seine Rechtsbestimmungen. Sie entsprechen der göttlichen Wahrheit. Sie sind gerecht allzumal, sowohl in dem, was sie versprechen, als auch in dem, was sie fordern oder verbieten. Ob Gebot oder Verbot — in beiden Fällen soll der Mensch in ihnen sein Heil, nicht sein Verderben finden.

So wird verständlich die hohe Wertschätzung des Gesetzes, mit der der Sänger Schließt. Gottes Offenbarung im Gesetz ist ihm „letzter Wert und höchstes Gut". Sie kann weder durch Feingold in Menge noch  durch Genuß von Honig und Honigseim aufgewogen werden.

 

11. Köstlicher sind sie als Gold, als Feingold in Menge, und Süßer als Honig und Honigseim.

 

Trotz dieses" Hohenliedes über das Gesetz fühlt man es dem Psalmisten ab, daß er noch nichts Gemeinsames hat mit den späteren Rabbis, den Thoralehrern, die das Gesetz schließlich vergötzten und Gott zum Nationalgott des israelitischen Volkes erniedrigten. Diesen war die obere Welt Gottes letzthin nichts anderes als eine Welt der Thora und ihres Studiums. Um der Thora willen, so wähnten sie, schuf Gott die Welt, um ihretwillen erhält er sie. Wo Sie ist, da ist Er. Das gesamte Tun und Leben Gottes wird durch das Gesetz bestimm. Er hat sich selbst den Bestimmungen des Gesetzes, ja der Autorität der Rabbinen und ihren Festsetzungen unterstellt, bewegt sich  innerhalb der gesetzlichen Ordnungen und Schranken6).

Wie fern lag unserem Sänger solch eine rabbinische, gotteslästerliche Gesetzesverehrung!  Ähnlich dem Sänger von Psalm 119 ist es ihm Freude und Wonne, daß er durch die Offenbarung Gott selbst in seinem Wollen und Walten, in seiner Liebe und Gerechtigkeit schauen durfte. So wird verständlich, wie er seinen Psalm mit dem inhaltsvollen Zeugnis abschließen konnte:

 

12. Auch dein Knecht hat ihre Unterweisung vernommen; wer sie bewahrt, wird reichlich belohnt.

 

Wenn er solch ein Hoheslied über den Wert des Gesetzes gesungen hat, so hat er nicht als ein Unkundiger geredet. Er hatte zuvor sein Ohr den Unterweisungen des Gesetzes geöffnet. So oft er nun sein Leben durch diese Unterweisungen bestimmen ließ, wurde er nicht enttäuscht. Nicht verloren, gewonnen hat  sein Leben durch den Gehorsam dem Gesetze des HErrn gegenüber. Er ist überzeugt, daß auch alle anderen Menschen einen reichlichen Lohn empfangen werden, die Gottes Unterweisungen in ihrem Herzen bewahren.

 

3. Das Flehen um  Bewahrung (Vers 13 — 15).

Wie richtig der Psalmist das Gesetz auffaßte, das bezeugt zuletzt sein Gebet. Im  Lichte des Gesetzes sah er Gott, dann aber auch sich selbst. Sobald Menschen sich in die Gegenwart Gottes versetzt sehen, werden sie sich auch sehr bald des Abstandes  zwischen Gott und sich selbst bewußt, Jesaja sprach: „Wehe mir ich bin sündiger Lippen!" nachdem er den Herrn sitzen sah auf einem hohen und erhabenen Thron (Kap. 6,1). Tiefe Gotteserkenntnis weckte im Menschen immer auch ein entsprechend tiefes Schuldbewußtsein. Auch unser Sänger betont:

 

13. Wer [aber] kann merken, wie oft er fehle? Von Fehlern, den unerkannten, sprich mich los.

 

Der Psalmist hat sich zwar nicht den Unterweisungen des HErrn entzogen. Wie oft hatte aber sein Glaubensgehorsam diesen Unterweisungen nicht entsprochen. Mancher Ungehorsam legte sich ihm Schwer auf seine Seele. Außerdem mußte er sich fragen: wie viele Fehler sind überhaupt unerkannt geblieben! Wissen doch alle Glaubenden, daß ihnen plötzlich Sünden zum Bewußtsein kamen, die sie ohne innere Skrupel jahrelang gepflegt hatten. Ein großer Kenner des Hebräischen übersetzt den Vers: „Wer kann sich doch jedes seiner Irrtümer bewußt sein? Für Solche, die mir entgangen, strafe mich nicht7)."

Der Sänger kannte außerdem sich selbst. Er wußte, wie schwach der Mensch der Versuchung gegenüber sein kann. Er vertraute nicht sich selbst. Auch suchte er seine Bewahrung nicht in seinem Charakter, in seiner moralischen Stärke. Er wußte, daß er nicht erhaben über der Macht der Sünde stehe. Daher bittet er:

 

14. Auch vor mutwilligen Übertretungen schütze deinen Knecht, laß sie nicht über mich herrschen. Dann werde ich Schuldlos sein, und frei bleiben von schweren Verfehlungen.

 

Wie nahe kommt der Sänger in diesem seinem Flehen den beiden Bitten, die Jesus auch seiner Jüngergemeinde auf das Herz und auf die Lippen gelegt hat: „Vergib uns unsere Schulden" und „führe uns nicht in Versuchung". Nicht etwa nur die Vergebung, sondern auch die Bewahrung vor der Sünde ist Gnade. Für beides bedarf es einer Macht, die Stärker ist als die Sünde in ihrer Versuchung, die größer ist als der Mensch in seiner Schwachheit. Diese Macht kann nur Gott sein. Daß solch eine Glaubenshaltung auch von der Gemeinde Jesu Christi übernommen werden konnte, geht ja besonders aus den Briefen des Apostels Paulus hervor. Wenn auch erst im neuen Bunde die Sünde in ihrer wahren Herrschaft und Dämonie, die Vergebung auf Grund des Todes Christi, die Bewahrung durch die Macht der Gnade Gottes in ihrer Tiefe erfaßt werden konnten, die Grundgedanken lagen bereits auch in solch einem gläubigen Gebet eines alttestamentlichen Frommen.

Daß es diesen Frommen in ihrem Flehen nicht etwa um eine verdienstliche Leistung oder nur um ein nachgesprochenes  Gesetzesgebet ging, sondern um tiefste Herzenssehnsucht und kindliche Glaubenshingabe, das besagen die Schlußworte:

 

16. Mögen dir gefallen die Worte meines Mundes, ja, das Sinnen meines Herzens, HErr, du mein Hort und mein Erlöser!

 

Worte des Mundes und Gesinnung des Herzens deckten sich beim Psalmisten. Die Worte seines Gebets waren Ausdruck der Sehnsucht seiner Seele. Seine Erwartungen gingen auf Gott. Denn Gott allein kann ihm in der Welt mit ihren diabolischen Versuchungen und ihrer Macht der Sünde der Zufluchtsort und der Goel, d. h. der Erlöser sein. Das Wort bedeutet eigentlich „Einlöser", einer, der einen Gefangenen einzulösen, loszukaufen hat. Nur Gott ist zu solch einer Loskaufungstat groß und Stark genug. Er macht auch Gebundene frei. In seiner Barmherzigkeit hebt er Menschen aus der Gewaltherrschaft der Finsternis heraus und versetzt sie in die Königsherrschaft des Sohnes seiner Liebe. Mit dem Zeugnis des Sängers decken sich auch die Erkenntnis und der Glaube der Kirche Christi. Mit dem Apostel Paulus kündet sie täglich neu aller Welt: „Ich weiß, auf wen ich meine Zuversicht gesetzt habe und bin überzeugt, daß Er mächtig ist, mein mir anvertrautes Gut bis zu jenem Tage zu bewahren" (2. Tim. 1,12).

 

Anmerkungen zu Psalm 19

1) Das auch mit „Ehre",  ,,Majestät" übersetzte Wort bedeutet hier mehr: die Himmel rühmen die ganze schöpferische Gottesfülle, die sich in ihnen offenbaren kann.

2) Im Hebräischen  ist die Wortwurzel die Wortwurzel „weissagen", die eigentlich „hervorsprudeln", ein „Reden in Ekstase" oder „unter Eingebung einer höheren Macht" bedeutet.

3) einige Ausleger fassen das Wort nicht sachlich, sondern personhaft und übersetzen  mit „Übermütigen", Sie nehmen an, daß der Psalmist in diesen Übermütigen jene Griechenfreunde innerhalb seines Volkes sah, die manchen Frommen zu schweren Verführern wurden,

4) E. Braun=Dipp: Du sollst an das Leben  glauben. Seite 45. Evangel. Missionsverlag Stuttgart und Basel.

5) Dr. A. R. Böhner: Kosmos. S. 92. Leipzig. Ferdinand Hirt & Sohn. 1882,

6) Nach Dr. Ferdinand Weber: Jüdische Theologie. S.158f. Leipzig, Dörffling &Franke. 1897.

7) A.B. Ehrlich: Die Psalmen.

IV. Ist Gott für mich so trete...Psalm 27

Überschrift : Von David1)

 

1. Der HErr ist mein Licht und mein Heil, wen sollte ich fürchten?

Der HErr ist die Schutzwehr2) meines Lebens, vor wem sollt' ich erschrecken?

2. Wenn Bösewichte [auch] wider mich nahen, die mein Fleisch  verschlingen wollen, meine Bedränger und die mich befehden — so müssen sie straucheln, sie werden fallen.

3. Ob auch ein Heer sich wider mich lagert, unerschrocken bleibt [dennoch] mein Herz. Selbst wenn ein Krieg sich erhebt wider mich, auch dann bleib` ich voller Zuversicht.

4. Eins erbitt' ich mir vom HErrn,

das such' ich zu erlangen,

daß ich weilen möcht' im Hause des HErrn,

und zwar mein [ganzes] Leben lang,

um hier die Schöne des HErrn zu  schauen,

sie zu betrachten3) in seinem Tempel.

5. Denn er birgt mich in seiner Hütte

am Tage des Unheils. Er Schirmt mich mit dem Schirme seines Zeltes;

auf einen Fels hebt er mich empor.

6. Drum darf ich kühn mein Haupt erheben

vor meinen Feinden ringsumher.

Drum will ich opfern in seinem Zelt

das Jubelopfer mit Posaunenschall,

dem HErrn will ich singen und Spielen.

 

Manche unserer starken Glaubenslieder innerhalb der Kirche Christi haben ihre lebendige Quelle in den alttestamentlichen Psalmen. Auch Paul Gerhardt holte sich seine Glaubenszuversicht und den Inhalt für sein Lied aus der mutigen und kühnen Sprache unseres Psalms. Es ist nicht zu verkennen, daß der Psalmist eine sehr kühne Sprache führt. Er führt sie aber nicht in unverantwortlichem Selbstbewußtsein. Sie war ihm nur der Ausdruck für sein Bekenntnis zu Gott. Die Lebenshaltung, die sich ihm aus diesem Vertrauen zu Gott ergab, konnte ihm durch keine Macht erschüttert werden. =b einzelne, ob viele sich wider ihn erheben, nicht er fällt, nein sie müssen Straucheln und fallen.

Nachdem sein Glaube diesen inneren Halt in Gott gefunden hat, ist seine Seele nur noch von  einer Sehnsucht erfüllt. Es ist die Sehn = Sucht nach dauernder Gemeinschaft mit Gott. Das Weilen und Bleiben in Gottes Nähe und Gegenwart geht ihm über alles. Sie allein bieten ihm Deckung und Sicherheit im Leben mit seinen Drangsälen und Feindseligkeiten. Und so oft er Gott in seiner Hilfe erlebt, soll jede Tat Gottes ihm zum Inhalt eines neuen freiwilligen Dankopfers werden. Um seines warmen Inhalts und um seiner zuversichtlichen Glaubenshaltung willen hat man den Psalm auch mit dem 23. verglichen. Beide Sprechen in großer Gewißheit von dem Sichgeborgenwissen in Gott und von dem Stillesein im Leben, das sich daraus ergibt. „Und wenn die Welt voll Teufel wär'...", singt Luther mitten in Zeiten schwersten Kampfes, und zwar aus derselben Glaubenszuversicht heraus.

Die Vulgata, d. h. die lateinische Übersetzung hat in der Überschrift des Psalms: „Von David" noch die Worte hinzugefügt: „bevor er gesalbet ward". Es ist jedoch fraglich, welche von den drei Salbungen Davids gemeint ist. Die Schrift berichtet von einer Salbung durch Sa- muel (1. Sam. 16,13), weiter von jener nach der Anerkennung Davids durch den Stamm Juda (2. Sam. 2,4) und zuletzt von der, die   mit   der   Huldigung   von   ganz   Israel   verbunden war (2. Sam. 5,3). Wenn an der Annahme festgehalten werden darf, daß der Psalm von David selbst gesungen worden ist, dann ist das Lied wohl in jenen Schweren Zeiten entstanden, die für ihn vor der ersten oder vor der zweiten Salbung lagen. Die Verfolgungen durch Saul gaben David täglich neu Gelegenheit, seine Stärke und Zuflucht allein in Gott zu suchen. Und je länger, desto klarer sah  er sich in seinem Vertrauen zu Gott durch den Gang der Geschichte gerechtfertigt. Die Feinde fielen, die uneinigen Stämme aber einigten sich und David durfte König über Israel sein. Die reiche Frucht seiner tiefen Erlebnisse mit Gott legte er alsdann nieder in diesem mutigen und Starken Glaubenspsalm, um zu bezeugen, wie er seine königliche Stellung und seinen Dienst allein Gott verdanke.

 

1. Das Bekenntnis zu  Gottes Wirklichkeit (Vers 1).

 

Mit diesem macht der Psalm uns zuerst bekannt. Es ist das granitne Fundament, von dem der weitere Inhalt getragen wird. Mit Recht ist gesagt worden, daß das Lied einen ausgeprägten Bekenntnischarakter trägt. Obgleich von einem Könige abgelegt, so ist es dennoch kein politisches und kein weltanschauliches Bekenntnis. Es ist das Bekenntnis des Glaubens  zu Gott

1. Der HErr ist mein Licht und mein Heil, wen sollte ich fürchten? Der HErr ist die Schutzwehr meines Lebens, vor wem sollt` ich erschrecken?

 

Solche Bekenntnisse waren stets die reiche Frucht großer Lebenserfahrungen. Erst nachdem die Jünger während ihrer Nachfolge Jesus in seiner Vollmacht und Autorität gehört und gesehen hatten, sprach Petrus eines Tages im Namen aller: „HErr, zu wem sollten wir geben? Du hast Worte ewigen Lebens. Wir haben geglaubt und erkannt, daß du der Heilige Gottes bist" Joh. 6,68f.). Das Erleben Gottes war mithin immer älter als das Erkennen und Bekennen Gottes. Nie hätte der Psalmist so kühn und mutig von Gott zu reden vermocht, wenn er nicht im Ernst seines Lebens, in der Härte seines Kampfes, in den Nächten seiner Drangsale Gott in seiner Wirklichkeit und Offenbarung geschaut hätte. Denn in seinem Bekenntnis spricht er nicht in erster Linie von seinem Verhältnis zu Gott. Er redet vielmehr zunächst von dem Verhältnis Gottes zu ihm. Gott ist ihm „Licht", „Heil"', „Schutzwehr" geworden - alles sind bildliche Ausdrücke für die Segenswirkungen, die sich in der Beziehung Gottes zu ihm auswirkten.

Von Gott als seinem „Licht" zu reden vermag der Mensch erst dann, wenn Gott ihm in seinem Ringen, Fragen und Irren zum Lichte werden konnte. Steht der Mensch vor schweren Entscheidungen und er sieht plötzlich klar den von Gott gegebenen Weg vor sich, so weiß er, daß Gott ihn durch sein Licht zu leiten versucht. Weiß der Mensch sich vom Dunkel der Nacht und von den Zweifeln des Lebens überfallen, und Gott erleuchtet durch seine Nähe das Dunkel und klärt durch sein Wort die Zweifel, dann weiß er: der HErr in seinem Lichte ist stärker als alle unsere Finsternis, er ist größer als alle seelischen Zweifel und Konflikte. Findet der Mensch sich durch alle Strömungen und Weltanschauungen der Zeit nicht mehr hindurch, und Gott läßt sein Urteil auf sie fallen, dann erkennt er, daß seinem Leben Inhalt, Kraft und Richtung allein durch Gott und seine Offenbarung werden können. Er gewinnt alsdann mehr und mehr eine Lebenshaltung, durch die er bejaht, was in der Geschichte, in der Kultur und im Völkerleben licht und wahr ist, und er verneint, was sich im Leben als falsch und unwahr erweisen muß.

Entsprechend ist das Bekenntnis des Sängers auch vom „Heil" Gottes. Nachdem Gott ihm zum Heil geworden ist, kann er unmöglich in den Verlockungen der Sünde, in den Genüssen des Lebens, im Gewinn der Erde sein Heil suchen. In ihnen findet der Mensch sein Verderben und seinen Tod, nicht aber seinen Segen und seine Rettung. Am Heil von unten her zerbricht der Mensch. Das Heil von Gott her macht ihn aber gesund in seiner Seele, klar in seinem Urteil, stark in Seinem Kampf und zuversichtlich in seinen Erwartungen. Denn Gottes Heil erfaßt, durchheiligt und bestimmt den ganzen Menschen. Solch eine innerliche Abhängigkeit von Gott macht Menschen des Glaubens im praktischen Leben immer unabhängiger von allen Widersprüchen und Ängsten. Sie können, wie einst die Propheten, auch in  Schweren Abfalls= und Krisenzeiten der Geschichte, Gottes Boten und Diener sein. Ihnen ist Gott letzte Autorität und Wirklichkeit, der sie sich freudig mit ihrem Leben, Dienen und Hoffen unterstellen.

In  solch einer Glaubenshaltung erlebt der Mensch Gott alsdann auch als seine „Schutzwehr", als Zuflucht und Bewahrung. Denn beides liegt in dem hebräischen Wort. Es besagt nicht nur, daß Gott die Zuflucht des Glaubenden ist, sondern zugleich auch seine Burg, seine Schutzwehr, in der er nicht vergeblich seine Deckung und Sicherheit sucht. Daher seine starke Glaubenszuversicht: „Wen sollte ich fürchten? Vor wem sollt' ich erschrecken?" Wie stark blieben Menschen auch in schwersten Kämpfen, wenn Gott ihnen Deckung und Sicherheit sein konnte! Wie Daniel am Hofe Nebukadnezars konnten sie auch auf verführerischem Posten zum Segen des Ganzen verantwortliche Dienste erfüllen. Das Geheimnis in der Bewährung war zu allen Zeiten das unbedingte Vertrauen zu Gottes Stärke und Schutz, Allein von dieser Glaubensgrundlage aus werden auch die weiteren Ausführungen des Sängers verständlich.

2. Das Vertrauen zu Gottes Bewahrung (Vers 2 — 3).

Je mehr der Mensch eine lebendige Schau von Gottes Majestät, Allmacht und Barmherzigkeit gewinnt, entsprechend wächst in ihm auch ein rückhaltloses Vertrauen zu Gott. Gottes machtvolles Handeln in seinem Leben erweckt in ihm zugleich einen dem Tun Gottes verwandten Glauben und eine entsprechende Gewißheit und Hingabe. Der Psalmist wagt zu sagen:

 

2. Wenn Bösewichte [auch] wider mich nahen, die mein Fleisch verschlingen wollen, meine Bedränger und die mich befehden — so müssen sie Straucheln, sie werden fallen.

 

Der Sänger setzte sich nicht blind über den Ernst und den Kampf des Lebens hinweg. Er unterschätzte seine Feinde nicht. Er wußte von ihrem tierhaften Charakter und daß sie in der Verfolgung ihrer Ziele skrupellos seien, skrupellos sein Leben zu verschlingen. In der Verfolgung seiner eigensüchtigen Pläne und Ziele kann ja der Mensch dem Menschen zur Bestie, zum Dämon werden. Ob Lüge, ob Verleumdung, ob Meuchelmord - ihm ist jedes Mittel recht, um seine Beute zu gewinnen. Wie satanisch war Sauls Verhalten David gegenüber, wenn er von ihm hundert Vorhäute der Philister als Brautgabe verlangte. „Aber Saul gedachte David durch die Philister zu Fall zu bringen" (1. Sam. 18,25 f.). Um Jeremias, den Unheilspropheten, loszuwerden, ließ Zedekia ihn in eine Schlammgrube werfen, damit er daselbst heimlich umkomme (Jer. 38,6 f.).

Wozu Menschen fähig sind, das wußte auch unser Sänger. Er kannte seine Feinde als Bösewichte, als Bedränger, als Menschen, die zu jeder Fehde und Übeltat fähig wären. Aber sie erschüttern seine Glaubensgewißheit und sein Ruhen in Gott nicht. Nicht er wird zerbrechen an dem Kampf, ihr Kampf wird das Unheil werden, an dem zuletzt sie zugrunde gehen müssen. Er ruhte in der Gewißheit, daß nicht der Feind über sein Leben zu bestimmen hätte, sondern allein Gott, dem sein Leben gehörte und geweiht war. Der Kampf der Feinde gegen ihn war ihm ein Kampf gegen Gott. Mit Gott aber wird kein Feind fertig. Auch dann nicht, wenn er sich mit Gesinnungsgenossen umgibt und zu einem Heerhaufen wird.

 

3. Ob auch ein Heer sich wider mich lagert, unerschrocken bleibt [dennoch] mein Herz. Selbst wenn ein Krieg sich erhebt wider mich, auch dann bleib` ich voller Zuversicht. 

 

Auch Feinde finden sich zu  gemeinsamer Handlung zusammen, wo sie einzeln nicht mit dem Leben und der Glaubenshaltung der Gottvertrauenden fertig werden können. Kaiphas und Pilatus wurden Freunde, als es sich um die Beseitigung Jesu handelte. Auch Gegner werden zu Freunden, sobald es sich um die Erreichung verwandter Ziele handelt. Hätte der Sänger das Vorgehen seiner Feinde von seinem eigenen Können aus eingeschätzt, er hätte in Angst und Verzweiflung fallen müssen. Er war jedoch so Zuversichtlich, daß er nicht einmal das Vorgehen der Feinde zu einem Notschrei seiner Seele machte. Das Schwergewicht des Kampfes lag für ihn nicht in dem Vorgeben der Feinde gegen ihn, Ihm war es das Anrennen der Feinde gegen Gott. Daher unterlag er nicht seiner seelischen Aufregung, er gewann vielmehr eine Kraft des Glaubens, durch die er die Welt überwand. „Weil losgelöst von jedem ängstlichen Besorgtsein um das eigene ich und ganz auf Gott und dessen Macht und Können konzentriert, gewinnt der Glaube das innere Gleichgewicht und die ruhige stete Kraft der richtigen Entscheidung: Wer glaubt, flieht nicht4)." Solch ein Glaube singt bis heute: „Hab' ich das Haupt zum Freunde und bin geliebt von Gott, was kann mir tun der Feinde und Widersacher Rott"

 

 

 

3. Die Sehnsucht nach Gottes Gegenwart (Vers 4 — 6).

 

Je mehr Gott mit seinem Tun und Handeln in das Leben eines Menschen treten kann, desto mehr sehnt sich derselbe nach Gott, dem lebendigen Gott. Er will Gott nicht nur erleben in seinem Wirken, ihn nicht nur sehen in seinen Taten, er sehnt sich nach der Gemeinschaft mit Gott selbst, nach dem Weilen in Gottes Nähe und Gegenwart Wie ein Kind in der Liebe des Vaters nicht nur dauernd das empfangende sein will, sondern sich danach sehnt, auch seiner eigenen Liebe dem Vater gegenüber einen Ausdruck zu geben, so auch der Glaube. Die Möglichkeit dazu findet er in der Pflege der Gemeinschaft mit Gott, in der inneren Erhebung zu Gott in Dank und Anbetung. Der Psalmist kleidet diese Sehnsucht in die Worte:

 

4. Eins erbitt' ich mir vom HErrn, das such' ich zu erlangen, daß ich weilen möchte` im Hause des HErrn, und zwar mein [ganzes] Leben lang, um hier die schöne des HErrn zu schauen, sie zu betrachten3) in seinem Tempel.

 

Mit diesen Worten drückt er aus, auf welchem Wege seine Sehnsucht gestillt werden kann. Wenn wir annehmen dürfen, daß David den Psalm gesungen hat, so liegt die Annahme nahe, daß er ihn vielleicht nach jenen Tagen niederschrieb, wo er die Bundeslade von der Stadt Kirjath=Jearim hinaufgeholt hatte nach Jerusalem (2. Sam. 6, 17f.). Wir wissen, welch eine Sehnsucht ihn erfüllte, als er nach allen Wirren, Kämpfen und Irrungen endlich die Regierung über ganz Israel hatte übernehmen können. Ihn verlangte danach, seine königlichen Dienste in der Gegenwart des HErrn zu tun. Er errichtete daher der Bundeslade in Jerusalem ein neues Zelt. Sie war ihm das Symbol für Gottes Gegenwart. Denn die klare Schau von der Allgegenwart Gottes, von der Jesus zum Weibe am Jakobsbrunnen sprach, hatte David noch nicht. Ihm war Gottes Nähe noch gebunden an das „Zelt", an die „Hütte", an den „Tempel". Hier wollte er weilen Sein ganzes Leben lang.

Dieses Weilen im Hause des HErrn soll seinem Leben den Inhalt geben. Er will diesen Inhalt gewinnen durch Anschauen der Schöne des HErrn. Unter dem Begriff Schöne verstand er nicht etwa den Glanz beim feierlichen Verlauf der Gottesdienste, auch nicht etwa den Lichtglanz Gottes, wie der junge Jesaja ihn bei seiner Berufung schaute. Er verstand darunter die Huld Gottes, die jene erfahren dürfen, die sich im Tempel mit all ihren Nöten und Kämpfen, mit all ihren Klagen und Dankopfern zu Gott erheben suchen.

So stark der Sänger auch von der Gegenwart des HErrn in zeit= und ortsgebundener Vorstellung redet, das Entscheidende war ihm aber die Sehnsucht nach einer dauernden Lebensgemeinschaft mit Gott. Sie soll täglich sein Leben ausfüllen. Ob es David oder letzthin ein anderer gottbegnadeter Sänger war, dauernd weilten nicht einmal die Priester im Heiligtum. Ihr weilen im Tempel war durch die Dienstordnungen der Priester geregelt. Aber nicht von einem dauernden mystischen Sichversenken in Gott redet hier der Psalmist. Wohl will er teilnehmen an den gottesdienstlichen Feiern der gemeinsamen Erhebung zu Gott. Nicht aber, um dauernd im Heiligtum zu bleiben. In den Gottesdiensten sucht er immer neu die Schau für Gottes Huld und Gnade fürs tägliche Leben zu gewinnen. Betritt er den Tempel, so geschieht es, um den HErrn selbst aufzusuchen5). Ihm ist es nicht um die innere Schönheit des Heiligtums, nicht um die äußerliche Feierlichkeit der Gottesdienste zu tun. Das Heil, nach  dem er sich sehnte und das er suchte, lag für ihn in der persönlichen Gemeinschaft mit Gott,

 

5. Denn er birgt mich in seiner Hütte am Tage des Unheils. Er schirmt mich mit dem Schirme seines Zeltes, auf einen Fels hebt er mich empor.

6 a. Drum darf ich kühn mein Haupt erheben vor meinen Feinden ringsumher.

Wie stark der Psalmist die heiligsten und innerlichsten Vorgänge und Wirklichkeiten  seines Lebens in Bildern ausdrückte, beleuchten diese seine weiteren Ausführungen. Ihm ist hier Gottes Gegenwart und Handeln eine „Hütte", in der er Zuflucht am Tage des Unheils finden darf. Es war ihm nicht schwer, in diesen Bildern zu reden. Zu  seiner Zeit waren die Heiligtümer zugleich Zufluchtsstätten der Verfolgten. Wer ins Heiligtum flüchtete und die Hörner des Brandopferaltars faßte, durfte nicht mehr vom verfolgenden Bluträcher getötet werden. Er hatte seine Zuflucht zu Gott genommen. Oder waren es andere feindliche Nachstellungen und Verfolgungen, wie z. B. David sie zur Genüge von Saul erlebte, so ist es der Herr, der den Verfolgten auf einen hohen „Fels" erhebt. Dort vermag ihn kein Speer noch Pfeil des Feindes mehr zu erreichen. Aus allen Bildern, Gleichnissen und Ausführungen Spricht mithin das unerschütterliche Gottvertrauen, das den Sänger in allen Kämpfen und Stürmen des täglichen Lebens erfüllte. Das Blickfeld seines Glaubens füllte Gott aus. Gott selbst war ihm Zuflucht, Schutzwehr, Bergung und Bewahrung. Daher konnte er im Bewußtsein seiner Sicherheit auf alle Feinde herabschauen. Neutestamentlich ist von Paulus dieselbe Glaubenszuversicht mit den Worten ausgedrückt worden: „Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?" (Röm. 8,31).

 

4. Das Jubelopfer für Gottes Hilfe (Vers 6b).

 

Gott gegenüber kann der Psalmist nicht mit Gegenleistungen aufwarten. Keine Gegenleistung vermag die mannigfaltige Hilfe, die er geschaut und erlebt hat, auch nur annähernd aufzuwiegen. Er kann Gott auf all sein Tun und Helfen nur antworten durch den Ausdruck vertrauender Liebe und restloser Glaubenshingabe.

 

6b. Drum will ich opfern in seinem Zelt das Jubelopfer mit Posaunenschall. Dem HErrn will ich singen und Spielen.

 

In dem Jubelopfer, das er bringt, in dem Liede, das seine Lippen Sprechen, in dem Posaunenton, den er erklingen läßt, bringt er sich selbst Gott als Gabe dar. Nicht ein Geschenk seiner Hände, nicht ein Loblied Seiner Lippen, nicht ein Spiel seiner Posaune — ihn selbst soll der HErr als Jubelopfer empfangen. Dies soll ihm freiwillig, mit Freuden, unter frohem Posaunenschall gebracht werden. Das ist G l a u b e n s h i n g a b e, wie sie nur von Persönlichkeiten verwirk licht wird, die Gott in ihrem Leben nichts mehr vorzuenthalten suchen. Nach all dem Großen, was sie in der Gotteswirklichkeit geschaut, und nach all den Handlungen Gottes, die sie in ihrem bewegten Leben erfahren haben, steht ihnen fest, daß nur Einer restlosen Anspruch auf ihr Leben haben darf, und das ist Gott!

 

Anmerkungen zu Psalm 27a

1)     1Da nach Form und Inhalt die ersten 6 Verse ganz verschieden sind vom Schlußteil des Psalms, so ist anzunehmen, daß es sich um zwei Psalmen handelt, die weder denselben Verfasser haben noch zur gleichen Zelt geschrieben worden sind.

2)     2Wörtlich: „Festung", „Bollwerk", also Zufluchtsort und Sicherheit.

3)     3Das Wort drückt ein Sichversenken in die Sache, eine sich innerlich weidende Betrachtung aus, die der Seele ein Genuß ist, und bei der sie die Huld der Gegenwart Gottes erlebt.

4)     4) Nach A. Weiser, Die Psalmen. Deutsch. S. 68.

5)     5) Nach Ehrlich bedeutet das Verbum eigentlich: „untersuchen, jemanden besuchen oder  aufsuchen". Er übersetzt daher den Vers; „und ihn aufzusuchen in seinem Tempel".

 

V. Des Menschen Zuflucht zu Gott Psalm 27b

 

7. Vernimm, o HErr, mein lautes Rufen, sei du mir gnädig, erhöre mich!

8 Mein Herz sagt mir, daß du mich mahnst: Suchet doch mein Angesicht! Dein Antlitz, HErr, dich Suche ich!

9. Verbirg vor mir dein Antlitz nicht, weis' deinen Knecht nicht zürnend ab. Du, meint Hilfe, verstoß mich nicht, verlaß mich nicht, Gott meines Heils! Ob auch Vater und Mutter mich verlassen, es nimmt aber der HErr mich auf.

U. Lehre mich, HErr, zu gehen deinen Ja, leite mich auf ebener Bahn, um meiner vielen Feinde willen.

12. Gib mich nicht preis der Gier meiner Dränger, denn falsche Zeugen steh'n wider mich auf und sagen Lügen gegen mich aus.

13. Doch ich bin gewiß, daß ich werde schauen des HErrn Güte im Lande der Lebendigen. Hoff'  auf den HErrn und sei getrost, fest sei dein Mut und hoff auf den HErrn!

 

 Es bleibt unerklärlich, wie dieser tiefe Klageruf einer einsamen, mit Not und Feindschaft ringenden Seele an den vorigen Psalm angeschlossen werden konnte. Das Gewöhnliche in den Psalmen ist, daß sie mit einem Angstschrei der Seele beginnen, aber mit einer zuversichtlichen Glaubensgewißheit schließen. Es entspricht das den innerlichen Vorgängen der menschlichen Seele. Menschen, die in ihrem Schmerz und in ihrer Not innerlich fast zerflossen, gewannen Trost und Frieden, Kraft und Zuversicht, nachdem sie Gelegenheit hatten, den ganzen Kummer ihres Herzens vor Gott auszuschütten. In Gottes Gegenwart und Nähe rangen sie sich  zu neuem Hoffen und Vertrauen durch. Alsbald Verwandelte sich ihre Klage in Anbetung. Das war zu allen Zeiten der gewöhnliche Vorgang in der menschlichen Seele. Verständlich, daß wir dasselbe Bild auch in vielen Psalmen wiederfinden.

 

Dieses Klagelied paßt mithin nicht an den Schluß des vorigen Psalms, sondern ist mit seinem Inhalt ein ergreifendes Gebet für sich. Wir kennen weder seinen Verfasser noch die Zeit, in der es entstanden ist. Es gab im Leben eines David zwar genug Tage und Erlebnisse, die mit ihrem Druck ihm ein solches Gebet hätten auf die Seele legen können. Es ist aber weniger die Sprache Davids, die aus dem Klagelied zu uns spricht, wohl aber die eines Frommen während der prophetischen Zeit. Kennen wir mithin den Verfasser auch nicht, so kennen wir aber sein innerliches Ringen mit Gott. Wie er, nehmen auch wir unsere Zuflucht zu Gott, um nicht unter unserem seelischen Druck und unter den Lasten des Lebens zusammenzubrechen. Wie manchem sind seither Worte des Sängers zum Inhalt des eigenen Gebets geworden, und zwar in Zeiten, wo die Seele innerlich so litt, daß sie kaum eigene Worte für ihren Schmerz zu finden vermochte.

 

1. Seine Zuflucht zu Gott (Vers 7 — 8).

 

Glücklich alle, denen ihre Ängste und Nöte zu einem Weg zu Gott werden konnten! Das Leben  mit seinen Härten und Enttäuschungen kann eines Tages den Menschen einfach körperlich und seelisch zusammenbrechen lassen, wenn er nicht von Gott jene höheren Kräfte gewinnt, die sich stärker erweisen als jeder Druck des irdischen. Mag die Zuflucht zu Gott in der Geschichte auch oft als ein Ausdruck der Schwäche bewertet werden, in ihr fanden ringende solche Kräfte, die sie nie in  sich  selbst hätten finden können.  Auf den Knien sind Siege errungen, Verzweiflungen überwunden, Hoffnungen gewonnen worden, wie sie Zusammengebrochene ohne Gottes Eingreifen nie hätten erleben können. Was das Gebet in seinem tiefsten Wert und Wesen ist, kann mithin nicht vom Urteil Fremder bestimmt werden, sondern allein von denen, die in schwersten Nöten im Gebet die Kraft Gottes gewannen, durch die sie das Leben überwanden.

Auch der Psalmist stand offenbar in einem schweren Ringen. Seine Worte sind nicht der Ausdruck eines gewöhnlichen Gebetsumgangs mit Gott. Sie verraten gleich beim Anruf Gottes die Angst und Not eines Frommen, der am Ende seiner Kräfte und Ängste zu Gott schreit:

 

7. „Vernimm, o HErr, mein lautes Rufen,

sei du mir gnädig, erhöre mich!"

 

Es liegt in der Natur des Menschen, zunächst sich selbst zu  helfen. Er vertraut seiner Kraft, er verdoppelt seine Anstrengungen, er überprüft seine Handlungen, er sammelt seine innere Spannkraft. Zuletzt bricht er jedoch zusammen. Nicht er meistert das Leben, die Verhältnisse, Kämpfe und Leiden meistern ihn. Vergeblich sucht sein Auge nach Rettung, er sieht nur noch den Abgrund. Es ist die Not im Sturm, wo das Lebensschiff nicht mehr Herr der schäumenden Wogen werden kann. In dieser Not erfolgt die Zuflucht zu Gott. Es gibt hinfort für den Ringenden nur noch eine Hoffnung, und die ist auf Gott gerichtet. Ist Gott nicht gnädig und erhört Er nicht, dann gibt es keine Rettung mehr.

Nicht etwa nur gewöhnliche Menschen können in solche Nöte und Ängste hineinkommen. Wie oft waren es gerade die Erfahrungen der bewährtesten Knechte Gottes! Das zeigen die seelischen Leiden und die Schweren Gebetskämpfe der Propheten. Ein Jeremia klagt in seiner Verzagtheit angesichts seiner erfolgten Mission und der Widersprüche seines Volkes: „Warum ward mein Schmerz denn ewig, meine Wunde unheilbar und will nicht gesunden? Wie ein Trugbach wardst du mir, HErr, wie ein Wasser, auf das kein Verlaß ist!" (Jer. 15,18 f.). Unter den großen weltgeschichtlichen Vorgängen seiner Tage bricht der Prophet Habakuk fast zusammen. Er versteht nicht, daß Gott nicht in den Gang der Geschichte eingreift. „Warum siehst du denn dem Treulosen zu und Schweigst, wenn der Gottlose den Gerechten verschlingt?" (Hab. 1,13). Seine Seele wird erst stille, nachdem auch er auf seine Warte steigt und horcht, was der HErr auf seine Klage zu antworten hat. Gerechte können so Stark leiden, daß sie seelisch und körperlich unter den Verhältnissen und angesichts der Vorgänge in der Geschichte fast zusammenreden.

Unser Sänger beruft sich in seinem Anruf darauf, daß der HErr doch selbst den Menschen auffordert, sein Angesicht zu suchen.

 

8. Mein Herz sagt mir, daß du mich mahnst: Suchet doch mein Angesicht!

 

Auch unser Sänger gehört nicht zu den Gottfernen. Er besaß ein inneres Gemerk für die Mahnungen des Herzens. Diese Mahnungen flossen aus der Erkenntnis des HErrn, aus den Zeugnissen, die er von Gott vernommen hatte. Er wußte von der göttlichen Huld und Gnade, die dem Menschen zu allen Zeiten zuruft: „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, so sollst du mich preisen." (Ps. 50,15.) Je länger er ringt, desto stärker mahnt ihn sein Herz, dem göttlichen Ruf zu folgen. Nun folgt er dem verborgenen Zuge seiner Seele, betritt den Weg der Rettung und Spricht:

 

„Dein Antlitz, HErr, dich suche ich!"

 

So fand er durch die Not den Weg zu Gott. Für Gott wurden aber die Ängste und Nöte des Sängers die Gelegenheit, mit seiner Huld und Hilfe in dessen Leben zu treten. Als einst die Jünger auf dem stürmischen See Genezareth  sich beim Rudern abmühten, weil sie starken Gegenwind hatten, da wurden gerade die Wogen für ihren HErrn und Meister der Weg, um sich ihnen zu nahen (Mark. 6, 48 f.). Ein wunderbares Bild von Gottes Tun. Er macht der Menschen Verlegenheiten zu seinen Gelegenheiten, um ihnen seine Herrlichkeit zu offenbaren.

 

2. Sein Ringen um Hilfe (Vers 9 — 10).

 

9. Verbirg vor mir dein Antlitz nicht, weis' deinen Knecht nicht zürnend ab. Du, meine Hilfe, verstoß mich nicht, verlaß mich nicht, Gott meines Heils!

 

Gerade dieses innerliche Ringen im Gebet beweist, daß der Psalmist nicht unbekannt war mit Gott. Er wußte, daß Gott auch sein Antlitz verbergen, zum Flehen des Menschen schweigen kann. In den Tagen des Propheten Jeremia schrie das Volk während einer großen Hungersnot zu Gott. Es  rief: „Wenn unsere Sünden wider uns zeugen, so greife ein, o HErr, um deines Namens willen; ja, so oft sind wir treulos geworden, an dir haben wir gesündigt. Du Hoffnung Israels, du sein Retter in der Not" (Jer. 14, 7 f.). Aber der HErr schwieg, griff nicht mit seiner Hilfe ein. Sein Angesicht leuchtete nicht seinem Volke. Er sagte vielmehr zum Propheten: „Sie lieben es, von einem zum ändern zu laufen, ihre Füße schonen sie nicht, jedoch der HErr hat keinen Gefallen an ihnen" (V.10). So stark das Volk sich damals auch auf den HErrn berief, 'so viel man ihm auch opferte, so oft man auch im Tempel zum gemeinsamen Fasten und Flehen zusammenkam, für Gott sprach aus allem trotz aller äußerlichen Not nicht das Herz, es sprachen nur die Lippen. Die Not hatte zwar das Volk gezwungen die Zuflucht zu Gott zu nehmen und die Sprache des Glaubens zu sprechen, aber alles war letzthin nur eine Schein= und nicht eine Herzensbuße. Der HErr sah, daß es beim Volke nur ein augenblickliches zu=ihm=laufen war, dem morgen, nach überstandener Not, wieder ein suchen nach anderen

Göttern folgen werde. Gott ist aber nicht käuflich! Auch nicht durch die Tränen einer Notbuße, nicht durch ein Fasten im Sacktuch und nicht durch das Flehen einer hin und her laufenden Gemeinde. Entweder Baal oder Gott!

