Das Böse mit Gutem überwinden

Winrich Scheffbuch

 

 

Der Autor, Pfarrer Winrich Scheffbuch, lebt in Stuttgart und ist „Pionier der evangelikalen Entwicklungshilfe". Der Pastor ist zusammen mit seiner Frau Beate Autor auch von Büchern über Komponisten und Dichter von christlichen Liedern.

 

 

Um viel Geld und Silber ging es im 16. Jahrhundert in Joachimstal, im Erzgebirge nördlich von Karlsbad. Joachimstal erlebte damals einen ungeahnten wirtschaftlichen Aufschwung und wurde 1520 zur Bergstadt erhoben. Viele Leute zogen dorthin, um am Wirtschaftsboom teilzuhaben. Als hier um 1516 die Erzbergwerke und Silbergruben jener Gegend neu erschlossen wurden, entstand eine Silbermünze - der Joachimstaler. Der hieß bald in ganz Europa nur noch Taler und im Amerikanischen wurde daraus später der „Dollar". In diesem Aufschwung erlaubte der weitsichtige Graf Schlick auch den Hussiten, den evangelischen Nachfolgern des Reformators Johann Hus (1369-1415), in dieser neu gegründeten Stadt ihrem Glauben gemäß zu leben und entsprechend Kirche und Schule zu gestalten. Auch der Dichter, Kantor und Schulmeister Nikolaus Herman (1480 oder 1500-1561) ließ sich in Joachimstal nieder und schrieb hier seine vielen bekannten Lieder.

 

 

Der Kantor suchte bessere Schätze

 

Anfangs war es für Nikolaus Herman nicht leicht, seinen evangelischen Glauben zu leben. Er dachte daran, Joachimstal zu verlassen, und bat Luther um Rat. Der antwortete ihm 1524 in einem Brief: „Ich bin jedoch der Meinung, nachdem du den vergangenen Fall geduldig überwunden hast, dass du ausharren musst, bis du aller Schwierigkeiten endgültig Herr wirst. Wer weiß, was Gott über dich denkt und was er durch dich zu tun vorhat? Überwinde also das Böse mit Gutem!" Luther hat sich auch energisch genug beim Berghauptmann von Joachimstal eingesetzt, so dass Nikolaus Herman 40 Jahre dort blieb, heiratete und Kinder erzog. Sein Amt als Schulmeister und Kantor hat er in großer Treue und mit viel Kleinarbeit ausgeführt, bis er es wegen Gebrechlichkeit nicht mehr konnte.

 

 

Sicher in Sturm und Wetter

 

Auf vorbildliche Weise lehrte und prägte Nikolaus Herman Kinder und Jugendliche, weil er sie von Herzen liebte. Man stellte ihm das Zeugnis aus:

 

1.         Er ist den Kindern ein Kind gewesen und geblieben um Jesu Christi willen, welcher das A und O, der Oberste und Unterste in seiner Schule war, so dass alle Kinder neben diesem Kinderfreund saßen.

 

2.         Er hat ein großes Ziel in seiner Schule vor Augen gehabt, nämlich seinen Kindern den Fels zu zeigen, an welchem die Kleinen und Großen ihren Anker anlegen und sicher in Sturm und Wetter wohnen können.

 

3.         Er hat gemeint, ein betendes Volk sei das beste auf Erden und der Schulmeister der beste, der dem Apostel Paulus an die Seite treten könne, da er schreibt: „Wir aber haben Christi Sinn!"

 

 

Ein Herz für Kinder

 

Kindgemäßes Singen und biblisches Musizieren war Nikolaus Herman eine Lust. Er konnte sich das Leben anders nicht vorstellen. Und weil es in dieser Welt durch Fehler und Verwirrung oft unlustig zugeht, freute er sich auf das Musizieren im Himmel, ob als Kantorist oder Lautenist. Nikolaus Herman war früh von den Schriften Luthers tief angesprochen. Der hatte schon 1521 gefordert, „dass man das junge Volk nicht aufwachsen lasse wie das Holz im Wald, sondern zusehe, dass man's lehre und ziehe". Es ist der Auftrag Gottes, Jugend in der Gottesfurcht zu erziehen. Das war dem Schulmeister Herman aus dem Herzen gesprochen. Schon bald bekräftigte Nikolaus Herman den Auftrag Christi an alle seine getreuen Christen, dass sie das verlorene Schloss - der Glaube an das Wort Gottes - dem Teufel wieder abgewinnen sollten.

