Wilhelm Busch – Die Art des rechten Glaubens

 

Sonntag Invokavit 1944

»...Ist er der König Israels, so steige er nur vom Kreuz,

so wollen wir ihm glauben.« (Matthäus 27, 42b)

 

»Gott mein Schöpfer, der Lobgesänge gibt in der Nacht«, heißt es in Hiob 35, 10. Die Bibel weiß viel von solchen ge­segneten Nachtstunden zu berichten. In der Nacht rang Jakob mit dem Herrn, bis er ihn segnete. In der Nacht wurde Lot aus Sodom geführt. In der Nacht öffnete der Herr dem Daniel die Geheimnisse der Zukunft (Daniel 2, 19). In der Nacht redete Nikodemus mit dem Herrn. Und in der Nacht suchte Jesus das Angesicht des Vaters. Eine der schönsten Nachtstunden aber wird uns von Abraham berichtet. Gott hatte ihm einen Sohn verheißen. Aber Abraham war nun alt geworden. Und der Sohn war nicht da. Und da führte Gott ihn in einer Nacht hinaus vor sein Zelt. Ein Mann allein mit Gott in der Stille der Nacht. Über der schlafenden Erde flammen die Sterne. Und da sagt Gott: »Siehst du die Sterne? Kannst du sie zählen? So soll dein Same sein.« Und dann heißt es so schön: »Abraham glaubte dem Herrn. Und das rechnete er ihm zur Gerechtigkeit.«

Dass wir solchen Glauben hätten! Die Leute unter Jesu Kreuz redeten auch vom Glauben. Aber sie hatten keine Ahnung vom rechten Glauben. Ich möchte euch am Ge­gensatz zu ihrer törichten Spottrede eines aufzeigen:

 

 

Die Art des rechten Glaubens.

 

 

1. Wie der rechte Glaube entsteht

Als der Sohn Gottes am Kreuz hing, da riefen seine Feinde: »Steige nun vom Kreuz, so wollen wir dir glauben.« Die hatten also eine ganz bestimmte Vorstellung davon, wie der Glaube entsteht, nämlich durch Wunder und durch Erfolg. Wenn Jesus das Wunder fertig bekommt und vom Kreuz steigt — sagen sie — dann können wir glauben! Jesus hat darauf gar nicht geantwortet. Warum nicht? Konnte er dies Wunder nicht tun? Oh doch! Gewiss! Aber — und nun muss ich etwas sagen, was gar nicht aus­drücklich genug gesagt werden kann — der Wunder- und Erfolgsglaube ist das genaue Gegenteil vom rechten Glauben. Jeder Kenner der Heiligen Schrift weiß, dass am Ende der Zeiten der Antichrist kommen wird. Und da müsst ihr mal in Offenbarung 13 selbst nachlesen, wie der die Menschen zum Glauben an sich bringt: durch riesige Erfolge, durch Wunder, die er tun lässt. Der rechte Heilsglaube entsteht ganz anders. Er entsteht durch das Wirken des Heiligen Geistes im Herzen. Dieser Heilige Geist—ja, womit soll ich sein Wirken vergleichen? Er ist wie ein Licht in dunkler Nacht, so dass man mit Schrecken seine Finsternis, Verlorenheit und Schuld er­kennt. Er ist wie ein starker Zug, der uns zum Heiland hin­zieht. Er ist wie ein Scheinwerfer, der alles Licht auf den Gekreuzigten fallen lässt, so dass man weiß: »Auch mich, auch mich erlöst er da.« Er ist wie die Frühlingssonne, vor der das alte, böse, tote Wesen weichen muss, und Freude und Friede einzieht. Durch das Wirken des Heiligen Geistes, um den wir bitten dürfen, entsteht der rechte Heilsglaube.