Die Not des Volkes steigerte sich, da rief es: „Verschmähe uns nicht um deines Namens willen, schände nicht den Thron deiner Herrlichkeit! Sei eingedenk deines Bundes mit uns und brich ihn nicht!" Der HErr jedoch antwortete dem Volke: „Wenn gleich Moses und Samuel vor mich träten, mein Herz würde sich nicht diesem Volk zuwenden" (Jer. 15,1 f.).

So viel Macht im Gebet Moses und Samuel einst in ihrem Leben auch hatten, auch ihr  Flehen würde angesichts der inneren Haltung des Volkes vergeblich sein. Denn auch Propheten können einem Volke in seiner Not Gott nicht zurückgeben, wenn das Volk nicht durch innere Umkehr wirklich Raum für Gottes Ge­genwart hat und die sittliche Grundlage für sein machtvolles Eingreifen zu schaffen bereit ist.

So kannte der Sänger Gott. Er wußte nicht nur von Gottes Gnade, er begriff auch dessen Gerichte. Er wußte, wie gerecht und sittlich fundiert, d.h. begründet sie sind. Sein Flehen war daher nicht allein ein Schrei um Hilfe, es war zugleich ein Ringen um eine richtige Herzensstellung zu Gott. Muß Gott zürnen, dann soll er in seiner Barmherzigkeit hinwegräumen, was als Schuld zwischen Ihm und dem eigenen Leben steht. Vielleicht ist das Trennende größer als der Mensch selbst es weiß. Aber er ringt darum, nicht verstoßen, sondern begnadigt zu werden. Er beruft sich nicht auf seine eigene Gerechtigkeit, auf sein tadelloses Leben. Er hat zwar keine schwere Schuld, nicht grobe Sünden Gott zu bekennen. Heil in seiner tiefsten Bedeutung kann ihm aber allein von Gott her werden. Eine Wandlung in seinen Verhältnissen, Ruhe und Frieden für seine Seele können erst eintreten, wenn Gott mit seinem Eingreifen ihm wieder zum Heil und zur Rettung seines Lebens wird.

Wie das Vertrauen des Psalmisten während seines innerlichen Ringens zu Gott wuchs, das äußerte er, vielleicht ihm selbst nicht einmal ganz bewußt, mit den Worten:

  

10. Ob auch Vater und Mutter mich verlassen, es nimmt aber der HErr mich auf.

 

In solch eine seelische Vereinsamung von der Seite des Elternhauses und seiner Verwandten ist David wohl nie hineingekommen. Es ist daher nicht seine Sprache, die im Psalm spricht. Viel näher läge es, an die dunkelsten Stunden im Leben eines Propheten Jeremia zu denken. Er erlebte es, daß seine eigenen Verwandten sich wider ihn verschworen. Jeremia erzählt uns aus jener Zeit: „Ich aber war wie ein zahmes Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, ich ahnte nichts. Sie schmiedeten Pläne wider mich: Laßt uns den Baum verderben in seiner Blüte, ihn ausrotten aus dem Lande der Lebenden, und Seines Namens werde nicht mehr gedacht" (Jer. 11,19). Wissen wir auch nicht die näheren Zusammenhänge der mörderischen Pläne, die man gegen Jeremia schmiedete, sie reden aber von dem einsamen Weg, den der Prophet zu gehen hatte. Auch einem Jeremia konnte auf seinem einsamen Leidenswege nur noch Hilfe von dem kommen, der größer war als alles Planen und Tun der Feinde. So erwartete auch der Sänger, daß der HErr ihn aufnehmen werde, selbst wenn Vater oder Mutter ihn verlassen sollten. Es liegt nahe, anzunehmen, falls der Psalmist nicht Jeremia selbst gewesen ist, daß es ein unbekannt gebliebener Prophet war, der sich gerade um seiner Glaubenshaltung und Überzeugung willen so einsam fühlte. Vielleicht suchte auch er, ähnlich den großen Propheten, seinem Volke zu dienen, und sein Dienet brachte ihn in schwere innerliche Nöte und äußerliche Konflikte. Auch sein Weg wurde einsamer und einsamer, wie der aller Gottespropheten, die in ihrem Glaubensgehorsam Gott mehr gehorchen als den Menschen.

 

3. Sein Flehen um Leitung (Vers 11 — 12).

 

Daß es Sich beim Psalmisten um eine Persönlichkeit reicher Lebenserfahrung handelt, geht aus seinem ferneren Flehen hervor. Zwar ist seine Seele stille geworden in dem Gott seines Heils. Er hat die Zuversicht gewonnen, daß der HErr ihn nicht verlassen, sondern in seine Gemeinschaft aufnehmen wird. Seinen ferneren Weg sieht er aber nur dann gesichert, wenn Gott sein Leben unter seine göttliche Führung stellt.

 

11. Lehre mich, HErr, zu gehen deinen Weg. Ja, leite mich auf ebener Bahn, um meiner vielen Feinde willen.

 

Je mehr ein von Gott Begnadigter sich gesegnet sieht, desto mehr sehnt er sich nach völliger Abhängigkeit von Gott. Er weiß, wie leicht auch Gerechte irren, in ihrem Urteil sich täuschen, in ihren Unternehmungen fehlgehen können. Da sie aber auf eigenen Wegen nie fanden, wonach sich letzthin ihre Seele sehnte, wie oft ein errungener äußerer Segen sich weit mehr als ein Fluch erwies, daher die Sehnsucht nach göttlicher Führung. Ein anderer Psalmist betet aus derselben Sehnsucht heraus : „Setze meine Tritte in deine Fußstapfen, damit mein Gang nicht wankend sei" (Ps. 17, 5). Und als Moses einst aufgefordert wurde, vom Sinaiberge aufzubrechen und das Volk seiner verheißenen Heimat entgegenzuführen, da betete er: „Wenn nicht dein Angesicht mitgeht, so laß uns nicht von hier hinaufziehen" (2. Mos. 33,15). Denn göttliche Ziele können nur unter göttlicher Leitung gefunden werden.

Wie sicher wird jedoch das Handeln, wie klar wird die Schau, wie ruhig das Verhalten derer, die bewußt ihr Leben unter Gottes Leitung gestellt haben. Professor Dr. Hahn, dieser baltische Blutzeuge Christi, hatte Gelegenheit, mit anderen rechtzeitig zu fliehen. Aber Johannes 10, wo Jesus vom Mietling spricht, bestimmte ihn, im Gefängnis zu bleiben, um anderen in ihren schwersten Nöten dienen zu können. Einem Jeremia wurde nach  dem Fall Jerusalems von Nebukadnezar freigestellt, entweder im Lande unter der Obhut des Statthalters Gedalja zu bleiben oder unter Nebukadnezars persönlichem Schutze mit nach Babel zu ziehen. Jeremia blieb. Sein weit älterer Berufsgenosse, der Prophet Elia, sah sich jedoch in den kritischen Zeiten eines Königs Ahab an den Bach Krith  und zu einer armen Witwe nach Sarepta gesandt (1. Kön. 17, 9 f.). Gott führt seine Kinder und Knechte oft zwar ganz verschiedene Wege. Aber er führt sie. Und jeder fand gerade auf dem Wege sein Ziel und seinen Segen, den er im Glaubensgehorsam an Gottes Leitung ging.

Um aber nicht irre zu gehen, sich selbst zu täuschen über des HErrn Wege, fleht der Psalmist um Unterweisung und um geebnete Wege. Er weiß etwas von dem, wie leicht persönliche Wünsche für Gottes Wege gehalten werden können, wie leicht es ist zu gehen, ohne gesandt worden zu sein. Schon um der Feinde willen möchte er Gottes Wege gehen und mit  seinem Leben unter Gottes Leitung stehen. Sie sollen keinen gerechten Anlaß finden, seiner zu Spotten oder ihn um etwaiger Ungerechtigkeiten willen zu hassen. Er will ihnen mit seiner Gesinnung, mit seinem Verhalten und mit seinem Leben nicht zu einem berechtigten Anstoß werden. Leidet er, so will er als Gerechter und Unschuldiger leiden, nicht aber um törichter Handlungen und um falscher Wege willen.

Daß sie zu allem fähig sein können, wußte der Psalmist. Er kannte ihre falsche Gesinnung und innerliche Skrupellosigkeit.

 

12. Gib mich nicht preis der Gier meiner Dränger, denn falsche Zeugen steh'n wider mich auf und sagen Lügen gegen mich aus.

 

Gottlosigkeit ist fähig auch Verleumdung und Lüge, Heuchelei und Mord in ihre Dienste zu stellen. Zur Erreichung ihrer Ziele sind ihr alle Mittel heilig. Auch der Psalmist weiß sich von der Gefahr bedroht, daß er der Gier seiner Feinde zum Opfer fallen könne. Die Aufstellung von falschen Zeugen war in der Verfolgung der Gerechten zu allen Zeiten ein sehr beliebtes Mittel. Wie oft bedienten sich auch Staaten und Obrigkeiten dieses Mittels, um in der Verfolgung der Kirche Christi sich den Schein des Rechts zu geben! Welche Lügen sind nicht gegen die einzelnen Jünger Jesu und gegen die Gemeinde des HErrn ersonnen worden, um sie vor der Öffentlichkeit in ein Strafbares Unrecht zu versetzen! Um das gesetzliche Recht zu gewinnen, die russischen Stundistenbrüder verfolgen zu können, beschuldigten die höchsten Regierungsbeamten diese Brüder, daß sie religiöse Nihilisten seien. Große Verfolgungen, die die Kirche Christi in ihrer  Geschichte erlebt hat, begannen sehr oft damit, daß man die Jünger Jesu Christi als geheime oder offene Staatsfeinde hinstellte. Als jedoch in Rußland die Revolutionen in den Jahren 1905 und 1906 niedergeschlagen wurde und die Militärgerichte die Akten der Revolutionäre durchsahen, hat man nicht einen einzigen Namen eines Stundistenbruders gefunden. Gerechte, wie auch der Psalmist einer war, haben nichts mit Revolutionen und Aufständen zu tun. Gehen sie einen einsamen Leidensweg, so gehen sie ihn unschuldig und allein um der göttlichen Wahrheit willen.

 

4. Seine Glaubenszuversicht für die Zukunft (Vers 13).

 

Welche Wandlungen vermag der Mensch doch in Gottes Gegenwart und Nähe zu erleben! In Angst und Unruhe hatte das Leben den Psalmisten versetzt. Er wurde selbst nicht mehr fertig mit seinen innerlichen und äußerlichen Nöten. Da nahm er seine Zuflucht zu Gott, er schüttete sein Herz vor dem HErrn aus. Die Umgebung, die Verhältnisse, die Feinde hatten sich unterdes nicht verändert. Dennoch blickt er zuletzt voller Zuversicht und Hoffnung in die Zukunft. Seine Seele ist stille geworden in Gott. Nach dem er wieder in Gottes Nähe war und sein Glaube Gottes Können schaute, erwachte er zu völlig neuer Zuversicht. Nicht Untergang, Rettung wird ihm die Zukunft bringen. Nicht die Feinde in ihren Anschlägen, vielmehr Gott mit seinem Segen und mit seinem Schutz wird triumphieren. Er wird des HErrn Güte im Lande der Lebendigen Schauen.

Von einer Auferstehungshoffnung des Psalmisten ist hier wohl nicht die Rede. Er ist nur der Zuversicht, daß der HErr ihn vor allen Anschlägen seiner Feinde bewahren wird. Aber dessen ist er sich gewiß!. Ohne zu sehen, glaubt er, ohne zu schauen, traut er. Jm Gebetsumgang mit Gott hat er neu glauben gelernt. Hinfort steht er über seiner Zeit und seiner Umgebung. Diese erschüttern ihn nicht mehr. Ihn erfüllt eine von Gott geschenkte Glaubensgewißheit, die sich stärker erweist als alles, was ihn umgibt. Sie macht hinfort sein Handeln wieder stark, seinen Gang gewiß, sein Auftreten mutig, sein Leben still und hoffnungsvoll,

 

13b. Hoff auf den HErrn und sei getrost, fest sei dein Mut und hoff auf den HErrn! —

 

ruft er zuletzt noch seiner Seele zu. Denn alle seine Erwartungen sind auf Gott gerichtet. Die Quellen seiner Kraft ruhen allein in Ihm. Er will nicht stehen bleiben bei der Stärke der Feinde, nicht die Kraft in seinem zagenden Herzen suchen. Er will Zeuge sein, wie Gott sein Vertrauen rechtfertigen und die Geschichte seines Lebens krönen wird mit neuer Gnade und Herrlichkeit.

Welche Wandlungen vollziehen sich doch in der Seele eines Menschen im Gebetsumgang mit Gott! Sie erweisen sich nicht etwa nur als eine Wandlung seelischer Stimmungen, sie bewähren sich als eine neue Glaubens= und Lebenshaltung inmitten der Stürme und Strömungen der Zeit. Nie hätten die alttestamentlichen Propheten ihren verantwortlichen Dienst tun und ihren einsamen Prophetenweg gehen können, wenn sie nicht zur rechten Stunde immer neu diese Wandlungen erlebt hätten. Sie wären an ihrem Prophetsein zerbrochen. Nun gingen sie aber trotz ihrer menschlichen Schwachheit und trotz der Größe ihrer Aufgaben von Hingabe an Hingabe, von Kraft zu Kraft und trugen Gottes Heils-oder Gerichtsgedanken unter ihr Volk.

Dem Wesen nach deckt sich mit dem auch der Dienst der neutestamentlichen Gemeinde. Hätte sie nicht in den Zeiten innerer Anfechtungen, dienstlicher Niederlagen, Schwerer Aufgaben, weltlicher Feindschaft neue Kraft und Zuversicht, neue Sendung und Hingabe im Umgang mit Gott gewonnen, sie hätte längst aufgehört, in der Welt eine Prophetin Gottes und eine Zeugin Jesu Christi zu sein. Wenn sie aber heute noch ist, wozu sie sich berufen weiß, dann verdankt sie ihr Bestehen und Dienen, ihr Glauben und Hoffen allein dem Gott, der durch Christus auch sie in seine Gemeinschaft gezogen hat. Sie bestätigt mit ihrer Glaubenshaltung das Zeugnis des Apostels Paulus: „Er sprach zu mir: Meine Gnade genügt dir; denn die Kraft kommt in der Schwachheit zur Vollendung So will ich mich  denn am liebsten meiner Schwachheiten rühmen, damit die Kraft Christi auf mich herabkomme" (2. Kor, 12,9).

 

VI. Groß ist der Herr in seinem Heil! Psalm 40

 

Überschrift: Dem Musikmeister, von David ein Psalm

2. Voll Zuversicht habe ich des HErrn geharrt,

und er neigte sich   zu mir und erhörte mein Flehen.
3. Er zog mich empor aus der Grube des Verderbens,

empor aus dem schlammigen Kot,

und stellte auf Felsengrund meine Füße,

und machte sicher meine Schritte.
4. Er gab mir ein neues Lied in den Mund,

einen Lobgesang auf [Ihn,] unseren Gott.

Es sehen's gar viele, und von Furcht1) ergriffen

fassen auch sie Vertrauen zum HErrn.

5. Heil dem Manne, der sein Hoffen auf den Herrn setz, der es nicht hält mit den Hoffärtigen, die dem Truge verfallen sind.

6. Wie gar zahlreich hast du, o HErr, mein Gott,
deine Wunder werden lassen
und die Absichten, die du mit uns hast,
— es gibt nicht deinesgleichen —
wollt' ich s
ie verkünden, von ihnen reden,
sie sind ja unmöglich zu zählen.

7. Schlachtopfer und Speisopfer begehrtest du nicht, doch Ohren hast du mir [zum Hören] gegeben,

Brandopfer und Sündopfer forderst du nicht.
8.
Da Sprach ich: „Siehe, ich bin gekommen!

Im Buche2) steht’s für mich geschrieben.
9. Ich habe Lust, mein Gott, zu tun deinen Willen,

dein Gesetz  trage ich in meinem Herzen.
10. Ich verkündigt [deine] Gerechtigkeit in großer Gemeinde; siehe, ich verschloß nicht meine Lippen, das weißt du, HErr!
11. Deine Gerechtigkeit verbarg ich nicht im Herzen, von deiner Wahrheit und deiner Hilfe hab' ich gesprochen,

ich verschwieg nicht deine Gnade und Treue in der großen Gemeinde.

12. Du, HErr, wirst dein Erbarmen nicht verschließen vor mir, deine Gnade und Treue mögen beständig mich schirmen!

13. Denn Gefahren ohne Zahl umgeben mich.

Meine Verschuldungen haben mich erfaßt, ich  kann sie nicht übersehen Weit mehr Sind ihrer als Haare meines Hauptes, da will mir mein Mut3) entsinken!

14. Laß dir's gefallen, HErr, mich zu erretten,

eile, o HErr, und komm mir zu Hilfe!
15. Beschämt und Schamrot mögen alle werden,

die darnach trachten, mir das Leben zur nehmen.

Es werden zurückweichen und zuschanden werden,

die Freude an meinem Unglück haben,
16. Erschaudern werden sie ob ihrer Schmach, sie, die über mich rufen: „Ha! Ha!"
17. Laß alle frohlocken und deiner sich freuen,

die dich, HErr, suchen, laß sprechen zu jeder Zeit: „Groß ist der HErr!" —

alle, die deine Hilfe begehren!
18. Ich aber, ich bin elend und arm,

du, HErr, wirst für mich sorgen,

meine Hilfe und mein Retter bist ja Du!

Mein Gott, ach verziehe doch nicht!

 

Gar manche Psalmen wirken wie ein belauschter Gebetsumgang mit Gott. Man sieht sich beim Lesen derselben versetzt in das Gebetskämmerlein des Beters. Im Alleinsein mit Gott spricht hier der Mensch weit offener, unbefangener, wahrer und kindlicher als im gewöhnlichen Umgang vom Menschen zum Menschen. In Gottes Gegenwart wagt er auszusprechen, was er anderen gegenüber verschweigen würde. Ob die Freude über Gottes Tun, ob die Erkenntnis der eigenen Schuld, ob die Angst und Sorge angesichts der Feinde, Gott gegenüber kleidet die Seele alles in Dank und Anbetung oder in Flehen und Hoffen. Daher finden so viele in der Sprache der Psalmen sich selbst, die Spannungen ihres eigenen Seelenlebens wieder.
Daß alttestamentliche Sänger den Mut hatten, ihre Herzensgespräche mit Gott niederzuschreiben, diesem Umstande verdanken wir es, daß sie nun als Zeugnisse des Glaubens weiterreden von Geschlecht zu Geschlecht. Wie Stark ist doch der Eindruck, wenn man auch diesen Psalm unbefangen auf sich wirken läßt! Man vergißt, wer einmal so gesprochen hat, man steht selbst vor Gott. Man ist der Sänger und Beter, der Rufende und Wartende. Was fragt die gläubige Seele nach Zeit  und Herkunft des Psalms - sein Inhalt ist ihre Sprache, ist ihr Alleinsein mit Gott. Denn bei der Frage nach dem Verfasser unseres Psalms und der Zeit seines Entstehens kommen wohl nur zwei Personen ernstlich in Frage: Entweder David oder Jeremia. David besaß in seinen Tagen noch nicht das klare Urteil über den eigentlichen Wert und Unwert der Opfer. Erst mit Jesaja und Jeremia begann jenes klarere Verstehen, daß der HErr nicht Schlachtopfer und Brandopfer verlangt, vielmehr den
Menschen selbst begehrt, und zwar  in seiner Glaubenshingabe und in seinem Glaubensgehorsam. Ob wir nun die großen Erfahrungen eines David oder eines Jeremia in den einzelnen Versen des Liedes sehen,
entscheidend für uns ist, daß hier ein Mensch zu uns redet, der das Alleinsein mit Gott kennt.

 

1. Die Heilserfahrungen des Glaubens (Vers 2 — 4).

Sie sind es, mit denen der Sänger uns zunächst vertraut macht. Sie überwiegen bei ihm jede Klage, jedes Flehen. Das Große, das er von Gott empfangen hat, erfüllt ihn so stark mit Dank, daß er zuerst davon Sprechen muß, Gott hatte mit der Erhörung auf sein Flehen geantwortet. Nun wird ihm dieses Tun Gottes zum Inhalt seines Zeugnisses.

 

2. Voll Zuversicht  habe ich des HErrn geharrt,
und er neigte sich zu mir und erhörte mein flehen
.

 

Der Sänger war nicht unbekannt mit Gott. Er wußte, daß eine geängstete Seele nicht vergeblich bei ihm Zuflucht Sucht. Auch wußte er, daß Gott größer sei als alles, was den Menschen ängstigen und erschüttern kann. Daher hatte er sich in seinen Nöten im Gebet zu Gott gewandt. Offenbar hatte ihn Gott aber mit seiner Antwort und Hilfe warten lassen.  Dennoch harrte der Sänger zuversichtlich, und zwar bis Gottes Stunde zum Handeln gekommen war. In seinem Flehen vor Gott hatte er Festigkeit, Geduld und Vertrauen offenbart. Nun wußte er etwas von dem, was ein Sänger unserer Tage mit den Worten bezeugt: „Wenn die Stunden sich gefunden, bricht die Hilf mit Macht herein!" Das hatte der Psalmist zuletzt erlebt. Gewaltiges hatte Gott getan. In bildlicher Rede bringt der Sänger das zum Ausdruck,

 

3. Er zog mich empor aus der Grube des Verderbens,
empor aus dem Schlammigen Kot,
und stellte auf Felsengrund meine Füße,
und machte sicher meine Schritte.

 

Auf Grund dieses Verses könnte man an das schwere Erlebnis  eines Jeremia denken. Er wurde ja in eine Schlammgrube des Prinzen Melchia geworfen, damit er daselbst umkomme (Jerem, 38,6 f.). Aber darauf bezieht sich dieser Vers nicht. Bei Jeremia handelte es sich um eine wirkliche Zisterne ohne Wasser und mit tiefem Schlamm, während hier die Grube des Verderbens und der kotige Schlamm nur bildlich zu verstehen sind. Daß der Psalmist diese Bilder von der Grube und vom Schlamm auf sich anwandte, will besagen, daß sie ihn mit dem Untergang bedrohten. Ob er nur mehr an seinen seelischen Zusammenbruch, an ein Irrewerden an Gott oder mehr an einen physischen Untergang dachte, an feindliche Bedrohung und Verfolgung, das wissen wir nicht. Was er uns zu erzählen hat, das ist die tatsächliche Gotteshilfe, die ihm in seinem Zustande zum Leben gereichte.

Daß wir beim Psalmisten vielleicht mehr an innerliche Glaubenskonflikte und seelische Leiden zu denken haben, geht offenbar daraus hervor, daß er von einem Felsengrund redet, auf den er sich durch die Tat Gottes gestellt sieht. Er watet nicht mehr wie in einem unsiecheren Sumpfgebiet. Er kann wieder feste, sichere Tritte tun. Denn das hebräische Wort für Felsengrund bezeichnet hier nicht den Zufluchtsort, auf den der Verfolgte sich  vor den Nachstellungen des Feindes hinauf zu retten vermag. Hier ist nur gesagt, daß Gott den Lebensweg so gestaltet, daß er neues Vertrauen zum Leben gewinnt! Gott sichert seinen Weg und gibt ihm Raum zu gehen, Diese Lebensfreudigkeit und Zuversicht hat ihre Grundlage in dem Handeln Gottes.

 

4. Er gab mir ein neues Lied in den Mund,
einen Lobgesang auf [Ihn,] unseren Gott.
Es sehen's gar viele, und von Furcht ergriffen
fassen auch sie Vertrauen zum HErrn.

 

Das neue Lied ist hier ein Lied der Anbetung und des Zeugnisses. Gott hat in sein Leben eingegriffen, und das hat ihm den Inhalt zu einem neuen Psalm gegeben. Der Sänger beschreibt damit einen Seelenvorgang, den auch heute alle mit ihm teilen, die Gottes Hilfe in schweren Nöten und Kämpfen erlebten. Alle Anbetungspsalmen — ob der einer Mirjam, der Schwester Moses (2. Mos. 15,1-21), ob der einer Hannah, der Mutter Samuels (1. Sam. 2,1 ff.), ob der eines David oder eines Daniel oder
eines Nebukadnezar (Dan. 4,3l ff.), oder auch eines Darius (Dan. 6,26 ff.) — alle diese Lieder wurden aus einer neuen Schau für das Tun Gottes geboren. Sie machten Gottes Majestät und machtvolles Handeln zu ihrem Inhalt.

Solche Lieder des Lobpreises und der Anbetung wurden aber zu allen Zeiten zu einem Zeugnis. Durch sie wird Gott in das   Leben der Zagenden und Müden, Ringenden und Harrenden getragen. Auch sie sollen wieder neue Kraft gewinnen, daß sie laufen und nicht ermatten, daß sie wandeln und nicht müde werden (vgl. Jes.40,31). Schlicht und dennoch stark drückt es der Psalmist  mit den Worten aus, daß viele, wenn sie sein Zeugnis hören, Gottes Taten sehen werden, von der Furcht Gottes werden
ergriffen werden. Wenn der Sänger hier von der Furcht spricht, so versteht er darunter jene Gottesfurcht, die zu jeder Zeit aller Weisheit Anfang war. So wie Gott sich in seiner Wirklichkeit ihm offenbarte, so kann er sich
auch denen offenbaren, die einsam, zagend und wartend ihren Lebensweg gehen. Auch sie sollen in ihrer Glaubenshaltung zu Gott nicht enttäuscht werden, wie er nicht enttäusch worden ist. Das Zeugnis seiner Erfahrungen mit Gott soll anderen den Mut geben, ebenfalls Vertrauensvoll auf Gott zu warten, bis seine Stunde zum Helfen gekommen ist. So wurde das Erleben der Gläubigen zu allen Zeiten nicht nur zu einem Psalm der Anbetung, sondern auch zu einem Zeugnis für den Nächsten. Gottes Offenbarungstaten sollen nicht etwa nur zum Beter, sie sollen auch zu denen reden, die vielleicht den Mut zum geduldigen Warten verloren haben, die in der Gefahr stehen, auf ihrem dunklen Lebenswege zusammenzubrechen.

 

2. Die Selbsthingabe an Gott (Vers 5 —11).

 

Ergriffen von dem, wie Gott sein zuversichtliches Harren mit seinen Taten und Wundern beantwortet hat, fährt der Psalmist nun fort:

 

5. Heil dem Manne, der sein Hoffen auf den HErrn setzt, der es nicht hält mit den Hoffärtigen, die dem Truge verfallen sind.

 

Der Sänger weiß, wie Gottes Eingreifen seinem Leben einen neuen Inhalt und eine neue Zuversicht für Gegenwart und Zukunft gegeben hat. Nun schätzt er alle glücklich, die dieselbe Glaubenshaltung zu Gott gewonnen haben, die im Dunkel und Kampf des Lebens mit der Wirklichkeit Gottes zu rechnen wagen. Sie haben sich abgewendet von den Hoffärtigen, die trunken sind von sich selbst und ihrem Können, Hoffart lebte immer vom Truge, Wirklichkeitsmenschen, die sich ihrer Schwachheiten und der Grenzen ihres menschlichen Könnens bewußt sind, können nicht hoffärtig sein. So weit ihr Einfluß auch reicht, so stark sie in ihrem Handeln auch sind  so fruchtbar ihr Leben sich auch für andere erweist, sie bleiben sich ihres  Menschseins und ihrer Verantwortung bewußt. Hoffart jedoch entsteht immer auf Grund eines berauschten Selbstbewußtseins. Das nennt der Psalmist hier: „dem Trug verfallen". Wer auf solche Menschen sein Vertrauen setzt, der teilt eines Tages das Gericht der Hoffärtigen.

 

 

6. Wie gar zahlreich hast du, o HErr, mein Gott,
deine Wunder werden lasen,

und die Absichten, die du mit uns hast
— es gibt nicht deinesgleichen —
wollt' ich sie verkünden, von ihnen reden,
sie sind ja unmöglich zu zählen.

 

An seinen eigenen Erfahrungen hat der Psalmist einen geschärften Blick gewonnen für die unzähligen Segenstaten Gottes. Die Reichsgottesge-schichte wird  ihm zu einem Buch göttlicher Taten und Wunder. Sie sagen ihm, wie wertvoll der Mensch in Gottes Augen ist. Vergeblich sucht er in der Schöpfung, ob droben im Himmel, ob drunten auf Erden nach etwas Verwandtem, mit dem er Gott vergleichen könnte. Er ist innerlich überwältigt von der Gottesschau, die ihm auf Grund der Gotteshandlungen geworden ist. Er findet weder ein Wort noch ein Bild, um Gott wirklich zu  nennen, ihn in seinem Heilswillen und in seinen Heilstaten zu schildern. So viel größer Gott ist als der Mensch, so viel größer und majestätischer ist auch sein  Bild und sein Tun. Weder ein Mensch  noch die Geschichte haben je Gott ganz zu nennen, Gottes Heilsoffenbarungen alle zu erzählen vermocht. Gottes Gnade und Offenbarung übersteigen in ihrer Fülle, Größe und Tiefe alles menschliche Denken und Verstehen. Kein Zeugnis von Gott vermag mithin Gott ganz zu bezeugen und zu künden.

 

7. Schlachtopfer und Speisopfer begehrest du nicht,
doch Ohren hast du mir [zum Hören] gegeben,
Brandopfer und Sündopfer forderst du nicht.

 

Erfüllt von den großen Gottestaten kommt der Psalmist ganz von selbst auf die Frage, wie er seinem Dank einen greifbaren Ausdruck geben kann. Er denkt an die Schlacht= und Speisopfer, an die Brand= und Sündopfer im gottesdienstlichen Leben seines Volkes. Ihm jedoch genügen sie nicht. Er hat das Vertrauen zu ihrem Wert und ihrer Heiligkeit verloren. Nach ihm hat Gott weder Schlacht= noch Speisopfer als Ausdruck einer lebendigen Gemeinschaft begehrt. Ihm sind Brandopfer nicht mehr ein Gott wohlgefälliger Ausdruck des Dankes, die Sündopfer nicht mehr das wahre Schuldbekenntnis eines Menschen vor Gott. Der Psalmist war ganz vertraut mit der Deutung, die man den einzelnen Opfern gegeben hatte. Nach der bisherigen Überlieferung trugen Schlacht= und Speisopfer einen gemein schafts-  bildenden Charakter. Von ihnen bekam Gott immer nur einen kleinen Teil. Der weit größere wurde von den Opfernden mit ihren Angehörigen und Freunden als Gemeinschaftsmahl verzehrt. Die Schlacht= und Speisopfer waren mithin gemeinschaftsbildend, und zwar mit Gott einerseits und mit den Geladenen andererseits, die an der Opfermahlzeit teilnahmen. Solch eine Gemeinschaft aber begehrt Gott nicht, sagt der Psalmist.

Die Brandopfer und Sündopfer waren anderer Art. Beim Brandopfer gehörte das ganze Opfer Gott, nicht etwa nur ein kleiner Teil des Opfers. Es war nur Gabe als Ausdruck einer innerlichen Huldigung oder eines empfundenen Dankes. Von der Darbringung der Sündopfer erwartete der Opfernde Entsündigung, Sühne für Schuld und Verfehlungen. Von ihnen sagt der Sänger, daß Gott sie nicht gefordert hätte. Damit stellte der Psalmist aber fest, wie tief er das Wesen der wahren Gemeinschaft erfaßt hatte. Nicht Tieropfer können zur Gemeinschaft führen. Gemeinschaft mit Gott
und auch untereinander kann nur entstehen auf Grund innerlicher Geistesverwandtschaft. Mit Gott Gemeinschaft pflegen können nur Menschen, denen Gott seinen Geist schenken konnte. Gemeinschaft untereinander kann nur bestehen, wenn sich alle durch ein und den-
selben Geist Gottes zu einer heiligen Bruderschaft verbunden wissen.

Nun wissen wir/ daß diese hohe Erkenntnis einst dem Volke Israel erst mit seinen großen Propheten wurde. Es ist mithin kaum anzunehmen, daß bereits David so über das Wesen der Gemeinschaft und so über das Geheimnis wahrer Gotteshuldigung und so über die Tiefen der Sündenvergebung gesprochen hätte. Davids Sohn Salomo versuchte ja während seiner Regierung alles bis zu seiner Zeit Dagewesene in der Darbringung von Opfertieren zu übertreffen. Nach Vollendung des Tempelbaus opferte er so viele Schafe und Rinder, daß man sie nicht zählen noch berechnen konnte (1. Kön. 8,5). In solch einem Geiste und in verwandter Erkenntnis lebte nicht der Beter unseres Psalms. Ihn erfüllte der Geist der Propheten. In welchen Handlungen er den Ausdruck des Dankes, das Geheimnis der Vergebung und das Wesen der Hingabe sah, das sagt er uns in den folgenden Versen.

 

8.Da sprach ich: »Siehe, ich bin gekommen!

Im Buche steht's für mich geschrieben.
9. Ich habe Lust, mein Gott, zu tun deinen Willen, dein Gesetz trage ich in meinem Herzen."

 

Der Psalmist macht sich selbst, sein Leben zum Opfer, das er Gott darbringt. Nicht ein Tier kommt, „ich komme!" Ich, dein Knecht, ich, dein Sohn, ich, der Begnadigte, ich, der Gerettete aus der Grube des Verderbens. Allein diese Gabe kann der Gnade und Größe Gottes entsprechen. „Es gibt nur eine Haltung des Menschen, die diesem Gott gibt, was ihm gebührt. Das ist die Haltung des Gehorsams und der Beugung unter Gott4)." Gott sucht die Gemeinschaft mit dem Menschen seines Ebenbildes, mit dem Geschöpf, das ihm innerlich verwandt ist. Wenn der Vater als Dank die Liebe des Kindes erwartet,
dann kann kein Opfergeschenk ihm Ersatz für diese ersehnte Liebe bieten. Es gibt vor Gott keinen Ersatz für jene persönliche Hingabe, die aus dem Glauben an seine Offenbarung und aus der Liebe zu  ihm selbst fließen. Was der Psalmist zu tun hat, findet er im Buche, eigentlich in den Buchrollen Geschrieben. Mit Freuden ist er bereit, des HErrn Willen zu tun. Er trägt das Gesetz als eine Kundgebung der Heilsabsichten seines Gottes in seinem Herzen, Ohren hat
Gott ihm gegeben, wörtlich: „grubst du mir", damit er höre wie ein Jünger (Jes. 50,4). Das ist dem Sänger Ausdruck des Dankes, Opfer der Liebe, Gemeinschaft mit Gott.

Der Hebräerbrief hat nun diese Psalmstelle frei wiedergegeben und sie auf Christus bezogen. „Schlacht= und Speisopfer willst du nicht, einen Leib aber hast du mir geschaffen. An Brand- und Sündopfern hast du kein Wohlgefallen. Da Sprach ich: Siehe, ich komme, um deinen Willen zu erfüllen, mein Gott, wie in der Buchrolle von mir geschrieben steht" (Hebr. 10,5—7). Erst in Jesu erfüllte sich im vollen Umfange dies Wort, das ursprünglich ein Beter im Alten Testament nur im Blick auf seine persönliche Glaubenshaltung Gott gegenüber aussprach. Daher nahm der Hebräerbrief in der Verbindung, wo er das weit höhere Opfer Jesu
behandelte, das Wort einfach für Christus und seine Hingabe an den Vater in Anspruch.

Die großen Glaubenserfahrungen mußten dem Psalmisten aber auch zum Inhalt eines gewaltigen Zeugnisses für andere werden.

 

10. Ich verkündige [deine] Gerechtigkeit in der großen Gemeinde, siehe, ich verschloß nicht meine Lippen, das weißt du, HErr!

11). Deine Gerechtigkeit verbarg ich nicht im Herzen, von  deiner Wahrheit und Hilfe habe ich gesprochen, ich verschwieg nicht deine Gnade und Treue in der großen Gemeinde.

 

So wird Gottes Handeln durch das Zeugnis der Begnadeten zu einer frohen Botschaft für die Gemeinde, für die Welt und für die späteren Zeitalter. Was sie an Gerechtigkeit, an Wahrheft, an Hilfe, an Gnade und Treue erlebten, soll in anderen ein verwandtes Vertrauen und dieselbe glaubensvolle Hingabe an Gott erwecken. Erlebte Gnade will andere zum Erleben der Gnade führen. Zu allen Zeiten war daher Zeugendienst des Glaubens Missionsdienst an der Gemeinde und am Volk.

 

3. Das Schuldbewußtsein der Gläubigen (Vers 12-13).

 

Menschen mit großen Glaubenserfahrungen lebten nie in einem frommen Selbstbewußtsein. Sie bespiegelten sich auch nicht in ihren Erfahrungen und in ihrer Frömmigkeit. Sie haben Gott gesehen. Unmöglich können sie hinfort Gefallen an sich selber haben. Trotz aller Gemeinschaft mit Gott sind sie sich je länger desto mehr ihres persönlichen Abstandes von Gott bewußt geworden. Sie wissen etwas von dem Tier, das im Menschen erwachen und zu einer Bestie werden kann. Sie trauen sich nicht selber zu, was allein durch Gnade ihnen geschenkt und durch die Kraft des Heiligen Geistes in ihnen gewirkt werden kann. Auch unser Sänger setzt daher alle seine Erwartungen allein auf Gott.

 

12. Du, HErr, wirst dein Erbarmen nicht verschließen vor mir, deine Gnade und Treue mögen beständig mich schirmen!

Das ist der Segen tiefer Selbsterkenntnis. Er macht den Menschen abhängig von Gott. Er berechnet nicht die eigenen Kräfte. Er nimmt seine Zuflucht zur Gnade und zur Treue Gottes. Sie allein sind groß und stark genug, um den Menschen in der Welt zu beschirmen und zu bewahren,

 

13. Denn Gefahren ohne Zahl umgeben mich.

Meine Verschuldungen haben mich erfaßt, ich kann sie nicht übersehen. Weit mehr sind ihrer als Haare meines Hauptes, da will mir mein Mut entsinken.

 

Der Psalmist sah die Welt, und er sah, sich selbst. Die Welt, durch die sein Lebensweg ihn führte, war voll von zahllosen Gefahren. Ob sie mehr äußerlicher oder mehr innerlicher Natur waren, sie gereichten ihm zur Versuchung. Das Leben mit seinen Lockungen, Verführungen und Sünden hatte sich stärker erwiesen als er. Es hatte ihm Gelegenheit zu zahllosen Verschuldungen geboten. Er vermochte sie nicht zu zählen. Er wußte aber, daß sie als Schuld anklagend vor Gott standen. Alle frommen Versuche, selbst mit den ungezählten Sünden fertig zu werden, hatten sich als völlig vergeblich erwiesen. Da war dem Ringenden der Mut entsunken. Seine Kräfte waren gelähmt, und vergeblich rang er um Trost. Was allein Frieden seiner Seele geben konnte, war die Gnade. Er kannte sie in ihrer Größe, daher nahm er zu ihr  seine Zuflucht

4.Das Flehen im Angesichte der Feinde(Vers 14 — 18).

 

Wurden zu jeder Zeit auch die Menschen anders, die in der Gemeinschaft mit Gott zur Ruhe kamen, die Welt, in der sie lebten, blieb dieselbe. Sie sahen sich weiter umgeben von den Feinden Gottes und den Spannungen des Lebens. Sie kannten daher nicht nur ein Kämmerlein, in dem sie gelegentlich im Gebet vor Gott traten. Das Leben wurde ihnen
Zum Gebet.

 

14. Laß dir's gefallen, HErr, mich zu erretten,
eile, o HErr, und komm mir zur Hilfe!

 

Offenbar durchlebte der Psalmist eine Zeit besonderer Nöte und Drangsale. Auch ihm dauerte es zu lange, wie Jahrhunderte Später einer Maria und Martha, bis Gott mit seiner Hilfe eingriff (vgl. Joh. 11,20). Aber Gott verspätete sich noch nie. Verzog er auch, um so sichtbarer und gewaltiger ward später alsdann sein Eingreifen. Daß Jesus Autorität vom Vater auch über den Tod empfangen hatte, konnte erst an dem kranken Lazarus offenbar werden, nachdem er gestorben war.

 

15. Beschämt und schamrot mögen alle werden,

die darnach trachten, mir das Leben zu nehmen.

Es werden zurückweichen und zuschanden werden,

die Freude an meinem Unglück haben.
16. Erschaudern werden sie ob ihrer Schmach,

sie, die über mich rufen: „Ha! Ha!"