 

 

Leicht fassbare Lieder

 

Die vielfältigen Gaben von Nikolaus Herman kamen erst richtig zur Entfaltung durch eine tiefe und innige Freundschaft mit dem neuen Schulrektor Johann Mathesius, der 1532 in Joachimstal eintraf. Mit ihm drang die Reformation erst richtig in Joachimstal durch. Als im Jahr 1542 eine Pfarrstelle frei wurde, haben die Joachimstaler aus großer Liebe ihren Schulrektor Johann Mathesius als lutherischen Pfarrer ihrer Bergwerkstadt berufen. Durch seine engen Kontakte zu Luther schrieb er auch die erste Biografie über den Reformator und wurde dadurch weit bekannt. Johann Mathesius bedeutete - mit seinem biblischen und zeugnishaften Predigen - für den Kantor Nikolaus Herman eine starke Unterstützung und ein großer Rückhalt. In einem alten Bericht heißt es: Wenn Herr Mathesius eine gute Predigt getan hat, so ist der fromme Kantor geschwind dagewesen und hat den Text in Reime und in Form gebracht. Durch seine 176 Lieder wurde Nikolaus Herman weit bekannt. So durch das Osterlied: „Erschienen ist der herrlich Tag". Die Lieder mit gewichtigen Bekenntnissen des Glaubens, die Herman oft auch selbst mit ganz schlichten Melodien vertonte, waren vor allem für die Kinder im Schulunterricht gedacht, aber auch zum Singen daheim in der Familie und an den Sonn- und Festtagen. Darum waren die Texte einfach und leicht verständlich. Sie fanden rasch Eingang in den deutschen Liederschatz.

 

 

Demütig und bescheiden

 

Nikolaus Herman hat seine Gesänge nur für Kinder- und Hauslieder gehalten. „Achtet sie jemand wert, dass er sie in der Kirchen brauchen will, der mag es tun auf sein Abenteuer. Ich hab sie vornehmlich dahin nicht gerichtet. Ich will solches Gelehrten und Geistreichen befehlen, die in der Heiligen Schrift geübter sind, denn ich bin." So hat er für die Hausandacht der Familie jenen eindrücklichen Morgensegen nach der Vorlage aus dem Kleinen Katechismus Luthers verfasst: „Die helle Sonn leucht' jetzt herfür". Auch sein Abendlied nimmt die Bedrohung durch Angst machende Gefahren auf, wie sie von Luther im Abendgebet angesprochen waren: „Hinunter ist der Sonne Schein". „Der zarten Jugend habe ich insonderheit damit dienen wollen", schreibt der Dichter Nikolaus Herman, der vom Größten und Wunderbarsten der Offenbarung Gottes so schlicht und kindlich reden konnte. Wie hat er selbst im Wort Gottes gelebt! Er wusste, was im Gesang verfasst ist, lässt sich leichter lernen und besser behalten, als was man sonst liest und hört.

 

 

Weit bekannt wurde sein Weihnachtslied:

 

Lobt Gott, ihr Christen alle gleich, in seinem höchsten Thron, der heut' schließt auf sein Himmelreich und schenkt uns seinen Sohn.

 

Er kommt aus seines Vaters Schoß und wird ein Kindlein klein, er liegt dort elend, nackt und bloß in einem Krippelein.

 

Er äußert sich all' seiner G'walt, wird niedrig und gering und nimmt an eines Knechts Gestalt, der Schöpfer aller Ding'.

 

Er wechselt mit uns wunderlich: Fleisch und Blut nimmt er an und gibt uns in sein's Vaters Reich die klare Gottheit dran.

 

Er wird ein Knecht und ich ein Herr; das mag ein Wechsel sein! Wie könnt' es doch sein freundlicher, das herze Jesulein!

Heut' schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis: der Cherub steht nicht mehr dafür, Gott sei Lob, Ehr' und Preis.

 

Über seinen Tod im Jahr 1561 hinaus klingt auch ein anderes Lied bis heute weiter, das er kurz vor seinem Sterben als ein persönliches Bekenntnis verfasste und das veröffentlicht werden sollte: „Wenn mein Stündlein vorhanden ist"

 

Aus idea spektrum special Weihnachten & Jahreswechsel Nr. 7/2010