 

2. Woran sich der rechte Glaube orientiert

Die Spötter, die unter dem Kreuz standen, dachten so: »Der Glaube orientiert sich an unseren eigenen Wün­schen.« Sie hatten sich das so ausgedacht: Wenn ein Heiland kommt, dann muss er ein großer König und Wun­dertäter sein. Und so sagen sie noch unter dem Kreuz: »Wenn du jetzt vom Kreuz heruntersteigst, dann wollen wir dir glauben! Dann bist du nämlich so, wie wir uns das gedacht haben!«

So machen es die meisten Menschen. Sie orientieren ihren Glauben an ihren eigenen Wünschen. Sie denken sich einen Gott aus, der ihnen in allen Stücken zu willen sein muss. Wenn er aber nicht so tut, wenn er etwa den Sohn nicht aus dem Feld nach Hause kommen lässt, wenn er nicht das Haus bewahrt beim Fliegerangriff — kurz, wenn er nicht vom Kreuz steigt, dann ist es mit dem Glauben aus. Und dabei waren diese Spötter unter dem Kreuz ja Schrift­gelehrte. Die hätten doch wissen sollen, dass der rechte Glaube sich nicht an unseren Wünschen orientiert, sondern an der Bibel. Hätten sie ihre Bibel ernst ge­nommen, dann hätten sie gewusst, dass der Heiland uns nicht mit Kraft, Pomp und Gewalt, sondern mit Leiden und Sterben erlöst. So nämlich steht es überall schon im Alten Testament verkündigt. Der rechte Glaube orientiert sich an der Bibel. Dann nimmt man nicht Anstoß am Kreuz, weil man da liest: »Er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen .... durch seine Wunden sind wir geheilt.« (Jesaja 53, 5) Da nimmt man nicht Anstoß, wenn der Herr uns ins Leiden führt. Denn in der Bibel steht ja: »Wir müssen durch viel Trübsal in das Reich Gottes gehen.« (Apostelgeschichte 14, 22) Als im Mittelalter der große Glaubensstreit entbrannte, stand der Gottesmann Luther eines Tages vor dem Reichstag zu Worms. Alle weltliche und geistliche Macht war da mit großer Pracht versammelt. Und dann wurde er aufgefordert, er sollte alles, was er je geschrieben hatte, zu­rücknehmen. Und was hat er geantwortet? »Man soll mir aus der Bibel nachweisen, dass ich geirrt habe. Dann will ich widerrufen. Sonst nicht.«

Der rechte Glaube orientiert sich an der Bibel. Und darum hält er mit Leidenschaft fest an diesem Buch. Und er sagt: »Wenn dein Wort nicht mehr soll gelten, worauf soll der Glaube ruhn? Mir ist's nicht um tausend Welten, aber um dein Wort zu tun!«

 

3. Was der rechte Glaube wagt

Oh seht doch diese Spötter unter dem Kreuz! Solange de Herr Menschen speiste, Kranke heilte, war er ihnen recht. Aber als sein Weg in das Leidensdunkel geht, sagen sie: »Das geht zu weit! Da kommen wir nicht mit. Steig' herab, dann gehen wir wieder mit dir!« Als ich ein kleiner Junge war, wollte mal ein größerer Vetter mit mir eine Höhle in Württemberg besuchen. An der Höhle angekommen, steckten wir unsere Kerzen an. Und dann ging es hinein. Aber nach kurzer Zeit wurde es mir unheimlich. Diese Finsternis! Und das dumpfe Wasser­rauschen — und dann — ja, dann kehrte ich um und ließ ihn allein.

Wie viele machen es so mit Jesus. Eine Zeitlang ist er ihnen recht. Aber wenn's ins Dunkle geht, in das Sterben des alten Menschen, an das Zerbrechen unserer Wünsche und Hoffnungen, dann sagt man: »Das geht zu weit. Ich kehre um!«

Der rechte Glaube aber geht mit dem Heiland auch ins Dunkle. So lesen wir von Abraham (Hebräer 2, 8): »Durch den Glauben ward gehorsam Abraham, da er berufen ward, auszugehen ... und ging aus und wusste nicht, wo er hinkäme.« Er ging mit Jesus ins Dunkle und Ungewisse. Und eines Tages kam sogar der Befehl, er sollte seinen einzigen Sohn auf dem Berge Morija opfern (1. Mose 22, 2). Da hat er nicht aufgeschrien: »Das geht zu weit!«, sondern ist getrost im Glauben diesen dunklen Weg gegangen, der am Ende doch ins Licht führte.

So sagt der rechte Glaube nicht: »Steige herab vom Kreuz, so will ich dir glauben«, sondern er sagt:

»Ich will mich selber mit dir ans Kreuz geben, damit ich mit dir lebe, der du auferstanden bist!«