 

Zu jeder Zeit konnte Gott im Leben derer, die ihm vertrauten, wahrmachen, was einst Joseph zu seinen Brüdern Sagte: „Ihr zwar gedachtet mir Böses zu tun, Gott aber hat es zum Guten gewendet, daß er täte,
was jetzt am Tage ist, ein großes Volk am Leben zu erhalten" (l. Mos. 50,20). Je stärker Pharao Israel knechtete, desto größer wurden Ägyptens Gerichtswehen und desto näher rückte die Stunde für das auf Erlösung wartende Volk. Mit Gott rang der Mensch noch immer vergeblich. Ob das ein Saul in den Tagen Davids oder ein Jojakim zur Zeit Jeremias war. Bisher gereichte noch immer der Kampf der Feinde wider Gott zu ihrem eigenen Gericht. Zwar glaubten sie in ihrer Feindschaft gegen einen Menschen zu kämpfen, ihr Kämpfen erwies sich aber als ein Kampf gegen Gott. Je länger die Feinde sich in demselben zu halten suchten, desto größer wurde der Zusammenbruch, den sie sich vorbereiteten.

Daß alle, die den HErrn suchen, Gottes Gerechtigkeit auch in der Geschichte  und in dem Leben ihrer Feinde erfahren möchten, erfleht der Psalmist mit den Worten:

 

17. Laß alle frohlocken und deiner sich freuen,
die dich, HErr, Suchen, laß Sprechen zu jeder Zeit: „Groß ist der HErr!" — alle, die deine Hilfe begehren
.

 

Wer Gottes Größe, Majestät und Erbarmen im eigenen Leben erfahren hat, ist erfüllt von der Sehnsucht, daß sie erlebt werden möchten von allen Ringenden und allen Zagenden. Wer erst selbst in seinen Nöten, Kämpfen und Gefahren eine neue Schau für Gottes Können gewonnen hat, der ringt im Gebet darum, daß sich auch andere in den Spannungen ihres Lebens von Gottes Macht und Hilfe begnadet sehen möchten. Wer in seinen Nöten Gott gefunden hat, findet alsbald auch den Nächsten mit seinen Nöten und möchte ihn teilnehmen lassen an dem Heil, das ihm selbst von Gott aus werden konnte.

 

18. Ich aber, ich bin elend und arm,
du, HErr, wirst für mich sorgen,
meint Hilfe und mein Retter bist ja Du!
Mein Gott, ach, verziehe doch nicht!

 

Ergreifend ist zum Schluß dieses Bekenntnis. Es läßt uns noch einmal die großen Seelenkämpfe und Nöte erkennen, die der Psalmist innerlich durchlebte. Gottvertrauen und Mutlosigkeit, Glaube und Todesangst ringen in ihm um die Herrschaft. Das ist menschlich. Gott aber versteht diese Spannungen in der Seele Seiner Knechte. Stehen sie auch gelegentlich unter dem Starken Eindruck, daß sie Gott nicht mehr halten können, dann hält Gott um so fester sie. Seine Gnade triumphiert zuletzt nicht nur über die Gefahren, von denen sie sich umgeben sehen. Sie triumphiert auch über die geheimsten und schwersten Seelenkämpfe, die sie innerlich durchleben.

 

Anmerkungen zu Psalm 40  

 

 

1)Eb. Kalt übersetzt  Viele  sehen es und fürchten [Gott] und bauen auf den Herrn.

2) Es sind die Buchrollen, welche die überlieferten Gottesworte der Thora und der alt. Propheten enthielten, die der Sänger „in echtem biblischen Schriftverständnis auf  sich selbst" bezog.

3) R. Kittel übersetzt: ,,Mein  Herz ist mir entsunken". Fr. Delitsch: Und mein Herz hat
mich verlassen".

4) A. Weiser Die Psalmen,  3. 106.

 

VII. Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz! Psalm 51

 

Überschrift: Dem Sangmeister, ein Psalm Davids, als zu ihm kam Nathan, der Prophet, nachdem er sich vergangen hatte mit Bathseba 1)

3. Gott! Sei mir gnädig nach deiner Huld! Nach der Größe deines Erbarmens tilge meine Missetaten!

4. Völlig reinige mich von meiner Schuld !Ach, von meiner Sünde mach` du mich rein!
5. Denn ich weiß wohl um meint Missetaten, meine Sünde ist mir stets gegenwärtig.

6. An dir allein hab' ich gesündigt, was mißfiel deinen Augen, das hab' ich getan. — Dieweil du so gerecht bist in deinen Worten, ohn' jeden Fehl in deinem Urteil.
7. Siehe, ich bin ja in Schuld geboren, in Sünden hat mich meine Mutter empfangen.

8. Siehe, an Wahrheit im Innersten hast du Gefallen, drum tu' mir Weisheit im Verborgenen kund 2).
9. Entsündige mich mit Ysop, so werde ich rein, wasche mich, so werde ich weißer als Schnee.
10. Laß mich [wieder] hören Freude und Wonne,

daß frohlocken die Gebeine, die du hast zerschlagen,

11. Verbirg [HErr] dein Antlitz vor meinen Sünden,
und alle meine Missetaten tilge du.

12. Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, gewissen Geist.

13. Verwirf mich nicht von deinem Angesicht, und deinen Heiligen Geist nimm nicht von mir.

14. Gib mir wieder die Wonne deines Heils, und stütze mich durch einen willigen Geist.
15. So will ich Übertreter deine Wege lehren, daß Sünder sich zu dir bekehren.

16. Rette mich von Blutschuld, o HErr, du Gott meines Heils
damit juble meine Zunge ob deiner Gerechtigkeit.

17. HErr, tue du meine Lippen auf, daß mein Mund deinen Ruhm verkünde!
18. Denn Schlachtopfer gefallen dir nicht — sonst geb' ich sie dir —, auch Brandopfer begehrst du nicht.
19. Das Schlachtopfer, das dir3) gefällt, ist ein zerbrochener Geist; ein zerschlagenes Herz wirst du, o Gott, nicht verachten.

20. Tue wohl an Zion nach deiner Huld, und baue auf Jerusalems verwüstete Mauern.
21. Dann wirst du Gefallen haben an rechten Opfern, an Brandopfern und Ganzopfern. Hinaufsteigen werden Farren auf deinen Altar.

 

Es  ist verständlich, daß man diesen Bußpsalm in seiner Tiefe und ergreifenden Wirkung innerhalb „der Kirche öfter als irgendeinen Psalter gesungen und gebetet hat" (Luther). Unter den sieben Bußpsalmen nimmt er die erste Stelle ein. Sünde und Gnade, Schuld und Vergebung werden hier in einem Geiste geschaut, wie es Später auch die Apostel und die Gemeinden getan haben. Der Psalmist lebte im Geiste jener großen Propheten seines Volkes, die in ihrer Heilsschau und Heilserwartung weit über die Erkenntnis ihrer Zeit hinauswiesen. Nicht sühnen will der Beter seine Schuld, er ringt um Vergebung auf der Grundlage der göttlichen Barmherzigkeit. Nicht im Bewußtsein eigener Kraft will er sein Leben verbessern, er fleht um eine Erneuerung durch den  Heiligen Geist. Nicht etwa irgendein Opfer soll der Inhalt seines Dankes sein,   sein Mund soll rühmen die großen Taten Gottes. Was er als Dankopfer Gott zu bringen hat, ist ein zerbrochener Geist und ein zerschlagenes Herz.

Nach der Überschrift soll der Psalm von D a v i d  sein. Nachdem er den Ehebruch mit Bathseba begangen und deren Mann Uria hatte töten lassen, sei dieser Psalm der Inhalt seines Bußgebets gewesen. So gern man an diesen Zusammenhängen auch festhalten möchte, sie entsprechen aber kaum der geschichtlichen Wirklichkeit. Des Psalmisten Verständnis für Sünde und Vergebung war viel tiefer und wahrer als das während der Zeiten eines David. So wertvoll Davids Gebete und Lobgesänge der Kirche auch immer bleiben werden, an die prophetische Höhenlage des 51 Psalms reichen  sie kaum hinan. Auch am  Gebetsleben der alttestamentlichen Gottesknechte erkennen wir, daß der HErr die Seinigen aus Klarheit in Klarheit und damit aus Erkenntnis in Erkenntnis führte. Je tiefer und klarer die Gotteserkenntnis der Propheten vor der eines David wurde, desto reiner und unmittelbarer wurde auch der Gebetsumgang mit Gott. Vielleicht darf angenommen werden, daß unser Psalmist etwa im Zeitalter eines Jeremia oder noch etwas später gelebt hat

 

1.Das Ringen um Vergebung (Vers 3-5).

 

Dem Sänger ist seine Sünde zur inneren Not geworden. Sein Gewissen war erwacht, und seine Seele kam nicht mehr zur Ruhe. Das ist die Folge der bösen Tat, daß sie noch immer den Menschen sehend machte. Nachdem Adam und Eva im Garten Eden das Gebot Gottes übertreten hatten, erkannten sie, daß sie nackt seien. Sie hatten Gott gegenüber etwas verloren, was sie vordem besaßen. Schuld muß an dem Menschen nach dem Ebenbilde Gottes immer neu als Schuld aufbrechen. Hinfort helfen keine Art von Feigenblätter mehr, ob sie religiöser, moralischer oder völkischer Natur sind, um die offenbar gewordene Blöße zu verbergen. In diesem Gericht liegt aber weit mehr Gnade,
als der Mensch zu ahnen vermag. Würde nicht die Nacktheit immer wieder durchbrechen, der Mensch würde alsdann in seiner Selbsterlösung zur Ruhe kommen, ohne in Wirklichkeit von sich erlöst zu werden.

 

3. Gott! Sei mir gnädig nach deiner Huld! Nach der Größe deines Erbarmens tilge meine Missetaten!

 

Ist auch nicht anzunehmen, daß David der Verfasser des Psalms ist, so spricht dennoch ein Beter zu uns, der sich der Größe seiner Schuld bewußt war. Sie kann ihm in ihrer erdrückenden Schwere allein durch den genommen werden, dessen Barmherzigkeit größer ist als jede Schuld eines Menschen. So groß und schwer seine Missetaten sind, ebenso reich und  groß muß auch  die Vergebung sein. Diese sucht er nicht im göttlichen Recht. Er erwartet sie von der göttlichen Barmherzigkeit. Ihr vertraut er, daß sie in ihrer Kraft ihn reinigen wird von jeder Schuld und Befleckung des Lebens.

 

4. Völlig reinige mich von meiner Schuld!

Ach, von meiner Sünde mach' du mich rein!
5. Denn ich weiß wohl um meine Missetaten,

meine Sünde ist mir stets gegenwärtig.

 

Wenn die Schrift vom Reinigen Spricht, so tut sie das im tiefsten Sinne nur in bildlicher Weise. Ein Mord, wie ihn z. B. David an Uria begehen hieß, oder ein Ehebruch, wie er ihn mit der Bathseba beging, sind nicht äußere Befleckungen, die man abwaschen und aus dem Leben tilgen kann. Sie sind innerste Verfehlungen, die hinfort aufs engste mit dem Wesen und der Zukunft des Menschen zusammenhängen. Sie fließen aus einem Verderben, von dem niemand sich selbst freizumachen vermag.

Die religiösen Reinigungen, von denen die Schrift Spricht, wollen nur Symbol, Bild und Zeichen eines inneren Vorgangs sein. Je bewußter der Mensch zur Erkenntnis seiner Schuld erwacht, desto klarer wird seine Sehnsucht nach Vergebung. Gott in seiner Barmherzigkeit antwortet auf diese Sehnsucht und macht die Vergebung zum Anbruch eines neuen Lebens. Mit dem Augenblick, wo der verlorene Sohn in den Armen seines Vaters lag, begann das Leben eines wiedergefundenen Sohnes. Diese Wendung von der Schuld zur Vergebung, von der Vergebung zum Anbruch eines neuen Lebens liegt nicht im Können eines Menschen.
Niemand entflieht seiner Schuld. Niemand bringt das redende Verbrechen zum Schweigen, niemand vermag sich selbst zu erneuern. Was aber bei Menschen unmöglich ist,  das vermag Gott. Er tilgt durch seine Vergebung die Sünde so völlig aus dem Buche des menschlichen Lebens, daß er ihrer nicht einmal mehr gedenken will. Nur auf Grund dieser vergebenden Barmherzigkeit Gottes vermag der Mensch im Glauben auch über seine schwerste Schuld zur Ruhe und zum Frieden zu kommen.

 

2. Das Bekenntnis der Sündenschuld (Vers 6 —11).

 

6. An dir allein hab1 ich gesündigt,

was mißfiel deinen Augen, das hab' ich getan. —-

 

Das ist das Erschütternde, daß jede Schuld gegen den Nächsten zur Sünde gegen Gott wird. Solange aber die Sünde vor
Gott steht, erwacht sie eines Tages todsicher auch im Gewissen des Menschen. Der Mensch vergißt erst dann Sünden, wenn Gott ihrer nicht mehr gedenkt. Könnte der Mensch vergessen, bevor Gott in seiner Barmherzigkeit die Sünde zugedeckt hat, dann käme er innerlich zur Ruhe auch ohne Vergebung. Der Mensch bliebe dann in seinen Sünden und seine Zukunft bliebe ohne Erlösung.

Welche Gnade liegt mithin in Gottes gerechtem Wort, in seinem
Urteil ohne Fehl! Leuchtet sein Wort in das Leben eines Menschen, dann wird die Finsternis als Finsternis, die Sünde als Sünde, die Schuld als Schuld offenbar. Gottes Urteile ohne Fehl lassen keine Täuschung über den Charakter der Schuld, keine Täuschung über die Folgen einer Sünde Zu. Sie zwingen den Menschen, sich als den zu erkennen, der er ist: ein Schuldner vor Gott. Gott gegenüber hilft aber keine Selbstrechtfertigung, nützt kein Leugnen, versagt jede Flucht. Entweder zerbricht man an seiner Schuld vor ihm, oder man fleht um Vergebung. Wie wenig aber Vergebung Menschen erniedrigt, beweisen alle jene großen Persönlichkeiten der Geschichte, die wie Augustin, Huß, Luther,
Calvin und unzählige andere mehr erst nach erlebter Vergebung der

Welt zu einem unvergänglichen Segen geworden sind. Erst als Begnadigte wurden sie zu Boten der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens. Als solche konnten sie der Menschheit hinfort den Weg vom Tode
zum Leben, aus der Schuldverhaftung zur Erlösung künden.

Wie tief der bekennende Psalmist  seine Sünde erkannte, drückt er auch
durch das Bekenntnis aus:

 

7. Siehe, ich bin ja in Schuld geboren,

in Sünden hat mich meine Mutter empfangen.

 

In Verbindung mit den vorigen Versen wird hier die Sünde in
ihrem tiefsten Zusammenhang gesehen. Sie ist nicht etwa nur
persönliche Schwäche, auch ist sie nicht eine zusammenhanglose Einzelverfehlung. Der Mensch steht als Sünder vor Gott nicht nur auf Grund persönlicher Verfehlungen, Widersprüche und Auflehnungen. Er ist Glied einer Menschheit, die sich als Gesamtheit in ihrer Geschichte immer wieder schuldig machte vor Gott. Wie
stark jedes neugeborene Kind Anteil an dieser Gesamtschuld hat, können Eltern am ersten an ihren Kindern erkennen. So unschuldig und rein Neugeborene in den ersten Monden ihres Lebens auch zu s'ein scheinen, mit zunehmendem Alter werden in ihnen Regungen wach, sind sie zu  Handlungen fähig, die nach und nach nichts mehr mit Unschuld zu tun haben. Paulus redet im Römerbrief von einem Todesleib, mit dem wir alle als Glieder der Menschheit verflochten sind. Er wirft die Frage auf, die nie in der Menschheit zur Ruhe kam: „Und wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes?" Aber als einer, dem Gott seinen Sohn hat offenbaren können, antwortet er: „Gott sei Dank! Er hat's getan durch Jesus Christus, unseren Herrn!'' (Röm. 7,24.25.)

Wenn der Psalmist betont, daß ihn bereits seine Mutter in Sünden
empfangen habe, so ist nicht anzunehmen, daß er etwa das Kind aus
einem unehelichen Verkehr gewesen sei. Auch liegt ihm fern, etwa das Entstehen des Menschen auf Grund der göttlichen Schöpfungsordnung, d. h. durch Zeugung, Empfängnis und Geburt als etwas Sündhaftes zu bezeichnen. Er bringt nur das Erschütternde zum Ausdruck, daß der Mensch bereits von seinem ersten Werden an einer Menschheit angehört, die als Ganzes und in jedem einzelnen Gliede dem von Paulus genannten Todesleibe angehört. Je bewußter nun der Mensch in die Nähe Gottes kommt, desto bewußter wird ihm sein Schuldigsein vor Gott Als Jesaja (6, 5) am Tage feiner Berufung den HErrn auf dem Throne seiner Macht und Herrlichkeit sitzen sah, da erkannte er, daß er sowohl selbst  unreiner Lippen sei, als auch unter einem Volke mit unreinen Lippe» wohne.

Der Sänger entschuldigt seinen sündhaften Zustand nun nicht damit,
daß letzthin alles ja nur Vererbung wäre und mithin dem Menschen
die persönliche Verantwortung abgenommen sei. Er wagt vielmehr, in die letzten Tiefen seines Lehens und Handelns hinabzusteigen. Hier entdeckt er die dunklen Quellen auch all seiner persönlichen Schuld.

 

8. Siehe, an Wahrheit im Innersten hast du Gefallen,
drum tu' mir Weisheit im Verborgenen kund.

 

Dieser Vers ist nicht leicht zu übersetzen. Falls wir seinen eigentlichen Sinn erfaßt und wiedergegeben haben, so will der Psalmist mit einem bildlichen Ausdruck sagen, daß er in seinem Innersten das nicht hat, was Gott in demselben sucht. Der wörtliche Ausdruck für „Innerstes" ist eigentlich „Nieren". Sie galten in der alten Zeit als der zarteste Sitz aller menschlichen Empfindungen und Regungen. Durch diesen bildlichen Ausdruck bezeichnete man mithin die verborgensten Tiefen des Herzens mit all ihren geheimen Neigungen und Kräften. Gott sucht nun nach Wahrheit oder auch Wahrhaftigkeit in dem Innersten des Menschen. Nur sie decken sich  mit ihm und seiner Gerechtigkeit. Sie allein erweisen sich als ein Segen für den Menschen. Der Sänger muß
aber feststellen, daß in ihm sich ganz andere Kräfte regen als jene, die aus der Wahrheit und der Offenbarung Gottes fließen. Er findet, daß es in den Tiefen seines Herzens dunkel ist. Entsprechend dieser Quelle ist nun auch all sein Wollen und Handeln voll Unheil und Dunkel.

Daher fleht er, daß Gott ihn diese verborgene Weisheit lehren möge.
Er vermag weder die göttliche Wahrheit zu erkennen, noch weniger vermag er ihrem Lichte entsprechend zu handle. Das ist aber die
Gnade, die mit solch einer gottgewirkten Selbsterkenntnis verbunden ist, daß sich in ihr ein Glaube erhebt, der
in Gott sucht, was der Mensch in sich nicht findet. So wird
aus dem Gericht über sich selbst der Anfang zu einer glaubensvollen
Erhebung zu Gott.

Diesen Anfang erkennen wir beim Psalmisten in seinem erneuten Flehen um Vergebung. Sie ist ihm aber nicht nur ein Zudecken seiner
bisherigen Schuld. Sie ist ihm zugleich Reinigung, d. h.
Entsündigung von aller Befleckung durch die Sünde.

 

9. Entsündige mich mit Ysop, so werde ich rein,
wasche mich, so werde ich weißer als Schnee.
10. Laß mich [wieder] hören Freude und  Wonne,
daß frohlocken die Gebeine, die du hast     zerschlagen
                                       


 


Von dieser Reinigung spricht der Psalmist noch vom Standpunkte des
Alten Testaments aus. Die Lehre von der Unreinheit hatte sich in der
Überlieferung allmählich zu einem unermeßlichen Labyrinth ausgebildet,
Personen und Sachen wurden unrein durch die Berührung mit allem, das im Gesetz als unrein bezeichnet wurde.
 Es gab Stufen der Verunreinigung. Dementsprechend waren
alsdann auch die  Mittel, die zur Wiedergewinnung der Reinheit führen
konnten. Die stärkste Verunreinigung geschah durch die Berührung mit
einer menschlichen Leiche. Als ähnlich unrein galten auch alle, die
vom Aussatz befallen wurden. Bei geringeren Verunreinigungen erfolgte die Reinigung durch verschiedene Waschungen. War jedoch jemand
durch die  Berührung einer Leiche unrein geworden, so mußte er sich  am dritten und siebenten Tag „entsündigen" lassen, d. h. er wurde mit dem Wasser der Entsündigung besprengt (4.Mos. 19,13ff.).

Die Aussätzigen blieben solange unrein, als ihre Krankheit währte.
Konnte aber von einem Priester festgestellt werden, daß die Krankheit
erloschen sei, so mußte der Wiedergenesene sowohl seinen Leib als auch seine Kleider waschen lassen. Nach sieben Tagen wurde die Reinigung noch einmal vollzogen. Alsdann hatte der Geheilte ein genau vorgeschriebenes Opfer zu bringen. Mit dem Blute des Opfertieres wurde er besprengt. Die Besprengung geschah mit einem Ysopbüschel.

Diese Reinigungshandlungen dienten dem Psalmisten als Bild für
jenen inneren Vorgang, den er erflehte. Die Vermittlung der Reini-
gung durch den Priester tritt in seinem Flehen aber bereits ganz zurück. Der Beter erwartete sie ausschließlich als eine Tat Gottes. Ihn so zu reinigen, richtiger zu entsündigen, daß er reiner wird als der Schnee, kann nur durch eine Handlung Gottes geschehen. Mit der Entsündigung wird für ihn alsdann wieder Freude und Wonne verbunden sein. Mit der seelischen Genesung wird sich alsdann auch ein  physisches Wohlbefinden verbinden. Seelsorger und Ärzte wissen aus  Erfahrung, wie den Menschen eine verborgene Last krank machen
oder bis zur Verzweiflung bringen kann. Welch eine Veränderung tritt
jedoch bei vielen ein, denen Gott eines Tages durch den  Geist Jesu
C
hristi versichern kann: „Sei getrost, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben" (Matth. 9,2).

Wie stark der Psalmist seine Vergebung und Entsündigung als eine
Tat Gottes ansieht, geht noch aus den Worten hervor:

 


11. Verbirg [HErr] dein Antlitz vor meinen Sünden, und alle meine Missetaten tilge du.

 

Nur Gnade vermag das, was sie als Sünde und Schuld aufdeckte,
auch wiederum so zuzudecken, daß der unter der Vergebung stehende
weiß: Gottes Antlitz ruht nicht mehr auf meiner Sünde und Vergangenheit, sie ruht auf dem heimgefundenen Sohn, der den Weg zurück ins Vaterhaus fand.

 

3.Die Neuwerdung des Lebens (Vers 12 — 15).

 

Vergebung, Reinigung, Entsündigung sind für Gott nur erste Anfänge, um aus dem Menschen ein Neues zu schaffen. Nachdem der Vater den verlorenen Sohn geküßt hatte, überließ er ihn nicht sich selbst, nicht seinem Elend und der Fremde. Er nahm ihn auf in sein Vaterhaus. Hinfort begann für den bisher Verlorenen ein völlig neues Leben. Paulus redet daher im Blick auf diejenigen, die Jesus Christus angehören, von einem „Einst" und von einem „Jetzt". Um dieses Neuwerden seines Lebens fleht auch unser Psalmist, wenn er es auch alttestamentlich ausdrückt.

 

12. Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz
und gib mir einen neuen, gewissen Geist.

 

Der Beter hat zu stark erkannt, daß sein Herz, sein Innerstes, die Quelle seiner unreinen Gesinnung und Handlung ist. Soll in seinem Leben auf dem Boden der Vergebung ein Neues beginnen, so muß ein solches durch das Schaffen Gottes entstehen. Das hebräische Wort „schaffen" bezeichnet eine Tätigkeit, die nie von Menschen, sondern immer nur von Gott ausgesagt werden kann. „Schaffen" — d. h. „erschaffen", aus dem Nichts ein Neues werden lassen, kann Gott allein.
Bekehrung, Wiedergeburt, Leben in Christo, das sind Vorgänge im Innersten des Menschen, die immer zu ihrem alleinigen Quell und Inhalt Gottes schöpferisches Wirken haben.

Das göttlich Neue wird aber von einem entsprechend neuen Geist beherrscht. Es ist bezeichnend für die klare Schau und Erkenntnis der alttestamentlichen Propheten, daß sie ein Neues für einzelne, für ihr Volk oder letzthin auch für die Welt nur von dem Wirken des Heiligen Geistes erwarteten. Welche Verantwortung hat die neutestamentliche Gemeinde nach Pfingsten, die nach Jesu Verheißung den Heiligen Geist als seinen Sachwalter unter sich wirksam weiß!

Auch unser Sänger bittet um einen neuen „gewissen" Geist. Im
Geiste liegen die Energien, d. h. die Kräfte zu dem ersehnten neuen Leben. Mit den biblischen Ausdrücken „einen neuen gewissen Geist" soll nach dem Hebräischen gesagt werden, daß es sich um einen auf Gottes Offenbarung und Heil festgerichteten Geist handelt. Sodann kann das Leben auf Grund einer geistigen Neugeburt nur in der Gegenwart und in der Gemeinschaft mit Gott bestehen. Ein vom Angesichte des Herrn Verstoßener wird vergeblich um die höheren Kräfte eines neuen Lebens ringen. Der Psalmist fährt daher fort und bittet:

 

13. Verwirf mich nicht von deinem Angesicht, und deinen Heiligen Geist nimm nicht von mir.

 

Kann der HErr durch den Heiligen Geist in uns wohnen, d.h. unser
Leben zu einem Raum für seine Gegenwart und sein Wirken machen,
dann leben wir vor seinem Angesichte. Wir sind alsdann
nicht mehr uns selbst und auch nicht der Welt überlassen. Unser Leben hört auf, ein steuerloses und zielloses Schiff auf wogender See zu sein. Der HErr leitet uns mit seinem Lichte. In unserer Schwachheit schöpfen wir aus seiner Fülle Gnade um Gnade. Werden wir müde, so erneuert er unsere Kraft. Rufen wir angstvoll, so antwortet er uns. Zagen wir, so tröstet er uns und läßt uns sein Tun und seine Wunder sehen. Es erfüllt sich dann als ein täglich neues Erleben der Wirklichkeit und Wirksamkeit Gottes, was der Sänger weiter mit seiner Bitte verbindet:


14. Gib mir wieder die Wonne deines Heils, und stütze mich durch einen willigen Geist.

 

Dem Menschen ohne Gott eine unverständliche Sehnsucht. Wer jedoch die dämonischen Tiefen seines Herzens kennenlernte, wie auch unser
Psalmist, dem ist dieses Gebet des Herzens verständlich. Ihm liegen die Quellen seiner Freude und Wonne hinfort nicht mehr in der Lust dieser Welt. Er findet sie allein in Gott und in der Offenbarung seines Heils. Damit sein neues Leben in Zukunft allein auf Gott und die Segnungen seines Heils gerichtet bleibe, dazu bedarf er eines willigen Geistes. Die Kräfte seines Handelns sollen nicht im gesetzlich Notwendigen, auch nicht im äußerlich Erzwungenen liegen. Seine Sehnsucht geht dahin, daß jeder Gehorsam Glaubensgehorsam, jede Liebe freiwillige Hingabe, jeder Dienst freudige Teilnahme an dem Wirken Gottes sei. Der Sänger erflehte letzthin dasselbe, was Paulus später
mit den Worten bezeugen konnte: „Ihr habt nicht den Geist der Knechtschaft empfangen, so daß ihr euch wieder fürchten müßtet, Sondern ihr habt den Geist der Sohnschaft empfangen; in diesem rufen wir: Abba, Vater" (Rom. 8,15.)

Mit dieser Klarheit beurteilte der Psalmist einerseits das Leben, das hinter ihm lag, und anderseits die Geburt jenes neuen Lebens, das er für sich auf Grund einer göttlichen Schöpfertat erflehte. Dieses Leben soll aber nicht ohne Wirkung bleiben. Ihm ist es eine schöpferische Tat der Barmherzigkeit. Es soll daher zu einem entsprechenden Zeugnis von dieser Barmherzigkeit werden.

 

15. So will ich Übertreter deine Wege lehren,
daß Sünder sich zu dir bekehren.

 

Aber auch solch ein Zeugnis kann nur aus der Gnade fließen. Wenn
Gott nicht beruft, entsteht kein Prophetwenn Gott
nicht sendet, kein Apostel Jesu Christi. Auch zum Reden mit
den Abtrünnigen bedarf es einer besonderen Gnade und Vollmacht. Wer
Abtrünnigen Gottes Wege lehren, Sünder zum HErrn bekehren will, muß
wissen, daß es hier um einen Dienst geht, der außerhalb des
Könnens auch des frömmsten Menschen liegt. Beides kann
allein der HErr. Der begnadete Mensch kann aber dieses Tun des HErrn
bezeugen. Er wird den Nächsten zur glaubenvollen Hingabe an Gottes
Wirken ermutigen. Der auf der Vergebung stehende und zum
Dienst
Begnadete trägt Gott durch sein Zeugnis in das Leben des Menschen,
damit dieser dadurch zu Gott komme, der in seiner Barmherzigkeit auch
ihn zu einem neuen Leben begnadigen will.

 

 

 

4. Das Dankopfer des Begnadeten (Vers 1 6 — 19).

 

16. Rette mich von Blutschuld, o HErr, du Gott meines Heils, damit juble meine Zunge ob deiner Gerechtigkeit.

 

In den folgenden Versen erhebt sich der Psalmist zu jener prophetischen Höhe, in deren geistiger Luft auch er lebte. Das äußert sich in dem
Dankopfer, das ihn im Blick auf seine Erhörung bewegte. Bevor er
jedoch von diesem Dankopfer spricht, erfleht er noch einmal Rettung vom
HErrn, als dem Gott seines Heils. Leider ist der Sinn des ersten Satzes
unklar. Man weiß nicht, was der Verfasser unter dem Worte „Blutschuld" versteht. Bat er um Bewahrung vor einer Bluttat, die
er
etwa begehen könnte? Oder stand er in Gefahr, daß Feinde an ihm eine
Blutschuld verüben konnten? Keine Deutung paßt richtig in den inneren
Zusammenhang dieses Gebets.

Am klarsten wäre der Übergang zu dem nachfolgenden Dankopfer,
wenn man übersetzen könnte: „Rette mich ohne Blutopfer" statt „von
Blutschuld". In der Zeit vor dem Propheten Jesaja konnte man sich
Rettung ohne Blutopfer nicht denken. Und solange das Heiligtum in Jerusalem noch nicht zertreten war, wurden sie als Sühne für begangene
Schuld und zur Erlangung der Vergebung gebracht. Aber während der
babylonischen Gefangenschaft bestand keine Möglichkeit, dem HErrn Schuld=
, Brand= und Schlachtopfer zu bringen. Die heiligen Altäre
des HErrn waren abgebrochen. Es fehlten die berechtigten Opferstätten. Die
Sehnsucht nach Vergebung und Rettung lebte aber trotzdem in den einzelnen und vielen fort. Im Munde unseres prophetischen Sängers wäre
mithin solch ein Gebet: „Rette mich ohne Blutopfer" überaus denkbar.
Er gehörte jedenfalls zu jenen, die mit den großen Propheten erkannt
hatten, daß Vergebung, Rettung ihren Grund nicht etwa
in einem dargebrachten Opfer an sich haben. Sie sind eine
Tat Gottes, der in seiner Barmherzigkeit und Gerechtigkeit Sünden vergibt, Missetaten nicht anrechnet und vom Bösen zu erretten vermag.
Auch in  seiner Gerechtigkeit ist Gott Liebe. Sie will der
Psalmist rühmen, wenn Gott ihm seine Rettung werden läßt:

 

17. HErr, tue du meine Lippen auf,

daß mein Mund deinen Ruhm verkünde!

 

Nichts vermag die Lippen zum Dankopfer so schnell zu öffnen als die
göttliche Erhörung. Wird der Mensch überwältigt von der Tat der Vergebung, dann huldigt er dem, der sich in seiner Gnade größer erwies, als seine Schuld je war. Greift Gott mit seiner Rettung ein, dann werden in der Seele des Geretteten neue Psalmen geboren. Wir hätten die biblischen Psalmen mit ihrer Anbetung und ihrer Lobpreisung

 

Gottes nicht, wenn nicht im Leben der Sänger eine rettende oder erlösende Tat Gottes vorangegangen wäre. Ohne Gebetserhörung entstehen keine Dankespsalmen. Diese haben immer eine erlebte Tat Gottes zum Inhalt ihres Ruhmes.

 

18. Denn Schlachtopfer gefallen dir nicht — sonst geb' ich sie dir —, auch Brandopfer begehrst du nicht.

 

In ihrer Bedeutung waren die Schlachtopfer ein Ausdruck entweder
des Dankes und der Gemeinschaft mit Gott oder aber auch der Gemeinschaft mit den Volksgenossen. In dem prophetischen Lichte, das der Verfasser über das Wesen wahrer Dankbarkeit und Gott wohlgefälliger Gemeinschaft gewonnen hatte, erklärte er aber, daß Gott weder Gefallen an Schlachtopfern hat, noch baß er nach Brandopfern verlangt. Kein
Opfer kann Ersatz sein für die Liebe und die Hingabe des
Opfernden selbst. Im 50. Psalm fragt der HErr Sein Volk:

 

Esse ich denn das Fleisch der Stiere?

Trinke ich etwa das Blut von Böcken?

Dank bringe Gott als Opfer dar,

und bezahle so dem Höchsten deine Gelübde (V. 15—14).

 

Nicht nach dem Genuß ihm dargebrachter Opfer sehnt sich Gott. Er
Begnadet Menschen und erlöst Verlorene für eine persönliche Glaubenshingabe an ihn und für eine direkte
G
eistesgemeinschaft mit ihm. Nicht Opfer sollen den Umgang
zwischen ihm und seinen heimgefundenen Kindern vermitteln. Das können nur Liebe und Hingabe tun. Der Psalmist drückt das mit den Worten aus:

 

19. Das Schlachtopfer, das dir gefällt, ist ein zerbrochener Geist; ein zerschlagenes Herz wirft du, o Gott, nicht verachten.

 

Wie offen für Gottes Gabe und Gegenwart, für Gottes Offenbarung
und Rettung waren je und je Menschen zerbrochenen Geistes und
zerschlagenen Herzens! Sie erfuhren den vollen Trost des Prophetenwortes(Jes.42,3):
 „Ein geknicktes Rohr wird er nicht zerbrechen und einen
glimmenden Docht nicht auslöschen." Als Jesus selbst in die Welt kam, ging er nicht zu selbstgerechten und auch nicht zu den Starken. Ihn führte seine Mission zu den geistlich Armen und nach Gerechtigkeit Dürstenden. Er fand die Mühseligen und Beladenen, um sie durch sein Kommen und seine Heilandsbotschaft zu erquicken. Im Verlangen nach ihm, in der Sehnsucht nach seinem Heil sah Gott zu jeder Zeit allein die Opfer, die er begehrte und die ihm gefielen. Paulus hat dem im Römerbrief (12,1) mit den Worten einen bleibenden Ausdruck gegeben: „Brüder, ich ermahne euch bei der Barmherzigkeit Gottes, bringt euren Leib als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer dar, so verrichtet ihr einen folgerichtigen [= vernunftgemäßen] Gottesdienst."

 

5. Der Gebetsanhang (Vers 20 — 21),

 

Der kurze Anfang enthält noch ein Doppeltes: Ein Gebet und eine Glaubenserwartung:

 

20. Tue wohl an Zion nach deiner Huld,

und baue auf Jerusalems verwüstete Mauern.

 

Inhalt des Gebets ist mithin Zion, das Zentrum des geistigen und
religiösen Lebens seines Volkes in der verwüsteten Heimat. Denn wahrscheinlich ist dieser Nachtrag in den Tagen eines Propheten Haggai oder Zacharja als Ergänzung entstanden. Der Verfasser dieses Anhangs
konnte nicht annehmen, daß auch nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft der opferlose Gottesdienst weiter andauern
werde. Wenn er auch die prophetische Schau des Psalmisten für die
Zeit der Gefangenschaft verstehen konnte, nach der Begnadigung Zions
und dem Wiederaufbau Jerusalems und des Tempels würden aber die
Opfer wieder dargebracht werden.

Sein Glaube drückt nun die sehnsuchtsvolle Erwartung aus, daß nach
der Wiederbegnadigung Zions der HErr Gefallen haben wird an den
Opfern, die das Volk in seiner Liebe und Dankbarkeit ihm darbringen
wird.

 

21. Dann wirst du Gefallen haben an rechten Opfern,
an Brandopfern und Ganzopfern.
Hinaufsteigen werden Farren auf deinen Altar.

 

Wir gewinnen aus diesem Anhang einen kleinen Eindruck davon, wie
unnennbar schwer es den Gesetzestreuen in Israel werden mußte, die
Propheten in ihrer höheren Schau und in ihren messianischen Erwartungen zu verstehen. Redeten sie doch im voraus von jener kommenden Zeit, wo man Gott anbeten werde im Geiste und in der Wahrheit. Solch eine Anbetung ist aber letzthin unabhängig von jeglicher Opferform. Sie wird geboren aus der Liebe und Hingabe an den, der in seiner Barmherzigkeit Menschen für die Gemeinschaft mit sich begnadet und freimacht

 

Anmerkungen zu Psalm 51

') Die Psalmen 51-72 bilden eine kleine Sammlung für sich, die nach dem griechischen Text(L X X) die Überschrift „Gesänge Davids", nach dem Hebräischen „Gebete Davids" trägt. Die Alten haben jedenfalls angenommen, daß der 51. Psalm ein Bußpsalm von David sei und haben ihm dementsprechend
die überlieferte Überschrift gegeben, die aber nicht zum eigentlichen Inhalt des Psalms gehört.

2) Mit dem Ausdruck „im Verborgenen" wird nicht das sinnlich=leibliche, sondern das geistige und sittliche Vermögen der menschlichen Persönlichkeit bezeichnet. Auf dieses allerheiligste Gebiet, wo der Mensch in freier Willensentscheidung den Versuchungen zur Sinnlichkeit widersteht und seine Sehnsucht auf das Göttliche richtet, ist  Gottes Wohlgefallen gerichtet.

3) „Schlachtopfer fallen nicht in die Gattung der Sünd= oder Brandopfer. Sie waren die von den bereits Entsühnten und Gerechtfertigten darzubringenden Friedens und Dankopfer. In ihnen lag .nicht mehr ein Ausdruck der Reue. Sie sprachen von demütiger Hingabe und tiefempfundener Dankbarkeit. Zerbrochen und zermalmt heißt das Innere eines Menschen, dessen sündige Natürlichkeit gebrochen=dessen ungöttliche Selbstheit getötet, dessen unempfängliche Härte gemürbt, dessen hochmütige Selbstüberhebung geniedrigt, kurz welcher in sich selbst zernichtet und welchem Gott alles ist. In einem solchen nach Gnaden lechzenden Geiste und  Herzen bestehen die wahrhaft gotteswürdigen und gottgefälligen Opfer," Franz  Delitsch, Psalmen, Band I, S. 393.

 

VIII. Das Heil der Völker Psalm 87

 

Überschrift: den Söhnen Korahs1) ein Psalm, ein Lied

1b. Seine Gründung ruht auf heiligen Bergen.
2
. Es liebt der HErr die Tore von Zion mehr
als alle Wohnungen Jakobs.

3. Herrliches ist von dir zu Sagen,
du Stadt Gottes. Sela2).

4. Ich zähle Rahab und Babylon zu denen,
die Mich erkennen, und siehe, selbst von Philistäa, Tyrus und auch Mohrenland
heißt es: ,der ist dort geboren!'

5. Von Zion aber wird man sagen:
,Mann für Mann ist dort geboren!'
Er selbst, der Höchste, hat sie gegründet." 

6). Der HErr zählt auf im Buch der Völker:

„Der und der ist dort geboren!"
7. Und Sie Singen im frohen Reigentanz:

„Alle meine Quellen sind in dir!"

 

Trotz seiner kurzen, fast zusammenhanglosen Sätze ist der Psalm von besonderer innerlicher Stärke und gewaltiger Glaubenserwartung. Das kann von ihm aber nur gesagt werden, wenn er eschatologisch, d.h. als eine prophetische Schau von einer künftigen Heils-zeit verstanden wird. Von seiner prophetischen Glaubenswarte schildert der Sänger eine Heilszeit, die Zions Grenzen gesprengt habe wird. In derselben werden von der Macht der Erkenntnis des Herrn auch die Völker ergriffen werden. Es ist nun der Psalm auch immer von der Kirche Jesu Christi rein heils= und endgeschichtlich gedeutet worden. Sie nahm das Wort „Zion" auch für sich in Anspruch und sprach damit die prophetische Erwartung aus, daß sie einmal die eigentliche „Mutterstadt" aller Völker für die Zukunft werden müsse. Die von der Erkenntnis Gottes ergriffenen Völker würden ihre Geburtsstätte und geistliche Heimat zukünftig einmal in ihr als dem eigentlichen Zion Gottes haben.     Von Christus Jesus aus ist solch eine Deutung verständlich und be-
rechtigt. Jedoch vom Inhalt des Psalms allein aus wäre sie nicht so selbstverständlich. Man kann den Inhalt des Psalms auch als Ausdruck eines überaus starken, ja überspannten Nationalbewußtsein des jüdischen Volkes deuten. Zion soll noch einmal so der Mittelpunkt innerhalb der Völkerwelt werden, daß es ein Ruhm sein wird, daselbst geboren zu sein. Zwar verbanden die Frommen in Israel damit immer die große Erwartung, daß das den eigentlichen Ruhm
Zions ausmachen wird, daß man daselbst die Gelegenheit finden werde, den HErrn in seiner Erhabenheit, Majestät und Größe kennenzulernen. Eine solche nationaljüdische Deutung ist vom Glauben der Kirche stets als viel zu enge verworfen worden. Auch wir wollen daher den Psalm von der Glaubenserwartung der Gemeinde aus zu uns reden lassen. Unsere Deutung ist mithin darauf gerichtet zu erfassen, welch eine prophetische Heilsschau sich ihr auch von diesem Psalm aus für die Zukunft erschlossen hat.

Wie dankbar wären wir wiederum, wenn wir seinen Dichter und die Zeit seiner Entstehung wüßten. Manche Ausleger sahen in ihm die Wiedergabe des unmittelbaren und starken Eindrucks, den man unter der wunderbaren Errettung Jerusalems im Jahre 70l gewann. Sanherib hatte die Stadt mit 185 000 Mann belagert. Jeder Versuch einer Rettung war völlig aussichtslos geworden. Da ließ der Herr das Heer der assyrischen Weltmacht in einer Nacht so zusammenbrechen, daß nicht ein einziger feindlicher Pfeil auf die Stadt abgeschossen werden konnte. „Diese wunderbare Erhaltung der Stadt bestärkte Israel in dem Glauben an jene messianischen Verheißungen, nach denen Zion der Mittelpunkt des neuen weltumspannenden Gottesreiches werden sollte." Auch machte die Erhaltung nach 2. Chron. 32,23 auf die andern ebenfalls von Assur bedrohten
 Völker einen so starken Eindruck, „daß manche von ihnen dem HErrn Gaben nach Jerusalem brachten und dem König Hiskia von Juda Kleinodien, so daß er bei allen Völkern in hohem Ansehen Stand".

Andere Forscher verlegen jedoch die Entstehung des Psalms in eine viel jüngere Zeit, also in die nachbabylonische. In den Zeiten vor und nach Alexander dem Großen lebten z.B. in Ägypten über eine Million Juden, Auch die großen Provinzen in Mesopotamien und in Syrien waren mit vielen Juden bevölkert. Überall übten sie einen ungemein starken Einfluß aus. Sie zogen die Völker mit hinein in die Verehrung des lebendigen Gottes. Auch weckten sie in ihnen eine Sehnsucht nach den großen Festfeiern, die zur Ehre Gottes und seiner Gesetzesoffenbarung in Zion veranstaltet wurden. Je mehr damals sich auch Israels moralisches Familienleben, die geistige Höhenlage des Volkslebens, die lebendige und sittliche Erkenntnis des alleinigen Gottes von der herrschenden Unsittlichkeit, den menschlichen Göttervorstellungen, den niedrigen Leidenschaften der heidnischen Völker abhob, um so stärker wurde der Eindruck, den Israel=Juda mit seiner Gotteserkenntnis, mit seiner Gottesverehrung und seinen Gottesdiensten auf die anderen machte.

Auf Grund dieser Erwägungen im Blick auf den Inhalt des Psalms darf wohl angenommen werden, daß er eher nach als vor der babylonischen Gefangenschaft entstanden ist. In dem Falle ist er auch zur Zeit seines Entstehens bereits messianisch, d. h. als prophetische Schau einer kommenden großen Heilszeit verstanden worden. Von dieser Schau aus werden alsdann auch die einzelnen Heilserwartungen des Psalms in ihrem großen Umriß verständlich.

 

1. Gottes Gründung auf heiligen Bergen (Vers 1b — 2).


Der Sänger stellt zunächst eine geschichtliche Wirklichkeit fest, die niemand leugnen kann.

1b. Seine Gründung ruht auf heiligen Bergen.

2. Es liebt der HErr die Tore von Zion mehr
als alle Wohnungen Jakobs.

 

Wie so oft in der Bibel, so geht auch hier die prophetische Schau von einem bestimmten Punkt, von einer gegenwärtigen Person, oder von einem augenblicklichen Ereignis der Geschichte aus. Denn der Herr tritt mit seiner Offenbarung nie in einen leeren Raum.
Er spricht nie, ohne daß durch sein Wort Personen oder Zeiten direkt angesprochen werden. Wenn auch in ihrem Inhalt immer übergeschichtlich, so war die göttliche Offenbarung jedoch nie geschichtslos. Die Bibel kennt kein geschichtsloses Denken. Sie weiß bereits, wie solch ein Denken ein gottloses Denken ist. Hier ist unter der genannten Gründung mithin einfach Jerusalem mit dem Zentralheiligtum auf dem Zionsberge zu verstehen.

Der Verfasser zieht aber den ganzen geographischen Umkreis mit hinein in seine Schau. Der Tempel als Offenbarungsstätte Gottes ruht auf heiligem Berge, d. h. auf dem Zionsberge. Derselbe ist aber umgeben von jener Höhenkette, die bis heute die Stadt Jerusalem umschließt. Und in den Tagen des Sängers war Zion tatsächlich der geschichtliche Punkt, von dem aus sich die Herrlichkeit und das Tun des lebendigen Gottes nicht etwa nur den Bürgern Jerusalems und den Wohnungen Jakobs enthüllte.
 Gott drang mit seiner Offenbarung vom Tempel aus über das israelitische Volk hinaus selbst bis zu den Nachbarvölkern. Er wollte auch deren Licht werden, wie er Israels Licht hatte werden können. Er wollte auch sie in seine Erkenntnis und damit in sein Heil hineinziehen, wie er das im Laufe der Jahrhunderte versucht hatte, unter den Stämmen Jakobs zu tun. In höherem Lichte gesehen, ist „seine Gründung" mithin immer der ganz bestimmte, lokale Punkt, von dem aus Gott zu den einzelnen und zu den Völkern kommen will. Einst, zur Zeit des Sängers, war es das Heiligtum auf dem Zionsberge. Nachdem hat aber Gottes Kommen zu den Völkern dauernd diese Gründung durchbrochen. Als Zion aufhörte, eine Offenbarungsstätte seiner Gegenwart für Israel und die Völker zu sein, als man den Tempel zu einer Mördergrube entweihte, da fand Gott innerhalb der Menschheitsgeschichte immer wieder neue lokale Punkte, die er als „Seine Gründung" ansehen konnte. Das hat in seiner ganzen Tiefe mit Paulus die Gemeinde Jesu Christi erfaßt. Für die Kirche ist Gottes „Gründung" nicht
an einem leeren Heiligtum, oder gar an einem zerstörten jüdischen Tempel zu Jerusalem hängen geblieben. Sie hat im Glauben eine viel lebendigere „Gründung Gottes" gefunden, und zwar in der Person Jesu Christi und in der mit ihm Verbundenen Gemeinde. Zu
ihrem Heil hat sie erkannt, daß sie mit Christus als ihrem erhöhten Haupt und gegenwärtigen Herrn der Tempel Gottes innerhalb der Völkerwelt sein darf. Es ist das nicht geschehen dank ihrer eigenen Kraft und Frömmigkeit. Sie kennt sich in diesem ihrem geschichtlichen Sein nur als eine Schöpfungstat Gottes. Das lebendige Wort von Gott hat sie geweckt, herausgerufen aus allen Nationen, und sie weiß sich in Christo zu einer Behausung Gottes im Geiste begnadet. Nicht religiöser Fanatismus, nicht pharisäische Überhebung, nicht schwärmerische

Weltverneinung spricht aus dieser ihrer Glaubensgewißheit.

Für sie ist es nur Hingabe an Gottes erlösende Tat durch Christus.

Darum wagt die Kirche Christi so freimütig zu reden, wie sie redet. Sie wagt von ihrer Stellung und ihrer Aufgabe in der Welt zu zeugen, wie die Schrift von ihnen zeugt. Einst war Zion der geschichtlich=geographische Punkt, von dem aus Gott mit seiner Wahrheit und mit seiner Erkenntnis zu Israel und zu den Völkern kam. Heute ruht diese „Gründung" auf viel wirklicheren Fundamenten, nämlich auf der Person Jesu Christi. Er ist nicht eine tote oder dogmatische Grundlage. Als der im Fleisch erschienene, gekreuzigte und auferstandene Sohn des Vaters und als der Herr seiner Gemeinde ist er eine lebende und eine in Autorität sich offenbarende Person. In ihm hat die Welt es nicht mehr mit einem geographischen Punkt oder mit einem Steinernen Heiligtum zu tun. Sie hat sich mit ihm als dem zukünftigen
Erben der Völkerwelt auseinanderzusetzen. Die Gemeinde hat in ihm den ewigen und gegenwärtigen Hohenpriester, zu dem sie von Person zu Person sprechen kann. Nicht ein Es — ein Er, nicht eine Sache — nein! eine uns nahe und eine uns verstehende Person ist Er!

Einst konnte der Sänger feststellen, daß der Herr Zions Tore, durch die das Volk zu Gott im Heiligtum nahte, mehr liebte als alle anderen Wohnungen Jakobs. Gott hat zu jeder Zeit jene Wege und Stätten geliebt, die den einzelnen oder Völkern zu offenen Toren wurden, durch die der Mensch zu Ihm kommen konnte. Wieviel mehr haben diese Tore aber eine letzte, allertiefste Erfüllung in dem Einen gefunden, der da von sich bezeugen konnte: „Ich bin der Weg, und die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater denn durch mich!" (Ev. Joh. 14, 6), In ihm als dem fleischgewordenen Wort kam Gott zu den Völkern der Welt. Durch ihn fanden bisher Mühselige und Beladene, Verirrte und Verlorene zurück ins Vaterhaus Gottes.

Wieviel mehr kann daher die Gemeinde von ihm, ihrem Christus bezeugen, daß der HErr ihn als Sohn mehr liebt als alle seine anderen Schöpfungswerke. Christus bleibt der unersetzbare Offenbarungsweg, auf dem Gott mit seiner Herrlichkeit und seinem Heil zum Menschen kommt,
um ihn in seine Lebensgemeinschaft und Gottesherrschaft zu ziehen.

 

2. Das Zeugnis von der Herrlichkeit Zions (Vers 3),

 

Wahrscheinlich spricht der Dichter aus einem großen Erlebnis heraus. Er befindet sich unter einer feiernden Festmenge, die nicht nur allein aus den Gauen des heiligen Landes zu einem der großen Jahresfeste nach Jerusalem hinaufgekommen ist. Unter der festlichen Menge sieht er auch Bürger der großen Weltvölker vom Nil und vom Euphrat, Angehörige der Nachbarländer in Philistäa und Phönizien. Sie alle sind erfüllt von anbetender Ehrfurcht vor Gott. Denn auch sie wissen sich ergriffen von der Erkenntnis Gottes. So sieht der Sänger Zion als Mittel= und Sammelpunkt aller Gottanbetenden in der Welt. Das gibt ihm die Kraft und Erleuchtung, sein hohes Lied von der Herrlichkeit Zions zu singen.

 

3. Herrliches ist von dir zu sagen,
du Stadt Gottes. Sela,

 

Worin er im einzelnen die Herrlichkeit der Gottesstadt sah, sagt der Sänger uns nicht. Aus dem Geschichtszusammenhang, des Tempels wissen wir aber, wie dem Glauben des Volkes das Werden, Entstehen und Bestehen des Heiligtums im engsten Zusammenhang mit dem Tun Gottes stand. In der Überlieferung lebte fort, daß einst David aus Dank für die Errettung seines Volkes aus einer Gerichtsplage die Tenne von dem Jebusiter Arawna gekauft und dem Herrn daselbst einen Altar erbaut hatte. Hier sollte Später der Tempel errichtet werden. Fort und fort erzählte man sich auch den unvergeßlichen Eindruck, den die Tempelweihe gemacht hatte, als der jugendliche König Salomo sein Weihgebet gesprochen und den fertiggestellten Tempel seiner heiligen Bestimmung
übergeben hatte. Wie sichtlich hatte Gott im Jahre 701 durch sein plötzliches Eingreifen in die verzweifelte Lage Jerusalems bewiesen, daß er selbst über den Tempel als sein Eigentum wache und ihn nicht Frevlerhänden ausliefere. Unzählige Feiern mit ihrer innerlichen Erhebung zu  Gott hatten sich bisher im Tempel vollzogen. Immer wieder war hier die Sehnsucht aller nach Gott gestillt worden, denen keine fremden Altäre hatten Ersatz bieten können für die Altäre des Heiligtums.

Aber dieses Hohelied Zions konnte man nur deshalb Singen, weil letzthin das Geheimnis der Herrlichkeit nicht etwa im Tempel als Tempel lag. Wäre das Heiligtum zu Jerusalem nicht mehr gewesen als nur ein herrlicher Tempelbau, ähnlich den gewaltigen Tempeln an den Ufern des Nilstroms, nämlich in Theben oder in On, dem Späteren Heliopolis, oder ähnlich den Heiligtümern in Babylon und Phönizien, der Glaube hätte nicht diese Sprache für die Herrlichkeit des Tempels gefunden.

Das Geheimnis der Herrlichkeit Zions war Gott. Gott in der Offenbarung seiner Gegenwart, Gott in der Klarheit seines Worts, Gott in der Fülle seiner Segnungen, Gott in der Überwachung seines Heiligtums – Er machte den Inhalt der Herrlichkeit Zions aus. Weit mehr gilt das noch von dem Geheimnis Christi und seiner Gemeinde. Auch innerhalb der Evangelien und der Paulusbriefe, innerhalb der Johannisoffenbarung und der Überlieferungen der Kirche wird das Hohelied von der Gemeinde gesungen. Welch ein
gewaltiges Wort Jesu von seiner Jüngergemeinde, wenn er Sagt: „Sei ohne Furcht, du kleine Herde, denn es ist eueres Vaters Wohlgefallen, euch die Königsherrschaft zu geben" (Luk. 12, 32). Wie steht hinter dem Zeugnis und der Mission der Kirche die ganze Autorität des Auferstandenen, wenn es Matth. 28,19 heißt: „Darum gehet hin und machet alle Völker zu Jüngern und taufet sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes," Wagt Paulus doch von der Gemeinde zu sagen: Ich bin gewiß, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch
Fürstentümer, noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch keine andere Kreatur uns mag scheiden
von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn“.
(Röm. 8, 38 ff.).

 

Welch eine Herrlichkeit der Gemeinde deutet der Apostel an, wenn er im ersten Kapitel des Epheserbriefes am Schluß sagt: „Alles hat er (Gott) ihm zu Füßen gelegt und ihn (Christus) zum
altes überragenden Haupte der Kirche gemacht, die sein Leib ist, die Fülle dessen, der das All in allem erfüllt." Ebenso gewaltig ist auch das Wort der Johannisoffenbarung, wenn sie in einem ihrer Psalmen zu sagen wagt: „Würdig bist du, HErr, das Buch zu nehmen und seine Siegel zu öffnen. Denn du bist geschlachtet worden und du hast uns durch dein Blut losgekauft für Gott aus allen Stämmen und Sprachen, Völkern und Nationen. Du hast uns für Gott zu Königen und Priestern gemacht auf Erden" (Off. 5, 9 f.).

Aber wenn die Kirche ihr Hoheslied von der Kirche singt, so singt auch sie es nicht um der Herrlichkeit willen, die etwa in der Kirche selbst läge. Die Herrlichkeit der Gemeinde liegt in der Christusherrlichkeit innerhalb der Gemeinde. Im Antlitze ihres Hauptes und HErrn spiegelt sich ihr wider der Lichtglanz Gottes (vgl. 2. Kor. 4, 5 f.). Auf sich selbst gesehen singt sie mit Woltersdorf : „Wer bin ich, wenn es mich betrifft? Ein Abgrund voller Sündengift". Die Herrlichkeit ihres Geheimnisses liegt einzig und allein in Gott. Durch dessen Barmherzigkeit allein weiß sie sich begnadigt, mit Christo eine Behausung Gottes im Geiste zu sein. Spricht sie von der Kraft und dem Reichtum ihres Lebens, so tut sie es nur von der Glaubenshaltung eines Paulus aus: „Ich lebe aber; doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn mein jetziges Leben im Fleische ist ein Leben im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich geopfert hat".  (Gal. 2, 20). Nur von dieser Warte aus will daher der Glaube das Hohelied von der Gottesstadt gedeutet wissen, das der Psalm in die Worte faßt: „Herrliches ist von dir zu sagen, du Stadt Gottes!" —

 

3. Völker als Bekenner des HErrn (Vers 4- 5).

 

Es bleibt ein Geheimnis des Glaubens, daß er dauernd vom Gegenwärtigen auf das Zukünftige schließt. Von der gegenwärtigen Herrlichkeit Gottes aus gewinnt er auch eine Schau für eine entsprechende Herrlichkeit der Völker. Seine Glaubenserwartungen wachsen, je mehr sich seine Gotteserkenntnis weitet und in ihr sich ihm Gott in der Fülle seines Heils und seiner Herrlichkeit offenbart. Denn es ist doch etwas ganz Großes und Gewaltiges, was im Blickfeld des Sängers sichtbar wurde.
Er kleidet es in eine Hoffnung, die ihm bereits gegenwärtige Erfüllung ist; er nimmt vorweg, was zukünftig sein wird:

 

4. „Ich zähle Rahab und Babylon zu denen,
die Mich erkennen,

und siehe, selbst von Philistäa, Tyrus und auch Mohrenland
heißt es: ,der ist dort geboren!'

 

So läßt der Psalmist Gott sagen. Gewiß, nur von Gott her ist solch eine prophetische Schau und Glaubenserwartung zu verstehen. Wäre der Psalmist von der Veranlagung oder von der Weltanschauung, oder von den Kräften der damaligen Völker ausgegangen, er hätte nie solch eine Glaubensprache der Erwartung zu führen gewagt. Er läßt Gott seine Bekenner zählen und Gott findet Ihn=Erkennende — „Jedaim" — in Ägypten und Babylon, in Philistäa und Tyrus, selbst in Kusch, d. h. in dem wilden Äthiopien. Das war nicht etwas Selbstverständliches. Das konnte er nicht etwa aus der geschichtlichen, völkischen oder politischen Entwicklung dieser Völker schließen, Gott geht in seiner Heilsgeschichte auch über Völkergesetze und Geschichtsentwicklungen hinaus. Er macht Menschen=Unmögliches zu seiner Stunde zu einer heiligen Wirklichkeit. Sobald Menschen — ganz gleich, wer und wo sie sind - von ihm „erkannt" werden, werden sie Erkennende, die sich hinfort mit allen anderen in Zion zu Ihm bekennen. So baute sich auf Grund heiliger Gotteserkenntnis zu allen Zeiten eine heilige Heilsgemeinschaft auf.

Ein begnadeter Ausleger unserer Tage sagt fein und treffend zu dieser prophetischen Erwartung des Psalms folgendes: „Zion ist Gottes Gründung und Bau auf heiligen Bergen; ihre Tore liebt Gott: er selbst hütet sie und das Volk, das durch sie aus= und eingeht. Wunderbares wird in dieser Stadt Gottes vernommen, zu ihrer und Gottes Ehre. Sie birgt das Volk seiner Vertrauten, Erkannten und Erkennenden. Man hört in ihr Gottes Stimme. Er ruft aus, wer in dieser seiner Stadt geboren sei, also ihrer Bürgerschaft zugehöre, nicht nur als zugelassener Fremder andersartigen Wesens, sondern als einheimischer, eingeborener, vollberechtigter Bürger. Horch, welche Namen er ehrenvoll ausruft und innig liebend verkündigt! „Israel" nur? Nein, „R a h ab" zuerst: das ist Ägypten. Dazu „Babel", einst Israels Erzfeinde! — Horch, wie die Namen weiter lauten: „Philister, Tyrer, Äthiopier, und sieh, wie sie da aufstehen in Zion, neugeboren in Gottes Volk hinein, einer um den anderen! — Welcher Volksname fehlte? Und so richtet der Höchste Zion auf. Nicht bringen sie Besetzung in die Stadt, durch Vermengung
des Gegensätzlichen, im Rassengemisch; sie sind ja alle durch die Erkenntnis Gott neu geboren, sie haben ihr Leben in Zion aus Gottes Liebe und sind alle einig in einem Bekenntnis und Loblied; sie singen im Reigen: ,Alle meine Quellen sind in dir!' Sie sind das Volk der Vertrauten Gottes, die, von ihm erkannt, ihn erkennen3)"

Wie verwandt ist diese prophetische Erwartung des Psalmisten denen
der großen Heilspropheten!  Sie durchbrachen jede völkische und nationale Enge ihres Volkes. Sie kündeten Gott als den Gott des Heils für alle Völker, auch wenn sie einst Israels bitterste
Feinde gewesen waren. Israels Erinnerungen an Ägypten waren
keine leichten. Wie eine Wettmacht einem kleinen Volke ein Sklavenhaus Bereiten konnte, hatten Israels Väter jahrhundertelang erlebt. Auch Babels Macht und Beutehunger hatte man in ihrer ganzen Macht und Schwere kennengelernt. Welche Fehden hatte Israel=Juda mit den seßhaften Philistern und den reichen Phöniziern auskämpfen müssen. Die Erkenntnis des HErrn läßt aber vergeben und macht vergessen. In ihr werden einstige Feinde Freunde und singen gemeinsam ein neues Lied, das Lied von der Heilsoffenbarung Gottes in und durch Zion. Aber auch im Blick auf sein eigenes Volk sieht der Psalmist ein völlig Neues anbrechen:

 

5. Von Zion aber wird man sagen:
,Mann für Mann ist dort geboren!'
Er selbst, der Höchste, hat sie gegründet."

 

Das war ja bisher der große Schmerz aller wahren Propheten gewesen, daß Israel=Juda so wenig als ganzes Volk voll geworden
war der Erkenntnis des HErrn. Es widersprach dem Herrschaftsanspruch Gottes. Es verließ seine lebendigen Quellen in ihm und erwählte sich löcherichte Brunnen, die kein Wasser hatten. Wie ein untreues Weib vergaß das Volk den HErrn und buhlte mit den Göttern der Nachbars Völker. In seiner Untreue suchte es seine Zuflucht bei jenen Großmächten, die seine Feinde waren. In der neuen Heilszeit wird es jedoch von jedem im neuen Zion heißen können: „Mann für Mann ist dort geboren." Alle atmen Zions Geist. Zion ist ein Gottesstaat geworden, in dem jeder Bürger in der Erkenntnis des HErrn lebt. In dieser Glaubenserwartung lebte der Sänger. Er teilte damit die gewaltige Hoffnung, die alle großen Propheten im Blick auf die messianische  Heilszeit hatten. Der Sänger spricht von ihr aber als einer, der sie bereits in ihrer vollen Wirklichkeit erlebt. Im Glauben nimmt er vorweg, was erst in ferner Zukunft heilige Wirklichkeit werden kann. Das entspricht der Art des Glaubens. Er denkt und lebt dauernd in der  Eschatologie der Heilsgeschichte; er steht dauernd in lebendiger Erwartung einer Heilszukunft und Heilsvollendung. Gegenwärtiges ist ihm Bürgschaft für das noch Zukünftige, Christus ist ihm Inhalt seiner lebendigen Hoffnung. Gemeinde wird ihm Prophetin von dem kommenden Reich.

4. Gott als Quelle des Heils (Vers 6—7).

 

6. Der HErr zählt auf im Buch der Völker:
„Der und der ist dort geboren!"

7. Und sie singen im frohen Reigentanz:
„Alle meine Quellen sind in dir!"

 

Mit dieser Erkenntnis aller Heilsbürger läßt der Psalmist seine Schau ausklingen. Wie wenig dieselbe völkisch oder national gebunden war, bezeugt dieser Schluß. Er läßt Gott feststellen, wer aus dem Geiste Zions geboren, wer geistliches Heimatrecht in Gottes „Gründung" gefunden hat. Sooft Menschen im Laufe der Jahrtausende diese Aufgabe des Zählens zu übernehmen suchten, war ihre Rechnung falsch. „Zählen" kann nur Gott, wer unter den Völkern zu den Ihn=Erkennenden gehört. Er läßt die Grenze seines Gottesreiches wachsen entsprechend dem Fortschreiten der Gotteserkenntnis unter den Völkern.

   Alle Kraftquellen des Gottesreiches liegen aber in Gott. Zog Gott auch im laufe der Geschichte manche Mittel und Wege mit in seine Offenbarungsgeschichte, um durch sie zum Menschen zu kommen und um ihn in seine Gotteserkenntnis ziehen zu können, je länger, desto tiefer erkennt der Glaube, daß die Quellen seiner Kraft jedoch nicht in den von Gott benutzten Wegen und Mitteln liegen. Für ihn gibt es letzthin keinen Ersatz für Gott und dessen Offenbarung und Gemeinschaft. Auch das Heiligte in der Geschichte kann ihn, den Heiligen, nicht ersetzen. Die Kirche als Glaubensgemeinschaft auf Grund der von Gott erwirkten Heilserkenntnis kann mithin nie sich selbst zum Inhalt ihres Ruhmes und zum Inhalt ihrer Mission und ihres Zeugnisses machen. Auch sie singt im Glauben im voraus bereits jenen Psalm von der Ausschließlichkeit aller Heilsoffenbarung in Gott, den einmal ein vollendetes Gottesreich zur Ehre Gottes und des Lammes singen wird: „Halleluja denn Gott, der Altmächtige, hat das Reich eingenommen. Lasset uns freuen und fröhlich sein und ihm die Ehre geben!" (Off. 19,6f.)

 

Anmerkung zu Psalm 87

1)„Den Söhnen Korahs." Hierzu vgl. „Bibelhilfe", ausgewählte Psalmen. Erste Auswahl,
Anmerkung zu Psalm,46.

2)„Sela" vgl. in der ersten Psalmenauswahl der „Bibelhilfe" Anmerkung 3 zu Psalm 32.

3) Nach einem Vortrag von Pfarrer Wilh. Schlatter, Bern, während der theologischen Woche in
nnedorf vom 5. bis  9. April 1937.

 

 

IX. Christus, der Priesterkönig Psalm 110

 

Überschrift: Ein Psalm Davids

 

1. Ausspruch des HErrn zu meinem Herrn:
„Setze dich zu meiner Rechten,
bis ich deine Feinde mache zum Schemel deiner Süße!"
2. Es streckt das Zepter deiner Macht
der HErr von Zion aus:
wHerrsche inmitten deiner Feinde!"
3. Willig stellt sich dir dein Volk am Tage deines Heerzugs,
im heil'gem Schmuck kommt aus des Frührots Schoß
gleich dem Tau dir deine jungt Mannschaft.

4. Geschworen hat der HErr und nicht gereuen wird es ihn:
„Priester sollst du sein in Ewigkeit
nach der Ordnung Melchisedeks!"

6. Der Herr zu deiner Rechten
Zerschmettert Könige [und Widersacher]
am Tage seines [heiligen] Zorns.
6. Gericht hält er [einst] unter den Völkern
— voll von Leichen [wird das Land] —
zerschmettert Häupter auf weiter Erde.
7. Aus dem Bach am Wege wird er trinken,
daher [mutig] sein Haupt erheben.

 

Nach dem einheitlichen Zeugnis des Neuen Testaments haben wir mit einem ausgesprochen messianischen Psalm zu tun. Die drei ersten Evangelien erzählen, daß er von David im prophetischen Geist geschrieben worden sei. Als Jesus einst den Pharisäern die Frage verlegte: „Was haltet ihr von Christus? wes Sohn ist er?" antworteten sie ihm: „Davids Sohn." Nach dieser Antwort fragte Jesus sie: „Wie nennt ihn denn David vom Geiste erleuchtet: Herr', da er sagt: ,Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße mache'" (Matth. 22,41). Jesus wollte die Pharisäer darauf führen, daß der Psalm einerseits den Messias als einen „Sohn" Davids bezeichnet, daß David aber ihn zugleich auch seinen „Herrn" nennt. Sie sollten erkennen, daß es nur biblisch oder Schriftgemäß sei, wenn Jesus als Sohn Davids, der sich als den geweissagten Christus wußte, als solcher zugleich auch Gottes Sohn und göttlichen Wesens sei.

  Von wissenschaftlicher Seite hat man die Frage so gedeutet, daß Jesus    „nur eine falsche Auffassung" der damaligen Zeitgenossen für seinen Zweck habe ausnutzen wollen. Nun muß zugegeben werden, daß mit der Annahme, daß wir es hier nur mit einem messianischen Offenbarungspsalm zu tun haben, den gewissenhaften Schriftauslegern manche schwere Fragen kommen müssen. Angesichts des Sohnescharakters unseres HErrn
und Heilandes ist es aber wiederum auch unmöglich anzunehmen, daß Jesus etwa eine falsche Annahme der Juden für seinen Zweck habe ausnutzen wollen.

  Wir müssen daher auch beim Versuch gewissenhafter Schriftdeutung manches, was uns in der Schrift infolge ihrer Knechtsgestalt nicht erklärbar bleibt, einfach auf sich beruhen lasen. Welch einen positiven und bleibenden Ertrag der Glaube der Gemeinde alsdann aus der Schrift zu gewinnen vermag, das bezeugen Paulus in seinen Schriften und der Verfasser des Hebräerbriefes. Denn gerade vom Alten Testament aus spricht der Hebräerbrief in so anschaulicher und glaubensstärkender Form
von Christus und seiner unvergleichlichen Erhabenheit. Wie klar redet er vom ewigen Priestertum und vom vollkommenen Selbstopfer Jesu Christi.
Welch ein wachsendes und vertieftes Christusverständnis ist daher vom Hebräerbrief aus je und je in die Gemeinde geflossen, die wie Paulus darum rang, Christum zu erkennen, wie sie zuvor von ihm erkannt und ergriffen worden sei.

    Würde jedoch durch eine messianische Deutung des Psalms das Gesamtbild Christi wesentlich verschoben werden, das uns das prophetische Wort von ihm gibt, dann müßte sich die Kirche ernstlich fragen, ob und inwieweit sie berechtigt sei, allein von diesem Psalmworte aus neue Wesenszüge im Christusbilde zu sehen. Die großen Grundgedanken aber, die der Psalm von dem Gesalbten als zukünftigen Priesterkönig gibt, entsprechen ganz denen, die überhaupt das prophetische Wort" enthält. Christus und seine messianische Weltherrschaft, ewiges Priestertum und sein heiliges Völkergericht werden durch das Wort der großen Propheten nur noch weit stärker und Umfassender bezeugt, als es im 110. Psalm geschieht. Was hat er uns  nun in seiner prophetischen Schau über diese drei Seiten des messianischer Priesterkönigs zu sagen?

 

1. Christus und seine messianische Weltherrschaft (Vers 1 — 3).

 

Je mehr in Israel die nationale Selbständigkeit und der Glanz seines Königtums zusammenbrachen, desto mehr richteten die Propheten den Glaubensblick ihrer Gemeinde auf einen letzten Davidssproß: den Gesalbten der Endzeit. Als man im Gericht die Theokratie, d. h. die Gottesherrschaft in Israel sterben sah, gewann man im Glauben die Eschatologie, d. h. die lebendige Zukunftserwartung. Unmöglich konnte der Glaube des Volkes zugeben, daß mit dem Zusammenbruch der Gottesherrschaft in Israel auch die Weltherrschaft Gottes zusammenbrechen müsse. Gott werde und Gott müsse um seiner selbst und der Menschheit willen, so groß und erschütternd die gegenwärtigen Katastrophen auch immer sein mochten, in Zukunft das neu beginnen und für immer vollenden, was je durch ein Verheißungswort von seiner Heilszukunft gesagt worden Sei. Gott muß und wird das letzte Wort haben.

  So wurden vom Glauben des israelitisch=jüdischen Volkes auch die dunkelsten Zeiten seiner wechselvollen Geschichte überwunden. Auf Grund der Schau der Propheten und der von Gott empfangenen Verheißungen überwand man das rein „Irdisch=Geschichtliche" und gewann eine lebendige Hoffnung für das kommende Endgeschichtliche". Mit der Gegenwart ging dem Glauben nicht auch die Zukunft unter. Darin zeigte sich, zum Heil der israelitischen Gemeinde die schöpferische Kraft des prophetischen Wortes und der damit verbundenen lebendigen Hoffnung.

  In diesem geschichtlichen Zusammenhang steht auch der 110. Psalm. Er ist ein ausgesprochener Königspsalm, innerlich verwandt dem Inhalt des 2. Psalms. Um der Gemeinde klarzumachen, welch eine Herrscherpersönlichkeit der kommende Heilskönig einmal sein werde, knüpften die Propheten ihr Verheißungswort bei der geschichtlichen Person Davids an. Von ihm aus leiteten sie den Blick des Glaubens und der Hoffnung hinüber auf den zukünftigen Gesalbten, den verheißenen Messiaskönig. Denn David war für alle auf Grund der Machtentfaltung und des Glanzes, mit denen sein Königtum begnadet war, ein Vorbild von der Machtstellung und der Herrlichkeit des endgeschichtlichen Heilskönigs geworden.

  Ob wir nun annehmen, daß David selbst oder einer seiner ihm nahe Stehenden Propheten unseren Psalm zuerst gesungen hat, entscheidet letzthin nicht über den eigentlichen Inhalt desselben. Es war ja in jenen alten Zeiten üblich, daß bei einem eingetretenen Thronwechsel dem neuen Herrscher ein entsprechender Huldigungspsalm gesungen wurde. Offenbar geschah es auch in den ersten Jahren nach der Thronbesteigung Davids. Daß das Lied von einem Propheten in der Umgebung Davids gesungen wurde, geht vielleicht auch aus dem ersten Worte des Psalms:
„Spruch" oder '„Ausspruch" hervor. Mit diesen Worten eröffneten gelegentlich die Propheten ihre vom HErrn empfangene Schau. So heißt es auch in unserem Psalm:

1. Ausspruch des HErrn zu meinem Herrn:
„Setze dich zu meiner Rechten,
bis ich deine Feinde mache zum Schemel deiner Füße
!"

 

Ohne einen geschichtlichen Hintergrund sind diese prophetischen Sätze in ihrer Wucht und Stärke nicht zu verstehen. Es fragt sich nur, in welchen Erlebnissen Davids wir sie etwa zu suchen haben. Vielleicht dürfen wir die innerliche Anregung bereits in jener festlichen Stunde sehen, wo David die Bundeslade von Kirjath=Jearim feierlich nach Zion hinaufbrachte. Er selbst hatte sich mit einem leinenen Priestergewand festlich geschmückt. Durch Seinen Tanz um die Bundeslade während ihres Einzuges hatte er seiner Freude darüber Ausdruck gegeben, daß er hinfort seinen königlichen Dienst in der Gegenwart des HErrn tun könne. Indem David der Bundeslade als Thronsitz Gottes den ersten Platz auf Zion einräumte, bekundete er damit, daß hinfort sein eigenes Thronen nur an der Seite des Herrn der Geschichte angesehen werden dürfe. Er sah sich nur als Beauftragter des unvergleichlich Größeren an, dem er sich verpflichtet und verantwortlich wußte. Von ihm allein hatte er seine königlichen Vollmachten empfangen. Ihm gegenüber mußte er Rechenschaft ablegen von alt seinem königlichen Tun. Denn David sah sein Thronen zur Rechten Gottes begründet durch einen direkten Aussprach des HErrn. Derselbe hatte im Blick auf den Hirtenknaben David zum Propheten Samuel gesprochen: „Auf und salbe ihn, denn der ist's!" (1.Sam,16,12), Außerdem waren nach dem Tode Sauls die Männer von Juda gekommen und hatten ihn zum Könige über das Haus Juda gesalbt (2. Sam. 2,4), (Später hatten auch die übrigen zehn Stämme ihn zu ihrem Könige erwählt. In diesem geschichtlichen Geschehen war zum Ausdruck gekommen: „Setze dich zu meiner Rechten!"

    Nach diesen Ereignissen vollzog sich im Verlauf von zwei Jahren die siegreiche Beendigung des  Syrisch=ammonitischen und zuletzt auch des edomitischen Krieges. Der Krieg mit den Ammonitern im Ostjordanlande und deren Verbündeten war der größte, längste  und glorreichste im Leben Davids. Er endete mit der Eroberung Rabbas, der Hauptstadt der Ammoniter.

 

2. Es streckt das Zepter deiner Macht
der HErr von Zion aus:
„Herrsche inmitten deiner Feinde!"

 

Wahrscheinlich sind diese zwei Geschichtsereignisse der Hintergrund der prophetischen Schau unseres Königspsalms. Gegenwärtiges Geschehen hatte das Auge des Geistes empfänglich gemacht für das Geschehen in der ferneren Zukunft Geschichtliches wurde Anknüpfungspunkt für das Offenbarungswort des Propheten. Eine rein örtliche und auf Israel begrenzte Herrschaft des Gesalbten zur Rechten des Thronsitzes Gottes wurde zu einer prophetischen Schau, in der man im Geiste eine messianische Weltherrschaft für die Endzeit kommen sah. Ihr Träger, der Gesalbte, wird sich durch Gottes Ausspruch autorisiert sehen: „Setze dich zu meiner Rechten" „Zur Rechten" ist der Ehrenplatz, den Gott als Weltherrscher allein dem einräumt, den er als seinen Gesalbten in seine Hoheits= und Herrschergemeinschaft aufnimmt. Hinfort teilt dieser als berufener Stellvertreter Gottes und Vollstrecker des göttlichen Willens die innerliche Autorität und äußere Herrschergewalt Gottes. Daher ist das messianische Königsbild in seiner Autorität und Herrschervollmacht weltund völkerumspannend.    Wie lange und mit welcher Absolutheit der Gesalbte herrschen soll, drücken auch die Worte aus: „Bis ich deine Feinde mache zum Schemel deiner Füße!" Zum Zeichen absoluter Oberhoheit setzte einst der Sieger seinen Fuß auf den Nacken des unterworfenen Feindes. So Schreibt z. B. in den Tell=Amarna=Briefen, die 1887 zufällig von Fellachen gefunden wurden, ein Statthalter ums Jahr 1400 v. Chr. seinem Oberherrn, dem damaligen Pharao: „Siehe, ich bin der Schemel der Füße des Königs, meines Herrn." Diese Sitte der ältesten Zeiten dient dem Psalmisten als Bild und Gleichnis, um die zukünftige absolute Souveränität des Gesalbten über alle seine Feinde zu schildern.

    Seit den Tagen der Apostel sind nun diese Psalmworte auf die Erhöhung Jesu Christi und auf dessen Sitzen zur Rechten Gottes gedeutet worden. So schreibt z. B. der Apostel Paulus in seiner gewaltigen Christusschau im Epheserbrief: „Da er ihn von den Toten auf erweckt hat und gesetzt zu seiner Rechten im Himmel über alle Fürstentümer, Gewalt, Macht, Herrschaft und alles, was genannt mag werden, nicht allein in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen; und hat alle Dinge unter seine Füße getan und hat ihn gesetzt zum Haupt der Gemeine über alles, welche da ist sein Leib, nämlich die Fülle des, der alles in allem erfüllt". (Ephes. 1, 20 ff.). Derselbe Apostel sagt im 15. Kapitel des 1. Korintherbriefes, wo er uns das hoffnungsstarke Bild der Endvollendung gibt: „Darnach kommt das Ende, wenn er das Reich Gott und dem Vater überantworten wird, wenn er aufheben wird alle Herrschaft und alle Obrigkeit und Gewalt. Er muß aber herrschen, bis daß er alle seine Feinde unter seine Füße lege" (1. Kor. 15,25. 26). Besonders stark hat auch der Hebräerbrief auf die prophetische Schau dieses Psalms und auf seine messianische Bedeutung hingewiesen. Um den zagenden und zweifelnden Hebräerchristen die einzigartige Hoheit Jesu Christi nahezulegen, weist er sie darauf hin: „Alles hast du seinen Füßen untertan gemacht" (Hebr. 2,8). Zu Anfang seines 8. Kapitels sagt derselbe Brief: „Das ist nun die Hauptsache, davon wir reden: Wir haben einen solchen Hohenpriester, der da sitzet zur Rechten auf dem Stuhl der Majestät im Himmel" (vgl. auch Hebr, 10, 12).

  Von welch einem Umfang Christi messianische Herrschaft einmal sein wird, bringt Petrus mit dm Worten zum Ausdruck: „Welcher (Christus) ist zur Rechten Gottes in den Himmel gefahren und sind ihm Untertan die Engel und die Gewaltigen und die Kräfte" (1. Petri 3,22). Das ist mithin auch die Deutung gewesen, die die christliche Gemeinde dem Inhalt unseres Psalms immer wieder gegeben hat. In demselben fand ihre endgeschichtliche Erwartung zu jeder Zeit einen lebendigen Ausdruck. Alle geschichtlichen Teilerscheinungen einer sich offenbarenden Gottesherrschaft waren ihr stets eine Garantie, daß sich in dem Priester= und Königtum Christi einmal eine Volker= und weltumspannende Gottesherrschaft vollenden wird. Nach ihrer Hoffnung, die in Gott und in Christus Jesus ihre Quellen hat, kann Gottes Souveränität und Herrschaft, Gottes Liebeswille und Heilsoffenbarung nicht mit einem Versagen gegen die Macht der Finsternis und der Hölle enden. Je Schwärzer die Nacht, je größer die Katastrophen, je verworrener die Geschichte werden wird, desto bewußter singt sie ihr Glaubens= und Hoffnungslied: „Es kann nicht Ruhe werden, bis Jesu Liebe Siegt, bis dieser Kreis der Erden zu seinen Füßen liegt!"

  Damit nun die messianische Königsherrschaft ihre geschichtliche Mission auch vollenden kann, sieht der Psalmist, wie sich das Volk in seinen besten und fähigsten Männern dem Könige am Tage seines Heerbannes zur Verfügung Stellt:

 

3. Willig stellt sich dir dein Volk am Tage deines Heerzugs,
im heil'gen Schmuck kommt aus des Frührots Schoß
gleich dem Tau dir deine junge Mannschaft.

   

Dies wird der Tag sein, wo der König zur Sammlung und zum Aus-
zuge sein Volk aufrufen wird, um jene Feinde und Widersacher zu unterwerfen, die sich der in die Geschichte getretenen Gottesherrschaft nicht unterordnen und sie nicht anerkennen wollen. Die Sammlung wird jedoch freiwillig, aus heiligem Antrieb und innerer Kraft geschehen. Nicht im Geiste eines gewaltsamen Aufgebots oder eines fraglichen Söldnerheeres wird sie sich vollziehen. Denn es geht um des HErrn Kriege. Sich ihnen mit allem, was man hatte, opferwillig zur Verfügung zu stellen, galt als heiligste Pflicht. Die herbeieilende Jungmannschaft, die sich festlich geschmückt zum Kampf stellte, um eine höchste Mission zu erfüllen, wird vom Psalmisten mit dem schönen Bild vom Tau in der Morgenfrühe verglichen. Wie der aus dem Mutterschoß der Morgenröte in unzähligen Perlen aufgetretene Morgentau, so taucht aus der stillen Verborgenheit des Volkes die streit= und kampfbereite Jugend auf. Sie umgibt den messianischen König, der sich aufgemacht hat, den göttlichen Willen zu erfüllen: Herrsche inmitten deiner Feinde!

  Diese dichterischen Schilderungen, wie sich in der Endgeschichte die weltumfassende Herrschaft des messianischen Priesterkönigs vollenden soll, sind zwar von der Hoffnung der Gemeinde in dem einen festgehalten worden, daß Christus in der ihm zur Rechten des Vaters
gewordenen Autorität und Vollmacht dienen wird, bis auch der letzte Feind gegen die angebrochene Gottesherrschaft überwunden sein wird. Nie wird jedoch Christus als Priesterkönig nach altheidnischer Sitte triumphierend seinen Fuß auf den Nacken seiner Feinde setzen. Auch in der Vollendung der Gottesherrschaft auf Erden wird er seinen wahren Heilands= und Lammescharakter nie verleugnen: „Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, der Menschen Seelen zu verderben; er ist gekommen, um sie zu erlösen." Gewiß wird die Weltgeschichte dem Ende zu mehr und mehr einem Schlachtfelde gleichen. Je mehr sich die Völker erheben und sich zu einem letzten Kampf gegen Gott und seinen Gesalbten rüsten, um so mehr wird sich auch Christi Majestät und Herrschaft offenbaren. Sein souveränes Herrschen wird sich aber darin kundtun, daß er die Völker an ihrem eigenen Kampf zerbrechen läßt. Ihr Kampf gegen Christus wird zu einem Kampf des einen Volkes gegen das andere werden. Christus führt seinen Kampf um die Herrschaft Gottes auf einer den Völkern unerreichbaren Ebene. Jene Zeiten, wo auch die Kirche Christi noch glaubte helfen zu sollen, durch weltliche Machtmittel das Reich Gottes zu vollenden, waren stets die dunkelsten in ihrer Geschichte. Die Kreuzzüge um die Jahrtausendwende brachten dem nahen Osten nicht eine vermehrte Gottesherrschaft, sie erregten vielmehr den größten Widerwillen der Völker gegen die Kirche. „Heilige Kriege", zu denen vom päpstlichen Stuhle in Rom oder von Kirchenfürsten der Länder aufgerufen wurde, trugen nie eine auf der Grundlage der Erlösung ruhende Gottesherrschaft unter die Völker. Sie erniedrigten die Kirche selbst zu einer gegen Christus sich auflehnenden Weltmacht.

Die wahre Kirche Christi hat mithin auch die dichterische Darstellung, daß sich die Jungmannschaft im kriegerischen Schmuck dem Heilskönig zur Verfügung stellt, für sich umgedeutet. Sie sieht für sich darin nur das Bild der freiwilligen Hingabe ihrer besten und letzten Kräfte an die missionarische, prophetische und seelsorgerische Aufgabe, die Christus für seine Gemeinde hat. Durch das Zeugnis und durch den Dienst, nicht aber durch die Gewalt und Machtentfaltung der Kirche kommt Christus mit seiner Erlösung
und Gottesherrschaft zu den Völkern. So baut er sich innerhalb der Geschichte seine endgeschichtliche Gottesherrschaft auf.

 

2. Christus und sein ewiges Priestertum (Vers 4).

 

Der innerliche Aufbau des Psalms ist ja durch zwei feierliche Gottessprüche fundiert. Der erste beginnt mit einem prophetischen Spruch, der zweite mit einem heiligen Schwur. Dieser Schwur lautet:

 

4. Geschworen hat der HErr und nicht gereuen wird es ihn:
„Priester sollst du sein in Ewigkeit
nach der Ordnung Melchisedeks!"

 

Daß das messianische Königtum der Endzeit nicht auf der Ebene der gegenwärtigen Weltmonarchien, auch nicht auf der Ebene eines allgemein religiösen Priestertums liegen wird, wird hier stark durch den Schwur von dem ewigen Priestertum Jesu Christi unterstrichen. Die beiden feierlichen Gottessprüche sichern dem Gesalbten der Endzeit also eine doppelte höchste Würde zu: die Königs= und die Priesterwürde. Wie aber die Königswürde nicht auf der Ebene eines Nebukadnezar, eines Alexander, eines Cäsar, eines Titus oder verwandter Weltgrößen liegen wird, so auch nicht die Priesterwürde. Nicht einmal auf das aronitisch=levitische Priestertum, sondern allein auf das nach der Ordnung Melchisedeks greift des Herrn Schwur zurück.

„Das Priestertum Melchisedeks erscheint in der Geschichte nicht als Glied einer Geschlechtsfolge." Es wurzelte nicht in gesetzlichen Rechten und in menschlicher Erbfolge. Es hatte weder Vergangenheit noch hatte es eine Nachfolge. Es Stand da, so sagt der Hebräerbrief, ohne Vater, ohne Mutter, ohne Stammbaum, ohne Anfang seiner Tage, ohne Ende seines Lebens, gleichgestellt dem Sohne Gottes (vgl. Hebr. 7,3), Damit wurde Melchisedeks nicht etwa als eine der Mythologie angehörende Persönlichkeit hingestellt. Damit wurde nur beschrieben, wie unerklärlich und geheimnisvoll seine Erscheinung in seinem Zeitalter gewesen war. Denn in den Tagen eines Melchisedeks war ein König der Gerechtigkeit und ein Fürst mit einer ausgesprochenen Friedensstadt eigentlich etwas Undenkbares und daher Unbegreifliches. An dieses Psalmwort anknüpfend, deutet daher auch der Hebräerbrief die unvergleichliche Erhabenheit des königlichen Hohenpriestertums Jesu Christi. Nachdem Jesus zum Opferlamm für die Welt geworden war und sich alsdann durch die Auferstehung von seinem Vater gerechtfertigt sah, empfing er zur Rechten der Majestät Gottes
neben der Königs auch die Hohepriesterwürde, und zwar nach der Ordnung Melchisedeks. Damit stellt der Hebräerbrief das Hohepriestertum Christi nicht nur über jedes Priestertum der Nationen, er überordnet es auch weit der Priesterordnung A r o n s. ES ist ein völlig neuer Priestertypus, der in Christus zur Rechten Gottes sichtbar wird. Derselbe ist jedem levitischen Hohenpriester weit überlegen. Nicht weil Jesus zum aronitischen Hohenpriestergeschlecht gehörte, empfing er seine Priesterwürde. Er empfing sie als Gesalbter vermöge seiner Geistesgemeinschaft, die er als Sohn mit dem Vater hatte.

Für das Priestertum nach der Ordnung Melchisedeks war bezeichnend seine Unmittelbarkeit, Melchisedeks Priestertum war nicht geschichtslos in seiner Erscheinung, wohl aber übergeschichtlich in seinem Ursprung, in seinen Vollmachten und Rechten. Es stand völlig unabhängig da von den damaligen Autoritäten der Geschichte und von den Priestern alter geweihter Kultusstätten. Daher war einst auch den kanaanäischen Königen Melchisedeks Persönlichkeit, Priesterdienst und Friedensherrschaft so unerklärlich. Sie vermochten ihn nicht in den bestehenden Geschichtsverlauf einzuordnen. Selbst das Priestertum Aarons kannte diese Melchisedeksche Unmittelbarkeit nicht. Das Recht, Priester zu sein, führte Aron auf das levitische Gesetz zurück. Christus, so bezeugt der Hebräerbrief, ist aber nicht nach dem Gesetz ewiger Priester geworden, sondern kraft unvergänglichen Lebens. Er wurde es durch den unmittelbaren Schwur Gottes. Damit ist Christus in seiner Hohenpriesterwürde auch Bürge eines unvergleichlich höheren Bundes geworden (vgl. Hebr. 7, 15—23).

Entscheidend für das Melchisedeksche Priestertum war auch die Unwandelbarkeit seines Trägers. Dieser stand jenseits von einem geschichtlichen Anfang und einem geschichtlichen Ende. Während es in der aronitischen Priesterordnung „zahlreiche Priester gab, weil der Tod sie hinderte, es immer zu bleiben, besitzt dieser ein unvergängliches Priestertum, weil er in Ewigkeit bleibt" (Hebr. 7, 23. 24). In seiner Person nimmt er Anteil an der Ewigkeit Gottes, mithin trägt auch sein Priestertum den Stempel der Unvergäng-lichkeit. Daran knüpft der Hebräerbrief auch jenen Wesenszug in dem un- vergleichbaren Hohenpriestertum Jesu Christi an: „Während das Gesetz Menschen zu Hohenpriestern bestellt, die mit Schwachheit behaftet sind, stellt das Eideswort, das nach dem Gesetz erging, den auf ewig vollendeten Sohn auf" (Hebr. 7, 28). So ist nicht Aron mit seinem auf dem Gesetz
ruhenden Hohenpriestertum, sondern Melchisedek mit seiner uns mittelbaren Erscheinung zum Urbild der Doppelwürde des endgeschichtlichen Priesterkönigs geworden. Unvorstellbar ist die Fülle des Segens, die durch dieses Zeugnis des Hebräerbriefes von der Hohenpriesterwürde Jesu Christi nach der Ordnung Melchisedeks der Kirche in ihrem Ringen und Dienen, in ihren Leiden und Anfechtungen im Laufe der bald zwei Jahrtausende geworden ist.

 

3. Christus und sein heiliges Völkergericht (Vers 5-7).

 

Auch die Schlußverse unseres Psalms werden von der Kirche auf Christus als den Priesterkönig der Endzeit bezogen.

 

5. Der HErr zu deiner Rechten

zerschmettert Könige [und Widersacher]
am Tage seines [heiligen] Zorns.

 

 

Die Erwartung, daß der kommende Tag des Herrn am Ende
der Zeitalter mit einem furchtbaren Völkergericht verbunden sein werde, beherrschte die ganze alttestamentliche Zukunftserwartung. Das Neue Testament hat diese Erwartung des prophetischen Wortes mit übernommen. Das letzte prophetische Buch der Bibel spricht die Erwartung aus, daß Christus die Nationen (Heiden) „regieren wird mit eisernem Zepter, sie wie Töpfergeschirr zertrümmern wird" (vgl. Off. 2,27). Petrus sah bereits in seinen Tagen das Gericht anfangen „am Hause Gottes", und im 1. Petrusbrief lesen wir: „Beginnt es aber zuerst bei uns, was wird das Ende derer sein, die dem Evangelium Gottes sich nicht beugen; wenn der Gerechte kaum gerettet wird, wo wird der Gottlose und Sünder bleiben?" (1. Petri 4,17 f.) dieselbe Gerichtserwartung enthält auch der 2. Petrusbrief in seiner Schau von der Wiederkunft Christi: „Der jetzige Himmel aber und die jetzige Erde sind durch das
nämliche Wort für das Feuer (- wie die Welt Noahs für die Wasserflut —) aufgespart für den Tag des Gerichts und des Verderbens der gottlosen Manchen" (2.Petr. 3,7 ff,), In unserem Psalm heißt es nun
weiter:

 

6. Gericht hält er [einst] unter den Völkern,
— voll von Leichen [wird das Land] —
zerschmettert Häupter auf weiter Erde.

 

Erst in zweiter Linie können diese Verse endgeschichtlich gedeutet werden. Der Inhalt redet zunächst wieder nur von David, dem geschichtlichen Herrscher auf Zion. Ihm wurde vom Sänger verheißen, daß Gott als Allherr über seine Rechte wache. Die „Rechte" ist im alttestamentlichen Sprachgebrauch das Bild der Macht. David wurde mithin zugesichert, daß der HErr mit ihm und seiner Macht sein werde, die ihm mit der Königswürde geworden war. Ja, der HErr selbst wird die Könige, die sich seiner Einsetzung und seinem Regieren widersetzen, zerschmettern. Das wird ein Tag sein, wo des HErrn Zorn entbrennt. Gottes Zorn kann aber nur ein heiliger Zorn sein. Seine Gerichte über Könige und Widersacher werden sittlich fundiert, d. h. in der innerlichen Einteilung und widergöttlichen Lebenshaltung der dem Gericht Verfallenen begründet Sein.

Die Folgen dieser seiner gerechten Gerichte unter den Völkern werden furchtbar sein. Der Psalmist sieht, wie die Welt zu einem Leichenfelde wird. Weltgeschichte gestaltet sich mehr und mehr  zu einem Weltgericht. Häupter, Fürsten, Autoritäten sehen sich von einer unwiderstehlichen, geheimnisvollen Macht zerschmettert. Nun geht aus dem Königtum Davids aber eindeutig hervor, daß diese Erwartung sich nur engbegrenzt in Davids Leben erfüllt hat. Wohl sah er sich von Gott begnadet, sämtliche Feinde Israels zu schlagen. Es gelang ihm auch, die Grenzen seines Landes weit hinein in die Gebiete der Nachbarvölker zu tragen. Gesalbter innerhalb der Völkerwelt, wie er von der prophetischen Schau unseres Psalms geschildert wird, ist David jedoch nie geworden. Diese Nichterfüllung des Geschauten im Königtum Davids trug nun mit dazu bei, das Unerfüllte prophetisch und messianisch zu deuten. Was der geschichtliche David nicht vollenden konnte, soll und wird einmal zukünftig durch den verheißenen Davidssproß vollendet werden.

Welche Gefahren einst selbst für Israel=Juda damit verbunden waren, zeigte die spätere Entwicklung der Geschichte. Es entstanden allmählich jene nationalen religiösen Kräfte, die sich an der göttlichen Berufung ihres Volkes in Abraham, an den einzelnen Verheißungen Gottes für Thron und Tempel in Jerusalem, an der Unmöglichkeit, daß das auserwählte Volk je untergehen könnte, so berauschten, daß sie für die  Bußpredigt der Propheten völlig unzugänglich wurden. Welch einen heiligen Kampf hatte ein Amos (Kap. 5,18 ff.), ein Jesaja (Kap. 9,12 f.), ein Jeremia (Kap. 7,3 f.; 26,9) bis zum Tage des nationalen Zusammenbruchs ihres Volkes mit diesen Kreisen und deren Propheten zu führen. Ihr Kampf blieb zuletzt vergeblich. Sie mußten ihr Volk im Gericht politisch und völkisch zusammenbrechen sehen.

Mit Recht bemerkt daher einer der neueren Ausleger der Psalmen zu dieser Stelle, daß hier die Gefahren sichtbar werden, die „in der Verbindung von der Religion und Politik schlummern, wenn der politische Wille den Glauben sich dienstbar macht. Die Tatsache, daß z. B. Amos (5,18 ff.) jene nationale religiöse Hoffnung auf den Tag Jahves zerstört, weil er sieht, wie dabei Gott zum Parteigänger einer nationalen Selbstüberhebung herabgewürdigt wird und menschlicher Wille sich Gottes zu bemächtigen versucht, macht klar, daß im Alten Testament selbst diese Gefahren gesehen und bekämpft werden von einer Haltung aus, die darüber wacht, daß Gott wirklich das werde, was Gottes ist" (A. Weiser).

Die messianische Deutung auch dieser Verse auf Christus ist nur insoweit möglich, wenn sie von Christus aus geschieht. Nicht der Psalm kann die Farben für das Charakterbild Christi der Endzeit geben. Christus muß von seiner Persönlichkeit aus das Licht auf das prophetische Wort des Psalms fallen lassen. Sein Leben und sein Dienst müssen zeigen, inwieweit sich sein Priesterkönigtum deckt mit den Erwartungen, die im Psalm ausgesprochen werden. Alsdann zeigt sich sehr bald, wieviel durch ihn als Offenbarung Gottes schlechthin auch in der Schilderung des Psalms vom endgeschichtlichen Königtum überwunden worden ist. Der Priesterkönig wird keine Leichenfelder auf weiter Erde
hinterlassen. Wohl wird er in seiner Souveränität und Autorität die Völker richten. Dies wird jedoch nur insoweit geschehen, als er sie ihrem eigenen Gerichte überlassen muß. Weil sie keinen Raum für seine Herrschaft haben und die Erlösung, die mit derselben verbunden sein wird, je länger desto bewußter ablehnen, um so mehr verwickeln sie sich in ihre eigenen Gerichte. Er beugt und zerschmettert Könige, Häupter und Autoritäten nur insoweit, als er sie zerbrechen läßt in dem Kampfe, den sie gegen ihn zu führen wagen. Sein König= und Priestertum ist fundiert und autorisiert durch Gott, den Herrn der Geschichte. Je mehr sich seine Feinde zusammenschließen, um ihn zu entthronen und um das Evangelium seines Priestertums zu vernichten, um so erschütternder wird die Welt diesen ihren Kampf als einen Tag seines Zorns erleben.

Im Schlußverse wird wieder direkt auf David Bezug genommen. Sein Inhalt schildert, wie der König beim Verfolgen seiner geschlagenen Feinde neue Kraft gewinnen wird.

7. Aus dem Bach am Wege wird er trinken,
daher [mutig] sein Haupt erheben.

 

Im Geiste sieht der Sänger, wie der Feind sich durch die Flucht zu retten sucht. David verfolgt ihn aber bis zur persönlichen Erschöpfung. Da begegnet er am Wege einem fließenden Bach, er löscht seinen Durst. Und nun kann er wieder mutig sein von Sieg gekröntes Haupt erheben und den Feind bis zur Vernichtung verfolgen. Auch dieses Wort enthält nur Insoweit einen Hinweis auf Christus, als man es geistig umdeutet. „Das ist meine Speise", sagte Jesus in den Tagen seiner Knechtsgestalt, „daß ich den Willen dessen tue, der mich gesandt hat und sein Werk vollende" (Ev. Joh. 4,34). Die Evangelien bezeugen von ihm, daß er nach beendetem Tagewerk, wenn er dem Volke die Frohbotschaft vom Reiche Gottes gebracht, die Kranken geheilt, die Mühseligen und Beladenen zu sich gerufen hatte, auf einen Berg ging, um zu beten. Der Bach, aus dem mithin Jesus trank und Christus als der erhöhte Priesterkönig gegenwärtig trinkt und bis zur Vollendung trinken wird, ist sein Umgang mit Gott. Die Psalmen der Vollendung werden daher auch nicht allein auf die Anbetung Christi abgestimmt sein, so gewiß durch ihn als ewigen Priesterkönig der Welt auch der Endsieg Gottes geworden ist. Ihr Inhalt wird voll sein von der Anbetung Gottes und des Lammes. Die Offenbarung Johannes deutet einiges von dem Inhalt der Psalmen der Vollendung mit den Worten an: „Halleluja! Der Herr unser Gott, der Allmächtige, hat die Herrschaft übernommen! Laßt uns froh sein und jubeln und ihm die Ehre geben! Denn die Hochzeit des Lammes ist gekommen, seine Braut hat sich bereit gemacht, sie durfte sich kleiden in glänzend weißer Leinwand (Off. 19,6 ff.),

 

X. Danklied der Festgemeinde Psalm 118

1. „Danket dem HErrn, denn er ist freundlich,

ja, seine Gnade währet ewiglich!“

2. So spreche denn Israel:

„Ja, seine Gnade währet ewiglich!"
3
. Es spreche das Haus Aarons:

„Ja, seine Gnade währet ewiglich!"
4. Die den HErrn fürchten, sollen sprechen:

»Ja, Seine Gnade währet ewiglich!"

5.  In meiner Drangsal rief ich zum HErrn, mich erhörte der HErr, er machte mich frei.
6. Der HErr ist für mich, ich fürchte mich nicht,
was können mir Menschen tun?

7. Der HErr ist für mich, meine Hilfe ist er mir,
drum werd1 ich meine Lust sehen an meinen Feinden.

8. Es ist besser, seine Zuflucht beim HErrn zu suchen,
als sich zu verlassen auf Menschen.

9. Es ist besser, seine Zuflucht beim HErrn zu suchen,
a1s sich zu verlassen auf Fürsten.

10. Mögen alle Heidenvölker mich umringen,

fürwahr, ich zerhaue sie im Namen des HErrn,
11
. Mögen sie mich umringen, allseitig umringen,

fürwahr, ich zerhaue sie im Namen des HErrn.
12. Mögen sie wie Bienen mich umringen,

fürwahr, ich zerhaue sie im Namen des HErrn,
13
. Man hat mich zwar gestoßen, daß ich fallen sollte,

doch der HErr ward meine Hilfe.
1
4. Meine Stärke1) und mein Psalm ist der HErr,

er war meine Rettung am Tage der Not.

16. Man singt mit Freuden vom Sieg
in den Hütten der Gerechten:
„Die Rechte des HErrn behält den Sieg!"

16). „Die Rechte des HErrn ist erhöhet,
die Rechte des HErrn behält den Sieg!"

17. Ich werde nicht sterben, ich werde leben,
um des HErrn Taten zu verkünden.

 

18. Hat mich auch der HErr schwer gezüchtigt, aber dem Tode gab er mich nicht preis.

19.Öffnet mir der Gerechtigkeit Tore,

hinein will ich geben, will danken dem HErrn!

20. Dies ist das Tor des HErrn,

seine Gerechten werben hineingehen.

21. Ich danke dir, daß du mich erhöret hast,

daß du HErr] meine Rettung warst!

22. Der Stein, den die Bauleute verworfen haben,

der ist zum Eckstein geworden.

23. Vom HErrn ist dies geschehen.

Wahrlich, ein Wunder vor unseren Augen!

24. Dies ist der Tag, den der HErr  gemacht, lasset uns freuen und fröhlich in ihm sein.

28. „0 HErr, auch ferner schaffe uns Heil! Ja, HErr, laß alles Wohlgelingen!"

26. Gesegnet sei, der da kommt im Namen des HErrn. Wir segnen euch vom Hause des HErrn aus.

27. Gott ist der HErr, er hat uns Licht gegeben! Bindet das Festopfer mit Stricken, [bringt es] zu den Hörnern des Altars!

28. Mein Gott bist du, drum will ich dir danken, dich, meinen Gott, will ich erbeben.

29.“Danket dem HErrn, denn er ist freundlich, ja, seine Gnade währet ewiglich!"

 

Der Lieblingspsalm Luthers! Das wird verständlich, wenn man seinen tiefen Inhalt auf Grund bestimmter geschichtlicher Ereignisse zu erfassen sucht. Denn das Verständnis für die Sprache des Dankes und der Anbetung des Psalms setzt ganz bestimmte Glaubenserfahrungen des Sängers voraus. Da später Luthers schwere Erlebnisse in vielem denen des Psalmisten verwandt waren, so wird verständlich, daß er im Psalm ausgedrückt fand, was auch seine Seele in Dank und Erhebung Zu Gott bewegte. Auch Luther sah sich aus „Nöten geholfen, daraus ihm weder Kaiser noch König noch Mensch hätte helfen können. Mit der Auslegung dieses seines edelsten Kleinodes, seines Schutzes und Schatzes beschäftigte er sich in der Einsamkeit seines Patmos." (Nach Heinrich Wiese.) Alle Ausleger sind sich darin eins, daß es sich beim Psalm um eines der schönsten Danklieder handelt, das von der jüdischen Festgemeinde nach erfahrener Rettung aus schweren Nöten gesungen wurde. Fraglich bleibt aber, bei welchem festlichen Anlaß, und zwar nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft, es der Ausdruck des Dankes zum HErrn war. Am wahrscheinlichsten bleibt, daß wir diesen Anlaß in der Zeit eines Esra und Nehemia zu  suchen haben. Das Buch Nehemia erzählt uns in seinem 8.Kapitel von einem großen Laubhüttenfest, das nach der Fertigstellung des neuen Tempels gefeiert wurde. Eine große Glaubenstat war trotz schwerster feindlicher Widerstände vollendet worden. Wie stark die Gemeinde die Durchführung des Wiederaufbaues der Mauern Jerusalems als eine besondere Hilfe des HErrn ansah, bezeugen Nehemias persönliche Worte: „Als nun alle unsere Feinde das hörten, da fürchteten sich alle Heiden, die um uns her sind, und der Mut entfiel ihnen, denn sie erkannten, daß durch unseren Gott dies Werk vollführt war" (Kap. 6,16 f.). „Einen Monat Später (Neh. 8,1) wurde das Nehemia 8,14-18 beschriebene Laubhüttenfest gefeiert, wie es seit den Tagen Josuas nicht begangen worden war. Und es war eine sehr große Freude. Das vom Bau hergenommene Bild des Psalms (V. 22) erinnert an den Abschluß des Mauerbaues. Alle diese Parallelen scheinen mir so schlagend zu sein, daß ich mit Sicherheit glaube sagen zu können: Psalm 118 wurde zum erstenmal bei der Feier des Laubhüttenfestes im Jahre 440 v. Chr. gesungen. Der Dank, den der Psalm atmet, die Freude/ das gesteigerte Selbstbewußtsein der Gemeinde, die trotzdem wohl weiß, wie sehr sie der göttlichen Hilfe bedarf, erklären sich bei dieser Datierung in jeder Hinsicht genügend" (Franz Delitzsch).

Für diese Annahme spricht auch, daß der 25. Vers unseres Psalms; „O HErr, schaffe auch ferner uns Heil!" hinfort der bestehende Festruf seit dem Entstehen des zweiten Tempels war. Derselbe wurde während des feierlichen Umzuges um den Brandopferaltar von der feiernden Gemeinde gesprochen. Solch ein Umzug wurde während der ersten Sechs Tage einmal, und am siebenten Tage siebenmal vollzogen.

Damit ist uns der geschichtliche Rahmen angedeutet, in welchem wir die Entstehung unseres Dankliedes zu suchen haben. Aber auch dieses tief empfundene Danklied erhält erst dann seine Bedeutung auch für uns, wenn es wie einst bei Luther der Ausdruck unseres Dankes zum HErrn wird. Nicht ganz leicht ist es, den Inhalt des Psalms in sachliche Hauptbegriffe zu ordnen. Er gehört zu jenen Dichtungen, in denen jeder Vers einen geschlossenen Sinn für sich hat, mit eigenem Duft und eigener Farbe. „Ein Gedanke fügt sich an den andern, wie Zweig an Zweig, Blume an Blume." Gesungen wurde das Lied jedenfalls in der Form einer feierlichen Liturgie. Es begann wohl mit dem Aufstieg zum Tempeltor und wurde alsdann im Heiligtum fortgesetzt. Man hat diesen Wechselgesang folgendermaßen eingeteilt; Vers 1-18 Der Festzug auf dem Wege zum Tempel; 19-25 vor dem Tempeltor; 26.27 Empfang durch die Priester; 28.29 Dank der Festteilnehmer im Tempel2). Lassen wir aber den Inhalt selbst zu uns reden.

 

1.Die feiernde Gemeinde (Vers l — 4).

 

Mit dieser macht uns der Psalm zunächst vertraut. Sie umfaßt das ganze Volk. Es hatte Gottes Hilfe aus schwersten Nöten so wunderbar erlebt und suchte sich nun als Festgemeinde dankbar zu Gott zu erheben. Was sich später noch viel wesenhafter und wirklicher in der Kirche Jesu Christi offenbart, das war in seinen Grundzügen bereits in der Volksgemeinde Israel vorhanden: Die erfahrene Gotteshilfe für das Ganze war zugleich ein Segen für jeden einzelnen. Daher feierte auch der einzelne mit der ganzen Festgemeinde. Er wußte sich mit eingeschlossen in den Dank, den man dem HErrn zu bringen suchte.

1. „Danket dem HErrn, denn er ist freundlich, ja, seine Gnade währet ewiglich!"

 

Mit diesem Festruf wurde offenbar die Gemeinde von Vorsängern empfangen. Dieselbe setzte sich aus dem feiernden Volk, aus den Priestern und Leviten und aus den Gottesfürchtigen zusammen. An jede Gruppe besonders ergeht nun der Aufruf, sich mit am Dank zu beteiligen.

2. so spreche denn Israel: „Ja, seine Gnade währet ewiglich!"

3. Es spreche das Haus Aarons: „Ja, seine Gnade währet ewiglich'.“

4. Die den HErrn fürchten, sollen sprechen:

»Ja, seine Gnade währet ewiglich!"

 

Das offenbar gewordene Heil Gottes war allgemein. Mithin mußte auch die dankbare Erhebung eine gemeinsame sein. Nicht etwa nur das Haus Aarons, also die legitime Priesterschaft, sollte bekennen, daß des HErrn Gnade von Zeitalter zu Zeitalter währt. Dasselbe Bekenntnis soll die ganze Gemeinde erfüllen. Dasselbe gilt auch heute. Wo immer ein gesundes Glaubensverhältnis der Gemeinde zu Gott besteht, da begnügt sich dieselbe nicht mit einer Stellvertretung durch die Priesterschaft. Sie ist in ihren vielen Gliedern persönlich mitbeteiligt, so oft es gilt, den HErrn in seiner Huld und seinem Heil zu bekennen. Selbst jene sucht sie mit in ihre Gemeinschaft hineinzuziehen, die bisher nur zu den Gottesfürchtigen, d. h. zu den  Proselyten gehören. Es waren dies jene Fremden aus den Nationen, besonders auch aus den Griechen, die sich innerlich von Gottes Offenbarung und Wirklichkeit ergriffen wußten. Sie hatten erkannt, daß Israels Gott der alleinige HErr der Welt, der Schöpfer Himmels und der Erde sei. Auch sie sollen in dieser feierlichen Stunde vollen Anteil nehmen an der Freude und an dem Dank, die die Festgemeinde erfüllen und bewegen. Alle von Gott  her kommenden und erlebten Heils = und Segensoffenbarungen wollen letzthin nie Privatbesitz einzelner sein. Sie suchen alle zu erfassen, die innerlich offen für Gottes Handeln in der Geschichte sind. Von dieser geschlossenen Gemeinde erfolgt nun:


 

2.ein heiliges Bekenntnis (Vers 5-9).

 

Sein Inhalt ist nicht irgendeine Formel. Auch nicht der Mensch in seiner Güte und Größe, nicht die Welt in ihrer Blüte und Schönheit. Der Inhalt ist Gott in seinem gnädigen Handeln. Was die Volksgemeinde in schwersten Nöten an erneuter Hilfe erlebte, war ihr zu einer tieferen Erkenntnis der Güte und Barmherzigkeit Gottes geworden. Fällt die Entstehung des Psalms tatsächlich in die letzte Zeit des Wiederaufbaues der Mauern des Heiligtums unter Nehemia, dann ist verständlich, wie das Bekenntnis zunächst mit der Feststellung beginnt:

 

5. In meiner Drangsal rief ich zum HErrn, mich erhörte der HErr, er machte mich frei

 

Daß Israel in seinen Drangsalszeiten immer wieder seine Zuflucht zum HErrn nahm, darin lag des Volkes Rettung. Das Gebet zu Gott ist Menschen noch nie zum Verhängnis geworden. Wem es Zum Bewußtsein kam, daß er das Leben mit seinen Nöten und Widerwärtigkeiten, mit seinen Härten und Versuchungen nicht mehr zu meistern vermochte, und er nahm seine Zuflucht zu Gott, der erlebte von Gott eine Rechtfertigung seines Vertrauens. Die größten Siege im Leben eines Menschen sind noch immer auf den Knien errungen worden. Auch Israel hatte das Ende seiner Drangsal erlebt, als es in seiner Ohnmacht zum HErrn rief. Es gibt einen Gott, der Gebete erhört. Er macht Gedrückte und Geknechtete frei, sobald er ihnen mit seiner Hilfe antworten kann.

Aber jede erlebte Gebetserhörung und Rettung durch Gottes Hand wirken sich nicht nur in dem besonderen Falle aus. Es kommt dem Menschen nicht nur zum Bewußtsein, daß Gott ihm geholfen habe. Sie schaffen gleichzeitig für die Zukunft ein Gottvertrauen und eine Furchtlosigkeit, wie man sie vordem nie gehabt hatte. Gnade führt stets zu vermehrter

Gnade, gerechtfertigtes Vertrauen zu stärkerem Vertrauen. Auch die Festgemeinde bekennt in ihrem Dankliede, wie stark und tief ihr Vertrauen hinfort in Gott ruht.

6. Der HErr ist für mich, ich fürchte mich nicht, was können mir Menschen tun?

 

Im Handeln Gottes wird sich der Mensch der Nähe Gottes bewußt. Kann Gott in den Gang der Geschichte zum Heile des Menschen eingreifen, so erkennt der Mensch, daß der HErr ihm nicht fern ist. Ist aber Gott für uns, wer mag dann wider uns sein? Hinfort ist Furchtlosigkeit  keine Selbsttäuschung,  sie ist  eine  bewußte, starke Glaubenshaltung zu Gott. „Du kommst zu mir mit Schwert, Speer und Spieß", sprach einst David zum Philister Goliath, „ich aber komme zu dir im Namen des HErrn der Heerscharen, des Gottes der Schlachtreihen Israels, die du verhöhnt hast" (1. Sam. 17, 45). Solch ein Vertrauen zu Gott und solch eine Abhängigkeit von Gott macht aber zu allen Zeiten unabhängig von Menschen. Nie hatten die alttestamentlichen Propheten gewagt, ihre schweren Missionen zu erfüllen, wenn sie nicht in ihrer Sendung gewußt hätten: „Mit uns ist Gott!" „Ich fürchte mich nicht!" — ist daher nicht die Sprache eines von sich selbst Berauschten. Es ist nicht die Geste eines religiösen Schwärmers und Schauspielers. Es ist der Ausdruck höchster Zuversicht zu Gott. Denn solch eine Sprache fließt aus der Glaubensgewißheit:

 

7. Der HErr ist für mich, meine Hilfe ist er mir, drum werd ich meine Lust sehen an meinen Feinden.

 

Der Prophet Elisa wußte, daß das Heerlager der Syrer groß genug war, sein Volk zu erdrücken. Er wußte aber auch, daß „derer, die bei uns sind, sind mehr als derer, die bei ihnen sind". Daher betete er, daß Gott seinem Diener die Augen öffnen möge, damit er sehe. ,,Und Gott öffnete dem Diener die Augen, und er sah da war der Berg rings um Elisa her voll  feuriger Rosse und Wagen" (2.Kön.6,16f.). Und bis heute war auch die Kirche nie unsicher über den Ausgang der Widersacher Gottes und den Sieg der in Christo angebrochenen Königsherrschaft. So oft auch die Feinde den Kampf wider Gott und seine Gemeinde aufzunehmen versuchten, sie zerbrachen an ihren eigenen Kämpfen. Selbst ihre Erfolge und Siege mußten ihnen zuletzt zum Gericht werden. Den scheinbaren Sieg des jüdischen Tempels über den Menschensohn verwandelte der HErr zum größten Triumph des Lebens über  den Tod. Man schuf durch das Kreuz einen Gekreuzigten, im Gekreuzigten aber gab Gott der Welt einen Auferstandenen.

 

Es ist verständlich, daß der Dichter nun zu der für alle Zeit gültigen Feststellung kommt:

 

8. Es ist besser, seine Zuflucht beim HErrn zu suchen, als sich zu verlassen auf Menschen.

9. Es ist besser, seine Zuflucht beim HErrn zu suchen, als sich zu verlassen auf Fürsten.

 

Ein doppeltes; „Es ist gut!" Also ein doppeltes Heil, das der Glaube erkannt hat. Sein Vertrauen gründet sich nicht auf Menschen, wörtlich „Adam", d. h. auf alles vom Fleisch Geborene. Zwar kann Gott Menschen gebrauchen, um durch sie zu helfen, zu trösten, zu stärken und zu erfreuen. So wird der Mensch zu einem Engel der Barmherzigkeit. Der Glaube vertraut jedoch nicht dem Menschen. Der Mensch ist fähig, für seinen Nächsten auch zum Dämon zu werden. Die größten Enttäuschungen erlebte daher der Mensch immer wieder am Menschen, die Völker erlebten sie an Völkern. Dasselbe gilt auch von den höchsten Vertretern der Menschheit, von ihren Fürsten und Königen. Wie wurde Israel enttäuscht, als es in seiner Politik bald der assyrischen, bald der ägyptischen, bald der babylonischen Weltmacht vertraute. Der Rohrstab, auf den man sich stützte, zerbrach und durchbohrte Israels Hand. Im  Leben der Glaubenden sind nicht etwa entscheidend die Machtmittel, über die die Weltmächte verfügen. Gott ist es, der ihre Zuflucht ist. Mit Gott werden aber auch Weltmächte nicht fertig. Bis heute liegt die Stärke der Gemeinden nicht etwa in ihrer Auseinandersetzung mit der Welt. Sie liegt vielmehr in dem großen Kampfe, durch den Gott sich mit der Welt auseinandersetzt.

 

3.Das große Gotterlebnis (Vers 10 —18).

 

Nachdem der Sänger in seinem Bekenntnis uns vertraut gemacht hat mit seiner Glaubenshaltung resp. mit der der ganzen Gemeinde, zeigt er nun, aus welch einem Handeln Gottes diese entstanden ist. Zwar klingen die nächsten Verse wie der Wahn eines von sich selbst eingenommenen Menschen. Die Sprache aller von sich selbst und ihrer Macht Berauschten war zu allen Zeiten phrasenhaft. „Wo sind die Götter des Landes Samaria?" fragte einst der Rabsake, als er mit seinem assyrischen Heer Jerusalem belagerte. „Haben sie etwa Samaria aus meiner Hand errettet? Wo ist einer unter allen Göttern dieser Länder, der sein Land aus meiner Hand errettet hätte, daß euer Gott Jerusalem aus meiner Hand erretten sollte?" (Jes. 36, 19 f.) Auch Nebukadnezar fragte auf der Höhe seiner Macht die drei Freunde Daniels, die nicht vor dem goldenen Bilde in der Ebene zu Dura niederfallen und es anbeten wollten: „Wenn ihr es nicht anbeten werdet, so werdet ihr sofort in den brennenden Feuerofen geworfen werden. Wer ist der Gott, der euch aus meiner Hand erretten könnte?" (Dan.3,15.)

Unser Dichter nimmt nämlich die Möglichkeit an, daß die Heiden in ihrer Gott feindlichen Haltung geschlossen ihn umgeben können. Sie können ihn von allen Seiten umzingeln, ja ihn in ihrer Übermacht wie ein Bienenschwarm überfallen.

 

10. Mögen alle Heidenvölker mich umringen,

fürwahr, ich zerhaue sie im Namen des HErrn.

11. Mögen sie mich umringen, allseitig umringen,

fürwahr, ich zerhaue sie im Namen des HErrn.

12. Mögen sie wie Bienen mich umringen,

fürwahr, ich zerhaue sie im Namen des HErrn.

 

Nie hätte der Psalmist jedoch angesichts solcher Gefahren die kühne Sprache des Glaubens zu führen gewagt: „Ich zerhaue sie im Namen des HErrn!", wenn er nicht gewußt hätte, der Kampf ist Gottes. Im Glauben rechnete er damit, daß entsprechend der Größe der Gefahr auch die Größe der Hilfe sein werde. Aus demselben Vertrauen heraus kann daher ein neuzeitlicher Dichter Singen: „Größer als der Helfer  ist die Not ja nicht!"

Auch der Psalmist weiß von Versuchen, die gemacht wurden, ihn zu

Fall zu bringen:

 

l3. Man hat mich zwar gestoßen, daß ich fallen sollte, doch der HErr ward meine Hilft.

14.Meine Stärke und mein Psalm ist der HErr, er war meine Rettung «m Tage der Not.

 

Eine genaue Beschreibung, worin die Versuche bestanden, um den Sänger zu Fall zu bringen, erwähnt der Psalmist nicht. Er Spricht nur allgemein vom Tage der Not, an welchem ihm der HErr zur Rettung wurde. Aus dem Buche Nehemia Kap. 4 können wir als wahrscheinlich ersehen, welcher Art diese Nöte waren. Dort wird erzählt: „Als aber Sanballat hörte daß wir die Mauer aufbauten, sprach er zornig  und voll Ärger und Spottete über die Juden und sprach in Gegenwart seiner Landsleute und der Truppen von Samaria: ,,Was treiben die elenden Juden da? Wollen sie schon pflastern? wollen sie schon zum Feste Schlachten? wollen sie schon heute vollenden? wollen sie die verbrannten Steine aus dem Schutthaufen wieder ins Leben rufen?' Darauf antwortete ihm Tobia, der beim Statthalter von Samaria zu Gaste war und die Gebiete Ammons im Ostjordanlande beherrschte: ,Laß sie nur bauen, wenn ein Fuchs hinaufspringt reißt er ihre Steinmauer ein." Diese Schmähung der Feinde machte Nehemia damals zum Inhalt seines Gebets. Aus dem Umgang mit Gott gewann er den Mut für sich und alle Mitbauenden, die aufgenommene Wiederherstellung der Mauern Jerusalems mutig fortzusetzen.

Es gehörte aber stets z u m Charakter wahrer Glaubensmenschen, daß sie nie eine erlebte Rettung, die ihnen allein von Gott werden konnte, sich selbst zuschreiben. Nicht sich unterstreichen sie — Inhalt ihres Lobgesanges ist Gott. Nicht Heldengedichte schaffen sie — ihre Psalmen preisen die Majestät und das Tun des in der Geschichte sich offenbarenden Gottes.

 

15. Man singt mit Freuden vom Sieg in den Hütten der Gerechten: „Die Rechte des HErrn behält den Sieg!"

16. „Die Rechte des HErrn ist erhöhet, die Rechte des HErrn behält den Sieg!"

 

Gemeinden, die auf jedem Gebiete ihres Glaubens, ihres Ringens und ihres Dienens abhängig sind von ihrem HErrn, sterben am eigenen Selbstruhm. In ihren Hütten kann allein von dem Sieg gesungen werden, den die Rechte des HErrn errungen hat. Wohl sind sie Triumphierende, aber stets nur Mittriumphierende. Die Entscheidung kam von Gott, wenn auch durch sie. Es war der Arm des HErrn, der den Kampf zum Siege führte, das Leid in Freude verwandelte, einen Ausweg aus dem Tode gab. Das zu bezeugen macht den Inhalt ihres Psalms aus, gibt denselben seine Wärme und Stärke.

 

17. Ich werde nicht sterben, ich werde leben, um des HErrn Taten zu verkünden.

 

Gewonnene Gotteserkenntnis verpflichtet. Empfangener Segen soll zum Segen vieler werden. Wer Gott in seiner Größe und helfenden Barmherzigkeit gesehen, soll entsprechend von Gott reden, damit auch andere eine tiefere Gottesschau gewinnen. Der Sänger und mit ihm die Gemeinde hat Gott in seiner rettenden Tat erlebt. Daß er und mit ihm die Volksgemeinde noch lebte, war nur von Gott her zu  verstehen. Es war Gnade, daß die Vergangenheit mit ihrem Gericht und ihrer Not ihm nicht zum Tode gereichte. Wie oft hat L u t h e r sich von diesem Vers aufrichten lassen!

 

18. Hat mich auch der HErr schwer gezüchtigt, aber dem Tode gab er mich nicht preis.

 

Daß der Sänger sich nicht dem Tode preisgegeben sah, daß die Drangsal seines Lebens sich nur als eine gnädige Zucht Gottes ausgewirkt hatte, darin erkannte er göttliche Absichten und Ziele. Ihm soll das neugeschenkte Leben nicht eine Selbstverständlichkeit sein. Es verpflichtet ihn Gott gegenüber. Als Geschenk der Gnade  hat er es im Angesichte des Todes wieder empfangen. Als ein Opfer der Liebe soll es forthin im Dienste des Zeugnisses von Gottes Taten stehen. Wie stark sich das mit dem neuen Sein und Leben der Gemeinde Jesu Christi deckt, drückt Paulus im Römerbrief mit den Worten aus: ,,Gebt euch Gott hin als solche, die aus dem Tode zum Leben hindurchgedrungen sind" (Röm.6,13).

 

4.Die verschlossenen Tempeltore (Vers 19-23).

 

Steht der Psalm Im engsten Zusammenhang mit dem unter Esra und Nehemia vollzogenem Wiederaufbau Jerusalems und des Tempels, dann ist auch das vorausgegangene Zeugnis von dem großen Gotterleben eigentlich ein Zeugnis der Gesamtgemeinde. Obwohl der Dichter in der Ichform spricht, redet er doch aus dem Erleben aller. Offenbar war der  Tempelbau endlich vollendet worden. Die Festfreude über die neue  Tempelweihe erreichte mehr und mehr ihren Höhepunkt. Noch stand man aber vor  den verschlossenen Tempeltoren. In Spannender Erwartung harrte die Gemeinde auf den Augenblick, wo die Tore sich öffnen und sie  endlich wieder Gottes Heiligtum werde betreten dürfen. In dieser Erwartung singt sie:

 

19. öffnet mir der Gerechtigkeit Tore, hinein will ich gehen, will danken dem HErrn!

 

Was jahrelang die ungestillte Sehnsucht einer aus der Knechtschaft heimgekehrten Gemeinde gewesen war, sollte in den nächsten Augenblicken nun heilige Wirklichkeit werden. Unendlich viele Schwierigkeiten und Hemmnisse hatte man  überwinden müssen. Manche der eigenen Volksgenossen hatten sich in der Beteiligung am  Aufbau sehr lässig erwiesen. Getäfelte Häuser, reiche Kornfelder, gepflegte Wein= und Ölgärten hatten ihr Interesse ganz in Anspruch genommen. Andere waren gleich beim Beginn des Baues ganz mutlos geworden. Sie brachen in ein lautes Weinen aus, als sie die Anfänge des neuen Tempels zu  sehen bekamen. Es waren jene Kreise, die noch den alten Tempel in seiner Größe und Pracht aus der Glanzzeit Salomos gesehen hatten. Selbst eine zeitweise Unterbrechung des Baues hatte Serubabel, der Statthalter, überwinden müssen (vgl. Haggai 2, 2 — 9). Aber der Glaube hatte alle Widerwärtigkeit überwunden und das Werk vollendet. Unbeschreiblich war daher die Freude der Gemeinde. In dieser jubelte sie:

 

20. Dies ist das Tor des HErrn, seine Gerechten werden hineingehen.

 

Die Tore, die sich in den nächsten Augenblicken öffnen sollten, werden „Tore der Gerechtigkeit" genannt. Sie führten zum HErrn der Gerechtigkeit. Vor ihn darf nur eine Gemeinde treten, die sich durch Gnade von Gott gerechtfertigt sieht. Ihr  ist Gottes Gerechtigkeit eine Ursache zum Leben geworden. Jene Gerechtigkeit, die einst das Volk zu seinem Heil in die Gefangenschaft sandte, richtete zur rechten Stunde auch wiederum jene babylonische Weltmacht, die dem Volk solch ein schweres Exil bereitet hatte. Zwar hatte sie Israel ins Gericht geführt, aber im Gericht ein Volk erzogen, das begnadet wurde, eine neue Heimat aufzuerbauen. Nun sollen sich die Gerechtigkeitstore öffnen, damit die Gemeinde im Heiligtum vor den Herrn der Gerechtigkeit treten könne. Hier sollte das Höchste kund werden, das sie in ihrer Freude in sich trug:

21. Ich danke dir, daß du mich erhöret hast, daß du [HErr] meine Rettung warst!

Schlichte Worte, die aber unendlich viel sagen! Durch sie drückte die Gemeinde das ganz Große der Geschichte aus, das sie erlebt hatte. Es gibt Höhepunkte im Erleben des Glaubens, wo dem Menschen die Worte fehlen, um Gott gegenüber ganz das sagen zu können, was er an Freude und Dank über Gottes Tun in sich trägt. Er ist so überwältigt von Gott, daß sein Schweigen mehr sagt als sei Reden sagen könnte. Ihm ist alles Geschehen wie ein Wunder, eine Tat dessen, der in Seiner Allmacht keine Wunder kennt, sondern nur ein Souveränes Handeln.

 

22. Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden.

25. Vom HErrn ist dies geschehen.

Wahrlich, ein Wunder vor unseren Augen!

 

Ein geschichtliches Ereignis beim Neuaufbau des Tempels wird aber Besonders erwähnt. Während des Baues ist von den Bauleuten ein Stein verworfen worden. Später war gerade dieser verworfene Stein geeignet zum Gipfel= und Schlußstein. Ein solcher wird hier offenbar genannt. Denn zweifellos ist „ein bestimmter Stein unter den Bausteinen des Tempels gemeint: dieser Stein, den die Bauleute geringschätzig ansahen, ist zum Eckhaupt geworden, d.h. bildet nun den Scheitel des rechten Winkels an den vier Seiten des quadratischen Baues, das stattliche Gebäude schützend und stützend ein Bild der Macht und Hoheit, zu welcher das nun wieder um den Tempel als seinen nationalen Mittelpunkt gescharte Israel aus tiefer Erniedrigung heraus inmitten der Völkerwelt gelangt ist" (Franz Baethgen).

Im Lichte des Neuen Testaments hat diese Stelle eine prophetische Bedeutung erlangt. Schon der Prophet Jesaja sprach von einem Stein (Kap. 28,16), der als ein Hinweis auf  Christus angesehen wurde: „Drum Spricht Gott der HErr: ,Siehe, ich lege in Zion einen Stein, einen bewährten Stein, einen kostbaren, grundlegenden Eckstein. Wer glaubt, wird nicht zuschanden." Jesus in seiner Knechtsgestalt wurde zwar trotz seiner messianischen Vollmacht verworfen. Die jüdische Tempelgemeinde als Trägerin der göttlichen Offenbarung verwarf ihn mit den Worten; „Wir wollen nicht, daß er über uns herrsche!" Ihn, der Autorität zum Herrschen hatte, lehnte man ab, um sich von denen beherrschen zu lassen, die nur knechteten. Gott aber rechtfertigte durch die Auferstehung den durchs Kreuz verworfenen. Christus wurde zum Herrn seiner Gemeinde, zum Grund- und Schlußstein einer neuen Behausung Gottes im Geist. Petrus schreibt daher in seinem ersten Brief: „Schließt euch an ihn an, den lebendigen Stein, der von den Menschen zwar verworfen, bei Gott aber auserlesen und kostbar ist" (l.Petr.2,4).

 

 

 

 

5.Der priesterliche Segensgruß (Vers 24 — 29).

 

Den Schlußakt der erhebenden Tempelweih=Feier bildete der priesterliche Segensgruß. Eigentlich war es Gott, der durch die Priester seine Gemeinde grüßte und Segnete.

 

24. Dies ist der Tag, den der HErr gemacht, laßt uns freuen und fröhlich in ihm sein.

 

Eine Volksgemeinde, die in Ehrfurcht und Anbetung vor Gott und dessen Wundern steht, kennt keinen Selbstruhm. Die erste Tempelweihe, die das Volk begehen durfte, war ein Tag, der allein durch Gottes Eingreifen in das Geschick seines Volkes hatte kommen können. Inhalt der Freude konnte daher nicht der Mensch, auch nicht die Gemeinde, sondern allein der HErr sein, der sich seines Volkes in seiner Drangsal angenommen hatte. Bleibender Besitz kann aber auch der neubegonnene Zustand nur dann werden, wenn auch in Zukunft Gottes Handeln sich zum Heil des Volkes offenbaren kann. Daher die Bitte:

26. „O HErr, auch ferner schaffe uns Heil! Ja, HErr, laß alles Wohlgelingen."

 

Im Reiche Gottes sind weder Zustände noch Segnungen ein abgeschlossener Besitz oder eine ruhende Größe. Wenn Israel vor neuer Knechtschaft bewahrt werden soll, muß es weiter Gottes Tun und Handeln erleben. Nicht das, was man empfangen hat, sondern das, was man dauernd von Gott empfängt, sichert eine neue gesegnete Zukunft. Ein Gott wohlgefälliges Gelingen auf allen Gebieten des Lebens kann es nur geben, wenn der Herr fort und fort sich in  seiner Barmherzigkeit und in seinem Heil der Volksgemeinde offenbaren kann.

Zuletzt wird die Festgemeinde von den Priestern noch unter den allgemeinen Segen gestellt:

 

26. Gesegnet sei, der da kommt im Namen des HErrn! Wir segnen euch vom Hause des HErrn aus.

 

So wurde die Gemeinde im Namen des Herrn durch Priester und Leviten auf dem Zionsberge willkommen geheißen. Diese Worte klangen Jahrhunderte später im Munde derer wieder, die Jesus bei seinem Einzuge in Jerusalem mit dem Jubel begrüßten: ,,Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des HErrn!" Der Sinn des nächsten Satzes ist nun nicht, daß durch die Priesterschaft die gesegnet werden, „die vom Hause des HErrn sind". In ihrem Segensspruch drückten sie aus, daß sie vom Hause des Herrn aus die Festgemeinde segneten. Das Heiligtum ist der Ort, wo der Herr zeltet, von dem aus sich seine Gegenwart der Gemeinde mitteilt. Nicht etwa die Priester vermögen zu segnen. Sie können nur den Segen dessen weiterleiten, der als Herr seines Volkes im Heiligtum wohnt, um die Gemeinde selbst zu segnen.

Nicht leicht ist der Sinn des folgenden Verses wiederzugeben:

 

27. Gott ist der HErr, er hat  uns Licht gegeben! Bindet das Festopfer mit Stricken, [bringt es] zu den Hörnern des Altars!

 

Die neueren Ausleger übersetzen: „Der HErr ist Gott, er gab uns Licht! Bindet den Reigen mit Zweigen bis an die Hörner des Altars!" sie nehmen an, daß während der heiligen Festfeier vom Volke ein feierlicher Reigentanz  um den Brandopferaltar, mit Weidenzweigen und Palmen geschmückt aufgeführt wurde. Man beruft sich darauf, daß auch unter den Arabern ähnliche Sitten bestanden hätten.  Auch wissen wir von David, daß er, als er die Bundeslade von Kirjath=Jearim hinaufholte gen Jerusalem, seiner Freude dadurch Ausdruck gab, daß er um die heraufziehende Bundeslade herum tanzte (2,Sam. 6,14 f.). Also undenkbar ist es mithin nicht, daß auch die Gemeinde in ihrem Überschwang von Freude über das neu entstandene Heiligtum einen Reigentanz aufführte.

  Näher scheint aber immer noch die ältere Annahme zu liegen, daß es sich hier um die Schlachtopfer handelte, die man an die kupfernen  Ringe an der Nordseite des Brandopferaltars anbinden sollte. Die „Hörner des Altars" waren hervorragende Spitzen an den vier Ecken des Brandopferaltars (2.Mos. 29,12; 30,10; 3.Mos. 4,7,18,25; 8,15; 1. Kön. l, 50f.; 2,28). Die Opfer waren durch die Stricke hinfort dem Altar, d. h. dem Gott, dem geopfert werden sollte, verhaftet. Durch die Weihe zum Brandopfer waren sie bereits dem bisherigen Leben gestorben. Die Stricke verbanden sie schon mit dem HErrn, dem sie geschlachtet werden sollten.. In diesem Opfer sprach die Gemeinde symbolisch aus, wie letzthin sie selbst ein dem HErrn geweihtes Opfer, d. h. Volk, sei. Ihr Leben in Zukunft sei gebunden an den Altar, auf dem die Ganzopfer dem HErrn dargebracht wurden. Nicht die heidnischen Nachbarvölker, Gott allein hat  in Zukunft Anspruch auf die Festgemeinde, die aus Not gerettet nun feiernd und anbetend vor ihm steht.

Wie Paulus später in diesen Gedankengängen lebte, das beweisen seine Ausführungen im Römerbrief. Ihm ist durchs Kreuz die Gemeinde der Welt gestorben. Was sie hinfort lebt, das lebt sie Gott. Ergriffen von Christus ist sie gebunden an Christus. Sie steht mit ihrem Leben in derselben Hingabe an Gott, in der er lebt. Christi Tod ist ihr Tod der Welt gegenüber. Christi Leben ist ihr Leben Gott gegenüber (Röm. 6,11).

Mit dem Bekenntnis, durch welches der Psalm eröffnet wurde, schließt er auch wieder.

 

28. Mein Gott bist du, drum will ich dir danken, dich, meinen Gott, will ich erheben. 29. „Danket dem HErrn, denn er ist freundlich, ja, seine Gnade  währet  ewiglich!"

 

Angesichts der großen Erlebnisse in der Vergangenheit und der so sichtbaren Wunder des HErrn muß der Ausklang des Dankliedes derselbe sein wie der Anfang gewesen war. Die Grundhaltung der Gemeinde bleibt bis zum Schlusse der Einweihungsfeier Freude und Anbetung, weil das Tun Gottes so gewaltig zu ihr gesprochen hatte und weiter zu ihr Spricht.

 

Anmerkungen

') Nach Ehrlich müßte anstatt „meine Macht" oder „meine Stärkung" eigentlich „mein Obsiegen" gelesen werden.

 

XI. Aus tiefer Not Psalm 130

 

1.Aus Tiefen ruf ich, HErr, zu dir,

2. Ach, HErr, höre meine Stimme.

Deine Ohren laß merken auf die Stimme meines

3. So du, HErr, willst Sünde zurechnen,

o HErr, wer könnte dann bestehen?

4. Doch bei dir ist viel Vergebung,

damit man in Furcht [dir diene],

5. Ich harre des HErrn, es hart meine Seele

ich hoffe auf sein Wort.

6. Meine Seele harrt des HErrn

mehr als die Wächter auf den morgen.

7. Mehr als Wächter auf den Morgen

harre Israel des HErrn, denn beim HErrn ist die Gnade, bei ihm ist Erlösung in Sülle.

8. Ja, Er wird Israel erlösen von allen seinen Sünden.

 

Der Psalm führt  uns in  die babylonische Gefangenschaft. Dort lagen überall an den Kanälen, die die große Talebene zwischen dem Euphrat und Tigris durchzogen, die größeren und kleineren Kolonien der jüdischen Gemeinden in der Verbannung. Sie hungerten nicht, denn die Erträge ihrer Gärten und Felder boten mehr als Nahrung und Kleidung. Auch litten sie nicht, denn Nebukadnezar bemühte sich, den Weggeführten in seinem Lande die Heimat zu ersetzen. Sie sahen sich auch nicht beschränkt in ihrem Familienleben, sie konnten heiraten und Kinder erzeugen, Häuser bauen und Kolonien schaffen.  Die unter Esra und Nehemia heim -kehrende Gemeinde war daher viel größer und gesünder als jene, die einst in die Gefangenschaft geschleppt worden war.

Nur die Altäre des Heiligtums fehlten an den Wasserbächen Babels. Auch die Lobgesänge Zions schwiegen. Die Harfen hingen an den Weiden, denn es gab keine Festgemeinde, die jubelnd und spielend hinauf ziehen konnte zu den heiligen Altären auf dem Tempelberge. Die babylonische Gefangenschaft bot alles, nur nicht das, was die Seele sättigte. Zu reich war die Vergangenheit an Gottes Wort, an Lobgesängen, an Jubelfesten, an Opferdarbringungen gewesen, als daß die Gemeinde deren Sinn und deren Segnungen hätte vergessen können. Die Fremde bot ihr alles, nur die Gemeinschaft nicht, die ihr einst durch das Lesen des Gesetzes, durch den Besuch des Tempels, durch den Dienst der Priester Sabbat für Sabbat werden konnte. Ein Israel der Offenbarung mußte in der Gefangenschaft der Heiden verschmachten vor Sehnsucht und Heimweh. Es kannte eine zu reiche Vergangenheit und Geschichte, als daß es in der Fremde hätte Ersatz für die Heimat finden können.

Hier ist unser kleiner Wallfahrtspsalm entstanden. Es sang ihn zunächst einer, aber aus der Gesamtstimmung der Exilgemeinde heraus. Obwohl in der Ichform gedichtet — im Ich des Sängers verkörperte sich die ganze Gemeinde im fremden Lande. „Aus der Seele der Edlen des Volkes in Babel", so überschrieb man ihn in den ältesten Zeiten2). Die Kirche erhob ihn zu ihrem sechsten Bußpsalm. Auch ihr wurde er immer wieder zum Notschrei der Seele, wenn ihre babylonische Gefangenschaft besonders schwer und drückend war. In Katakomben und Gefängnissen klingt der Psalm anders als in modernen Kathedralen und amerikanischen Tempelriesen. Dort singt das Weh, dort betet die Träne, nicht die Kunst und nicht die Feier. Mit welchen Tiefen muß auch Luther gerungen haben, daß er auf Grund des Psalms den Reformationsgemeinden das Lied schenken konnte: „Aus tiefer Not Schrei ich zu dir..."

 

1. Das rufen  aus der Tiefe (Vers l —2).

 

Aus Tiefen ruf ich, HErr, zu dir,

2. Ach, HErr, höre meine Stimme. Deine Ohren laß merken auf die Stimme meines Flehens.

 

Die Not wurde zum Gebet. Über den Weg nach Babel fand Israel wieder nach Zion zurück. Siebzig Jahre Gefangenschaft ließen eine neue Gemeinde erwachen, die zurückkehrte zu ihrem HErrn. Das war die Gnade im Gericht. Auch darin erweist sich Gott wirklich als Gott, daß er Gericht in Segen verwandelt, sobald er durch Gericht erreichte, was er durch Gnade nicht mehr erreichen konnte.

Das Rufen aus der Tiefe und das Antworten aus der Höhe leiteten in der Geschichte noch immer ein Neues ein, ganz gleich, ob bei Israel oder bei Luther in der Klosterzelle. Hat Gott erst Rufende, denen er antworten kann, dann beginnen Gerichtszeiten neue Segenszeiten vorzubereiten. Spricht hier der Text von „Tiefen", so redet das hebräische Wort eigentlich nur von Wassertiefen. Die Sprache des Glaubens hat dem Ausdruck jedoch einen neuen, tieferen Inhalt gegeben. Luthers Lied zeigt uns, was der Glaube unter „Tiefen" versteht. Es sind ihm schwerste Seelennöte oder äußerliche Kämpfe und Bedrängnisse. Auch die babylonische Exilgemeinde litt zu  ihrer Zeit weit mehr innerlich als äußerlich. Was das tiefste Wesen ihrer Gefangenschaft ausmachte, war weniger eine äußerliche Bedrückung als das Fernsein von ihrem göttlichen Bestimmungsort, als das Verworfensein aus ihrer göttlichen Berufung. In welche innere Glaubensnöte und Zweifel mußten in der Gefangenschaft alle kommen, denen die großen Verheißungen von des Volkes Berufung und Sendung, des Volkes Segen und Zukunft gegenwärtig und lebendig geblieben waren. Jene Verheißungen, die Gott einst dem Abraham gegeben, die er durch Mose ausgesprochen, durch die Propheten verkündigt hatte.

Aus welchen Tiefen in jenen Zeiten manche gläubige Seele rang, sagt uns vielleicht das B u ß g e b e t Daniels (Kap. 9). In demselben heißt es am Schluß: „Ach, HErr, um aller deiner Gerechtigkeit willen wende ab deinen Zorn und Grimm von deiner Stadt Jerusalem und deinem heiligen Berge. Denn um unserer Sünden willen trägt Jerusalem und dein Volk Schmach bei allen, die um uns her sind... Neige dein Ohr, mein Gott, und höre, denn wir liegen vor dir mit unserem Gebet, nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit." Nicht weniger ergreifend hören wir später den Statthalter Nehemia beten, und zwar zur Zeit, wo er noch auf dem Schlosse Susan beim Könige Arthahsastha war: „Wir haben an dir mißhandelt, daß wir nicht gehalten haben die Gebote, Befehle und Rechte, die du geboten hast deinem Knecht Mose, Gedenke aber des Wortes, das du deinem Knecht Mose gebotest und sprachst: Wenn ihr euch versündigt, so will ich euch unter die Völker streuen. Wo ihr euch aber bekehret zu mir und haltet meine Gebote und tut sie, und ob ihr verstoßen wäret bis an der Himmel Ende, so will ich euch doch von da sammeln und will euch bringen an den Ort, den ich erwählt habe, daß mein Name daselbst wohne'" (Neh. l,7—9). Welch ein Ringen des Glaubens spricht aus solchen Gebeten aus der Tiefe.

Solch ein Rufen aus der Tiefe kennt auch die Kirche Jesu Christi So oft auch sie um ihrer Sünde oder um ihres Abfalls willen eine babylonische Gefangenschaft erlebte, oder so oft auch ihr wie ihrem Haupte  Christus ein neues Golgatha bereitet wurde, vernahm man ihr Rufen: „Ach, HErr, erhöre meine Stimme, deine Ohren laß merken

auf die Stimme meines Flehens!" (2). Wie oft fragte in dem letzten Jahr-zehnt aus ihrer Drangsal und aus ihrem Sterben heraus die russische Christenheit: „Hüter,  ist  die  Nacht bald hin?  Hüter,  ist die  Nacht bald hin?"

Und was ein ganzes Volk, oder auch eine ganze Kirche an Tiefen erleben kann, das kann auch der Einzelne persönlich erleben. Was aber die Glaubenden aller Zeitalter in ihren äußeren Nöten oder in ihren körperlichen Leiden oder in ihren inneren Spannungen nicht zerbrechen ließ, war ihre Zuflucht zu Gott. Der Psalmist rang nicht als ein Verzweifelnder. Er rang als einer, der um das göttliche Ohr wußte, das auf die Stimme eines Flehenden achtet. Das Wissen  um einen Gott, der Gebete erhört, hatte er mit in seine persönliche Not oder mit in seines Volkes Gefangenschaft genommen. Es liegt ein unnennbarer Segen in einer begnadeten Vergangenheit, in der man vertraut wurde mit Gott. Hätte der Psalmist nichts gewußt von einem Gott, der Gebete erhört, er wäre an den Tiefen zerbrochen, aus denen heraus seine Seele rang. Sein Wissen um Gott gab seinem innerlichen Ringen nun die Richtung, wo er seine Hilfe finden konnte. Aus Tiefen stieg das Flehen eines Menschen empor, das aus der Höhe von Gott beantwortet wurde.

 

2.Das Wissen um die Sünde (Vers 3-4).

 

Menschen des Gebets wissen um die Sünde. Im Lichte Gottes lernen sie auch sich selbst verstehen. Was wirklich Sünde ist, erschließt sich ihnen erst in ihrer lebendigen Beziehung zu Gott. Auch unser Sänger bekennt:

 

3. So du, HErr, willst Sünde zurechnen, o HErr, wer könnte dann bestehen?

 

Wer das Wissen um persönliche Schuld und Sünde nicht kennt, bleibt am Schicksal hängen. Mit dem Schicksal hofft er aber selbst fertig zu werden. Er verliert sich in Haß und Bitterkeit gegen alles und gegen alle, die ihm zum Schicksal wurden. Ihnen galt hinfort sein Kampf. Anstatt bis zur Quelle all seines Unheils, bis zur Sünde des eigenen Lebens, vorzustoßen, begann hinfort mit andern sein Ringen.

Das Wissen um die Sünde erniedrigt nicht. Wie oft gewannen Menschen erst von jener Zeit an einen wirklich bleibenden Inhalt für ihr Leben, als sie begannen, um den ganzen Ernst und die furchtbare Macht der Sünde zu  wissen. Die größten Männer der Bibel, die nicht nur ihrem Volke, die Völkern und Jahrtausenden unvergängliche Lebenswerte gegeben haben  besaßen besonders klare Erkenntnis der Sünde. Welch ein reiches Kapitel war in den Zeugnisse unserer Reformatoren gerade das Kapitel über die Sünde. Sie schämten sich ihres Wissens um die Sünde nicht. Sandte Gott in den letzten Jahrhunderten und Jahrzehnten seiner Kirche Bußprediger, Evangelisten, Seelsorger mit besonderer Vollmacht und mit besonderem Auftrag, so waren es Persönlichkeiten, die um die Macht der Sünde wußten. Von diesem Wissen aus erschloßt sich ihnen oft ein Dienst der Liebe am Nächsten, der weit über den eines Predigers auf der Kanzel hinausging. Ihr Zeugnis von Christo wurde unendlich vielen der Weg zur Vergebung und damit zu einem Neuwerdung ihres zerbrochenen Lebens.

Dies Wissen um die Sünde hatte der Psalmist. Je nachdem man den Inhalt des ganzen Psalms deutet, kann man auch seinem Wissen eine Deutung geben. Es gibt manche Ausleger, die nehmen an, daß der Sänger allein von seiner persönlichen Sünde und Schuld sprach. Dieses Wissen wurde ihm, wie einem David nach seinem tiefen Fall (Ps. 51, 3 ff.) oder einem Hiskia während seiner schweren Krankheit (Jes. 38, 17) zu einer innerlichen Last, mit der er selbst nicht fertig werden konnte. Andere hören in des Psalmisten Worten ein Bekenntnis der Gemeinde. In den Jahren der babylonischen Gefangenschaft wären die Weggeführten erst zu einer lebendigen Erkenntnis ihrer persönlichen Schuld und der ihrer Väter durchgedrungen. Ob nun der Sänger von seiner rein persönlichen oder ob die Gemeinde von ihrer gemeinsamen Volksschuld spricht, das Entscheidende bleibt, daß es für beide ein Wissen um die Sünde gab.

Dem schließt sich enge an das Wissen um die Ohnmacht. Es gehört zum Wesen des Menschen, daß er zunächst seine Schuld zu verbergen und mit Feigenblättern aller Art zuzudecken sucht. Das taten bereits die ersten Menschen, als sie erkannten, daß sie nackt waren. Versagen die Feigenblätter und die Schuld bricht in ihrer Häßlichkeit und Anklage dennoch durch, dann rechtfertigt sich der Mensch und antwortet: „Das Weib, das du mir gabst, das gab mir von der Frucht, und ich aß." Gelingt dieser Versuch nicht, dann ermannt er sich, sich seiner Verantwortung vor Gott und Menschen zu entziehen. „Soll ich meines Bruders Hüter sein?" fragte Kain, der erste Brudermörder. Das Wissen um die Sünde war noch immer mit der tiefsten Erkenntnis persönlicher Ohnmacht aller erwachten Schuld gegenüber verbunden. Wem diese Erkenntnis fehlte, der griff noch immer zur Selbsterlösung. Wer sich aber auf den Weg der Selbsterlösung aus Schuld und Gericht begab, schuf sich nicht selten ein um so schwereres Gericht. Jeder Versuch ist jedoch mit der erschütternden Entdeckung verbunden, daß die Sündenfrage nie vom Menschen aus zu lösen ist.

Dieses Wissen um die Ohnmacht hat schon Ungezählte bis an den Rand der Verzweiflung gebracht. Entweder überließen sie sich der Macht der Sünde, oder sie warfen ihr Leben von sich. Es muß daher noch ein drittes Wissen hinzukommen: das Wissen um die Vergebung.

 

4. Doch bei dir ist viel Vergebung, damit man in Furcht[dir diene].

 

Ob es nun der Sänger war oder ob die Exilgemeinde, die unter dem Druck vergangener und gegenwärtiger Volksschuld stand, es gab nur eine Lösung: „Bei dir ist viel Vergebung!" (4). Gott ist größer als jede Schuld, seine Gnade mächtiger als jede Sünde. Hat auch Israel jedes Recht Gott gegenüber verloren, von ihm wieder in ein ursprüngliches Bundesverhältnis aufgenommen zu werden, Gott geht über das Recht hinweg. Er stellt eine betende Exilgemeinde auf den Boden seiner Vergebung und führt sie als „Begnadete" wieder in die Heimat zurück. Er greift mit seiner Vergebung in das lasterhafte Leben eines Augustin ein und begnadet ihn zu einem der gesegnetsten Zeugen der vorreformatorischen Kirche. Nie hätten Luthers Reden innerhalb des deutschen Volkes je so gezündet, wenn ihr Inhalt nicht immer wieder bestimmt worden wäre von dem Wissen um die Vergebung.

Und all diese Zeugen wußten um die Vergebung, weil sie um Gott wußten und um seine Offenbarung in der Person Jesu Christi. In Jesu Dienst und Leiden, in ihm als Propheten und Opferlamm erschloß sich den neutestamentlichen Zeugen bis heute immer neu, was Vergebung ist. Sie bejahten diese Vergebung der Barmherzigkeit Gottes, die im Sohne zu ihnen kam. Und so viele es wagten, mit ihnen im Glauben dasselbe zu tun, die wußten hinfort von einer Gewißheit der Vergebung ihrer Sünden. Mit Paulus sind sie hinfort Zeugen jener frohen Botschaft: „In seiner Liebe hat er uns durch Jesus Christus vor-herbestimmt zur Sohnschaft, und zwar entsprechend seinem freien Willens-entschluß, zum Preis der Herrlichkeit seiner Gnade, mit der er uns in seinem Geliebten (=Sohn) begnadet hat. In ihm besitzen wir nun die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden entsprechend seiner überreichten Gnade" (Eph-1,5-8).

 

3. Das Warten auf Erlösung (Vers 5-8).

 

Aus der Vergebung, wird die Erwartung geboren. Diese Erwartung ist auf eine Gabe, ein Handeln oder eine Erlösung gerichtet, die nur von Gott her kommen kann. Dem gibt der Sänger einen glaubensvollen Ausdruck, wenn er sagt:

 

5. Ich harre des HErrn, es harrt meine Seele, ich hoffe auf sein Wort.

6. Meine Seele harrt des HErrn

mehr als die Wächter auf den Morgen.

 

Worauf der Sänger persönlich wartete und um welcher Dinge willen er des HErrn harrte, mehr als die Wächter auf den Morgen, hat er uns nicht verraten. Dem Glauben jedes Beters bleibt es frei, von seinen Tiefen aus diesem Harren den persönlichen Inhalt zu geben.

Bekannter ist uns das Harren der in der Gefangenschaft. Wie wartete man an Babels Wasserbächen auf die große Stunde im Völkerleben, die dem Volke Erlösung und Heimkehr bringen würde. Wie viele waren in ihrem Harren müde geworden und sprachen in ihrem Zagen: „Mein Weg ist dem HErrn verborgen und mein Recht geht an meinem Gott vorüber" (Jes. 40,27). Aus welchen Tiefen hatte die Gemeinde, als sie erst wieder im Heimatlande war, zu rufen.

Auch die heimgekehrte Gemeinde kam nicht aus ihrem Harren und Warten heraus. Sie blieb zunächst eine Gemeinde, die ungeheuer viel Widerstände zu überwinden und ein völlig Neues auf den Trümmern vergangener Gerichte aufzubauen hatte. Wie hatte sie beim Wiederaufbau der Mauern Jerusalems mit dem schwersten Spott und Widerstand der Feinde zu ringen. Die Heilige Schrift überliefert aus jenen Tagen; „Da aber Saneballat und Tobia und Araber und Ammoniter und Asdoditer hörten, daß die Mauern zu Jerusalem zugemacht wurden und daß sie die Lücken angefangen hatten zu Schließen, wurden sie sehr Zornig und machten allesamt einen Bund zuhaufen, daß sie kämen und stritten wider Jerusalem und richteten darin Verwirrungen an. Wir aber beteten zum HErrn, unserm Gott" (Neh.4, l—3). Denn die Gemeinde wußte sich an einem heiligen Werke für heilige Ziele. Sie ließ sich daher in ihrem Hoffen und Warten nicht entmutigen. Und wollte sie im Aufbau ihrer Heimat und des Heiligtums müde und Schwach werden, dann mußte der Prophet Haggai ihr in der Vollmacht seines Herrn zurufen; „Und nun, Serubabel, sei getrost, spricht der HErr; sei getrost, Josua, du Sohn Jozadaks, du Hohepriester! Sei getrost alles Volk im Lande! spricht der HErr der Heerscharen. Nach dem Wort, da ich mit euch einen Bund machte, da ihr aus Ägypten zoget, soll mein Geist unter euch bleiben. Fürchtet euch nicht!" (Hag. 2,4f.).

Solch ein Harren und Warten ergibt sich für den Glauben mithin von Fall zu Fall aus Gottes jeweiligem Verhalten zur augenblicklichen Lage der Betenden. Ist für Gott die Stunde seiner Hilfe noch nicht gekommen, um die erbetene Verheißung zu erfüllen, Gram und Not zu lindern, die Drohungen der Feinde zum Schweigen zu bringen, dann weiß sich der Glaube in die Stellung des Wartens versetzt. Das Recht zu seinem Warten gibt ihm das Wort. Der HErr steht zu seinem Wort und der im Wort gegebenen Verheißung: „Nach dem Wort, da ich mit euch einen Bund machte, da ihr aus Ägypten zoget, soll mein Geist unter euch bleiben", sprach einst der HErr durch seinen Propheten. So sehen sich die Harrenden während der Zeit ihres Wartens begnadet, „zu laufen und nicht matt zu werden, zu wandeln und nicht müde zu werden" (vgl. Jes. 40,31). Ein Geheimnis, das erlebt, nicht aber in den einzelnen Formen seines Wirkens beschrieben werden kann.

Zu welcher Höhe und Spannung das Harren sich in den Glaubenden steigern kann, deutet der Sänger mit den Worten an: „Mehr als die Wächter auf den Morgen" (6). Der Wächter hat auf der Mauer der Stadt gewacht, seine Kraft ist fast erschöpft, müde schaut er nach dem ersten Morgengrauen von seinem Wachtposten aus. Auch Israel nahm als Gemeinde in seinem schweren Ringen, in seinen großen Aufgaben solch ein Warten ein. Es wartete sehnsüchtig in seinen geschichtlichen Nächten auf den Anbruch des Morgens, auf das Licht eines neuen Tages.

 

7. Mehr als Wächter auf den Morgen harre Israel des HErrn, denn beim HErrn ist die Gnade, bei ihm ist Erlösung in Fülle.

 

Diese Glaubensgewißheit verdankte die Gemeinde der Geschichte ihrer Väter. Deren Leben hatte Zeugnis davon abgelegt, welch eine Fülle von Gnade und Erlösung bei dem HErrn ist, der einst beim Bundesschluß am Sinai durch Mose versprochen hatte: „Ihr habt gesehen, was ich den Ägyptern getan habe, und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln, und habe euch bis zu mir gebracht. Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein" (2.Mos. 19, 4 f.). Wie war die große Vergangenheit des Volkes von Mose bis Josua von Samuel bis David, von Salomo bis Josia dem letzten königlichen Reformator, eine Geschichte der Gnade und eine Fülle von Erlösung gewesen! Sie redete jetzt in den Tagen schwersten Ringens um ein Neues, beim Aufbau einer neuen Zukunft besonders stark und glauben-stärkend zur Gemeinde.

Seitdem es nun in der Geschichte eine Kirche Christi gibt, die Golgatha und die Auferstehung, eine Gottesoffenbarung im Gekreuzigten und Auferstandenen kennt, hat das Wort: „Denn es ist beim HErrn die Gnade, in Fülle ist bei ihm Erlösung" einen noch viel tieferen, einen weltumspannenden, Völker erlösenden Inhalt erhalten. Mit Paulus bezeugt sie vor aller Welt: „Denn es gefiel Gott, daß die ganze Fülle in ihm (Christus) wohne, und daß er durch ihn alles mit sich versöhne, alles auf Erden und alles im Himmel, indem er durch sein Blut am Kreuze Frieden stiftete" (Kol. l, 19 f.).Diese Gottesfülle in Christo war der Kirche gegenwärtig in ihrer reichen, bewegten Geschichte. In ihr lagen die Quellen ihrer Kraft. Aus ihr schöpften ihre unzähligen Glieder entsprechend ihren Bedürfnissen Gnade um Gnade. In dieser Gottesfülle ist ihr auch trotz ihrer Armut und Schwachheit, trotz aller Feindschaft und Gefahren die verheißene, zukünftige Vollendung verbürgt.

 

8. Ja, Er wird Israel erlösen von allen seinen Sünden.

 

Mit dieser Glaubensgewißheit schließt der Sänger sein Lied von Gott, auf den er das Harren seiner Seele eingestellt hatte. Sein Zustand des Wartens war bisher in der Reichsgottesgeschichte ein lebendiges Zeugnis von der inneren Stärke aller, deren Glaube in Gott zur Ruhe gekommen ist. Gott enttäuscht nicht. Menschen, die Gottes Können und Handeln, Gottes Gnade und Ziele zum Inhalt und zur Grundlage ihres Vertrauens machen, werden nicht enttäuscht. Läßt Gott sie auch warten wie eine Maria und Martha, weil seine Stunde noch nicht gekommen, hernach offenbart er ihnen seine Herrlichkeit um so stärker, je hoffnungsloser und dunkler ihr Weg oder ihre Lage wurde. Daher wissen Menschen des Glaubens von einer Erhörung, die weit über alles Begreifen und Verstehen geht.

Anmerkungen zu Psalm 130

1) Zu der Überschrift „Walfahrtlied" vergleiche die ausführliche Anmerkung zu Psalm 121 in der ersten Sammlung ,,Ausgewählte Psalmen".

') Das Wort wird immer nur von Wassertiefen gebraucht, die hier wie Psalm 69,3.15 ein Bild für die höchste innere und äußere Not sind. Nach  Fr. Baethgen, Die Psalmen.

 

Seite 127

 

 

 


 


XII. Groß ist der HErr! Psalm 138

 

Überschrift: Von David

1.Dich will ich preisen von ganzem Herzen, vor den Göttern will ich dir lobsingen,

2. [gewendet] zum heiligen Tempel, will ich dich anbeten, deinen Namen preisen ob deiner Huld und Treue. Denn groß hast gemacht du dein Verheißungswort über all deinen Namen hinaus.

3. Am selben Tage, da ich rief, hast du mich erhört und neue Kraft meiner Seele gegeben.

4. Es sollen dich preisen, HErr, die Könige der Erde, wenn sie die Worte deines Mundes gehört haben.

5. Singen sollen sie von den Wegen des HErrn,

denn überaus groß ist die Herrlichkeit des HErrn.

6. Ja, erhaben ist der HErr; dennoch sieht er den Niedrigen an, und den Hohen [ = Stolzen] erkennt er von ferne.

7. Wenn ich auch wandle mitten in Drangsal,

du [HErr] wirst mich dennoch erhalten,

du reckest deine Hand aus wider den Zorn meiner Feinde, du hilfst mir durch deine [starke] Rechte.

8. Der HErr, Er wird's für mich vollenden,

denn ewiglich währet, o HErr, deine Gnade;

gib nicht auf das Wert deiner Hände!

 

Solche Huldigungspsalmen sind Schöpfungen einer Seele, die Gott gesehen. Sie hat ihn gesehen in seinem großen Walten, ihn erlebt in seiner vergebenden Gnade, seine Hilfe erfahren in Drangsal und Ängsten, seinen Sieg bewundert über Feinde und Widersacher. In Gottes Walten sah sie Gottes unfaßbare Majestät, in Gottes Vergebung sein ewiges Erbarmen, in Gottes Taten bewunderte sie Gottes Herrlichkeit. Dieses Erleben schuf in ihr ein Lied von Gott. Ein solches singt auch der Glaube unseres Sängers. Denn nur auf der Grundlage des Glaubens konnte sich ihm solch eine Erkenntnis Gottes und solch eine Zuversicht des Herzens erschließen.

 


Wahrscheinlich spricht durch diesen Psalm aber nicht nur das einzelne Glied, sondern der Glaube der ganzen heimgekehrten Exil-gemeinde. Von David, wie die Überschrift sagt1), kann er nicht ge-sungen sein, aber „vielleicht darf man sagen, daß der Psalm aus der Seele Davids gedichtet ist". Der Tempel, von dem der Psalm spricht, entstand erst unter seinem Sohne Salomo. Es wird daher angenommen, daß es sich um den zweiten Tempel in der Zeit des Statthalters Nehemia handle. Die griechische Übersetzung hat ihn dem Propheten Haggai oder Sacharja1) zugeschrieben. Inhaltlich decken sich des Sängers Glaubens-erwartungen im Blick auf die Könige der Nationen besonders stark mit der messianischen Schau des jüngeren Jesaja. Schon von den alten Kirchen-vätern wurde der Psalm als ein Lobgesang auf Gottes Siegesmacht gedeutet. Vor dieser mußten einst alle Feinde weichen, die das Werk der heimgekehrten Gemeinde in Jerusalem hemmen und verhindern wollten. Vom Standpunkt des Glaubens und der messianischen Erwartung aus hat er auch der Kirche Großes und Unvergängliches zu sagen.

 

1.Des Glaubens Lobgesang (Vers l —3).

 

Wir wären dankbar, wenn wir wüßten, welche Taten Gottes es waren, von denen der Psalmist so tief ergriffen worden war, daß er zum Singen dieses Anbetungspsalms begnadet wurde. Wir müssen uns jedoch auf die allgemeine Vermutung beschränken, daß vor seiner Seele offenbar jene großen Geschichtsereignisse standen, die zur Heimkehr aus der babylonischen Gefangenschaft geführt hatten. Daß hinter allem politischen Geschehen, die solch eine Wendung herbeiführen konnte, Gott in seinem heiligen und gerechten Walten stehen müsse, stand ihm und allen Gläubigen innerhalb der heimgekehrten Gemeinde fest. Das ist das Große an Menschen des Glaubens, daß sie Augen gewinnen, die Gott hinter allem zeitlichen und politischen Geschehen sehen lernen. Ihnen hört auf, die Geschichte eine planlose Kette von Zufälligkeiten zu sein.  Zu ihm, dem Herrn, der so stark in den Gang der Geschichte eingegriffen hatte, daß der Weg zur Heimkehr seines Volkes frei werden mußte, erhebt nun der Sänger anbetend seine Seele.

 

1. Dich will ich preisen von ganzem Herzen,

vor den Göttern will ich dir lobsingen,

2. [gewendet] zum heiligen Tempel, will ich dich anbeten, deinen Namen preisen ob deiner Huld und Treue.

 

Es fehlt in dieser Erhebung zunächst die Anrede an den Namen „HErr", vor dem sich der Psalmist im heiligen Tempel huldigend niederwirft. Es gibt daher Forscher, die in dem Worte Götter nicht die verschiedenen Nationalgötter der anderen heidnischen Völker sehen, sondern Gott selbst in seinem Tempel. Sie übersetzen daher;

 

 

 

 „ Ich preise dich vom ganzem Herzen, im Hause Gottes lobsinge ich dir."

 

Sie sehen sich aber genötigt, das hier gebrauchte hebräische Wort für „Gott" (=Elohim) mit dem unpersönlichen Begriff „Haus Gottes" wiederzugeben. Der Zusammenhang und der Inhalt des Psalms läßt aber erkennen, daß es dem Sänger darum zu tun war, vor den angeblichen Göttern der anderen Völker des HErrn Namen zu preisen und groß zu machen. Hatte es doch während des Zusammenbruchs Nord=Israels im Jahre 721 und Judas Untergang im Jahre 587 den Eindruck erwecken müssen, als ob die Gottheit Assyriens und die Gottheit Babels weit größer und mächtiger gewesen wären als der lebendige Gott Israels. Assur hatte über Samaria und Nordisrael, Babel über Jerusalem und Juda triumphiert. Jetzt hat sich aber der alleinige und lebendige Gott wieder in seiner Souveränen Macht und Majestät offenbart und seinem Volke vor den Augen der ganzen Welt geholfen und ihm den Weg in die Heimat gebahnt.

Bei dem Weltbild, das man in jenen Zeiten auch bis in die frömmsten Kreise hinein in Israel=Juda hatte war es psychologisch verständlich, wie unnennbar man innerlich beim Zusammenbruch der großen und glanzvollen Geschichte und Vergangenheit seines Volkes gelitten hatte. Weit mehr noch als daß die Heimat an Feindesmächte ausgeliefert worden war und von denselben zertreten wurde, war das Unverständliche und Furchtbare, daß auch der Tempel als Wohnstätte des lebendigen Gottes und die heiligen Tempelgeräte von Frevlerhänden Zerstört und entweiht werden konnten. Hatte doch Nebukadnezar bei der Eroberung Jerusalems es sogar gewagt, die heiligen Geräte nach Babel zu schleppen und sie daselbst in Sinear in den Tempel der höchsten Gottheit der Babylonier zu stellen. Nun schien die Furcht und Ehrfurcht vor dem Namen Gottes unter den Völkern für immer verloren zu sein. Seit dem Auszuge aus Ägypten, seit der Glanzzeit der großen Könige Israels, seit der wunderbaren Errettung Jerusalems von den Besatzungstruppen Sanheribs im Jahre 701 hatten die Nationen immer noch eine geheime Scheu und Furcht vor der gewaltigen Macht des Gottes Israels gehabt. Mit dem Siege Nebukadnezars über Juda, Jerusalem und Tempel war aber vor aller Welt offenbar geworden, Israels Gott ist doch nicht der mächtigste und größte innerhalb der Götterwelt der anderen Völker. Angesichts dieser großen Ereignisse stand Israels Glaube an den alleinigen Gott, an das Wort seiner Verheißung in Gefahr 'zu zerbrechen. Der lebendige Gott schien mit dem Anbruch der großen Gerichte über Heiligtum, Königsstadt und Heimat untergegangen zu sein. Wie hatte eine nationale und fromme Gruppe in der Gefangenschaft von Jahr zu Jahr gewartet, daß Israels Gott sich an der Großmacht Babel rächen und seinen Gesalbten, den gefangenen König Jojachin, und die heiligen Tempelgeräte im Triumph wieder zurück nach Jerusalem führen werde.

Diese seelischen Vorgänge und Kämpfe muß man sich vergegenwärtigen, um die Freude zu verstehen, die man unter den Gefangenen empfand, als Gott zu seiner Stunde wieder eingriff in die große Weltgeschichte. Babel wurde unsicher, sah sich in Auseinandersetzungen mit anderen Weltvölkern verwickelt, seine Macht Zerbrach und Medo=Persien trat in Sicht. Diese Geschichtsereignisse brachten für die israelitisch=jüdischen Gemeinden im Exil eine völlig neue Wendung. Nicht nur brach für sie die Heimkehr an, nein, ihr Glaube sah, wie Gott in seiner Wirklichkeit und Souveränität durch das gewaltige Geschehen innerhalb der Geschichte gerechtfertigt wurde.

Diese großen Geschichtsereignisse gehörten der jüngsten Vergangenheit an. Die Mauern Jerusalems waren bereits entstanden, der Tempel war wieder erbaut worden. Sabbat für Sabbat und an den großen Festtagen sah der Psalmist wieder eine anbetende Gemeinde durch die Tore zum Tempelplatz ziehen. Ob es nun der einzelne Sänger oder ob es die ganze Gemeinde war, die Freude über solches Tun Gottes wurde zur Kraft der Anbetung:

 

2b. Denn groß hast gemacht du dein Verheißungswort über all deinen Namen hinaus.

 

Nun wußte man wieder: unser Gott ist ein Gott, der Gebete erhört. Sein Arm ist stärker als die Not der einzelnen, er ist stärker als der Arm der Feinde. Er legt Weltmächte in den Staub und führt Entrechtete und Gefangene in ihr Erbteil zurück. Er neigt sein Ohr zum Flehen der Müdegewordenen und der Entmutigten:

 

3. Am selben Tage, da ich rief, hast du mich erhört und neue Kraft meiner Seele gegeben.

 

Wie wenig aber ein von Gott gewirkter Glaube solch eine Rechtfertigung Gottes durch die Geschichtsereignisse und solch eine Rettung des Volkes aus siebzigjähriger Schmach und Gefangenschaft völkisch oder national ausbeutete, das bezeugt der weitere Inhalt des Psalms, der nun von

 

2.Des  Glaubens Erwartung spricht(Vers 4 — 6).

 

Die Sprache des Glaubens ist kühn, aber nie übermütig. Sie verrät innere Vollmacht, aber nicht etwa vom völkischen Selbstbewußtsein, sondern allein von der Erkenntnis her: Gott ist der Schöpfer Himmels und der Erde und der Souveräne Herr innerhalb der Völkerwelt

 

4. Es sollen dich preisen, HErr, die Könige der Erde, wenn sie die Worte deines Mundes gehört haben.

5. Singen sollen sie von den Wegen des HErrn, denn überaus groß ist die Herrlichkeit des HErrn.

 

Von Gott her gewinnt der Mensch innere Haltung auch Königen und Autoritäten gegenüber. Das war im Morgenlande in jener Zeit nicht etwas Selbstverständliches. Da verlor man sich in Verbeugungen und Schmeicheleien den Stärkeren und Herrschenden gegenüber. Zwar macht der Glaube, der in Gottes Souveränität und Walten zur Ruhe gekommen, Menschen nicht unehrerbietig oder rücksichtslos Vorgesetzten gegenüber. Seine Botschaft fordert aber auch die Autoritäten der Völker in die göttlichen Schranken. Nein, seine prophetische Erwartung geht weit darüber hinaus; Könige sollen in ihren Psalmen dem HErrn Singen! Sie haben in dem Gang der Geschichte, im Aufblühen und Zusammenbrechen der Weltvölker, im Gericht über Israel und in der Wiederbegnadigung der Gefangenen Zions die Worte seines Mundes vernommen, „Der HErr ist in seinem heiligen Tempel, es schweige vor ihm die ganze Welt!" ruft der Prophet Habakuk den Völkern und ihren Autoritäten zu (Hab. 2, 20).

In solch einer Hingabe an den König der Könige und Herrn der Erde

wird Heil für alle Fürsten, Könige und ihre Völker liegen. Wie stark der

Glaube auf solch eine Haltung und Erwartung eingestellt ist, zeigt jede

prophetische Heilsschau innerhalb der Heiligen Schrift. Jesu  Zentralbotschaft war die Ankündigung der angebrochenen Königsherrschaft Gottes. Von ihr aus ergibt sich jedes weitere Heil für einzelne und Völker. Das letzte Buch unserer Bibel erwartet sogar, daß noch einmal eine Zukunft kommen wird, wo die Nationen im Lichte Gottes wandeln und wo deren Könige ihre Herrlichkeit in die Stadt Gottes bringen werden (Off. 21, ff.).

Schon unser Sänger fordert die Könige seiner Tage auf, daß sie singen

und auf des HErrn Wegen wandeln sollen. Auch ihr Herrschen und

Dienen soll sich eingliedern in das Walten Gottes: Gottes Wege sollen ihre Wege, Gottes Ziele ihre Ziele werden. Und der Psalmist begründet seine Aufforderung damit, daß überaus groß die Herrlichkeit und Ehre des HErrn sei. Ein Eingehen auf sie wird Leben und Heil auch den Völkern bringen. Eine Auflehnung gegen sie jedoch muß zum Zusammenbruch auch der größten Herrlichkeiten der Erde führen. Ohne vielleicht es persönlich zu ahnen, hat damit der Psalmist ein prophetisches Wort ausgesprochen, das von völker= und weltumspannender Bedeutung ist. Wie haben die großen Geschichtsereignisse solch ein schlichtes Psalm= und Prophetenwort von Jahrhundert zu Jahrhundert, von Jahrtaufend zu Jahrtausend gerechtfertigt.

 

6. Ja, erhaben ist der HErr;

dennoch sieht er den niedrigen an,

und den Hohen [= Stolzen] erkennt er von ferne.

 

In dem Wort „erhaben" drückt sich die ganze Majestät Gottes aus. Weder im Weltgeschehen noch im Völkerleben gibt es etwas Erhabeneres, dem Gott in seinem Königs= und Herrsein machtlos gegenüberstünde. In dieser seiner Machtstellung vergißt er aber nicht die Niedrigen. Er wohnt bei den Gebeugten. Er zerbricht nicht das geknickte Rohr. Er gibt den Müden neue Kraft. Er antwortet denen, die aus ihren Tiefen rufen, aus ihren Nöten zu ihm ihre Zuflucht nehmen.

Die Stolzen kennt er in ihrem Reden und Tun bereits von ferne. „Wer stolz einhergeht, den kann er demütigen", bekennt Nebukadnezar nach seiner Genesung aus seelischer Umnachtung (Dan. 4, 34). Er kennt die Hohen und Frevelnden von ferne und schreibt in Flammenzeichen über deren Leben: „Mene, mene, tekel=upharsin", d. h. gewogen, gewogen, gezählt und  zerteilt (Dan.5, 25ff.). Es war in der Geschichte noch immer etwas Erschütterndes, wenn Belsazarnaturen bewußt gegen die Erhabenheit und Majestät Gottes zu freveln begannen (Dan.5, 2ff.). Dann redeten alsbald die Gerichte, da die Gnade vergeblich geredet hatte. So groß Gottes Barmherzigkeit und Langmut auch gegen alle Irrenden und Schwachen sind, unerbittlich wird Gottes Gerechtigkeit gegen alle Frevelnden. Auch darin erweist sich Gott wirklich als Gott, daß er Bestehendes, das zur vollendeten Bosheit ausreifte, rettungslos untergehen läßt, um mit der Zukunft ein Neues beginnen zu können. Er hat nie um einer untergehenden Gegenwart willen auch die Zukunft untergehen lassen.

 

3.Des Glaubens Gewißheit (Vers 7-8).

 

Verständlich, daß der Sänger von solch einer weltweiten Schau aus nun im Blick auf sich persönlich und seinen Lebensweg zu der Gewißheit kommt:

 

7. Wenn ich auch wandle mitten in Drangsal, du [HErr] wirst mich dennoch erhalten, du reckest deine Hand aus wider den Zorn meiner Feinde, du hilfst mir durch deine [starke] Rechte.

 

Wird Gott mit der Weltgeschichte und den Völkern fertig, läßt er sich von keinen Autoritäten hineinpfuschen in seine Weltregierung, nicht ver-rücken seine heiligen Pläne und Ziele, wie sollte er nicht mit dem kleinen Leben und den Fragen eines Glaubenden fertig werden, der sich ihm unterstellt hat, ihm vertraut. Der Psalmist weiß, daß zwar auch sein Weg durch Nöte und Drangsale führen kann. Wie oft ergab sich für Glaubende gerade auf Grund ihrer Ehrfurcht vor Gott und ihres Zeug-nisses von Gott ein Weg mit vielen Spannungen und Leiden. Steht aber ihr Weg in Gottes Hand, erfüllen sie eine Aufgabe von Gott her, dann wacht Gott über ihnen. An Gott muß alles vorbei, bevor es an seine Kinder kommt. Kein Feind vermag sie zu einem Spielball seines Zorns zu machen. Erfolgt die Hilfe durch Gottes starke Rechte -Rechte = rechter Arm ist im alttestamentlichen Sprachgebrauch das Sinnbild der Stärke — nicht immer äußerlich, dann aber innerlich. Welch eine göttliche Durchkreuzung aller Anschläge des Feindes, wenn unter Gottes segnender Hand ein Weg der Drangsale weit mehr Gewinn enthält als Verlust.

Auch die Kirche Christi hat nie verloren, wenn sie wegen ihrer Glaubenshaltung Gott gegenüber zu leiden hatte. Eine leidende Kirche war in jedem Zeitalter weit mehr eine Siegende als untergehende Kirche. Das Geheimnis lag nicht etwa in ihr. Es lag in dem Unsichtbaren, der mit hinabstieg in ihren Feuerofen, den Feindeshand ihr bereitete. Wo immer Feindschaft gegen Gott in die Rechte Gottes griff, da erlebte sie, daß sie von einer Macht gepackt wurde, mit der sie nicht mehr fertig werden konnte. Wer je frevelnd nach der Hand Gottes  griff, der holte sich blutende Finger. Denn der HErr steht zu den Heiligen, die trotz ihrer Ohnmacht dennoch stark sind in ihrem Vertrauen zu ihm.

Denn welch eine Glaubensgewißheit spricht der Sänger aus, wenn er seinen Psalm mit der Erwartung Schließt:

 

8. Der HErr, Er wird's für mich wollenden, denn ewiglich währet, o HErr, deine Gnade; gib nicht auf das Werk deiner Händel

 

Es ist, als ob wir aus den Worten bereits die Glaubenssprache eines Apostels Paulus am Schluß von Römer 8 heraushören könnten: „Ist

Gott für uns, wer mag wider uns sein? Welcher auch seines eigenen Sohnes nicht hat verschont, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben, wie sollte er uns mit ihm nicht alles Schenken?"

Wie verwandt kann doch zu allen Zeiten jene Glaubensgewißheit sein, die in Gottes Huld und Wort fundiert ist, mögen auch Jahrhunderte oder Jahrtausende zwischen ihren Trägern liegen. Ein unbekannter Sänger aus der Zeit nach der babylonischen Gefangenschaft, ein Paulus als Völkerapostel nach der Auferstehung Jesu, Luther als Reformator einer deutschen Nation — ihre Glaubenshaltung und Glaubensgewißheit fließen aus ein und derselben Quelle, haben ein und denselben Inhalt, sind von ein und derselben Stärke. Es ist nicht frommes Selbstvertrauen, das so sprechen läßt, das Vertrauen gilt der Autorität eines andern: „Der HErr, Er wird's für mich vollenden!" Es sind auch  nicht zeitliche, fragliche Stützen, auf die man baut: „Ewiglich, HErr, währt deine Huld!" Noch weniger weiß man sich in der Hand schwankender Menschen. Gottes Offenbarungswerk und Offenbarungstaten sind nicht abhängig von menschlicher Stimmung und vorübergehender Begeisterung: „Du gibst nicht auf das Werk deiner Hände!" Ob nun der Glaube solch eine Gewißheit im Blick auf den einzelnen oder im Blick auf das gesamte Gotteswerk in der Völkerwelt bezeugt, seine Kraft ruht in Gott und in dessen Wirken und Walten. Von Gott aus gesehen gewinnt er eine Zukunft, die einmal Gottes und seines Sohnes Jesu Christi werden muß.

 

 

 

Anmerkungen zu Psalm 138

 

1)In der LXX, der griechischen Übersetzung des hebräischen Textes, wir der Psalm nicht nur David, sondern auch den Propheten Haggai und Sacharja zugeschrieben. Ludwig Albrecht, Die Psalmen S. 242

 

 

 

 

 

 

 

 

 

XIII. Geheimnisse Gottes Psalm 139

 

Überschrift: Dem Musikmeister, von David ein Psalm

1.HErr, du erforschest und erkennest mich,

2.du weißt um mein Sitzen und Stehen, was ich denke, verstehst du von ferne.

3. Mein Wandern und mein Ruhen ermissest du, vertraut bist du mit all meinen Wegen.

4. Bevor noch ein Wort meine Zunge spricht,

sieh', HErr, du kennst es im voraus genau.

5. Von rückwärts und von vorwärts umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.

6. Zu wunderbar ist mir solches Wissen, zu hoch, als daß ich es könnte begreifen.

7. Wohin könnt' ich entweichen vor deinem Geist, wohin fliehen vor deinem Angesicht?

8. Stieg` hinauf ich zum Himmel: du wärest daselbst, und bettete ich mich in der Tortenwelt: auch da wärest du!

9. Nähme ich Flügel der Morgenröte

und ließe ich mich nieder am Ende des Meeres,

10. auch dort würde deine Hand mich führen,

deine Rechte [auch dort] mich fassen.

11. Wenn ich auch spräch': „Nur Finsternis soll mich bedecken und Nacht sei das Licht um mich her — "

12. so wäre auch die Finsternis nicht finster für dich, die Nacht würde leuchten so wie der Tag, für dich wäre Finsternis ganz wie das Licht.

l3. Denn du bist's, der mein Innerstes gebildet, mich gewoben hat im Schoße meiner Mutter.

14. Ich danke dir, daß ich wunderbar erschaffen bin, wunderbar sind alle deine Werke. Das erkennet meine Seele gar wohl.

15. Dir war mein Gebein nicht verborgen,

als ich im Dunkeln bereitet wurde,

geheimnisvoll gebildet in den Tiefen der Erde.

16. Den Anfang meiner Tage sahen deine Augen,

und in dein Buch wurden alle geschrieben,

bevor auch nur einer von ihnen da war.


17. Doch mir, wie schwer sind mir deine Gedanken, o Gott, wie ist ihrer eine so große Zahl! "

18. Wollte ich sie zählen: es wären ihrer mehr als der Sand. Erwache ich, so ist mein Sinn noch bei dir.

19. Ach, möchtest du, Gott, die Frevler doch töten die Blutmenschen von mir weichen lassen.

20. Sie, die so heuchlerisch von dir reden,

in Falschheit sich wider dich erheben!

21. Sollt' ich nicht hassen, o HErr, die dich hassen? Nicht verabscheuen, die deine Widersacher sind?

22. Ich hasse sie mit gar tödlichem Haß,

als [eigene] Feinde, HErr, gelten sie mir.

25. Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz, prüfe mich und erkenne meine Gedanken,

24. und sieh', ob ich wandle auf trugvollem Pfad, und leite mich auf ewigem Wege.

 

Der Psalm ist von seltener Stärke und innerer Wucht. Er gehört zu den in jeder Hinficht originellen und einzigartigen Liedern des Psalters. Auf Grund allmählich gewonnener Gottesschau erfolgt ein Bekenntnis, das seitdem zu einem der schönsten Glaubenszeugnisse von der Allgegenwart, Allwissenheit und Schöpferherrlichkeit Gottes geworden ist. Nicht spekulatives Denken über Gott, nein, ehrfurchtsvolles sich versenken in Gott hatten den Sänger von Tiefe zu Tiefe und von Klarheit zu Klarheft geführt. Je mehr seine Kenntnis aber auch Fortschritt, um so größer und unbegreiflicher wurde ihm Gott. Überwältigt von der Größe des einen weltumfassenden und alles durchdringenden Gottes erhebt er sich zu tiefster Ehrfurcht und zu einer Anbetung im Geist und in der Wahrheit.

Durch die Überschrift wird auch dieser Psalm wieder dem Könige David zugeschrieben. Dem Inhalt nach gehört er aber einer viel Späteren Zeit an. Seine geistliche Höhenlage setzt eine Erkenntnis Gottes voraus, wie sie dem Volke erst durch die großen Propheten gegeben werden konnte. Kaum in einem anderen Wort des Alten Testaments wird in dieser Klarheit, so tief und umfassend von dem Wissen und Allgegenwärtigsein sowie von dem Können Gottes gesprochen wie in diesem Psalm. Inhaltlich steht er daher dem Gebet der Apostel in Jerusalem ganz nahe, die sich versammelt hatten, um anstelle des Judas Jschariot einen neuen Apostel zu wählen. Sie baten: „Du, HErr, der du der Kenner aller Herzen bist, zeige uns den einen an, den du dir von diesen beiden erwählt hast" (Apgsch. 1,24). Wie dankbar wären wir, wenn wir nun genauer wüßten, welche Erlebnisse und Verhältnisse Gott im Leben des Psalmisten benutzte, um ihn zu solch einer Tiefe und Klarheit der Erkenntnis zu führen.


 


Denn nicht errungen, auch nicht ersonnen hatte er sich diese Gottesschau. Auch der innerlichste Mensch vermag Gott nur insoweit zu erkennen, als Gott in seiner Gnade sich zuvor offenbaren konnte.

Es sind eigentlich vier große Wesenszüge im Bilde Gottes, die den Verfasser so tief ergriffen haben: Gottes Allwissenheit, All-gegenwart, Allmacht und Allweisheit. Was er über sie in tiefster Ehrfurcht zu sagen hat, ist auch im  Erkenntnisleben der Kirche Jesu Christi noch nicht veraltet. Sie hat nur durch Jesus Christi noch ein tieferes Verständnis für das Zeugnis des Psalmisten aus den vergangenen Jahrtausenden gewonnen.

 

Das Geheimnis der Allwissenheit Gottes (Vers 1-6).

 

Gott ist dem Verfasser nicht etwa nur Gegenstand oder Person einer objektiven Betrachtung. Er steht nicht etwa sinnend und forschend vor Gott wie angenommen ein Deutscher vor der Größe eines Cäsar oder eines Napoleon stehen kann, Gott steht zu ihm in einem ganz persönlichen Verhältnis. Was ihm an Erkenntnis Gottes aufgegangen, ist ihm nicht etwa nur ein objektiver Erkenntnisbesitz. Die Erkenntnis bestimmt sein Leben, gibt demselben einen entsprechenden Inhalt und eine in Gott fundierte Glaubenshaltung.

 

1. HErr, du erforschest und erkennest mich,

2. du weißt um mein Sitzen und Stehen, was ich denke, verstehst du von ferne.

 

So ist Gott dem Psalmisten zum Herzenskündiger geworden. Er lebt nicht in dem Wahn, als ob man sich mit seinem Denken, Reden und Handeln Gott entziehen könnte. Liegt es doch im Charakter jeder Sünde und Schuld, daß sie den Menschen glauben machen möchte, als ob er sich den alles erforschenden Blicken Gottes ent-ziehen könne. Die ersten Eltern im Paradiese flohen und versteckten sich, als sie das Gebot ihres Schöpfers übertreten hatten. Indem sie sich der Gegenwart Gottes zu entziehen suchten, glaubten sie, daß ihre Übertretung vor Gott verborgen bleiben könne. Gott aber steht jenseits von Raum und Zeit. Ihn binden weder Zeitalter noch Entfernungen. Diese tiefe Erkenntnis war dem Sänger aufgegangen. Er lebte nicht mehr in der Täuschung, als ob ihn niemand in seiner Gedankenwelt kontrollieren könnte. Er wußte, Gott ergründet mich auch in den verborgensten Regungen meines Herzens.

Es ist aber ungeahnte Gnade, daß Gott den Menschen bis in die geheimsten Falten seines Herzens kennt. Gott in seiner Barmherzigkeit zieht ans Licht, was der Mensch zu seinem dauernden Unheil verborgen halten würde.

 


 

Er will ihn nach Leib, Seele und Geist heiligen. Selbst des Menschen Gedankenwelt will Gott in die Zucht seines Geistes stellen. Denn eine befleckte Gedankenwelt befleckt sehr bald auch die Gesinnung und das Handeln des Menschen. Sie soll jedoch durch Gnade ein Heiligtum werden, in dem der HErr mit seinem Worte Zelten will.

 

3. Mein Wandern und mein Ruhen ermissest du, vertraut bist du mit all meinen Wegen.

4. Bevor noch ein Wort meine Zunge spricht, sieh', HErr, du kennst es im voraus genau.

 

Aus dem menschlichen Sinnen und Denken fließt ein entsprechendes Reden und Handeln. Kann nun der Mensch sich in seiner Gedankenwelt nicht vor Gott verbergen, wieviel weniger kann er es mit dem eigentlichen Inhalt seines Lebens. Der Psalmist faßt sein gesamtes Leben sehr anschaulich in drei Begriffe: es ist ein Wandern, Ruhen und Reden. Im Wandern drückt er die ganze Tätigkeit des Menschen aus. Ob der König regiert oder der Straßenfeger die Straße kehrt, ob der Professor doziert oder der Landmann seinen Acker pflügt, ob die Tänzerin auf der Bühne steht oder die Mutter ihr Kindlein wiegt, es sind Tätigkeiten, die des Menschen Zeit und Leben ausfüllen.

Dem Wandern entspricht das Ruhen. Es kann ganz verschieden und mannigfaltig fein: es schließt sowohl das körperliche Ausruhen als auch alles Suchen nach seelischer Entspannung in sich. Worin aber auch der Mensch sein Ruhen finden mag, Gott sichtet sein Wandern und sein Ruhen. Er stellt fest, wie weit der Mensch von dem Heil abweicht, zu dem Gott ihn berufen hat. Durch sein Wort und seinen Geist beunruhigt er das Innerste des Menschen, sobald derselbe den Weg des Todes anstatt den des Lebens geht. So wird Gottes Wissen Gnade.

Dasselbe gilt auch von dem Reden. Ob der Mund flucht oder Segnet, lügt oder die Wahrheit spricht, verführt oder die Gnade preist — Gott weiß alles, bevor es die Lippen aussprechen. Fragten in jenen alten Zeiten auch Spötter und Ungläubige: Wie kann Gott wissen...? (Hiob 22,13). — Der Dichter gibt sich bewußt Rechenschaft darüber, daß auch alle seine Worte Gott bewußt sind und unter dessen Gericht oder Segen stehen. Welch eine gewissenschärfende Erkenntnis!

 

5. Von rückwärts und von vorwärts umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.

6. Zu wunderbar ist mir solches Wissen,

zu hoch, als daß ich es könnte begreifen.

 

Mit diesen Worten schließt der Sänger seine Erkenntnis über das Wissen  Gottes. Zwar ist der Mensch frei. Er mag sich entscheiden, wozu er will. Nur vermag er sich Gott nicht zu entziehen. Auch vermag er nicht über eine bestimmte Grenze seines Handelns hinauszugehen. Dann zerbricht er an der Hand, die sich auf  ihn gelegt hat. Der Autorität und Herrschaft Gottes vermag sich niemand zu entwinden. Auch in seiner Freiheit bleibt der Mensch begrenzt durch die Souveränität seines Schöpfers. Zwar vermag er sich wider Gott zu erheben, er kann sich aber in seiner Erhebung nicht Gott entziehen. Ihm muß seine Freiheit zum Gericht werden, wenn er in ihr Gottes Souveränität durchbrechen will.

Mag der Psalmist aber auch noch so tief in das Geheimnis vom Wissen Gottes eindringen, er fühlt die Grenze zwischen sich als dem Geschöpf und Gott als dem Schöpfer. Gottes Wissen ist ihm zu wunderbar, zu hoch, um es begreifen zu können. Dieser menschlichen Grenze bleibt sich auch der neutestamentliche Jünger bewußt. Zwar kennt er jene Begnadigung, von der Paulus Schreibt: „Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat,  was in kein Menschenherz gedrungen ist, das hat Gott denen bereitet, die ihn lieben. Denn uns hat es Gott durch seinen Geist geoffenbart; denn der Geist ergründet alles, auch die Tiefen der Gottheit" (1.Kor.2, 9f.). Je mehr er jedoch im Antlitze Jesu Christi die Herrlichkeit Gottes in ihren Tiefen schaut, desto mehr erkennt er sein eigenes Nichtwissen. Anbetend beugt er sich vor Gott als dem Vater der Barmherzigkeit, den er in seinen Tiefen nie ganz zu erkennen vermag.

Es ist verständlich, welch eine Verantwortung sich dem Menschen auf die Seele legt, sobald er in solch einer klaren Gotteserkenntnis lebt. Er fühlt, so bewußt er sich auch über so vieles in seinem Leben hinweg zu setzen sucht, es kommt doch einmal die Stunde, wo er sein Denken und Handeln zu verantworten hat. Denn wie wenig er sich letzthin Gott zu entziehen vermag, schildert der Psalmist nun im nächsten Geheimnis. Es ist:

 

2. Das Geheimnis der Allgegenwart Gottes (Vers 7 — 12).

 

Die stärksten Vergleiche und die größten Gegensätze benutzt der Dichter, um seiner Erkenntnis von der Allgegenwart Gottes einen Ausdruck zu geben.

8. Stieg' hinauf ich zum Himmel: du wärest daselbst, und bettete ich mich in der Totenwelt: auch da wärest du!

9. Nähme ich Flügel der Morgenröte

und ließe ich mich nieder am Ende des Meeres, 10, auch dort würde deine Hand mich führen, deine Rechte [auch dort] mich fassen.

 

Ein ungemein anschauliches Bild! Wer den Aufstieg der Morgenröte vor dem Aufgang der Sonne in den Ländern des Ostens gesehen hat, versteht die schöne Sprache des Bildes. Die Sonne sendet ihre rötlichen Strahlen voraus. Sie erhellen wie von Flügeln getragen bis zum äußersten Westen das ganze Himmelsgewölbe. So wie die Nacht vergeblich dem aufbrechenden Licht zu entfliehen vermag, ebenso vergeblich kann sich der Mensch durch Flucht — und sei es am dunkelsten, entferntesten Ort — vor Gott und seiner alles durchleuchtenden Gegenwart retten.


 

Im Raum der Welt ist der Himmel nach menschlicher Vorstellung die höchste Höhe, das Totenreich die tiefste Tiefe. Gott ist aber der Herr der Welt und der Schöpfer ihrer Höhen und ihrer Tiefen. Als Schöpfer durchdringt er mit seinem Geist die gesamte Schöpfung, ohne in ihr aufzugehen oder mit ihr eins zu sein. Er bleibt ihr Meister, sie ist sein Werk. In seinem Werke gibt es aber keinen Raum, in dem er nicht gegenwärtig wäre. Nur der Mensch konnte in seinem Raum= und Zeitgebundensein auf den Wahn kommen, einen Ort zu finden, wo er sich der Gegenwart Gottes entziehen könnte.

 

11. Wenn ich auch spräch': „Nur Finsternis soll mich bedecken und Nacht sei das Licht um mich her —"

12. so wäre auch die Finsternis nicht finster für dich, die Nacht würde leuchten so wie der Tag, für dich wäre Finsternis ganz wie das Licht.

 

Wie Gott jenseits von Raum und Zeit steht, so steht er auch jenseits von Licht und Finsternis. Ihm ist Finsternis nicht Finsternis. Die Nacht ist ihm wie das Licht des Tages. Beide stehen ihm zu Dienst, und zwar zum Segen seiner Schöpfung. Licht und Finsternis sind hier zunächst im eigentlichen Sinne zu verstehen. Es liegt aber nahe, sie auch im übertragenen Sinne zu nehmen. Der Prophet Jesaja spricht von einem Volk, das in Finsternis wandelt, und doch ein großes Licht erblickt, und in einem umnachteten Lande erglänzt ein Licht (Kap. 9, l f.). Sowohl im Leben der einzelnen als letzthin auch in dem der Völker gibt es keine Finsternismächte und Leidensnächte, die Gott nicht brechen könnte. Auch sein Herrsein über Licht und Finsternis steht im Dienste seiner Barmherzigkeit und Erlösung.

Gottes Allgegenwart! Eine ungemein niederschmetternde Erkenntnis für jeden, der mit seiner Schuld vor Gott fliehen möchte. Ein unbeschreib-licher Trost jedoch für alle, die durch Leiden und Kerker, durch Dunkel-heiten und Fährnisse zu gehen haben. Sehen sie sich wie einst Joseph ins Gefängnis geworfen: „Gott aber war mit ihm"(l. Mos. 39,23). Wirft man sie wie Daniels Freunde gebunden in einen Feuerofen, „ein vierter gleich einem Sohne der Götter wandelt mit ihnen im Feuer" (Dan. 3,25). Der Prophet Jesaja darf der babylonischen Gemeinde zurufen: „Wenn du durchs Wasser gehst, ich bin bei dir! und durch Ströme, sie sollen dich nicht überfluten. Wenn du durchs Feuer gehst, du sollst nicht versengt werden, und die Flamme soll dir nichts antun. Denn ich, der HErr, bin dein Gott, ich, der Heilige Israels, dein Retter!" (Jes. 43, 2 f.)


 

3. Das Geheimnis der Schöpfermacht Gottes  (Vers 13-18).

 

Der Dichter versucht immer tiefer in die großen Geheimnisse Gottes einzudringen. Sie haben ihn gefangen genommen. Stets neue Bewunderung und Anbetung lösen sie in seiner Seele aus. Daß der Mensch bis in die geheimsten Falten seines Wesens und überall in der Schöpfung vor Gott offenbar ist, erklärt sich ihm auch aus der Schöpferherrlichkeit Gottes. Sie enthüllt sich ihm in ihrer unergründlichen Tiefe und Weisheit in seinem eigenen Dasein.

 

13. Denn du bist's, der mein Innerstes gebildet, mich gewoben hat im Schoße meiner Mutter.

 

Die Entwicklung des Kindes im Mutterleibe hält die israelitische Chokma (Weisheit) als eins der größten Geheimnisse. Auch der Dichter schildert ungemein anschaulich das erste Werden des Menschen. In demselben wirkt sich für ihn aber bereits das Wissen und Vorherwissen Gottes aus. Gott war es, der sein Innerstes, wörtlich: seine „Nieren", bildete. Innerhalb der anderen zarten Teile im inneren Körperbau des Menschen galten dem Altertum die Nieren als Sitz der geheimsten Gefühlsregungen. Aber auch sie sind Gottes Schöpfung, das Werk seiner Weisheit und seiner Hände. Daher vermag er auch Herzen und Nieren zu prüfen. Er weiß, was sie aufzunehmen und in ihren geheimen Kammern zu bergen vermögen.

Entsprechend wunderbar und geheimnisvoll ist aber der ganze Körperbau. Schon die alten Zeiten standen immer wieder staunend vor dem rätselhaften ersten Werden des Menschen, über welches Gott einen geheimnisvollen Schleier geworfen hat. Gewoben im Mutterschoß, und zwar von göttlicher Meisterhand — jeder Mensch ein neues Gottesgebilde, wie der erste Mensch in der Urschöpfung. Diese Schau erfüllte den Dichter.

 

14. Ich danke dir, daß ich wunderbar erschaffen bin, wunderbar sind alle deine Werte.

Das erkennet meine Seele gar wohl.

15. Dir war mein Gebein nicht verborgen,

als ich im Dunkeln bereitet wurde, .
geheimnisvoll gebildet in den Tiefen der Erde.

 

Die Bewunderung des Werkes wird zur Anbetung des Meisters, dem der Dichter das Geheimnis seines Lebens verdankt. Er bezeichnet den Mutterschoß nicht nur als die Bildungsstätte, wo das erste Werden des Menschen begonnen hat Derselbe ist ihm zugleich das Erdinnerste, die Werkstätte, wo alles irdische Leben seinen Ursprung hat. Wahrscheinlich greift er mit seinen Gedanken zurück auf die Urschöpfung. Sie bezeugt ja, daß auch der Mensch seinem Leibe nach aus Staub von der Erde geformt worden ist. „Denn Staub bist du und du sollst wieder zum Staube werden", sprach der HErr zum ersten Menschen nach seinem Ungehorsam. Hiob bekennt nach allem Unheil, das über ihn gekommen: „Nackt bin ich aus meiner Mutter Schoß gekommen, und nackt werde ich dorthin zurückkehren" (Kap. l, 21).

 

16. Den Anfang meiner Tage sahen deine Augen, und in dein Buch wurden alle geschrieben, bevor auch nur einer von ihnen da war.

 

Es ist wieder ein ganz großer Gedanke, der den Psalmisten bewegt. Er weiß, daß er bereits vor seinem Eintritt ins Leben präexistierte in den Gedanken des Schöpfers, d.h. im Vorherwissen Gottes da war. Er kann mit seinen Tagen und ihrem Inhalt Gott nicht überraschen. Nichts vermag er zu tun, von dem Gott nicht wüßte. Mag auch das Auge des Ehebrechers auf die Dämmerung lauern, indem er denkt: Kein Auge soll mich sehen, und legt' er sich auch eine Maske vors Gesicht (Hiob 24,15), Gott weiß auch um dessen Tun.

Der Dichter Schließt sich hier offenbar einer in der Alten Welt weit verbreiteten Anschauung an. Man glaubte nämlich, daß jeder Mensch noch vor seiner Geburt in ein Lebensbuch eingetragen worden sei. Bereits Mose betete, nachdem das Volk sich so schwer mit seinem Tanz ums goldene Kalb versündigt  hatte; „Und nun vergib doch ihre Sünde! Wo nicht, so tilge auch mich aus dem Buche, daß du geschrieben hast" (2. Mos. 32,32). Auch Paulus schreibt im Philipperbrief von seinen Mitarbeitern, die mit ihm für die Heilsbotschaft gekämpft haben, daß deren Namen im Buch des Lebens aufgezeichnet stehen (Phil. 4,3). Besonders auch der Prophet Daniel (Dan. 7,10) und die Offenbarung Johannes (Off. 20,12) reden von Büchern, die am Tage des Endgerichts werden aufgetan werden, dann werden die Toten gerichtet nach dem, was in den Büchern nach ihren Taten eingetragen worden ist. Zum ewigen Leben wird nur eingehen, wer im Buch des Lebens geschrieben steht.


Es ist verständlich, daß diese Sprache vom Buch des Lebens vom Eintragen aller Werke der Menschen in ein Buch nichts mit den heidnischen Vorstellungen vom Schicksal zu tun hat, das die Götter im Voraus über den Menschen verhängt haben. In der alt= und neu= testamentlichen Offenbarung ist das Buch nur eine bildliche Verständlichmachung, daß der Mensch bereits vor seinem Dasein und während seines Lebens und zuletzt bis zum Tage des Endgerichts vor dem Wissen Gottes offenbar ist. In Wirklichkeit braucht Gott kein Buch, in dem er nachsehen müßte, was jeder durch sein Leben und Denken in die Ewigkeit hineingeschrieben hat. Wie keine neue Welle im Weltmeer, kein neuer Ton im Äther verlorengeht, so geht auch nichts vom Reden und Tun des Menschen in der Ewigkeit verloren. Entweder wird das Leben unter der Vergebung stehen oder aber anklagend sich wider ihn in der Ewigkeit erheben.

Jedoch nicht diesen Gedanken verband wohl der Psalmist mit seiner Vorstellung vom Buch. Er wollte nur der großen Erkenntnis einen Aus-druck geben, daß bereits die Tage vor seiner Geburt zum Wissen  Gottes gehörten. Das überwältigte ihn.

 

17. Doch mir, wie schwer sind mir deine Gedanken, o Gott, wie ist ihrer eine so große Zahl!

18.Wollte ich sie zählen: es wären ihrer mehr als der Sand. Erwache ich, so ist mein Sinn noch bei dir.

 

Zu Schwer wird es ihm, Gottes Gedanken zu denken. Ihre  Zahl übersteigt jede menschliche Kunst des Zählens. So wenig der Sand am Meeresstrande zu zählen ist, so wenig  vermag der Mensch Gott in der Fülle seiner Gedanken zu  fassen. So stark und tief er auch über Gottes Allwissenheit und Schöpferherrlichkeit nach zudenken versucht, er vermag nur insoweit Gott zu begreifen, als Gott es ihm zu erkennen gibt. Zwar ist Gott dem Psalmisten so groß, daß er Tag und Nacht über ihn nachdenken muß. Schläft er beim Sinnen über Gott auch ein, am nächsten Morgen steht das Bild Gottes in seiner unerforschlichen Majestät und mit allen seinen Geheimnissen wieder vor ihm. Unter verwandten Eindrücken stehend, ruft in den späteren Jahrhunderten der Apostel Paulus anbetend aus: „Oh, welch eine Tiefe des Reichtums der Weisheit als 'auch der Erkenntnis Gottes, wie unausforschlich sind seine Ratschlüsse, wie unergründlich seine  Wege!" (Röm. 11,33.) Später hat die Kirche Christi ihrer Ehrfurcht vor   Gott und vor den Wundern seiner Offenbarung in dem schönen Weihnachtsliede einen Ausdruck zu geben gesucht: „Wenn ich dies Wunder fassen will, So steht mein Geist vor Ehrfurcht still."
                                                                                                                                                                                                                                                                                      

4. Das  Geheimnis der Feinde Gottes (Vers 19-22).

 

Von dieser tiefen Erkenntnis Gottes aus wird nun verständlich des Dichters Haß gegen die Gottlosen.

 

19. Ach, möchtest du, Gott, die Frevler doch töten, die Blutmenschen von mir weichen lassen. 20. Sie, die so heuchlerisch von dir reden,

in Falschheit sich wider dich erheben!

 

Es ist ihm ein Geheimnis, daß Menschen Gottes Feinde sein können. Er haßt sie, weil sie  Hasser Gottes sind. Ihm ist es sittliche, religiöse Pflicht, deren Untergang herbeizuflehen. Vom Standpunkte des Alten Testaments aus ganz verständlich. Dem verwandt ist bis heute der Glaube der mohammedanischen Welt. Man konnte sich die Aufhebung der bestehenden und sich auflehnenden Feindschaft gegen Gott gar nicht anders denken als durch die Anwendung von Machtmitteln und Gewalt. Daß Gottes Weg, die Welt in ihrem Haß und Widerspruch zu überwinden, der ist, den Jesus mit den Worten bezeichnet: „Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, der Menschen Seelen zu verderben, sondern zu erretten" (Luk.9,56), hatte man in jener Zeit noch nicht erkannt. Da der Dichter die Ehre und Sache Gottes durch das Verhalten der Gottlosen in Gefahr sah, so haßte er sie, weil sie Hasser Gottes waren.

 

21. Sollt' ich nicht hassen, o HErr, die dich hassen? Nicht verabscheuen, die deine Widersacher sind?

22. Ich hasse sie mit gar tödlichem Haß, als [eigene] Feinde, HErr, gelten sie mir.

 

„Wo sein Gott und die Religion in Frage kommen, da kennt Israel keine Schonung. Der Gedanke religiöser Duldung ist seiner Betrachtungsweise ein Unding. Das ist seine Schranke, aber auch seine Stärke," „Die Religion, die die Alleinwirksamkeit Gottes aufs höchste steigert, faßt Gottes Herrschaft nicht als Sache der ethischen Erziehung, sondern als Machtfrage auf; Unglaube ist Empörung." „Der letzte Grund ist wohl der, daß man nicht verstehen kann, wie ein Mensch einem solchen Gotte überhaupt widerstreben mag — es muß böser Wille sein. Auch hier ist es nicht rohe Lust, sondern die Trauer um das Vorhandensein der Gott-losigkeit, was den Dichter leitet."

 


Von dieser Warte aus empfing des Sängers Gebet seinen Inhalt. Er war ein Kind seiner Zeit, und er fand daher zunächst keine höhere, göttlichere Lösung, wie des Menschen Feindschaft gegen Gott gebrochen werden könne. Er ahnte noch nicht, daß einmal jener Neue Bund anbrechen werde, wo Paulus als Apostel der Gemeinde würde schreiben können: „Denn so wir Gott versöhnt sind durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Feinde waren, wieviel mehr werden wir selig werden durch sein Leben, so wir nun versöhnt sind" (Röm. 5,10). In dieser Schau lebt die Neutestamentliche Gemeinde und wird daher begnadet, nicht nur jeden Haß zu überwinden, sie lernt im Geiste ihres Herrn und Hauptes selbst für die Feinde zu beten.

 

5. Das Flehen des Psalmisten (Vers 23-24).

 

Wunderschön schließt mit einem Flehen der Psalm ab. Der Inhalt des Gebets entspricht so ganz der inneren ehrfurchtsvollen und demütigen Glaubenshaltung des Dichters. Die Tiefe seiner Erkenntnis hat ihn nicht selbstbewußt gemacht. Sie beugt ihn und läßt ihn flehen:

 

23. Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz, prüfe mich und erkenne meine Gedanken,

24. und sieh' ob ich wandle auf trugvollem Pfad, und leite mich auf ewigem Wege.

 

Je mehr ein Mensch in Gott eindringt, um so mehr erkennt er sich selbst. Ihm genügt hinfort nicht, wie er sich selbst beurteilt. Auch kommt er nicht in dem zur Ruhe, wie Menschen ihn beurteilen. Entscheidend ist ihm allein das Urteil Gottes. Was ihn in seinen Gedanken und in seinen Wegen rechtfertigen kann, ist ein Wandel auf den Pfaden der Wahrheit und Gerechtigkeit. Ob er auf denselben wandelt, das kann letzthin nur Gott entscheiden.

Er fleht daher, daß Gott selbst ihn auf den Weg des Lebens, wörtlich: auf den ewigen Weg leiten möge. Das ist eine Glaubenshaltung, auf die Gott zu allen Zeiten mit seiner Leitung antwortete. So oft einzelne oder Gemeinden mit Mose Sprachen: „Wenn du nicht selbst mit uns ziehst, so führe uns überhaupt nicht von dannen" (2.Mos. 33,15), erlebten sie Gottes Führung. Der HErr ging täglich neu so erkennbar an ihnen vorüber, daß sie seine Fußstapfen Sehen und ihre Tritte in dieselben setzen konnten.

 


 

XIV. Gottes Königsherrschaft Psalm 145  

 

Überschrift: Ein Loblied von David.

 

1. Dich will ich erheben, du mein Gott und König,

deinen Namen rühmen für und für.

2. Ja, täglich will ich [HErr] dich preisen,

will rühmen deinen Namen immer und ewig.

3. Groß ist der HErr und hoch zu preisen,

und unerforschlichen bleibet seine Größe.

4. Geschlecht rühmt dem Geschlechte deine Werke und kündet deine mächtigen Taten.

5. Reden sollen sie vom hehren Glanze deiner Hoheit, deine Wunder will ich besingen.

6. Von der Wucht deiner furchtbaren Taten sollen sie sagen, von deinen Großtaten will ich erzählen.

7. Das Gedächtnis deiner Güte sollen sie künden und jubeln ob deiner Gerechtigkeit.

8. Gnädig und barmherzig ist der HErr, langmütig und von großer Güte, 9. Huldvoll ist der HErr gegen alle,

sein Erbarmen waltet über all' seinen Werken.  

10.Alle deine Werke rühmen dich, HErr,

es sollen dich preisen deine Heiligen.

11. Die Herrlichkeit deines Königtums sollen sie erzählen, und sollen reden von deiner Macht,

12. um Menschenkindern wissen zu lassen deine Machttaten, den Glanz und die Herrlichkeit deines Reiches,

13. Dein Königtum ist ein Königtum für ewig, es währt deine Herrschaft von Geschlecht zu Geschlecht.

14. Der HErr stützt alle, die da fallen,

alle Gebeugten richtet er auf.

[Treu ist der HErr in all' seinen Reden,

barmherzig und gnädig in all' seinem Tun1).]

15. Aller Augen [HErr] warten auf dich, du gibst ihnen Speise zu seiner Zeit.

16. Du tust auf deine [milde] Hand

und sättigst alles, was lebt, nach deinem Wohlgefallen.

17. Gerecht ist der HErr in all' seinen Wegen [huldreich] und gnädig in all' seinem Tun.

18. nahe ist der HErr allen, die ihn anrufen,

ja allen, die ihn in Wahrheit anrufen.

19. Er stillet das Verlangen der Gottesfürch-tigen, er hört ihr Schreien und rettet sie.

20. Der HErr behütet alle, die ihn lieben, alle Gottlosen aber, wird er vertilgen.

21. Mein Mund soll des HErrn Lob verkünden,

ja, alles Fleisch lobe seinen heiligen Namen! — Immer und ewiglich. —

 

In diesem Psalm schweigt der Mensch, denn der Glaube des Sängers redet nur noch von Gott, seine Schau ist ausgefüllt allein von dem, wer Gott ist. Gott in seiner Erhabenheit, in seinem Königtum und in seinem Walten ist der alleinige Inhalt, von dem seine einzelnen Aussagen und Schilderungen bestimmt werden. Die alte Kirche hat den Psalm stets als Kommunionlied während der Feier des heiligen Abendmahles gesungen. Sie sah sich dazu veranlaßt, weil sie unter dem Eindruck stand, daß der Inhalt des Psalms besonders stark die Beziehung Gottes zum Menschen und zu seiner Schöpfung zum Ausdruck bringt. Auch pflegten die Gemeinden ihn täglich zu beten vor dem Beginn der Mittagmahlzeiten. Die spätere Zeit, die den einzelnen Psalmen nachträglich noch eine ihrem Inhalt entsprechende Überschrift zu geben suchte, überschrieb unseren Psalm einfach „Loblied". Es war jener Titel, mit dem ursprünglich eigentlich nur das ganze Psalmbuch benannt wurde.

Tatsächlich wird in ihm auch ein Loblied auf Gott gesungen, das mit zum Inhaltvollsten und Schönsten der Zeugnisse gehört, die im Alten Testament vom Glauben eines Menschen abgelegt worden sind. Der Talmud schreibt den Lobgesang dem Könige David zu. Zugleich verbindet er damit die Überzeugung: „Wer dreimal täglich das  Loblied Davids betet, daß solch ein Beter ,ein Kind der zukünftigen Welt'sei2)." Und wir fühlen es der Sprache des Glaubens ab, so von Gott zu reden, so dessen Erhabenheit zu schauen, so von dessen Güte zum Menschen und zur Schöpfung zu zeugen, vermag nur ein Glaube, der eine besonders begnadete Schau von Gott empfangen hat. Hier träumt nicht irgendein Mensch über irgendeine unbekannte Gottheit. Hier verliert sich nicht irgend jemand phantasiereich und dichterisch an eine erhabene Gottesidee. Hier redet ein Mensch aus der Wirklichkeit des Lebens, der Geschichte und des Weltgeschehens über Gottes Wirklichkeit und Majestät, Güte und Wirksamkeit. Wie oft haben seitdem auch Glieder der Kirche Christi,

wenn sie in Ehrfurcht vor Gott standen und vergeblich nach Worten der Anbetung rangen, das im Psalm gefunden, was auch ihre Seele bewegte und erfüllte.

 

1.Gott in seiner unfaßbaren Erhabenheit (Vers 1 — 7).

 

Mit dem menschlichen Versuch, die nie zu erfassende Größe, Majestät und Er-habenheit Gottes zu schildern, beginnt der Sänger seinen Lobgesang:

 

1. Dich will ich erheben, du mein Gott und König, deinen Namen rühmen für und für.

 

Der Psalmist verrät gleich mit seinen ersten Sätzen, daß er zu dem Gott, dem sein Loblied gilt, vor den er in Demut tritt und den er in Ehrfurcht anredet, in lebendiger Beziehung steht. Sein Glaube kniet nicht vor einem Etwas, er spricht zu Gott als zu einer weit über ihm stehenden Person. Leben spricht zu Leben, das menschliche Ich steht vor dem göttlichen Du. Daher eine lebendige Glaubensbeziehung zwischen Gott, dem die Huldigung gilt, und dem Anbetenden, der seiner Hingebe und Ehrfurcht vor Gott einen Ausdruck zugeben sucht. Weder steht Gott ihm, noch steht er Gott beziehungslos gegenüber. In Gott hat er seinen König und Herrscher erkannt. Er wußte von Gott nicht nur als einem allerhöchsten Wesen. Er sah, wie Gott in seiner Person und Wirklichkeit innerhalb der Welt und der Geschichte der König jedes einzelnen Menschenkindes, der Völker und der ganzen Schöpfung ist.

Rühmen Völker den Namen ihres Königs, so ist solch ein Volksruhm oft nur von kurzer Spanne. Die Volksgunst wechselt, Umwälzungen lassen andere Herrschergestalten auftreten, neue Günstlinge regieren, alte Namen tauchen unter und verlieren sich in der Geschichte. Im Blick auf Gott kennt der Glaube solch einen Wechsel nicht. Er braucht seine Huldigungspsalmen, den Inhalt seiner Anbetung, die Sprache seiner Ehrfurcht und Liebe nicht dauernd zu wechseln und zu erneuern. Name ist ihm nicht nur Name, „Schall und Rauch", er ist ihm der sprachliche Ausdruck für Gott selbst, Ihn selbst in seiner Wirklichkeit, Erhabenheit und Ewigkeit will er, wenn er Gottes Namen nennt und anruft, rühmen für und für.

2. Ja, täglich will ich [HErr] dich preisen, will rühmen deinen Namen immer und ewig.

 

Wenn in der Heiligen Schrift die Namen Gottes auch oft wechseln, so wird durch alle immer nur die eine Souveräne Herrscherpersönlichkeit bezeichnet, die wir ,Gott' nennen. Die Entstehung der verschiedenen Namen hat  ihre Ursache einerseits in Gottes fortschreitender Selbstoffenbarung, andrerseits in der entsprechend fortschreitenden Glaubenserkenntnis der Menschen. Die Gottesnamen der Schrift sind Gott nicht etwa von Menschen angedichtet worden. Der lebendige Glaube nannte Gott immer nur insoweit mit Namen, als er Gott in seiner Offenbarung und in seinem Handeln erkannte.

Menschen, die nun Gott täglich in seiner Königsherrschaft erleben, geht der Inhalt Ihres Königpsalms nimmer aus. Nicht eine Redensart ist es auf ihren Lippen, wenn sie sprechen „immer und ewiglich". Gott herrscht, entsprechend herrscht in ihnen Gottes Lobgesang. Denn Gott ist König nicht etwa allein während festlicher Gelegenheiten, nicht etwa nur in den großen Augenblicken der Geschichte. Er ist König bis in die gewöhnlichste Alltäglichkeit hinein. Menschen, die das erkennen, gewinnen mithin auch täglich neu einen Lobgesang Gottes. Sie erleben es, wie Gott sich täglich zu ihrem Ringen und Wirken, zu ihrem Hoffen und Warten, zu ihren Nöten und Ängsten bekennt. Er steht als König und Herrscher ihnen nicht außerhalb von Raum und Zeit. Er ist ihnen gegenwärtig mit seiner Hilfe, spricht zu ihnen durch sein Wort, tröstet sie in ihren Leiden und Ängsten. So sehen sie sich von Fall zu Fall  neu begnadet zu einer Anbetung Gottes im Geist und in der Wahrheit.

 

3. Groß ist der HErr und hoch zu preisen, und unerforschlich bleibet seine Größe.

 

Aber gerade Menschen, die nicht beziehungslos Gott gegenüberstehen, die ihn im Glauben täglich in seiner Herrschaft erleben, gelangen mehr und mehr zu der Erkenntnis, welch ein Abstand zwischen dem Menschen und Gott besteht. So tief Gott Menschen auch hineinschauen läßt in seine Person und in sein Wirken, seine Größe bleibt unerforschlich, selbst den Stärksten im Glauben. Gott kann zwar Menschen wie einen Abraham und einen Mose so in seine Gemeinschaft und in sein Vertrauen hineinziehen, daß er zu ihnen als Freund zum Freunde, von Angesicht zu Angesicht zu reden vermag (vgl. l.Mos.18,17; 2.Mos. 33,12; 4. Mos. 12,8). Als aber derselbe Mose den HErrn bat: „So laß mich deine Herrlichkeit sehen", da wurde ihm die göttliche Antwort: „Mein Angesicht kannst du nicht sehen, denn kein Mensch wird leben, der mich siehet" (2.Mos.33,18ff.). Der Mensch wäre Gott, könnte er Gott in seiner unfaßbaren Größe, Majestät und Herrlichkeit schauen. Er kann zwar auf Grund göttlicher Offenbarung und Erleuchtung bezeugen; „Gott ist groß und erhaben." Wie groß und gewaltig aber Gott ist, vermag keines Menschen Herz zu erkennen, keines Menschen Glaube auszusprechen. In diesem Unvermögen lebt nicht etwa nur der Mensch von heute. In demselben stand auch der Mensch des Glaubens in den Zeitaltern der alttestamentlichen Offenbarung.

 

4. Geschlecht rühmt dem Geschlechte deine Werke und kündet deine mächtigen Taten.

 

Gerade Menschen des Glaubens haben eine einzigartige, uralte Tradi-tion, eine lebendige Überlieferung. Geschlecht rühmte dem Geschlecht die erkannten und geschauten Werke Gottes, kündete die mächtigen Taten Gottes. Während die Menschheit die Geschichte mit gehaltenen Augen erlebte: Rettungen und Katastrophen sah, an Volkserhebungen und Volkswehen teilnahm, Weltreiche vor ihren Augen aufstiegen und wiederum zusammenbrachen — da gab es immer wieder Geschlechter, denen hinter allem Weltgeschehen das verborgene Tun und souveräne Walten Gottes stand. Ob Gott im Gericht oder in der Gnade ihnen seine mächtigen Taten offenbarte, in allem erkannten sie, daß er König der Geschichte ist.

 

5. Reden sollen sie vom hehren Glanze deiner Hoheit, deine Wunder will ich besingen.

 

fährt der Psalmist fort. Geschlechter, die sehend durch die Geschichte geführt werden konnten, deren Glauben Gottes Herrschen und Walten im Weltgeschehen gefunden, sie sollen Zeugen bleiben von Gottes hehrem Glanz und unfaßbarer Hobelt.

Daß Geschlechter der alten Vergangenheit zur Pflege solch einer heiligen Tradition und Mission bereit waren, dem verdanken wir das Entstehen der Heiligen Schrift. Ihre Zeugnisse wurden nach und nach gesammelt, damit sie zu den kommenden Geschlechtern weiter reden und Gott in seiner Majestät und Königsherrschaft verkünden sollten. Der Psalmist will aber auch persönlichen Anteil an diesem gewaltigen Zeugnis der Geschlechter nehmen. Er will die Wunder Gottes besingen. Welch ein bleibender Beitrag für spätere Jahrtausende auch sein Singen geworden ist, ergibt sich daraus, daß die Glieder der Kirche sich nicht schämen, seinen Lobgesang immer neu auch zu einem Psalm ihres Herzens und ihrer Anbetung zu machen.

 

6. Von der Wucht deiner furchtbaren Taten sollen sie sagen, von deinen Großtaten will ich erzählen.

 

Irgendwie erlebt alle Welt Gottes Tun. Wie unendlich viel würde sich im großen Völkerleben erklären, wenn man sowohl in den

erschütternden Gerichtszeiten als auch in den Zeiten des Aufstiegs  Gott in seinem verborgenen Handeln sehen würde. Wie furchtbar kann Gottes Tun sein, wenn er ein assyrisches Weltreich nach zwei Jahrhunderten glanzvollen Bestehens rettungslos zusammenbrechen läßt! Wie erschütternd bleibt sein geheimnisvolles Walten, wenn ich Rußland heute mit seinen hundertsiebzig Millionen Menschen dem modernen Kulturbolschewismus ausgeliefert sieht! Die Bibel schweigt daher in ihren Zeugnissen nicht von den furchtbaren Taten Gottes, die Völker und Zeitalter als ihr Gericht erlebt haben. Die Zeugnisse der Bibel dichten nicht, sie sprechen letzte Wirklichkeiten der Geschichte aus.

 

7. Das Gedächtnis deiner Güte sollen sie künden und jubeln ob deiner Gerechtigkeit.

 

Ob es Gottes Güte war, die sich als Gnade auswirkte, oder Gottes Gerechtigkeit, die Menschen und Völkern zum Gericht werden mußte, sie sollen weiter bezeugt werden. Das Gedächtnis der Güte soll Hingabe an Gottes Gnade wecken. Der Jubel ob der Gerechtigkeit soll die Entrechteten, Leidenden ermutigen; er soll in ihnen die Gewißheit wecken: Gottes Walten in der Geschichte ist eingerechtes Walten. Zu seiner Stunde zerbricht Gott den Arm des Starken und rechtfertigt den Gebeugten. Seiner Autorität und Gerechtigkeit entzieht sich auf die Dauer kein Frevler mit seinem Frevel. Gott schrieb zu allen Zeiten das Pauluswort in die Geschichte hinein: „Irret euch nicht, Gott läßt sich nicht Spotten. Was der Mensch säet, das wird er erntet" (Gal. 6,7). Ob Güte zum Leben, ob Gerechtigkeit zum Gericht, sie bleiben Inhalt des Zeugnisse der Bibel und auch der glaubenden Gemeinde.

 

2. Gott in seinem ewigen Königtum (Vers 8 —13).

 

Nicht das Königtum ist Gott, aber Gott hat sein Königtum. Nicht das Herrschaftsgebiet ist der Herrscher, das Herrschaftsgebiet ist aber der geschichtliche Raum für die Tätigkeit seiner Herrscherautorität. Nicht geht etwa Gott auf in der Welt, er macht aber die Well zu dem für uns erkennbaren Raum, in dem er sein Königtum offenbart. Solange nun Gott die Welt zum Schauplatz seines Königtums macht, geht die Welt nicht unter. Denn er hat ein unvergängliches Königreich. Die letzte Schau aller großen Gottespropheten war daher auch nicht Weltuntergang, sondern Welterlösung. Der einsame Prophet auf der Insel Patmos konnte auf Grund seiner Fernschau schreiben: „Halleluja! Denn Gott, der Allmächtige, hat das Reich eingenommen. Lasset uns freuen und fröhlich sein und ihm die Ehre geben!" (Off.19, 6 f.)  So endet Gottes Königtum. Es endet nicht im Untergang. Es bricht durch bis zur vollendeten Gottesherrschaft.

Wie erleben aber der Mensch, das Volk, die Kreatur Gottes Königreich bis zu dieser Vollendung hin? Ob dem Psalmisten selbst bewußt oder unbewußt, er aber antwortet darauf:

 

8. Gnädig und barmherzig ist der HErr, langmütig und von großer Güte.

 

Mit dieser Feststellung beginnt er seine Schilderungen, wie sich Gott als König innerhalb seines Königreiches kundgibt. sein königliches Handeln wird bestimmt durch Gnade. Seine Macht steht im Dienst der Liebe. Sein Königsein ringt um das Heil der einzelnen und um den Frieden der Völker. Sein Herrschen will nicht knechten, sondern in die Freiheit führen. Sklaven unter dem Banne der Sünde und des Todes sollen zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes erlöst werden. Durch niemanden hat nun Gott seine Gnade und Barmherzigkeit der Menschheit so dolmetschen können wie durch sein geliebtes Kind Jesus, unsern Herrn und Heiland. So Großes und Tiefes auch die Propheten von Gottes Erbarmen zu sagen wußten, Größeres und Tieferes ist uns durch Jesus gesagt worden. In Jesu Person sprach alles: sein Reden und Dienen, sein Ringen und Leiden, sein Sterben und Auferstehen nur von der Liebe Gottes, die nicht den Tod des Sünders will, sondern daß er lebe und gerettet werde.

 

9. Huldvoll ist der HErr gegen alle,

sein Erbarmen waltet über all' seinen Werken.

 

Gott bekennt sich zu allen, die seines Ebenbildes sind. Er schämt sich des Menschen nicht, den er nach seinem Bilde schuf. Und weil er sich seiner nicht schämt, so wird seine Beziehung zum Menschen bestimmt durch seine Huld. Auch dem Irrenden und Verlorenen gegenüber verleugnet er sein Schöpfer= und Vatersein nicht. Er stellt ihn unter seine Langmut und Geduld und wartet, bis er den Verlorenen wieder heimführen kann ins Vaterhaus. Auch in seinem gefallenen Zustand verneint Gott den Menschen als sein Geschöpf und Ebenbild nicht, er verneint nur dessen Knechtschaft und Verlorensein. Und wie kommt er in Huld und Liebe denen entgegen, die ihn zu fürchten beginnen. Spricht die Schrift von Furcht, dann bezeichnet sie mit dem Begriff mehr Ehrfurcht als knechtische Furcht. Der heimkehrende Sohn in den Armen des Vaters fand dessen Herz unendlich viel huldvoller als er es in der Fremde am Trebertrog der Säue hatte ahnen können.

Aber nicht nur der Mensch, alle Werke der Schöpfung stehen dem Psal-

misten unter dem Erbarmen des Schöpfers. Gott verleugnet auch sein Schöpfungswerk mit der Fülle seiner Energien und der Mannigfaltigkeit seiner Schönheit nicht. Er bejaht die Schöpfung, indem er sie erhält. Er liebt sie, indem er sie mit hineinzieht in die Erlösung, für die Paulus im Römerbrief die große Erwartung ausspricht, daß einmal auch die Schöpfung in ihrem Sehnen frei werden soll vom Druck der Vergänglichkeit, und zwar durch das Offenbarwerden der Söhne Gottes in ihrer Herrlichkeit (vgl. Röm.8,19 —20). Erlöste werden einmal eine der Vergänglichkeit unterworfene Schöpfung aus ihrem Fall zurückerlösen. Gott als dem König gegenüber kann es mithin nur eine Haltung geben:

 

10. Alle deine Werke rühmen dich, HErr, es sollen dich preisen deine Heiligen.

 

Redet die Schrift wie auch hier der Psalmist von Heiligen, so versteht sie darunter nicht sittlich vollkommene, oder sogar sündlose Menschen. Heilige sind ihr Menschen, die sich trotz ihrer Schwachheiten und Unvollkommenheiten dennoch Gott verhaftet wissen. Die Geräte des Heiligtums zu Jerusalem wurden deshalb für heilig gehalten, weil sie von Gott in seinen Dienst genommen waren. Solche in der Hingabe an Gott stehende Heiligen erleben Gott in seinen Aufträgen, in seiner Führung, in seinen Segnungen. Jede neue Schau von Gott wird ihnen zum Inhalt eines neuen Lobgesanges.

11. Die Herrlichkeit deines Königtums sollen sie erzählen, und sollen reden von deiner Macht,

12. um Menschenkindern wissen zu lassen deine Machttaten, den Glanz und die Herrlichkeit deines Reiches.

 

Der Prophet Amos sah sich innerlich so unter die Gerechtigkeit und unter das Reden seines Gottes gestellt, daß er ausrief: „Der HErr, HErr, redet, und wer sollte nicht Prophet sein?" (Kap. 3, 8). Menschen, denen Gott den Blick weitet für die Herrlichkeit seines Reiches, die er vertraut machen kann mit seiner königlichen Macht, die haben eine Mission an die Menschenkinder aller Völker. Die Nationen in ihrem Sklavendienst sollen wissen von der Macht, die befreit, von dem Reich, das erlöst, von dem König, der in Güte und Barmherzigkeit regiert. Dieses Wissen  um das Reich soll ihnen zur Erlösung werden. Denn dem Königtum Gottes gehört die Zukunft:

 

13. Dein Königtum ist ein Königtum für ewig,

es währt deine Herrfchaft von Geschlecht zu Geschlecht.

 

In solch einem Königtum können die Völker von ihren ewigen Fehden zur Ruhe kommen. In ihm werden sie zu Bürgern, die nie mehr ihre Heimat verlieren. Hier stehen sie unter einer Herrschaft, die durch keine Ge-walten und Feindesmächte erschüttert werden kann. Wie stark dieses Zeug-nis von dem ewigen Königtum Gottes auch in allen Gliedern der Ge-meinde Christi fortlebt, beweist das Gebet, das ihnen anvertraut worden ist. Wenn sie im Kämmerlein oder in den Gottesdiensten mit dem Gebete ihres Herrn ihrer Gemeinschaft mit Gott noch einen letzten Ausdruck geben wollen, dann schließen sie es mit dem Bekenntnis: „Dein ist das Reich, dein ist die Macht, dein ist die Herrlichkeit!"

 

3. Gott in seinem gnädigen Walten (Vers 14-21).

 

Gott regiert nicht  in einen leeren Raum hinein. Durch sein königliches Walten tritt er in Beziehung zu den einzelnen Menschen, zu den Völkern, zu seiner ganzen Schöpfung. Sein Regieren erfaßt das Ganze und ist doch wiederum so persönlich, daß der Einzelne das Heil das sein Königsein offenbart, in vollem Umfange miterleben kann. Redet der HErr als König, so spricht er stets zu einer augenblicklichen Lage: zur Not der  Zeit, zu Personen, die ihn anrufen oder zu Menschen, die gegen ihn freveln. Das sucht der Psalmist durch den letzten Teil seines Lobliedes zu bezeugen. Nun ist aber Gottes königliches Walten so reich, wie Gott selbst reich ist. Es ist so mannigfaltig und vielseitig, wie das Leben der Schöpfung mannigfaltig und vielseitig sein kann.

 

14. Der HErr stützt alle, die da fallen, alle Gebeugten richtet er auf.

 

Gott behandelt die Menschen nicht als Halbgötter. Er sucht in ihnen weder Helden noch Übermenschen. Er weiß, welch ein Gemächte wir sind und daß unser Wollen weit stärker ist als die Kraft zum Vollbringen. Ihn überrascht das menschliche Fallen nicht. Daher sucht er durch Gnade den zu stützen, der da fällt. Dem Menschen soll sein Fall nicht zum Zustand werden, nicht zum Verderben gereichen. Gott zerbricht nicht das geknickte Rohr und löscht nicht aus den glimmenden Docht. Und sieht sich der Mensch durch Schuld oder Leid, durch Not und Verhältnisse gebeugt — Er weilt bei denen, die zerschlagenen Herzens und gedemütigten Geistes sind, um ihnen zu helfen. Denn, so fährt der Sänger fort:

 

14b. [Treu ist der HErr in all' seinen Reden,

barmherzig und gnädig in all' seinem Tun.]

 

Dieser Vers fehlt im hebräischen Text; er steht aber in der griechischen Übersetzung. Aus welchem Grunde er bei der Zusammenstellung der Psalmen

weggefallen ist, kann nicht mehr gesagt werden. Er drückt aber schön und treffend den inneren Charakter von dem Reden und Tun Gottes aus. Wenn Gott als König spricht kommt in seinem Wort die ganze Treue seiner königlichen Person zum Ausdruck. Petrus bezeugt die Treue Gottes in seinem Reden mit dem Worte: „Denn wir haben desto fester das prophetische Wort, und ihr tut wohl, daß ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint in einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen" (2. Petr. l, 19). Wie der HErr treu ist in seinem Reden, entsprechend gnädig ist er auch in seinem Tun. Erst die Ewigkeit wird enthüllen können, wie für den Menschen auch in Gottes Gerichten oft weit mehr Gnade lag als wirkliches Gericht. Auf den Umwegen seiner Gerichte führte Gott zu den Zielen seiner Gnade.

 

15. Aller Augen [HErr] warten auf dich,

du gibst ihnen Speise zu seiner Zeit.

16. Du tust auf deine [milde] Hand

und sättigst alles, was lebt, nach deinem Wohlgefallen.

 

So wirkt  sich Gottes Beziehung in seiner Schöpfung auch zu allem rein kreatürlichen Leben aus. Den Instinkt der Abhängigkeit hat er in jedes Leben gesenkt. Wie beugt sich die Kreatur unter die Naturgesetze, die Gott in die Schöpfung für ihren Fortbestand hineingelegt hat. Mit welcher Regelmäßigkeit kommen z. B. in jedem Frühling die Zugvögel aus dem Süden, um sich mit derselben Regelmäßigkeit im Herbst wieder dem nahenden Winter zu entziehen. Gott ist alles Leben, nicht nur das der Menschen, wertvoll. Jede Blüte ein fleischgewordener Gedanke Gottes, jeder Vogel ein Wunder seines Schöpferischen Wortes. Allen Sorgenden konnte Jesus in der Autorität seines Vaters zurufen: „Betrachtet die Vögel des Himmels! sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie... Betrachtet die Lilien des Feldes! Wie sie wachsen! Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht, und doch sage ich euch: selbst Salomo in all seiner Pracht war nicht so gekleidet wie eine von ihnen" (Matth.6, 26ff.). Gott ist nicht nur groß in seinem königlichen Walten innerhalb des gesamten Weltgeschehens, er ist nicht weniger groß auch in seiner liebevollen Fürsorge für alles Leben, das seinem Schöpferwillen das Entstehen und Bestehen verdankt.

Wer nun will, der möge mit Gott rechten. So dunkel manches auch im Leben und in der Geschichte erschien:

 

17. Gerecht ist der HErr in all' seinen Wegen, [huldreich] und gnädig in all seinem Tun.

 

Wird einmal im Lichte der Ewigkeit alles Geschehen in seinen engsten Zusammenhängen offenbar werden, wird Gott erst enthüllen können, welche Ziele des Heils ihn in all seinen Handlungen bestimmten, dann werden auch seine Feinde ihn rechtfertigen und sagen: „Gott, dein Weg ist heilig!"

Verständlich, wenn der Psalmist auf Grund der Gesamthaltung Gottes zu

allem Leben innerhalb seines Königsreichs nun fortfahren und sagen kann:

 

18. Nahe ist der HErr allen, die ihn anrufen, ja allen, die ihn in Wahrheit anrufen.

19. Er stillet das Verlangen der Gottes-fürchtigen, er hört ihr Schreien und rettet sie.

 

In den Zeiten des Sängers war das Bild despotischer Fürsten und Machthaber nichts seltenes. Wie entrechtet und ohne Hilfe blieben unter ihrer Herrschaft die Armen, Schwachen und Kleinen. Ihr Flehen drang selten durch bis zum Könige, ihr Recht fand selten Gehör bei ihren Fürsten. An den König aller Könige, an den Vater der Barmherzigkeit wendet sich niemand vergeblich! Unzählbar sind die Millionen, die seither durch dieses Psalmwort in ihren dunkelsten Nächten neue Zuversicht zum HErrn gewannen. Sie wurden durch das Wort stark in ihrer Schwachheit. Sie gewannen in ihrem Zagen wiederum neues Vertrauen zu Gott, bis ihr Glaube der Sieg wurde, der die Welt überwand. Kam die Erhörung der Gottesfürchtigen oft auch später, als sie erwartet wurde, oder anders, als sie gedacht worden war, sie kam aber nie zu spät und immer als Rettung. Nachher erkannte der  Glaube, daß in Gottes Warten Eile lag, daß Gottes Nein nur das richtige Ja vorbereitete. „Als die Stunden sich gefunden, brach die Hilf mit  Macht herein!"

 

20. Der HErr behütet alle, die ihn lieben, alle Gottlosen aber wird er vertilgen.

 

Der Gottlose wird sich vertilgt sehen, weil er sich durch seinen  Kampf selbst vertilgt. Gott in seiner königlichen Macht behauptet sich den Gottlosen gegenüber. Greifen sie in sein Schwert, ist es ein Zweischneidiges, das immer verwundet. Wer da wagt, den Kampf mit ihm und gegen sein in die Geschichte hereingebrochenes Königtum aufzunehmen, mag es mit dem Verlust seines Lebens und seiner Seele tun. Kampf gegen Gott war innerhalb der Geschichte zu jeder Zeit Selbst mord. Der Mensch zerbrach an seinem eigenen Kampf. Wer jedoch den HErrn liebt und wessen Liebe Hingabe an ihn als König und an sein Königtum als an das Königreich der Himmel ist, der sieht sich behütet. „Euch", tröstet Petrus die Fremdlinge hin und her, ,,die ihr aus Gottes Macht bewahret werdet zur Seligkeit, welche bereitet ist, daß sie offenbar werde zu der letzten Zeit", (l.Petr.1, 5). Im Begriff „behüten" liegt jenes Große, das Paulus mit den Worten ausdrückt, „daß denen, die Gott liebhaben, alle Dinge zum Guten mitwirken".

Eine gewaltige Schau, die Glaubensschau des alttestamentlichen Sängers vom Königtum Gottes! Jahrtausende mit ihren Stürmen, Katastrophen, Umwälzungen, Empörungen haben nicht das Glaubenszeugnis eines unbekannten Menschen, der ein Lied von Gottes unfaßbarer Erhabenheit, Gottes ewigem Königtum, Gottes gnädigem Walten sang, zum Schweigen gebracht. Und alle, die seinem Geiste verwandt sind, ruft er zu, mit ihm zu Sprechen:

 

21. Mein Mund soll des HErrn Lob verkünden, ja, alles Fleisch lobe seinen heiligen Namen!

 — Immer und ewiglich. —

 

Anmerkungen zu Psalm 45